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15.4.1907 Zweites Blatt
 
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Montag 15. April 1907

Zweites Blatt

Nr. 87

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

W zur

1 Sitz.

eiligst.

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sind nicht ganrz frei von Schuld, verordnen sie do chselbft für Kinder die Mänzinalweine. Malaga z. B. hat 17 bis 18 Proz.

i>en zahlreichen Aladchen, die in den Konoitare en Kogn kdohnen

xn zahlreraien Kindchen, Die in den konoitore en Kogn kvoynen äugent ien m i g£r' »Am 5n iahten

kaufen, sind 90 Proz. ganz kleine Mädchen. Auch die Äerzte dagegen qi es lchlrmmer ai» in Ooerheiien. «oor etwa du -unqre

157. Jahrgang

ascht mit chwan

ihti§ung enstersi

DieSiehener ZamttlenblStter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, daS Krtlsblatt für den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. Der ..hessische Landwirt erscheint monatlich einmal.

61 Mischen Kaserne 'rmitiag-uuhr liegen bei uns <ln ^Boröturf, der daselbb lwuns einjureichcn.

RolaNonsdruck und Verlag de, Brühltchen Unwersuäl» - Buch- und 6teinbrudcreL ÖL Lange, Gießen.

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Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- stratze 7. Ervedttion und Verlag : 51.

RedaktwwSE HL. Tell-Adr^ AnzetgerGietzen.

sein bet den Parisern einen Stein im Brett zu Haven, wesentlich zu Hülfe kommt. Man hat also nicht umsonst (Sombon an den grünen Strand der Spree diriaiert.

Acr neue Uolschaftcr.

H. Berlin, 13. April.

Seltsame Gerüchte durchschmirren die Luft, seitdem Kaiser Wilhelm den neuen französtschen Bolschafter mit ungewöhn­licher Freundlichkeit empfangen und begrüßt hat. Eingeweihte raunen sich Historien zu von Ränken und Intrigen, von schlauen Plänen und verschlungenen Fäden und wenn nur der zehnte Teil davon einträfe es genügte, um uns mit jähem Ruck auffahren zu lassen und einmal wieder unsere starke Faust zu zeigen, die noch genau so wie früher die politische Feuerspritze zu handhaben und manchen kalten Strahl zu versenden versteht!

Herr Jules Cambon ist nach Berlin gekommen mit dem alisgesprochenen Programm, die guten Beziehungen zwischen Frankreich und un§ zu pflegen. Und das gerade zu einer Zeit, wo uns das Säbclgerassel und Revanchegerede der Bailloud und Genossen noch in den Ohren klingt, wo die Fanfaren von Cartagena und Athen noch nicht verhallt sind und Posaunenstöße jetzt schon verkünden, was uns auf dem Friedenstheater in Haag erwartet. Der neue Herr im franz. Botschafterpalais am Pariserplatz wird selber natürlich be­streiten, irgendwelche Hintergedanken zu haben, welcher ahnungs­lose Diplomat hätte die überhaupt . . .? Aber Cambon hat einen Bruder und dieser ist ebenso gewandt wie er, zieht politisch an demselben Strange und ist Botschafter am Londoner Hofe! Und gilt nach König Eduards eigenen Morten als der Urheber der englisch-französ. Alliance! Michel, merkst du was? Wird also JiileS Cambon jemals in der Lage fein, von Berlin aus die Kreise seines Bruders in London zu stören? Wird ferner, wenn eS dem neuen Botschafter an der Spree gelingt, eine Verständi­gung zwischen Deutschland und Frankreich in Bezug auf Marokko zu erzielen, der andere Bruder an der Themse und sein hoher Gönner Eduard VII. darin etwas erblicken, was dem französisch-englischen Einvernehmen wider den Strich gehen könnte? Wir glauben, daß Englands König schon wieder neue Fußangeln bereit hat, in die es durch eine deutsch­französische Annäherung Deutschland locken möchte! Darum ist doppelte Vorsicht geboten, mn den neuen Schlingen zu entgehen, die der diplomatische Meister auf Englands Thron uns legen will. Schon aus einem anderen Grunde sollten wir auf der Hut fein! Das beweist die Vorgeschichte dieser Ernennung des neuen französischen Botschafters. Frankreichs militärischer Vertreter in Berlin ist Lecomte, ein feiner Weltmann und Diplomat. Und dieser hat dem neuen Bot­schafter die Wege geebnet. Er bekam eS fertig, im park- umschlossenen Liebenberg, dem Sitz Philipp Eulenburgs, mit dem Kaiser persönlich in Verkehr zu treten ohne daß Mi­nister und Diplomaten zugegen waren. Run gibt eS unter unseren Staatsdienern nur zwei Namen, die ihnen gewiße Herzbeklemmung verursachen: der eine heißt LukanuS wenn man die seidene Schnur winken sieht und der andere Philipp Eulenburg, und der ist womöglich noch ge­fürchteter. Denn lücnn in Liebenberg eine Suppe eingebrockt wird, müssen die Minister sich alle Mühe geben, sie wieder auszuessen, soweit das überhaupt möglich ist. Und das scheint hier wieder der Fall zu fein.

Man fürchtet nicht mit Unrecht, daß Lecomte und Cambon mit Mitteln arbeiten könnten, die unter Umständen die ge­schäftsmäßige Arbeit unserer Diplomatie lahmzulegen und ihnen Wege zu öffnen imstande sind, die von Rechtswegen fremden Agenten mit den stärksten Bohlen versperrt fein müßten 1

An der Seine teilt Clemenceau die Ansicht Eduard, daß der Mission des neuen Botschafters in Berlin die Vorliebe Kaiser Wilhelms für französische Eleganz und Galanterie und

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Deutscher Reichstag.

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Die Beratung des Etats des KeichLamtS deS Innern, Befoldunstttel^aatsfekretür" wird fortgesetzt.

Abg. Schmidt- Berlin (Soz.) bemerlt, wenn der nationale Mock wirklich jetzt eine fruchtbare Sozialpolitik treiben würde, so wäre er dec erste, der erklärte, damit feien die Verluste der Sozialdemokratie bei der Wahl reichlich ausaewogen. Aber er glaube nicht an diese fruchtbare Sozialpolitik, solange es in Preußen so bleibe wie bisher. Nicht aus die TyuRe der sozialpolitischen Maß­nahmen komme es an, die Gras Posadowsth aufgeführt habe, sondern auf den Inhalt. Weshalb habe man bis jetzt iwch nicht die Heimarbeiter der Invalidenversicherung unterstellt? Dazu bedürfe es keines Gesetzes. Warum führe Preußen nicht die Krankenversicherung in der Landwirtschaft ein? Und gegenüber der Machtprobe der Rheder bei der Hamburger Hafenarbeiteraus-- sperrung halle die Negierung, wenn sie wirklich sozialpolitisch denken würde, binnen 24 Stunden von dem Paragraphen 120 der Gewerbeordnung Gebrauch gemacht und die 36stündige Arbeits­zeit verboten. Da mache man aber die Türen weit auf für den Abhub der Menschheit, den man zusammengefegt habe aus den elendesten Winkel in England, um den deutschen Arbeitern in deutschen Häfen Konkurrenz zu machen. Die Aussperrung der Holzmdustriellen sei von ben Großunternehmern ausgegangen, die die Magazine voll gehabt hätten. Ueber den Terrorißmus der Arbeitgeber-Organisation spreche Herr Pauli nicht. Der Redner spricht weiter über die Konsumvereine und über die Landarbeiter­frage. Die Konservativen wollten diese ja durch die Einführung von chinesischen Kulis lösen. (Widerspruch rechts.) Längere Aus­führungen macht der Redner sodann über die Unfallrenten frage. Im Gegensatz zu dem Staatssekretär habe er den Eindruck, als gingen die Berussgenossenschasten bei _ Gewährung von Unfall­renten fl?er zu peinlich, zu gewissenhaft zu Werke. Und gerade bei den landwirtschaftlichen Berufsgenosfenfchaftcn streite man sich noch bei der Entscheidung über das Maß der Erwerbsfähigkeit um Dinge, die bet den gewerblichen Berufsgenossenschaften längst keine Rolle mehr spielten, über die man doch längst hinweg sei. Vollrenten von 20 Mk., bei Frauen 10 Mk. monatlich seien da üblich. So sehr er, Redner, die Wohltaten der sozialpolitischen Gesetzgebung anerkenne, aber sie habe Mängel und Lücken.

Staatssekretär Graf Posadowsky erwidert, eine Aeuße- rung des Vorredners habe ihn gefreut. Er habe den Segen der sozialpolitischen Gesetzgebung anerkannt. Solche Aeußerungen habe man von Rednern feiner Partei noch nicht gehört. Er wünsche durchaus nicht, daß Renten ohne Grund entzogen werden, aber er wolle Einfluß dahin üben, daß Renten nur da bewilligt werden, wo sie berechtigt seien. Der Staatssekretär streift dann noch einige gestern berührte Fragen. Ein vorläufiger Entwurf zur Revision der Bestimmungen über die Sonntagsruhe fei bereits ausgearbeitet. Einzelne Ausnahmen von der Sonntagsruhe würden jedenfalls künftig in Wegfall kommen. Ueber die Arbeitszeit und Sonntags­ruhefrage in der Binnenschiffahrt feien die Erhebungen beim arbeitsstatistischen Beirat noch nicht abgeschlossen. Was die Frage Fabrik ober Handwerk, also die Heranziehung von Betrieben zu Beiträgen für Handwerkskammern, anbelange, so schwebten in Preußen noch Erhebungen darüber, ob und inwieweit es sich empfehle, wenigstens Fabriken, die handwerksmäßig ausgebildete Arbeiter beschäftigen, zu den Kosten der Einrichtungen für Lehr­lingserziehung beitragspflichtig zu machen. Ueber die Frage der Errichtung einer gewerbe-technischen Anstalt könne er, noch keine Auskunft geben. Es seien, so schließt der Staatssekretär, in letzter Zeit Angriffe sowohl gegen den Reichskanzler, wie auch andererseits gegen seine Person gerichtet worden. Ueber das Tempo der sozialpolitischen Gesetzgebung bestehe zwischen dem Reichskanzler und ihm, dem Staatssekretär, nicht die, leiseste Meinungsverschiedenheit. Ueber die Ziele und den Umfang der sozialpolitischen Gesetzgebung seien der Reichskanzler und Redner vötlig eins. Wenn die Langsamkeit dieser Gesetzgebung hervor­gehoben und behauptet toerue, es fei im letzten Jahre nichts geschehen, so erwidere er, es seien doch eine Reihe Verordnungen erlassen worden. Manchem möge ja dieser Erfolg dürftig er­scheinen, aber alle solche Verordnungen enthielten so tiefe Ein­griffe in das gewerbliche Leben, daß auch dabei große Vor­sicht beobachtet werden müsse. Auf die berechtigten Lebensbedüf- nisse müsse Rücksicht genommen werden! Wir befänden uns überdies in einem föderativen Staatswesen. In einem solchen aber hätte jede Regierung das Recht, jebe Frage der Gesetz­gebung ihrerseits nach ihren Bedürfnissen zu örüfuit. Auch

In Droß-Lichlerselbe bei Berlin ist nach langer und schwerer Krankheit der bekannle Schriftsteller Otto v. Leixner gestorben. Er war am 24. Slpril 1847 geboren, stand also kurz vor Vollendung seines 60. Lebensjahres. Er war eine sinnende, tiefeniste Natur, dabei von scharfem, kritischem Verstände und geläutertem ästhetischem Urteil. Ter 'Moderne m Dichtung und Philosophie stand er freilich verständnislos gegenüber. Als Redakteur der »Tisch. Romanztg/ hat er sich vielfache Verdienste erworben und manches junge Talent entdeckt nnd gefördert.

Ter Schriftsteller Baron Torresani, der am letzten SamStag abend 1/,8 Uhr in Xorbole am Gardasee eingetragen war, ist um x/,9 Uhr einem Herzschlag erlegen. Tem Reiier- leben hatte er den Stoff zu den meinen seiner durch flotte Dar- iteUunaen ausgezeichneten Erzählungen und Romane entnommen

brocke

,rWen darin her.

Sft1*** ß-RfickevoaJL 1.95

Jugend und Alkohol,

Gießen, 15. April.

In einer Versantmlung imHotel Schütz" hielt am Samstag abend auf Einladung des Gießener Lehrervereins Dr. Liebe einen Vortrag über ,Lug end und Al ko ho l". Auf mehreren Tischen lag eine ausgiebige Literatur, die sich mit der Alldholfrage befaßte, und an den Wänden hatte der Vortragende eine Anzahl Tafeln aufgehängt, die in kartographischer Darstellung die ver­schiedensten Schädigungen durch' den Alkohol, besonders die Er­krankungen der inneren Organe wie Herz, Leber, Nieve, Magen rc. darstellten und so die Wirkungen dieses Giftes vor Augen führten. Der gewandte Redner behandelte das Thema in ausführlicher und interessanter Weise. Wir entnehmen dem Vortrag das Fol­gende: Ter Alkohol wirkt wie eine Peitsche auf das ermübete Herz. Er führt zu Krankheiten aller inneren Organe, alle Arten Jnsettivnslrankhett und besonders die Tuberkulose sind seine Folgen. Das deutsche Volk opfert jährlich 3 Millionen Mark für Alllihol. Für Kinder wirkt der Alkohol direkt als Gift, selbst in kleinen Mengen. Ein Professor in Paris zeigt an zwei dem Alkohol ergebenen Kindern im. Alter von 12 Jahren, daß sie wie 89jährige aussehen, also in ihrer Entwicklung sehr zurück­geblieben waren, erst nach der Abstinenz begann ihr Wachstum. Die häufige Nervosität unserer Jugend ist vielfach eine Folge des Alkoholmißbrauchs. Dem Alkohol frönende Kinder sind geistig zurückgeblieben, verlogen, wenig geneigt zur Arbeit. Es entstehen häufig Magen-, Darm- und Nierenkrankheiten und bei der er­wachsenen Jugend Geschlechtskrankheiten. Leider herrscht vielfach noch zumal auf dem Lande die Unsitte, daß Mütter ihren Säuglingen Brot in Branntwein tauchen und dieses den Kindern in einem fogenanntenLutsch" geben, um sie einzuschläfern. Auch das Mttnehmen der Kinder in Wirtschaften bei Festen re., wo die armen Kleinen oft bis Mitternacht bleiben müssen, ist eine schwere Versündigung gegen das Kind. In Osteibien kommt es auf, den Gütern nicht selten vor, daß zum Essen an die Kinder, selbst von 8 bis 10 Jahren, größere Quanten Branntwein verteilt werden. Geradezu erschreckende Zahlen zeigen zahlreiche statist. Mitteilungen über die Verbreitung des Alkoholmißbrauchs bei Schulkindern. <oo hatten in Gera von 554 Mädchen nur 8 noch keinen Alkohol getrunken, Bier tranfen täglich 109 Knaben und 130 Maiden. In Heilbronn wurden eines Montags 26 Kinder der Stadtschule wegen Katzenjammers heimgeschickt. In Bonn hatten nur 7 bis 8 Proz. noch nie AliolM genossen, 19 Proz. tranfen Schnaps, 8 Pvoz. Kognak, 16 Proz. feine Milch. Von

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Gderheffen

Ä5L>hol. Die Kinder werden auch vielfach durch den Alkohol- genuß durch Vererbung geschädigt, der Hang zum Alkohol über­trägt sich nicht selten von den Eltern auf die Kinder. 50 Proz. der Idioten sind Nachkommen von Alkoholikern. Zahlreiche Unter­suchungen von Aerzten und Juristen zeigen, wie dieses Gift das Geschlecht körperlich und geistig degeneriert, geistigen Er- Iranfungen, dem Verbrechertum und dem Untergang zuführt. Der Al.lv Holgenuß 'führt zu einer Entartung der Rasse. Wir müssen die Kinder davor bewahren, und die Nahrung des Kindes muß diesem Stairdpunkt entsprechen, sie darf nicht stark gewürzt [ein; Hauptnahrung für Kinder sei Pflanzenkost, Dbft Gemüse, Milch, Gier, weniger Fleisch. AlleSchulfe st eund Schüler­ausflüge sollen alkoholfrei sein. In Amerika hats man in diesem Bestreben ganze Gesetze erlassen und gute Er­fahrungen gemacht. Eine gewisse Belehrung der Schüler ist zum Teil schon eingeführt in den Volksschulen in Schweden, -Dänemark, Norwegen, Amerika und der Schweiz. Unsere Le)ebücher sollten mehr über Alkohol und seine Schädigungen cnthatten. Der beutjd)e Verein abstinenter Lehrer hat in dieser Hinsicht ein Preisausschreiben erlassen. Vorträge durch die Schulärzte und Merkblätter über Alkoholgenuß seien empfehlenswert. Eine erfreu­liche und nachahmenswerte Entrichtung war auf dem letzten Gießener Jugendfest durch Einrichtung einer alko hol- freie n Wirtschaft geboten, die sich des größten Zuspruchs erfreute. Dies gute Vorbild läßt sich empfehlen. Die Lehren sind besonders berufen, in dem Kampf gegen den Alkohol eine Rolle zu spielen. Deshalb sollte in den Lehrerseminaren mehr Aufklärung durch Vorträge gegeben werden. In Friedberg und Wetzlar hat man bereits den Anfang gemacht. Vorbildlich roirtt hier Ungarn, iüo auch bereits einAbstinenter Jugendbund" gegründet wurde. Die besten Mtttel im Kamps stnd Vorblld und Beispiel. Auch in Gießen hat sich ein G u t-Te m pl er o r de n gebildet, der in religiöser und politischer Beziehung auf neutralem Boden steht. Er gründet Jugendvereine, hält Eltern- und Jugend­abende ab. Redner schloß mit der Bitte um Mithilfe im Kamp, gegen den Alkohol. Lebhafter Beifall folgte den spannenden Ausführungen. Eine sehr rege Diskusiion schloß sich an. Pfarrer Hofmann, der seine Jugend- und Amtszeit großenteils im Kreise Gießen verlebte, schildert den furchtbaren Schnapsgenuß, der früher auf dem Lande verbreitet war; fast jeder Bauer hatte seine eigene Brennerei. Die Gegenwart zeigt eine bedeu­tende Besserung in der Mäßigkeitsfrage. In Gießen hatman äußerst " .ten den Anblia eines Trunkenboldes, in Wl*len

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daraus enrftänbe eine gewisse Verzögerung. Wenn dem Reiche tage erst alle Gesetzentwürfe zugegangen sein werden, werde man gewiß gern dem Bundesrat das Zeugnis geben, daß er fleißig gearbeitet hat!

Abg. Wieland (südd. Volksp.) bemerkt, cs müße unsere Aufg .be fein, dafür zu sorgen, daß ber Mittelstand als Mitglied zwischen Großindustrie und Arbeiterstand bestehen bleibe. Der Landwirtschaft hätte die Gesetzgebung geholfen. Jedenfalls müsse auch dem Handwerk geholfen werden. Ob der Befähigungsnachweis etwas nützen würde, das bezweifle er freilich. Dagegen mochte er die Arbcitslohnvrrsichcrung für daS Handwerl Vorschlägen. Auch müßte der Staat dem Handwerk mit niedrig verzinslichen Anleihen unter die Arme greifen. Unerläßlich sei, daß endlich die Sicherung der Handwerker-Forderungen zustande käme. Auch sollte die gesamte Versicherungsgesetzgebung auf das selbständige Handwerk ausgedehnt werden.

Abg. R i c) e b c r g (fraktionslos, Mittelstandsvereinigung) plädiert ebenfalls für Förderung des Mittelstandes. Genugtuung bereite eS ihm, daß endlich einmal auch ein Mitglied der Linken für den Mittelstand eingetreten fei.

Abg. I r l (Zentr.) vertritt ebenfalls Mittelstands- refp. Hand- werkerwünfche. r

Abg. Gern!er (natl.) bemerkt noch zur Hamburger Hafen- arbeiteraussperrung, Herr Raab habe sehr richtig bemerkt, es handle sich da um eine Machtprobe. Was die Arbeit der Schauerleute anlangt, fo liege die Schuld an der langen Arbeits­zeit, an den Ueberschichten nicht an den Reedereien, sondern an den Leuten selbst. Das Bestreben der Leute gehe immer dahin, und ebenso das Bestreben ihrer sozialdemokratischen Or­ganisationen, daß jeder Mann die von ihm begonnene Arbeit zu Ende führt. Die Leute melden sich daher bei Ablauf ihrer Schicht stets wieder zur nächsten Schicht. Die angeblich von Herrn Schmidt behauptete 36 stündige Arbeitszeit sei überhaupt niemals Gegenstand der Verhandlungen gewesen. Zwang zur Nachtarbeit hätte für die einzelnen Arbeiter ebenfalls niemals bestanden.

Hierauf folgt Vertagung. Montag Fortsetzung. W

will daS Anschla- V ßca von Tiim übernehmen?

SchrAicheAo zr 2461 an b. Giehenei rbeien._______________

uk nimmt iwtfcßimte hauch im Sopswaschc igftr. 06, III. Aejlell- h angen. Schlohgas. .Awengasse27i.LÄi

^arlainentarischer.

Die »Nordd. Allg. Z." schreibt: Stach den Berichten über die letzte Sitzung der Wa hlprüsungskom m ission deS Reichstages ist bie Kassierung der Wahl des Frhr. von Richt Hofen wegen eme8 angeblichen Telegramms deS Reichskanzlers erfolgt, in welchem die Mehrheit der an- wesenden Kommissionsmitglleder eine unzuverlässige Wahl - beeinflussung gesehen haben soll. Wie wir hören, ist dieses angebliche Telegramm nichts anderes als ein Bruch­stück auS dem Antwortschreiben deS Fürsten Bülow auf eine von privater Seite auS dem Wahlkreise Schweidnitz-Striegau ergangene Anfrage. DaS vom 16. Januar datierte Schreiben besagt folgendes:

,Jn meinem Briefe an den Generalleutnant Liebert habe ich deutlich ausgesprochen, woraus es in dem gegenwärtigen Wahlkampfe anfommt, und habe unter ben zu befämpfenben Gegnern die Sozialdemokratie in erster Linie genannt. Ich muß mir aber grundsätzlich versagen, über die Eriorberniffe der Lage in ben einzelnen Wahlkreisen von hier aus ein persönliches Urteil abzugeben."

Die »Nordd. Allg. Z.' fügt hinzu: Der Wortlaut des Schreibens scheint der Kommission nicht bekannt gewesen zu fein. Rach unserer Auffassung ist eine Wahlbeeinflussung darin nicht zu sehen und wir glauben nicht, daß das Plenum des Reichstages sich dem Votum der Kommission anschließen wird.

Vou einer Hungersnot in Deutschostafrika

wird folgendes gemeldet:

Besonders heungesucht sind die Landschaften Ungoni (Ssongca) und Mahenge, d. h. diejenigen Bezirke, in denen im vergangenen Jahre der jetzt glücklich beendete Auf­stand am heftigsten entfeffelt war und wo au? diesem Grunde die Eingeborenen ihre Felder nicht bestellt hatten. Daß in den genannten Distrikten infolge der kriegerischen Ereigniffe eine Schädigung der Landeskultur und infolge besten Nahrungsmangel eintreten würde, hatte das Gouver­nement vorausgesehen. Schon vor geraumer Zeit wurde deshalb auf der Station Jringa ein Lebensmitteldepot ein­wurden die Kinder nod) beim Erheben desNeujLhrchens" (Ge­schenk an Neujahr) mit Wecken bedacht, die sie in süßen Schnaps tauchten und aßen. Lehrer Will ist für schärfere Bestiinmunren gegen Trinker und Wirte und für aufklärende Vorträge an Eltern­abenden, um der Unkenntnis zu steuern. Lehrer Leib bemerkt, daß früher auf dem Lande nicht feiten die Mütter ihren Kindern auf das Brot Schnaps träufelten. Diese Versündigung geschieht heute noch. Gibt es doch sogar ein Schlafliedchen, das man mit­unter auf dem Lande hört. Es lautet etwa folgendermaßen:

Heio, beio, Reftche Schlaf in deinem Nestche! Vrandewein und Zucker drein Soll dem Kind fej Esse sei.

Auf den Hinweis der Lehrer Becker und Will, daß es noch an einem alkoholfreien Bolksgetränk fehle, um das Bier zu ver­drängen, betont Tr. Liebe, daß die Zahl der alkoholfteien Getränke zahlreich und überall zu haben fei, wie Kaffee, Tee, Kakao, Milch, Limonade, Limetta, Zittonenwasier rc. DerMen,a) solle überl-aupt nicht so viel trinken und leicht gewürzt essen, das Trinken ist meistens Angewohnheit. Man könne den Durst sehr wohl durch Essen von Obst, besonders Aepfeln stillen. Deutsch­land müsse mehr Obstbau treiben. Jnbezug auf alkoholfreie Getränke ist in den letzten 3 bis 4 Jahren ein großer Fortschritt zu verzeichnen, selbst aus dem Jemsten Dorfe kcmn man heute solche haben. Kurz nach 11 Uhr schloß Lehrer V. M ü 1 ler die schc anregend verlaufene Versammlung.

Auch an der Landesuniversität macht, wie uns anläßlich dieses Vortrags mitgeteilt wird, die Abstinenz, bezw. Mäßigteilsbewe­gung Fortschritte. Seit vorigem Januar besteht z B. hier eine Ortsgruppe des deutschen Bundes abstinenter Studenten.