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2.12.1907 Zweites Blatt
 
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Nr. 283

Zweites Blatt L37. Ialrrgang

Montag 2. Dezember 1907

CM$etni tSgllch mit Ausnahme des Sonntags.

DttGtetzener §ami!iendlatter- werden dem ^Anzeiger* otennal wöchentlich berge/egt, das Hrclsblati Iftt öcn Kreis Gießen" zweimal wöcheittllch. L« ..hesstiche Landwirt erfchemt «urnatlich eunnaL

Achene? MZeige?

General-Anzeiger für GderhHea

RotattonSdruck and Verlag bei Br 6 h/lchen Unu>erfitätB L»uH- unft 6teuiOrudeccL 9t Sange. Gletzen.

Redaktion. ErvedMon and Druckereir Schul- strotze ?. G^pebttton and Verlag, tees» bL Redaltwme^S- 11L. ieL-ALu Ane^zerGitfecik

Ovt Z'oLlttd^batLe.

Berlin, 30. Nov.

Aeußerlich ein ähnliches Bild wie an den Vortagen. Re- ^erungs- und Abgcordnetenplätze gut bsfetzt. Doch insofern eine ilbschwächung, als jetzt die großen Fraktionen schon zum zweiten Rale zu derselben Sache: der Polenoorlage, das Wort nehmen. Die Privatunterhaltung macht daher dem offiziellen Redner emp­findliche Konkurrenz. Die Minister auf der Estrade werden von mehreren Abgeordneten angegangen, und im Saale bildet sich manche privateGruppe", die nicht immer der Ausdruck der polit. Gruppierung ift Da stehn der greife Wohltäter der Epilep- ch'cl)en und der Brüder der Landstraße Herr v. Bodelschwingh und ter Pole Herr von Jazdzewski in minutenlangem Händedruck verschlungen,- ein originelles Bild; wobei allerdings zu be­achten ist, daß Beide Berufsgenossen vom geistliä)en Amte sind, der eine in der protestantischen, der andere in der katholischen Konfession, deren Frieden ja jetzt auch von der Reichs Hauptstadt frer durch ein Preßunternehmen gefördert werden soll.

Abg. Wolfs (Lissa, frs. Vgg.) eröffnete den Neigen der Diedner mit einer Kritik der Vorlage. Dann kam der national- liberale Abgeordnete, der den polnisch klingenden Namen Lu- sensky trägt, aber ein guter Deutscher ist (durch eine sonderbare Verkettung ist ja das fremdländische Dpfilon am Schlüsse des Namens ein Kennzeichen des Deutschtums geworden, während das i . mit Ausnahmen polnische Nationalität anzeigt). Unbedingte Zustimmung zur Vorlage konnte der nationalliberale Nedner nicht ausdrucken; die Partei hat sich betreffs der Ent- rignung noch nicht fest gelegt und wird ihr jedenfalls nur zustimmen können, wenn weniger scharfe Mittel stch nicht finden lassen. Während der Rede hätten sich polnische Abgeordnete, die in Er­mangelung von Sozialdemokraten aus der äußersten Linken ihre Mtze innehaben unb sich friedlich Schulter an Schulter mit dm NationaUiberalen vertragen, von links her die Rednertribüne umlagert. Von ihnen löste sich nun Herr v. Dziembowski- Jomian los, um eine Polenrede schärferen Stils zu halten. Sin preußischer Minister hat es leicht, aus so etwas zu erwidern, gilt paar Richtigstellungen, die grundlegenden Tatsachen preußischer Vtaatspolitik, ein charakteristischer Ausschnitt aus einer in Danzig erscheinenden polnischen Zeitung, ein gut verwerteter leichtsinniger Zuruf von polnischer Seite, durch den es alssehr richtig" gefeitn» jieichnet wurde, daß die Oberschlefier nicht Preußen, sondern nur Loten sein könnten, endlich ein Wort von der Salus publica mb Herr v. Rheinbaben hatte sein Werk getan.

Es folgte dann noch je ein Freund einer entschiedenen staat­lichen Polenpolitik: Abg. v. Dewitz (freikons.) und ein Gegner: Abg. Di ü l l e r - Koblenz (Ztr.). Durch Schluß der Besprechung Durbe u. a. Herrn v. Bodelschwingh zum Leidwesen aller, die Ed) schon ans diesen Genuß gefreut hatten, das Wort abgeschnitten. Das Schicksal der Polenvorlage schwebte einige Minuten in der Luft, denn der gerade Vorsitzende Abg. P o r s ch ließ sie links 'regen und wandte sich der Anberaumung der nächsten Sitzung zu. rechtzeitig wurde er von aufmerksameren Mitgliedern des Hauses fraran erinnert, daß die 400 Millionen-Vorlage doch nicht einfach mter den Tisch fallen könne, und daß ein Antrag auf Ueber- vcisung an eine 28gliedrige Kommission vorliege. Diesem An­frage gemäß wurde verfahren und dann bis Donnerstag Pause in den Plenarsitzungen gemacht.

4?oliti?che Lagestcda«.

Ein bemerkenswerter Antrag.

In der französischen Deputiertenkammer wurde am AsmStag bei der Beratung des Hseresbudgets ein Antrag Ruf Schaffung eines Erinnerungszeichens für die ehemaligen jugendlichen Teilnehmer am deutsch-französischen Kriege von 1870/71 mit 368 Stimmen gegen 201 Stimmen abgelehnt. Jourde (Rad. Sozialist) erklärte, ein solches Erinnerungszeichen wäre mir denkbar, wenn der Tag der Revanche mit der Zeit des Sieges in greifbare Nähe gebracht werden könnte, llnterstaatssekretär Chsron fyitte die Erklärung abgegeben, daß die Regierung nicht in der Lage sei, darauf einzu­treten, eine solche schmerzliche Erinnerung durch ein Er- urnerungszeichen wachzuhalten.

* ' /

Eine stürmische Tumasitznng.

Die Sitzung am Samstag wurde durch ungeheure Aufregung unterbrochen, Die eine Aeußerung von R o - ditschew (Kadett) hervorrief. Dieser hatte die Regie­rung bei seiner Besprechung der gestrigen Erklärung äußerst leidenschaftlich angegriffen und kritisiert und dabei ge­äußert, zukünftig würde man sprichwörtlich die Galgen­schnurStolypinsches Halstuch" nennen. Diese Worte Liefen laute Protesteund tobendes Geschrei seitens der Rechten hervor, welche aussprang, den Redner tätlich anzuareisen drohte und zur Tribüne stürmte. Die Glocke des Präsidenten wurde von dem Lärm übertönt. Die Linke stürmte ebenfalls zur Tribüne und führte Roditschew nach seinem Platz. Während der Lärm fortdauerte, verließen Die Präsidenten und die Minister mit Stolypin den Saal. Die Sitzung wurde hieraus unterbrochen. Nach Diederaufnahme der Sitzung schlägt der Präsident vor, den Abgeordneten Roditschew für 16 Sitzungen von der Teil­nahme an den Beratungen auszuschließen. Roditschew be­steigt die Rednertribüne, entschuldigt sich bei der Bersamm- Kuna und betont, daß er sich bei dem Ministerpräsidenten Persönlich entschuldigt habe. Der Antrag des Präfidenten auf Ausschließung Roditschews wird mit allen gegen 96 Stimmen der Linken angenommen. Die Duma erhebt sich und bringt dem anwesenden Ministerpräsidenten Stoly­pin stürmische Ovationen dar. Hierauf wird biß Sitzung geschlossen. *

Der Aufstand der Zulus.

Das Reutersche Bureau meldet aus Pietermaritz­burg: Eine Abteilung Militär, aus Kavallerie und Jn- santerie bestehend, soll mobil gemacht werden und am Montag nach dem Zululande abgehen, um die Polizei bei ihren Operationen zur llnterdrüchung der dort herrschen­den Unruhen zu unterstützen. Die Mobilmachung er­streckt sich auf die ganze Miliz der Kolonie, die ange­wiesen ist, sich an ihren Standorten zu sammeln und weitere befehle abzuwarten. Das ganze Korps wird auf Kriegs­stärke gebracht. Wie dem Reuterschen Bureau aus Pteler- naritzburg gemeldet wird, wird Oberft Mackenzi die O p e r a - äionen gegen die Zulus leiten. Dipozulu, der des Hochverrats angeklagt wird, soll festgenommen werden, und Xenn er Widerstand Leisten sollte, soll sein Kraal in Grund Sind Boden geschossen werden.

Aus Siaöt unv Land.

Gießen, 2. Dez. 1907.

* Der Finanz-Ausschuß der zweiten Kammer hält am Dienstag den 3. Dez. eine Sitzung ab, in welcher der vom AuSschußreferenten Abg. Dr. Gut fleisch über die Wertzuwachs st euer sertlggestelUe Ausschußbericht ver­lesen und genehmigt werden soll. Der Petitionsaus­schuß wird am Mittwoch zur abermaligen Beratung über Hundesteuer- etc. Beschwerden zusammenkommen.

** Der Gesetzgebungsausschuß der Zweiten Kammer beschäftigte sich am Samstag nachmittag nochmals emgehend mit dem Gesetzentwurf betr. die Ergänzung des Bachgesetzes vom 30. Juli 1887, mit welchem auch die Beratung über die Vor­stellungen der Mühlenbesitzer der oberen Wetterau, der Trieb­werksbesitzer :c. verbunden wurde. Die Hauptschwierigkeit dieser Vorlage liegt in der präzisen Fassung der Bestimmungen über die Entnahme des Wassers aus den ober- unb unterirdischen Wasserläusen, die Festsetzung der Entschädigungen re., wobei Abg. ©eelinger besonders auf die schwierigen Verhältnisse an der hesf.- badischen Grenze hinwies. Der Minister des Innern Exz. Braun legte ausführlich die Anschauung der Regierung über diese schwie­rige Materie bar. Da jedoch unter den Ausschußmitglredern trotzdem die Meinungen weit auseinander gingen unb eine Ver­ständigung zunächst nicht zu erreichen war, wurde beschlosien, den Mitgliedern noch einige Tage Zeit zur genauen Prüfung zu lassen unb deshalb die lüichste Sitzung zur enbgUtigen Beschluß­fassung nicht, wie zuerst beabsichtigt, schon am Montag, sondern erst am Freitag, 6. Dez., abzuhalten. Bezüglich der beiben Anträge Köhler, betr. die Aushebung des sog. S ch l i p p e s cy e n Erlasses vom 20. Dez. 1890 unb bes Fingerschen B e - anctenerlasses vonc 20. Okt. 1892 (antisemitische Bewegung im Großherzvglum Hessen) schloß sich der Ausschuß einfiiuiintg den beiden Ali trägen auf Zurückziehung und Ungiltigkeckserklä- cung der beiden Erlasse an. Die Großh. Regierung hatte sich zu diesen Allträgen dahin geäußert, es läge wohl jetzt kein Grund vor, die unter dem Ministerium Dittmar publizierten Erlasse zurückzuziehem Selbstverständlich werde der antlfemitifchen Be- tuegung in Hessen keinerlei Vorschub geleistet werden. Auch der sozmldeulokratische Abg. Dr. Fulda ftüunite für die Aushebung der beiden Erlasse.

** Etne Sitzung de§ Provinzial-Ausschusses findet SamStag den 7. b. Mts^ nachm. 8l/3 Uhr, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Gesuch dcS Iohs. Wols IV. zu Rieder-Ofleiden um (SdcnibniS zum Betrieb einer Schankwirtschaft. 2. Reklamation gegen die Bürger- meisterivahl zu Massen heim, Kr. Friedberg. 3. Verlegung des Bahnhofs Vilbel; hier Enteignung von Gelände.

** Gehaltswünsche. Die Großh. Gerichtsvoll­zieher haben neuerdings den Landständen eine Eingabe unterbreitet, in der sie ihre bereits früher geltend ge­machten Wünsche wegen ihrer Einkommensverhältnisfe neu formulieren. Sie fordern, daß den Gerichtsvollziehern ein jährliches Gebühren-Netto-Einkommen, steigend von 2000 bis 4000 Mk., staatlich garantiert, und das pensionssähige Diensteinkommen der Gerichtsvollzieher in Stufen nach Dienstaltersklassen aus 20004000 Mk. festgesetzt werde; im Falle der Höchstbetrag von 4000 Mk. zurzeit nicht be­willigt werden könnte, den in der Verordnung vom 7. Aua. 1907 aus 3000 Mk. normierten Satz um vorläufig 500 Mk. zu erhöhen, damit wenigstens eine Gleichstellung mit den Arresthausverwaltern und Registratoren bei den Kollegial­gerichten erfolgt. Die seminaristisch gebildeten Seminarlehrer ersuchen um eine Neuregelung ihrer Gehaltsverhältnisse in der Richtung, daß sie den Seminar­lehrern mit akademischer bezw. der akademischen gleichzu­achtender Bildung (den ersten Musiklehrern) gleichgestellt werden.

** Lehrerpersonalien. Uebertragen wurde dem Schulamtsaspiranten Peter Funk aus Langstadt eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Lengfeld. Erledigt sind: Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Harreshausen. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu Pfeddersheim. Mit der Stelle kann Orga­nistendienst verbunden werden. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gcmeindeschule zu Büdesheim (Kreis Friedberg).

** Die Vereinigung f ü r gerichtliche Psycho­logie unb Psychiatrie im Großherzogtum Hessen hielt am Samstag hier ihre Hauptversammlung ab, die stark be­sucht war. Um 1/212 Uhr begann die Besichtigung des P r 0 - Vinzial-Siechenhauses, an die sich noch ein Gang nach der neuen I r r e n a n st a l t an der Licher Straße schloß, deren Anlage unb Einrichtung besichtigt wurden. Um 1 Uhr begann die Sitzung in der alten Aula der Landes Universität. Zahlreiche Juristen, Mediziner, Geistliche, Verwaltungsbeamte, die am Rechtsleben oder der Gefangenenfürsorge interessiert sind, hatten sich zur Versammlung eingefunden. Die Verhandlungen betraten das Thema:Die Behandlung der geisteskranken Verbrecher undderver breche rischenGeisteskran- ken". Es referierten darüber Direktor Len har dt-Bruchsal, Danne mann -Gießen, Dr. K u l l m a n n -Butzbach, Dr. Os­wald -Goddelau, Professor M i 11 e r m a i e r-Gießen. Direktor Lenhard-Brnchsal spricht über seine Erfahrungen mit der Ver­sorgung gefährlicher Elemente, die wegen Geisteskrankheit aus dem Strafvollzug ausscheiden mußten unb in der neuen Straf­anstalt Bruchsal behandelt und verpflegt werden. Er führt aus, daß geisteskranke Verbrecher, die während des Strafvollzugs geisteskrank geworden sind, in die Irrenanstalt gehören. Es empfiehlt sich aber nicht die Errichtung einer besonderen Anstalt, wie man sie in England, Amerika und Italien besitzt, sondern die Einrichtung einer besonderen Abteilung im Anschluß an die Irrenanstalt. Die Erfahrungen in diesen Ländern genügen, um wieder davon abzukommen. Im wesentlichen decken sich die Ausführungen des Professor Dr. Dannemann-Gießen mit denen des Vorredners. Er hebt hervor, daß das Element der geisteskranken Verbrecher und verbrecherisck-en Geisteskranken stets wachse und die Frage soweit brennend geworden sei. In Hessen habe man deshalb bei der neuen Gießener Irrenanstalt einen Sonderpavillon errichtet, um dadurch eine Verbesserung der Sicherungen gegen gefährliche Geisteskranke auch bei uns in An­griff zu nehmen; hierdurch komme man der Lösung der brennen­den Frage wesentlich näher. An die interessanten Verhandlungen schloß sich um 5 Uhr ein gemeinsames Essen im Hotel Schütz an.

** Der Kronbauersche Quartettverein beging am Samstag, den 30. November, sein 3 1. Stiftungsfest. An die Liedertafel reihte sich in althergebrachter Weife ein Fest­mahl an. Die musikalischen Darbietungen, die unter der Lei­tung des Universitäts-Musikdirektors Prof. Trautmann stehen, entsprachen den Traditionen des Vereins. Leider ver­bietet uns die Gastfreundschaft, die wir bei dem Verein genossen, näher auf seine einzelnen ausgezeichneten Leistungen ewzu- gchen. Dagegen sei es uns erlaubt, der Solistin des Abends, der bekannten Konzertsängerin Frl. Lina Wendel aus Wies­baden, zu gedenken. Diese junge Dame ist eine (Sängerin von vorzüglicher Schulung unb ausgerüstet mit sehr schönem Stimm* material. Besonders zeigte sich in den Liedern warmes künst­lerisches Empfinden und gefielen namentlich das Beethovensche Wonne der Wehmut" und die Richard Straußschen Lieder. Bei der Eingangsarie (Aus der Elisabeth aus Tannhäuser) mögen wohl die der Künstlerin nicht bekannten akustischen Verhält­nisse des Saales die Klangwirkung etwas beeinträchtigt haben. Jedenfalls wäre es zu wünschen, daß wir der jungen Sängerin noch öfter in den hiesigen Sonjerqälen begegneten.

** Die Gießener Stenographen-Vereine nach Stolze-Schrev (Stadwerem, Verein am Real­gymnasium und der Ob-errealschule, Gymnasiasten-Verein) begingen am Samstag abend unter großer Beteiligung die Feier des zehnjährigen Bestehens des Eini­gungssystems Stol^e-Schrcy. Der Vorsitzende des Stadtvereins begrüßte die Gäste und Schriftgenossen, die aus Nah und Fern zu der Feier herbeigeeilt waren. Nach Verlesung zahlreicher GratulationLschreiben, von denen ein solches des System-Begründers Ferd. Schrey, Berlin, mit lebhafter Freude ausgenommen wurde, ergriff Hauptlehrer Fenner-Marburg das Wort zum Fcstvortrag über:Die Stenographie der Zukunft". Der äußerst lehr­reiche und interessante Vortrag wurde von Mitgliedern der Vereine stenographisch ausgenommen. Der tempera­mentvolle Redner gab in großen Zügen ein Bild von der Entwicklung und gegenwärtigen Lage der Stenographie und den Einigungsbestrebungen. Lebhaster Beifall folgte den Worten des Redners. Herrn Fenner wurde als An­erkennung ein goldenes Stenographenabzeichen überreicht. 5konzert und sonstige Unterhaltung hielt die Festieilnehmer noch lange zusammen. Am Sonntag nachmittag sand ein Ausflug mit Damen nach dem Windhof statt, der eben­falls unter großer Beteiligung einen recht schönen Verlauf nahm.

* Im Kolosseum trat am Sonntag Programm­wechsel ein. Bot das seitherige Programm den Freun­den des Humors, des Gesanges und der leichtgeschürzten Muse alles Mögliche, das n eue rückt die edle Turnerest die Athletik und Gymnastik erheblick) in den Vordergrund. Da ist zunächst Mstr. Fargana, der am fliegenden Trapez gute Leistungen zeigt. Die Dahlredis sind vom alten Programm übernommen und fügen den bekannten akrobatischen Vorführungen einige neue drastisch humo­ristische hinzu. Die Selina Revelton-Truppe leistet in Lust- und Parterre-Gymnastit' wirklich außerordentliches. Mit den Beinen am beinahe staalhohen Trapez hängend, hält eine Dame der Truppe mit den Händen die Hand­ringe, an welchen von zwei Herren die halsbrecherischsten Kunststücke gezeigt werden. Diese Krastleistung währt wohl zwanzig Minuten. Das Hauptinteresse des Publikums wen­dete sich indessen dem Ringkampf zu. Es sind aber auch wahre Riesen von Gestalt und Körperkrast, die sich da als Teilnehmer an der Konkurrenz vorstellten. Als erstes Paar rangen der Türke Haiti Dalli und der Belgier Pietro. Der Türke griff seinen Gegner scharf an und besiegte ihn in neun Minuten durch Armachselzug. Der Engländer Jackson, ein Hüne von Wuchs, trieb mit dem Polen Könitz ko offenbar nur ein Muskelspiel und hatte ihn schon nach drei Minuten durch Untergriff von vorne abgetan. Als drittes Paar rangen der Berliner Heine und der Rheinländer Sers. Beide Kämpser, eüen- oürtig in Technik, Gewandtheit unb Körperkrast, boten das interessanteste Ringen des Abends. Man bekam da wohl alle Gsgenparaden des griechisch-römischen Ringkampses zu sehen. Serf überwand nur mit äußerster Anstrengung feinen Gegner nach 17 Minuten durch Eindrücken der BÄcke. Den musikalischen und humoristischen Teil des Programms füllen aus: Frl. Käthe Wallau, eine elegante Sou­brette, die sich mit recht urwüchsigen Mitteln den Beifall der Zuhörer zu erringen weiß. Ferner eine Konzertsänge­rin, Frl. Elvcra Loretto, und ein weiblicher Tambour und Stabstrompeter. Beide Damen gefielen dem Publi­kum offensichtlich. Das humoristische Herren-Gesangs- und Tanz-Trio Euno Sander erzielte mit seinen nicht gerade geistreichen Vorträgen durch drollige und originelle Wieder­gabe einen vollen Heiterkeitserfolg. Das 5^aus war voll­ständig ausverkauft. Heute, Moutag, werden vier Paare ringen: Halli Dalli gegen Le Boucher, van der Beek gegen Petersen, Serf gegen Konitzko und Illa de Noir gegen Pietro le Beige. B.

** Die Veteranen-Kapelle, die sich wiederholt in uneigennützigster Weise in den Dienst der Wohltätigkeit stellte, hatte gestern auf der Liebigshöhe ein eigenes Konzert veranstaltet. Der große Saal konnte kaum die Erschienenen alle fassen, die mit größtem Interesse und mit stets steigendem Beifall den Darbietungen folgten. Es wäre zu wünschen, daß die Ausführungen sich öfter wieder­holten und stets so gut vorbereitet werden, das war der allgemeine Wunsch bef bis zur letzten" Piece aushaltenden Zuhörer.

** Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird in einem öffentlichen Vortrag behandelt werden, den Professor Vischer aus Basel heute abettd im Neuen Sual- vau halten wird.

^Gefährliches Spiel. Zwischen Schülern aus Wie­se ck unb hiesigen Stabtschülern finden fast jeden Sonn­tag nachmittag aus dem Trieb sog. Kriegsspiele statt, bei denen häufig als Waffen Werkzeuge benutzt werden, die geeig­net sind, auch sckpvere Verletzungen hcrbeizuführen. Nicht allein Stöcke, sondern alte Tefchings, kleine Pistolen rc. Kimmen als Waffe in Betracht. Gestern erlitt hierbei ein hiesiger Schüler Zwei scharfe Schüsse nrit seinem eigenen Desching in die Seite unb er mußte in hie Klimt gebracht werden. Ob er sich selbst verletzte, oder einem ander en ein Verschulden trifft, wird