Nr. 178
Zweites Matt
15*7. Jahrgang
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: e=g^51. Redaktion.112. Tel.-AdruAnzeigerGiehen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener Familienblätter" werden dem ^Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „UrciLdlatl siir den Kreis Gießen" zweinml wöchentlich. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Donnerstag 1. August 1907 2 ytv, A aa Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen ■ MW Av Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
m R. Lange, Gießen.
Kolitssehe Tagesdetzuirr.
Verdächtigungen Finnlands.
Man schreibt un3 aus Petersburg:
Untec der Ueberschrist „Russische Nachgiebigkeit und finnische Frechheit* veröffentlicht die „Nußkoje Snamja" eine Denunziation gegen Finnland uub gleichzeitig eine Apologie des Mörders Herzensteins. Bekanntlich ist' von den echt russischen Leuten, nachdem sie auf finnischem Territorium Herzenstein ermordet haben, eine heftige Agitation gegen Finnland unternommen worden. Die strenge finnische Gerichtsbarkeit har trotzdem unerschrocken die Untersuchung vor- genontmcn. Das Ergebnis war die Feststellung, daß die Ermordung Herzensteins von dem Verbände des russischen Volkes ausgegangen ist. Es folgten darauf schroffe Auseinandersetzungen zwischen Stolypin und dem Generalgouverneur von Finnland, Gerard, wegen Verhaftung de§ Gendarmen Sapolski. Gleichzeitig erschien dann in den Spalten der „Nowoje Wremja" ein Denunziations-Pamphlet des Herrn Rumjanzew unter dem Titel: „Finnland bewaffnet sich gegen Rußland", worin die finnische Gesellschaft „Wonma" (straft) als geheime Verschwörergesellschaft denunziert wurde. Die russische Regierung ging in die Falle und ließ einen hochnotpeinlichen Prozeß gegen die Gesellschaft „Wouma* anstrengcn. Trotz einer strengen und wachsamen Voruntersuchung, welche ungefähr ein halbes Jahr in Anspruch nahm, und trotz der Hülse, die der Verband dcZ russischen Volkes leistete, um die Schuld der Gesellschaft „Wouma" zu beweisen, inußte der Staatsanwalt selbst die Klage zurückziehen. Alle Versuche, Finnland und die finnische Gerichtsbarkeit einzuschüchtern und den für die echt-russischen Leute kompromittierenden Prozeß Herzenstein zu unterdrücken, scheiterten. Die „Nußkoje Snamja" schleudert neue Verleumdungen ohne jegliche Begründung und Beweisführung gegen Finnland. Sie zählt zunächst alle Verbrechen auf, welche seit der Besitzergreifung Fmnlands gegen russische Beamte auf finnischem Boden begangen sein sollen und endet mit dem Prozeß Hcrzenstem. „Das Gefühl einer blutigen Beleidigung für das Vaterland drängt sich einem auf, wenn inan über das Schicksal der besten Söhne Rußlands in bei: Mauern der
seinem Vorstand, der „als Kläaer zunächst in Betracht kam," Wen. meine gewiß reichlich scharfen Ausführungen ganz und gar nichts zu tun.
2. Tie Versammlung im „Lenzschen Felsenkeller" war nicht öffentlich, sondern der Saal war durch Vereinbarung mit dem Inhaber ausdrücklich der Deutschsozialen Partei zur Entgegennahme des Wahlergebnisses Vorbehalten.
Wenn ich in dieser nicht öffentlichen Versammlung die Rationalliberalen nicht gerade mit Samthandschuhen angrisf, so hatte ich meine Gründe dazu.
Unter der Menge, die am 5. Februar den Felsenkeller füllte, befand sich, wie der Nationalliberale Verein bemerkt, ein deni „politischen Leben vollständig fernstehender Herr." Sonderbar! Und dieser Herr fühlte sich bewogen, meine „Ausdrücke" zusammenhanglos nachzuftenographieren, und das „Beweismaterial" kam dann „zufällig" in die Hände des natlib. Vereinsvorstandes. Höchst sonderbar! Schwer ists, hier keine Satire zu schreiben.
Was nun die Schärfe meiner Worte anlangt, so stehe ich ganz gewiß nicht an zu erklären, daß sie sich natürlich nur auf die beziehen können, die es angeht, und das sind nicht gerade wenige. Keinesfalls sollten die Nationalliberalen in ihrer Gesamtheit und als Personen damit getroffen werden. Wer, wie ich, seit Jahren unter dem Kampfe angesehener nationalliberaler Parteimänner zu leiden hatte, wird für manches gepfefferte Wort auch beim objektiven Gegner Verständnis erwarten dürfen, ohne die Heftigkeit des Wahlkampfes in Berücksichtigung zu ziehen. In früheren Wahlkämpfen sind indessen von einer heute den Nationallibcralen eng benachbarten Seite im offenen Flugblatt mindestens ebenso scharfe Wendungen gegen den jetzigen „Alliierten" gefallen.
8. Wenn der Nationalliberale Verein zu Gießen es als unwahr zurückweisen möchte, daß mich die Nationalliberalen seit Jahren mit Haß verfolgen und dies bei der letzten Wahl auch meinen Angehörigen gegenüber in höchst unschöner Art bewiesen, so mag er es immerhin tun. Wahr i st u n d b l e i b t es und kann üb er a ll b ew iesen werden! Daß der Natlib. Verein zu Gießen dafür verantwortlich sei, hat kein Mensch behauptet. Ter löbl. Verein rennt auch hier offene Türen ein, wenn er sagt, daß ihn diese „Differenzen" nichts angehen.
4. Was beit „Ton" des angeführten Aufsatzes be^w. jeiner Schlußbemcrrung anbetrifft, so ist es Sache der „Hess. Wochen- z e i t u n g", darauf einzugehen. Ich habe den Aufsatz mit Ausnahme des unter 3 behandelten Vorwurfs nicht geschrieben. Ich glaube es dem Nationalliberalen Verein, daß er den Kampf sachlich führen will. Anderswo las man's eben anders!
Gießen, 28. Juli 1907. F. Werner.
Aus StaSt und £anb»
der schönsten Gießener Gartenwirtschaft, der Vater L.. ., der seiner ehrwürdigen Grandezza und gutmütigen Höflichkeit halber von den. mutwilligen Musensöhnen öfters geneckt wurde. Von ihm kursierten manche Anekdoten. Emst gaben ihm einige junge Frechdachse folgendes Rätsel auf: „Oben platt und unten platt und in der Mitte 'nen Bruch, was ist das, Herr L ?" „Wenn Sie mich oder aber utzen wollen, so verlassen Sie oder aber mein Lokal!" antwortete der mit den angedeuteten Dingen Behaftete mit großer Würde, ohne sich zu ereifern. . .
Ein andermal nahmen ihn einige Mediziner mit in die Anatomie, um ihm den Herzbendel zu zeigen, von dem sieihrn oft erzählt hatten. Sie hatten ein rotes Band an em menschliches Herz gebunden und Herr L. kam nach Hause zu seiner Gattin noch voller Staunen über das Gesehene und sagte: „Lmschcn, ich habe den Herzbendel gesehen, sieht er oder aber aus, wie ein gewöhnlicher roter Bendel." Ta war damals auch der ehrenwerte Schneidermeister B . . .der seine Kunden, wenn er ihnen einen Anzug verpfuscht hatte, was öfters vorgekommen fein soll, mit seiner stehenden Redensart tröstete: 5
gibt «doch noch ä West", und der Kupferschmied K. . der Liebig bei seinem Weggang von ^^ßen m dichterpcher Begeisterung zugerusen hatte: ,,O du großer Liebig, bleibe lieber hiesig!" Damals lebte auch in Gießen das edle Freund.spaar, der pensionierte Pstirrer P . . . . und der kleine Prozessor O die man oft Arm in Ann, die schwarze Angströhre auf den ehrwürdigen Häuptern, durch die Straßen wanken sehen konnte, wenn sie am Hellen Tage in der Restauration Bramm zuviel Alkohol in der Gestalt von gewöhnlichem Schnaps imbibiert hatten. P . . . war groß und stark, O . . . .. klem und schmächtig Beide waren gelehrte Herren, P . . wie man sagte, der beste Hebräer in Gießen, von dem man erzählte, er habe das Gaudeamus in die Sprache des alten Teftanients übertragen, war wegen seines allzugroßen Durstes seines Amtes entsetzt worden. Wie die Sage ging, hatte er auf der Kanzel feinem Liebltngsgetrank eine Lob- rL Klien. Sein Freund O war de- beste L-tnner. Sein quifmbeS Sümmchen hatte ihm den Namen Quiet ch em- aetragen. Er hatte in jungen Jahren eurem der schönsten Mädchen hi Meßen einen .Heiratsantrag gemacht und war ab gewiesen wor-
Gejängmsse des verräterischen Finnlands nachdenkt", so zetert das Organ des „Schwarzen Hundert". Ohne Tränen konnte man nicht am 26. Juli den Angeklagten Topolew (den Mörder Herzensteins!) vor Gericht in Fesseln erscheinen sehen. Trotz der fürchterlichen geistigen und körperlichen Qualen drückte doch dieser echt-russische Mann seine Freude au§, daß cr für den Zaren und das Vaterland duldet. Sein Verteidiger, Fürst Wolkonski, umarmte ihn brüderlich und küßte den Märtyrer." — Beleidigte Ausländer erfreuen sich immer eines energischen Schutzes ihrer Botschafter. „Rußkoje Snamja" fragt nun: Wer wird russische Untertanen vor finnischer Willkür in Schutz nehmen? Der Verband des russischen Volkes, der an die höhere Gerechtigkeit, welche in Rußland durch die selbstherrliche Zarengewalt personifiziert ist, fest glaubt, hält sich für berechtigt, leicht vergeßlichen Finnländern die Tatsache in Erinnerung zu bringen, daß die mächtigen, wenngleich jetzt auch etwas wunden Krallen des russischen Doppeladlers, das breite und scharfe Schivert noch sesthalten. — Die „Rußkoje Snamja" appelliert zuletzt an das Gerechtigkeitsgefühl des Zaren und schließt mit den Worten: „O Gott! Wo ist Denn die Wahrheit und Gerechtigkeit, welche nach dem Willen des Befreiungszaren in den Gerichtshöfen herrschen soll!"
Eine Erwiöerung auf die Erklärung des uatiorral- Liberalen Vereins.
Man bittet uns um Veröffentlichung des Nachstehenden: 1. Daß die Nationalliberalen ihre Klage gegen mich nicht weiter verfolgt haben, ist menschenfreundlich und klug, ftden- salts klüger als die Beschreitung des Kriegspfades und die ebenso tapfere wie vergebliche Anrufung der — jetzt erschrick, sürchtiger Bürgersmann! — Großh. Staatsanwaltschaft.^
Denn nut dem Nationalliberalen Verein zu Gie'genurid
Schmückt Eure Fenster und Balkone mit blühenden Blumen.
Gießen, 1. Aug. 1907.
* * Ordensauszeichnung. S. K. H. der Großherzog haben dem Kanzleirat bei der 1. Kammer der Stände Peter Schäfer die Krone zum Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen, und dem Forstwart der Forstwartei Eudorf, Förster Hch. Büttner zu Eifa, mit Rücksicht auf sein bOjährigcs Dienstjubiläum das Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
* * Personalien. In deck Ruhestand versetzt wurde der Lehrer an der Gemeindeschule zu Klein-Welzheim Hch. Natale auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste, und ihm aus diesem Anlaß das Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen mit der Krone verliehen. — Dec Kreisamtsgehülfe bei dem Kreisamte Erbach Friedr. Herling wurde zum Kreisamtsgehülfen bei dem Kreisamte Darmstadt ernannt.
* • Lebensretter. Der Taglöhner Jak. B r ä u l e r in Worms hat am 21. Mai ein Mädchen vom Tode des Ertrinkens gerettet. Als Anerkennung hierfür ist ihm von S. K. H. dem Großherzog die Nettungsmedaille verliehen worden.
* * Hoher Besuch. In der vergangenen Woche weilten in unserer Stadt zwei Herren vom österreichischen Unterrichtsministerium, um das landwirtschaftliche Institut der Universität kennen zu lernen. Sie wohnten u. a. auch einigen Vorlesungen des Prof. Dr. Gisevius bei, ebenso besichtigten sie die landwirtschaftlichen Versuchsfelder. Um auch den landwirtschaftlichen Unterricht an den ländlichen Fortbildungsschulen, row er seit kurzer Zeit im Kreise, Gießen
Kleine Feuilleton.
Gießener Studentenerinnerungen. Man schreibt uns: Vor 40 bis 50 Jahren, als wir in Gießen Pennal und Hochschule besuchten, waren die Zustände von den heutigen so verichieden, daß eine Erinnerung daran Manchen interessieren durfte. Gießen war damals ein Städtchen Don kaum 10 000 Einwohnern. Es war nur Universitätsstadt und ähnlich wie in Marburg und Jena war auch hier die Universität der Mittelpunrt, um den sich alles brebte. Man lebte in Metzen gemütlich. Srcülch wattn die damaligen Studenten nicht die geschniegelten und gebügelten Herrchen von heute, und der Ton, der da herrschte, war manchmal recht urwüchsig; bcjtp intimer und herzlicher waren die Freundschaften, die von den stildierenden Jüngliwgen ge,chwsien wurden. Sie hielten auS für ein ganzes langes Leben. Reben ernstem Studium huldigte man auch heiterem Lebensgeiiuß und suchte Jerßceuung in Vergnügungen, die nch in reiaiem Maße darboten. Dias Leben war billig. Das halbe Liter Bier kostete vier Kreuzer, etwa zwölf Mennige und man verti gte davon.immcn e Quantitäten, wenn es auch nicht so gut war. ww^as jetzige. A- f unserer Kneipe setzte mjan unS manchmal emen öot, Den heute tlin Wirt einem' Glast anbteten und kein bierehrlicher Student feinem Hund geben würde, aber wir tranken ihn gv» wisienla't Auch das Mittaaessen war Nicht teuer und bei der LV konnte man für 18 Lienzer (50 W liebel' Hunger stillen, und wenn auch manche, faule Witze zw- kulierten von seidenen Kleiderii in der Suppe Mw.; gar mancher, der jetzt eine angesehene Stellung nn öfftntllchen ^ben etn- nimmt; ha. hier jahrelang seinen 'ur^ren Menschen MsE uild wird Leute mit Lächeln und metleicht mit lMlcr ^eyniueyi seiiies juaendlichen Appetits gedenken. Stipendien und Stundung der ^vile'iiniaelder halfen dem Studio weiter und ^ier Giestener Kaufmann und Handwerksr gewährte liberalen Pump, o auch unge Leute mit kleinem Wechsel sich in Gießen deb Wissend Schätze tmeignw und doch dabet I lvtte Studenten sein komiteu Gar manches ist anders geworden feit jenen Tagvn. Gießen hat sich vergrößert und verschönert, das Srudentenlehen hat sich verfeinert und verteuert. Teurpora niutantnr. In wnen Tagen gab es in Gießen auch Manches a
war z B der beliebte Wirt und Besitzer des r^ellenkellers.
emgesührt ist, näher kennen zu lernen, besuchten die Herren unter Führung des Kreisschulmspektors Schulrat Kleinschmidt die Fortbildungsschule in Grünin gen. Trotzdem die ländlichen Erntearbeiten in vollem Gange sind, waren fast ausnahmslos alle Schüler erschienen und legten gern und freudig Proben ab von ihrem Können und Wissen in der landwirtschaftlichen Bodenkunde und Betriebslehre, das sie sich beim Fortbildungsschulunterricht im letzten Winter an- geeignet halten. Die Herren au§ Wien waren sehr befriedigt von dem Gesehenen und Gehörten und dankten für die Anregungen, die sie zu Hanse mm auch zur Verwertung bringen wollen.
* * Der Kampf u m den Alkohol. Der Leiter der Gießener (neutralen) Guttemplerloge, Herr Dr. Liebe in Waldhof Elgershausen, bittet uns, nachfolgende Erklärung aufzunehmen.
„Tie Guttemplerloge steht dem hier verbreiteten Flugblatte des Zentralverbandes zur Bekämpiung des Alkohollsmus durchaus teni und hat davon überhaupt erst durch den G. A. etwas erfahren. Lediglich ich selbst habe vorher zufällig von der bestehenden Absicht etwas gehört (der Plan stammt nicht vom Zentralverbande selbst) und habe damals energisch dagegen protestiert und einem Plane jede Unter st ü tz u n g versagt, der mir nicht nur zwecklos, sondern auch taktlos erschien. Ich stimme selbstverständlich dem in Nummer 176 von dem „Privat-Abstinenten" und auch von der Redaktion durch die Zwischenbemerkungen abgegebenen Urteile über den Wert des Zentralverbandes durchaus nicht bei, bin aber mit dem Einsender und der Redaktion durchaus der Aleinung, daß der Zentralverband, dem ich selbst anqeljöre, sich durch ein derartiges Vorgehen viel mehr lächerlich macht, als daß er der Sache, der er dient, irgendwie nützen könnte."
** Hessen-Literatur. Aus Anlaß der Dreijahrhundertfeier unserer Universität hat die I. Rickersche Universitäts-Buchhandlung einen reichhaltigen Antiquariats-Katalog veröffentlicht, der mehr als 2350 Schriften aus den Gebieten der Geschichte, Kultur- und Kirchengeschichte, 5tirchen- recht, Rechts-und Staatswissenschaft der hessischen Länder ent-' hält. Bücherfreunde und Sammler werden darin manches seltene, begehrte Werk und eine Reihe älterer, nicht häufig vorkommender Städte-Ansich-ten und Bildnisse finden. Der Katalog wird in der Buchhandlung an Interessenten gratis abgegeben und auf Verlangen auch nach auswärts lojrensrei geschickt. Eine kleine Auswahl interessanter Blätter — z. B. zwei Vorlesungsv^rzeich^ nisse aus der Früh^eit der Universität — und verschiedene ältere seltene Werke sind übrigens in den Schaufenstern der Rickerschen Buchhandlung ausgestellt, ebenso wie eine Sammlung von solchen iieueren Werken, n-elche entweder Bezug auf Hessen haben, oder von einheimischen Verlegern herrühren.
§ A u L dem Ohmtal, 31. Juli. So spät wie in diesem Sommer ist die Kornernte in den letzten Jahrzehnten nicht geivesen. Der August beginnt, und nur auf ganz trockenen Lagen fängt das Korn an zu reifen. Das ist eine Verspätung von drei Wochen gegen svnst. Die Kornähren sind indessen bei diesem langen Wachstum sehr vollkommen gediehen, im Gebund dürfte aber der Ertrag geringer gegen das Vorjahr ausfallen. Weizen, Gerste und Hafer sind noch völlig grün, während man sonst um diese Zeit schon mit dem Schnitt begonnen. Da das Weiter wieder seinen seitherigen Charakter angenommen, jo reicht in diesem Jahre die Getreideernte in den September hinein.
— Nieder-Ohmen, 27. Juli. Bei der dieser Tage hier abgehaltenen Gemeinderatswahl wurden die ausscheidenden Mitglieder Ludwig Langohr II., Heinrich Jöckel und Johs. Reitz V mit 156, 154 und 120 Stimmen wiedergewählt. Selten verlief eine Wahl so ruhig, ohne jedes Treiben, wie die letzte. Ein schönes Zeichen für unsere Gemeinde ist wohl nicht nur die verhältnismäßig hohe Stimmenzahl der Wiedergetoählten, sondern auch die Tatsache, daß seither auch nach der Wahl, auch wenn die Wogen der Parteileidenschaft noch so hoch gingen, sie sich doch bald wieder glätten und Ruhe und Frieden wieder Einkehr halten. — Dem Senior des hiesigen Gemeinderats, dem trotz seines hohen Alters — 79 Jahre zählt er — noch sehr rüstigen, wiedergewählten Herrn Johs. Reitz V., wünschen wir, daß er das Ende seiner diesmaligen Wahlperiode in Rüstigkeit und ungetrübter Gesundheit erleben möge! 36 Jahre Gemeinde- ratsNiitglied — eine lange Zeit! ~
-t- Rainrod, 30. Juli. Als der von Swotten kommende Personenzug heute trüh 7.44 Uhr den hiesigen Bahnhof passierte, lief vor ihm längs im Geleise ein kleines Kind im Älter von etwa 3 Jahren. Vom Zug pfiff und läutete es, aus einem,Fenster in der 9ttihe schrie die Mutter und alle Zusü-auenden
den, weil er ihr zu klein sei. „Ei, so heiraten Sie doch den Kirchturm!" rief ihr da der Kleine in rasch aufsteigendem Zorn in Hohem Diskant zu. Diese und noch andere priginelle Persönlichkeiten lebten damals in Gießen. L>.
— Breslau, 31. Juli. Bei der gestrigen Hauptprobe zur Hauptaufführung des deutschen Sängertages teilte Tvmkapellmeister Filke mit, daß Ehreuchormeister Eduard Kr e m- serk-Wien so bedenklich erkrankt fei, daß er die der Hauptaufführung nicht übernehmen könne. ^onu- rapellmeister Filke wurde mit der Vertretung Kremiers bei d^r Haupt-Aufführung betraut. Das Haupkonzert war vorwiegend dem Volkslied gewidmet. Von größeren ^^^^Lelangte Griegs „Landkennung" mit Walter kommet vom Lerpzcger Stadttheater als Solist 'zur Ausführung, ferner das Dahn sche Gedicht „Gotentreue" in der Wagner scheu Vertoniing. Dem E)- ter, der bei dem Konzert zugegen war, wurden ^li^ Ovationen bereitet. Anschließend an das Konzert fand ein Kommers statt. Heute nahm der Sängertag die Wahldes Festortes fur das achte im Jahre 1912 abzuhaltende Teutiche ^angerbundesiejt vor. Im Wahlg-ing erhielt Leipzig 70 Nürnberg 69 und Köln 10 Stimmen. In der Stichwahl wurde Nürnberg mit i9 Stimmen gewählt. Leipzig erhielt 68
— Eine amerikanische n f i k un iv er s i t at". Aus oonton wird berichtet: Alme. Lilian Nordtca ist, um die Aus« führuna ihres großen Planes eines „amerikanischen Bayreuth" am Hartem River zu betreiben, nach London gekommen und hat hier Einzelheiten über ihre Gründung mitgeteilt, die aus eine große Alusikuniversität" hmzielt. Atme. Nordica hat sich überzeugt, daß die englisch sprechende Welt in der musikalischen Kultur weit hmter den Deutschen und Italienern zurücksteht, und sie will ihr mit ihrem Institut die mangelnde Erziehung bringen. Sie hat bereits sur 400 000 Alk. ein Grundstück m der Nähe New-Ports gekaust, uub ihre Musikschule soll möglichst schon in einem Jahre eröffnet werden; sie wird ganz nach dem Bayreuther Muster, aber m weit größerem Rahmen eingerichtet werdeii. Tas Grundstück liegt in schöner Umgebung an dem malerischen Hartem River iind wird iiii Hmter- aruiide voii einer schönen Bergkette euigeschlossen. Reiche Umeiifancr haben der Sängerin ihre tatkräftige Unterstützung zugesichert.


