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11.1.1907 Zweites Blatt
 
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Freiran 11 Januar 1907

157. Jahrgang

Zweites Blatt

Nr. 9

Ekchrser Anzeiger

scheint tSgllch mit Ausnahme deS ComUagS.

General-Anzeiger für Gberheffen

Rotationsdruck und Verlag der Brühlfchen Universität- - Buch- und Steindruckerei. R. Hange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Scbul- straße 7. Expedition und Verlag: 61.

Redaktion:«-^ 11L. Tel.-Sldr.:Anzeigers iehcn.

T»e ,,-ießener Zamllienblätter" werden dem Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das '.Urriidlatt für den Kreis Liehen" zweimal wöchentlich. Terhessische Landwirt" erscheint monatlich emmaL'

Kine yeft.sche Zcnt ale für Sauglingspfl ge und Mutterschutz.

R B Darmstadt, 10. Januar 1907.

Auf Einladung deS Ministers des Innern Braun sand heute nachmittag in Gegenwart des Groß Herzog!. Paares im Alten Palais eine Besprechung über die Frage statt, in welcher Weise die durch den Erlaß S. K. H. des Großherzogs vom 4. Dez. v. I. angeregte Schasfung einer Zentrale für Säuglingspflege lind Mutterschutz am besten zur Ausführung gebracht werden könnte. Zu dieser Konferenz waren eingeladen, Ministerialrat Dr. Weber und die Geh. Obermedizmalräte Tr. Rcidhatdl und Tr. Hausen von dec Abteilung für öffentliche Gesundheitspstcge, die Provlnzialdircktoren Geh. Räte Frhr. von Gagern, Frhr. von Gtancy und Dr. Brcidert, die Oberbürgermeister Morneweg-Darmstadt, Dr. Göttelmann-Mainz, Mecum - Gießen, Brink-Offenbach und Köhler - Worms. Tie Geh. Medizmalräte Prof. Tr. Pfannenstiel-Gießen, Tr. Krug. Mainz, Prof. Dr. Walther lind Privatdozent Koppe- Gießen, die drei Kreisärzte Ried.-Räte Dr. Lehr-Darmstadt, Dr. Balser-Mainz und Dr. Ha berkorn-Gießen, der Vor­sitzende des ärztlichen LandeSvereinS Med.-Rat Tr. Wccker- lmg-Friedberg, Leibarzt Dr. Happel, KrankenhauSdireltor Nied.-Rat Dr. Köhler-Offenbach, die Kinderärzte Sani^USrat Tr. Sonnenberger und Dr. GernSheim-Worms, Stadtv. 5))iöUnei- Darmstadt, GencratpaatLanivalt Dr.PreetormS-Tarmsladt und OberuaatSanwalt Dr. Buff-Riainz für die Frauenstrafanstatten, der Vorsitzende der LandcSversicherungSanstalt Geh. Reg.-Rat Dr. Tietz, die Borsttzenden der beiden hessischen Kranken- lassenverdände P. 9L Wallou-Mainz und Ed. Rtünch-Worms, Reg.-Ral Dr. Kratz und Reg.-Rat Dr. Knöpfet-Darmstadt, OrtSgerichlSvorstehcr Rentner Vohsen-Mainz, die Präsidentin und öie Vizepräsidentin der Heidenrelch-von Liebold-Ltiftung Frau Dr. Anna Merck und Frau San.-Rat Tr. Dtaurer und endlich die beiden auswärtigen Autoritäten aus dem Gebiet der Säuglings-Fürsorge, Geh. Kommerzienrat Lingner- Dresden und Prof. Dr. Schloßmann-Düssetdorf.

Minister de« Innern, Exz. Braun, eröffnete die Be- ratnng nut einer längeren Ansprache, in der er dasür danlte, daß S. K. H. der Grotzherzog durch den Erlaß eine Bewegung w dieser so wichtigen Frage wachgerufen hat; edenio danlte cr den sämtlichen Teilnehmern, tue durch ihr Erscheinen am bellen erkennen ließen, welche Wichtigkeit sie der Sache bei­legten, und für die zahtreichen Zuschriften auB den oerschie- denen Teiten des Landes und der allgemeinen Frauengruppe Darmstadt für ihre Bereitwilligkeit zur Förderung der Sache. In einem solchem Kreise brauche er kaum auf eine allgemeine Erörterung einzugehen, eS liege schon eine reiche Literatur darüber vor. Ter Minister weist besonders auf die 1905 vom Deutschen Kongreß für Armenpstege und Wohltätigkeit in Mannheim gesaßte Resolution hm, m der erklärt wird, daß cS Pflicht des Staates und der Gemeinden sei, der in Tentfchland bestehenden übergroßen Sterblichkeit der Säug- linge entgegenzutrelen. Eine entschiedene Forderung müsse die Brusternährung der Säuglinge sein, ferner d»e möglichste Verbreitung dec Grundsätze einer vernunftgemäßen Säng- lingShygiene, die prophylaktische Tätigkeit der Aerzte, der Bezug einer emwandsfreien, billigen Säuglingsmilch, die weitere Ausbildung der gesetzlichen Fürsorge für alle in HauS, Handel und Gewerbe tätigen Schwangeren und Gewährleistung einer ausreichenden Unterstützung und sachgemäßen Pflege der Wöch­nerinnen, sowie die Errichtung einer materiellen Unterstützung von Säuglingsheimen ujw. Hier seien also im Großen und Ganzen die Maßregeln zusammengestellt, die zur Erreichung des Zieles getroffen werden können. Für die heutige Be­ratung handele es sich wesentlich um die Frage, was zweck­mäßig für das ganze Land zu organisieren und was der lokalen Fürsorge zu überlassen sei, und weiter, ob alle diese allgemeinen und lokalen Maßregeln in einer Zentrale zu- sammenzufassen seien. Dann müsse weiter über die äußere Form dieser Organisation und besonders über die Frage der Finanzierung Beschluß gefaßt werden; es könne dabei in Betracht kommen die Unterstützung der Gemeinden, der Krankenkassen, die Unterstützung durch Private rc. Es fehle l nicht an Interesse für die Sache im Publikum und wenn bisher auf diesem wichtigen Gebiete noch nicht mehr ge- schehen sei, so komme bie5 eben daher, daß eS an einer Organisation fehle und die Interessenten sich deshalb viel- fach abwartend verhielten. Der Hauptzweck sei heute eine allgemeine Aussprache, auf Grund deren dann positive Vor­schläge im Einzelnen zu machen sein würden.

Regierungsrat K n ö p f e l gab darauf einen Ueberblick über die Säuglingssterblichkeit in Hessen. Sie stellt sich im Grobherzogtum auf 15 bis 16 vom Hundert der Geburten, während die Durchschnittsziffer für das Reich berechnet sich auf 20 Prozent erhöht. Hessen nimmt also bezüglich der Sterolichkeitszifser eine gut mittlere Stelle ein. In den einzelnen Teilen des Landes ist die Sterblichkeit sehr verschieden, sie beträgt im Kreise Mainz 20.4 Proz., Kreis Alzey 14.9, Kreis Worms 16.2; sie ist am stärksten im südlichsten Teil Hessens, wo der Ried die unmittelbare Fortsetzung des badischen Jndustriebezirkä mit die größte Sterb­lichkeit bildet. Die geringste Sterblichkeit besitzt Oberhessen mit 10.6 Prozent, während in Starkenburg der Kreis Bensheim mit 20.2 Prozent die höchste und der Kreis Erbach mit 13.4 Proz. die niedrigste Sterblichkeit aufweist. Die Sterblichkeit ist aber sei 1860 ohne Umerbrechung zurückgegangen und es ist zu hoffen, daß die Besserung auch in Zukunft weiter fortjebreiten wird.

Geh. Lbermedizmalrat Dr. Reid Hardt gab nun ein um­fassendes Bild über die Maßnahmen, die bisher im Großherzogtum lur Säuglingspflege und Wöchnerinnenfürsorge getroffen worden sind. Er zählt die diesbezüglichen Einrichtungen in Darmstadt, Nainz, Worms, Gießen, Offenbach re. auf und betont, daß i.e Haupttätigkeit darauf gerichtet sein müsse, recht viele Mütter jum Selbststlllen ihrer Kinder zu bringen.

Minister Braun bemerkt, daß die tzcuüge Versammlung wohl

von einer Erörterung eoent weiterer gesetzlicher Maßnahmen ab> sehen und sich mehr den praktischen Gesichtspunkten zuwenden könne. Sehr wichtig sei eine regelrechte M u 11 e r s ch a f t s b e - ratung, durch dazu bestimmte Aerzte, was mit wenig Kosten durchführbar sei, und damit in Verbindung könnten Stillprämien erteilt werden. Weiter sei von Wichtigkeit die Regelung der Milchkontrolle, die Ausbildung von Pflege rin- n e n für die Wöchnerinnen, die Errichtung von Säuglings­heimen für gesunde und kranke Insassen re.

Privatdozent pv e-Gießen führt aus, der Hauptfehler sei bisher gewesen, daß die vielen Einzelbestrebungen auf den in Frage stehenden Gebiet keine einheitliche war und der festen Hand entbehrten, sich auch auf lokale Verhältnisse beschränkten. Tas Bestehen einer Zentrale werde daher großen Segen stiften. Tie beste Pflegerin des Säuglings bleibt immer die Mutter, und man darf deshalb bei der rationellen Säuglingspflege vor allem nicht den Mutterschutz »ergehen. Es ist von größtem Wert, eine Stelle zu schaffen, die jederzeit zur Informierung und Be- lehrung der Mutter bereit ist. Wir können in Hessen vertrauens­voll in die Zukunft blicken; es besteht wenigstens für Ob er­liess en die Hoffnung, daß wieder 90 Prozent der Säuglinge ihre natürliche Nahrung erhalten. Nach einer Statistik von 3000 Fällen wurden nur 20 Prozent der Säuglinge nicht von der Mutter gestillt, während in anderen Staaten über 50 Prozent lünftlidje Nahrung erhielten. Redner empfiehlt statt des bis- hcrigen NebeneinanderarbeitenS ein Miteinanderarbeiten, beson­ders auch zwischen Stadt und Land.

Geh. Med.-Rat Prof. Dr. P s a n n e n st i e l - Gießen weist auf die vorvildiichen Ernrichrungen für Säuglingspflege in Berlin hin. Tas Kind werde vielfach ohne Not von der Mutterbrust weggegeben; es sollte auch dann möglichst bei der Mutter bleiben, wenn sie es nicht stillen kann. Es muß die Mutterliebe gefordert werden, die Mutter muß sich selber um ihr Kind be- kümmern. Ter Redner befürwortet ebenfalls warm die Begrün­dung einer hessischen Zeittrale.

San.-Rat Tr. Svnnenberger - Worms spricht seine lieber- zeugung dahm aus, daß durch Belehrung und Kurse für junge Mädchen viel erreick-t werden könne, ähnlich wie durch die HauS- haltungsschillen und empfiehlt strenge Beaufsichtigung aller un­ehelichen Kinder.

Prof. Dr. S ch l o ß m a n n - Düsseldorf spricht für Zentra­lisierung der ganzen Wohlfahrtspflege und rühmt ebenfalls die vorzüglichen Einrichtungen in Bern. Geueraiftaatsanwalt Dr. Preetorius bespricht den Mutterschutz in den Strafanstalten.

Oberbürgermeister Tr. Göttelm ann geht auf die Mainzer Verhältnisse näher ein und betont, daß mit der dortigen Krippe auch eine ärztliche Beratung verbunden sei und die meisten der Dortigen Hebammen laut Vertrag zur sofortigen Hülfe verpjtichtei seien. Sehr segensreich wirke der Erziehungsbeirat, doch seien die meisten unehelichen Kinder in unentgeltlicher Pflege, und die seien ihm nicht unterstellt. Eine Zentrale |ei zunächst als Auskunftsstelle nötig.

Minister Braun konstatiert zum Schluß, der Vorschlag zur Gründung einer Zentrale habe allgemeine Zustinimung gefunden und die Versammlung erklärt sich damit einverstanden, daß der Minister eine Kommission beruft, die die weiteren Vor­bereitungen und Vorschläge zur Bildung einer solchen Zentrale in die Hand nimmt. Mit Dankesworten des Mi­nisters für die zahlreichen praktischen Vorschläge der einzelnen 'Redner wird darauf die Sitzung g/s. losie.i

Mert uiiD Kotten der o rujchen KoLonun.

Die ,91orbb. Allg. Ztg.^ schreibt u. a. über den Wert der Kolonien:

In der Jahresversammlung der South West Afriea Company Ltd., die seinerzeit mit deutschem und englischem Kapital zur Ex- pioüicrung der Minenkonzession iit Südwestafrila gegründet wurde, führte der Vorsitzende, Davis, bei Besprechung der Emission Otaviminen am 7. Januar fragendes aus: Bon Kapjerbleigruoen wurde zuerst die Ltavigrube entdeckt, die wertvoll und abbau­würdig ist, später Die Tsumebmine, weiter nördlich, die nach den neuesten Ausschlüssen für die nächsten neun Jahre sehr reiches Erz von 120 Tonnen täglich produzieren kann. Die Otavi Company wird, wenn man Kupfer zu 60, bei 12 Pfund Sterling annimmt, 390 000 Pfund Sterling pro anno verteilen können, von denen die South West Africa Company, entsprechend ihrem Besitz, zirka 200000 Pfund Sterling erhalt; nehmen wir ledoch Kap,er zu 100 (heute 105) und Blei zu 20 Pis und Sterling au, so erhöht sich unser Antell auf 400 000 Pfund Sterling jährlich. Wir werden unser Portefeuille in Otavi unangetastet behalten und bedauern nur, daß es nicht gröber ist, da wir sehr gute Dividenden davon bekommen müssen. In unserem nördlichen Kaookot-Territorium wurde ein Gold führendes Konglomerat entdeckt, das von Spuren bis zu 20 Gramm per Tonne Goid ergab. Unser Haupidesitz liegt im Norden und im Zentrum, viele hundert Meilen vom Kriegsschauplatz entfernt, obwohl wir dort auch Besitz haben, mit bedeutende m Wert für Bergbau- und Agrikulturzwecke. Tie agrarischen Verhältnisse und Aussichten sind dort ebensogut, wenn nicht besser als in den angrenzenden Teilen Kapkolonie. (Davis ist Engländer.) Diese Werte der Kultur zu nähern, find aber Bahnen nötig, die nicht nur erschließen, wabern ihr eigenes Einkommen freieren. Soweit wir können, rocrbei. wir den Eisenbahnbau in jeder Hin­ficht unterstützen. England hat für seine Koloniezwecke im Anfang große Vorausgaben gehabt, die bekanntlich glänzend ren­tieren, und Deutschland wird dasselbe tun, denn es gibt keinen Grund, warum sich Die deutschen Kolonien nicht ebensogut er­schließen lassen sollten. Dazu ist Kapital und viel ernste bona side-Arbeit nötig, der Bau von Eisenbahnen und anbere Not­wendigkeiten. Davis ichKeßt mit den Worten:Die land­wirtschaftlichen und bergbaulichen Erwerbs­quellen von Siidw estafrika sind von ungeheurem Wert e." Wenn an der Exploitierung dieser Reichtümer neben deutschem auch englisches Kapital Anteil hat, so kommt das daher, well die Engländer den Wert der deutschen Kolonie früher und schneller begriffen haben, als die Mehrzahl der Deutschen.

Die /Jloibb. Allg. Zig.* schreibt ferner unter der Uebcr- schristWas haben uns die Kolonien bis jetzt gekostet ?':

Nach Abzug der eigenen Eingänge, ajer unter Einschluß der an die Schutzgebiete gewährten Darlehen, betragen die Fehl­beträge von 1885 bis 1904, nach den Abschlüssen, für 1905: 459 8u0 UUO Mk., hierzu treten für 1906 nach dem bewilligten Etat 122 Millionen, ferner der angewroertc, aber nicht bewilligte Nachtragsetat für die Expedition in Süixveitafrua mit 29 2u0 UUU Mark und die im Wege einer besonderen Kreditvorlage an­zufordernden lieber) Umleitungen, geschätzt au, 30 'JJlillionen, mithin in Summa für 1906 181200 000 uni) in Summa öummarum rund 641 Millionen, hierzu kommen der ^iritasoribs mit 4 Mill., macht zusammen an direkten Zuschüssen für die Schutzgebiete

645 äJlülionen für 22 3aljre, d. h. bis zum 31. März 1906. Die indirekten Ausgaben |ur die Kosten der Stationäre, bie Post- Derroaltung, die Dampfersubventionen behüten sich auf 35 4ü0 OÖO Mark. Würden diese Summen sämtlich den Unkosten für bie Schutzgebiete belastet weiden müssen, so tarne bie Gesamtauf- roenbung aus 676 400 000 Mark. Diese Belastung der 35 460 000 Mark auf die Schutzgebietsrechnung ist aber unrichtig, da sie, wie die Dampsersubventioneii und bie Kosten der Manne, auch anderen hundelsix-liitscheu Zwecken dienen.

politische Tagesschau.

Znteraationale Politik".

Maximilian Harden, der bekannte Publizist, gibt, in einem im ,Berl. Taget)!.* veröffentlichten Artikel, einen Ueberblufüber den Gang und die Li erfolge unserer ä u ß e r e n P o l l t l k während des letzten Jahres und legt, iuie deS Oefleren schon in der ,Zukunft^, dar, wie uns die geschickte und stille Geschäflsleitung llönig Edilards völlig vereinsamt und isoliert hat. W»e sehr unS der Rück­zug von Algeciras geschadet hat. Und was uns, wenn wir so, wie bisher, weiter wirtschaften, bevorsteht. Er fommt sodann zu dem Resultat, daß die Auflösung bcS Reichstag« im gegenwärtigen Augenblick, vom Standpunkte der tnlev- nationalen Lage aus belrachtet, ungeschickt war und bedenk­lich ist, weil sie die Gefahr, daß uns eine neue Demütigung von irgendeiner Seite unter Ausnutzung unseres inneren Haders angesonnen wird, naherücke. ,D»e, nicht Krieg, ist zu fürchten/ Im Uevrigen bekennt sich Harden zii einem nationalen Optimismus, der auS solchem Munde sicher nut Freuden vernommen rpirb, und meint, daß ein Volk, bau auf fast allen Gebieten des Hebens vorbildlich zu wirken vermöge, rote das unsre, em Recht habe, auf seine Zukunft zu DCrtiauen. Ader auch verlangen müsse, daß eS an seiner Verwaltung denjenigen Anteil endlich zugestanden erhalte, auf den jedes tüchtige und mündige Volk Llnspruch erheben könne. Und er rät, den jetzigen günstigen Augenblick zu benützen, um nut Nachdruck zunächst zu fordern, was zu einer befriedigenderen Gestaltung unseres ganzen politischen LebenS unbedingt nötig fei: Genaue Umgrenzung der kaiser­lichen Rechte; Ausbau deS Reichstags zu einem wirtlich neben der Krone gleichberechtigten Faktor; strenge Festlegung der Ministerveranlworllichkeit; Beseitigung der persönlichen Herrschaft; Erneuerung unserer zum Teil ganz unfähigen Vertretung im AuSlande; Auswahl der Personen für hohe Ltaatsstcllen nach dem Maß ihres Talents und ihrer Ar- oeitskraft, nicht nach Höftlngskunst und Gunst.. Beherzigens­werte Wünsche, deren Erfüllung zu wünschen tuäre, unter Dem jetzigen Kanzler aber schwerlich zu verwirklichen sind.

Wie die Sozialdemokraten ihre Parteikaffe zu sstllen wissen, das ei|iel)t man an dem Beispiel der Genosien in Ober, hausen (Rheinland). Dort haben die Sozialdemokraten an öie bürgerlichen Geschäftsleute folgendes Rund­schreiben gerichtet:

Sehr geehrter Herr!

Wir geflauen uns ergebenft, Ihnen folgende Lage und Bitte zu unterbreiten: Bekanntlich finden am. Januar die Wahlcn zum Teuljchen Reichsiage Halt. Gerade die Zusammenlegung dieses Pailaments ist für die Arbeiterjchan von eminenter Wichtig- ten, da der 'Reichstag alle die gesamten Arbeiter hoch interessieren­den Retchsgeietze zu schaffen hat. Aus diesen Gründen will sich auch die Arbeiterschaft an den kommenden Wahlen beteiligen. (!) Hierbei mangelt es uns aber an dem Notwendigsten, an dem (Selbe. Weil Sie nun, rote wir mit Sicherheit annehmen, als Geschäftsmann an der Hebung des Arbelterstandes eberJalls em Zmeresje haben, Da ja naturgemäß bann auch Die Lage der ge­samten Gejchäusweli eine bcpece wird, gestatten wir uns, an S;e Die freundliche Bitte zu ncbien, uns m diesem Wahlkampfe durch einen Vertrag gütigst unterstützen zu mallen. Wir erlauben un dleierhalb am Sonnabend unter Vorlage eurer Legitimation bei Zhnen varzujprechen. Verschwiegenheit ist sewstoerslanblich zu- gesrchert.

Hochachtungsvoll ergeoenst das sozialdemokratische Wahlkoinilee.

Mit Recht schreibt dazu das »Berk. Tgbl.":

Tas ist eme Erpressung in optima forma. Denn wenn die beirefjenden Geschäusleule ,richt ui dem gewünschten Sinne reagieren, werden sie von den Niitgliedern der Partei für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit boy lo liiert und dadurch ivtrt- j ch a i 11 i ch z u g r u n d e g e r i ch t e t.

Deutsches Reich.

Berlin, 10. Jan. Der Hauer sprach heute beim Reichskanzler vor und hörte im königl. Schloß die Vor­träge des KriegsministerS, deS Chefs des Generalstabes der Armee und bi5 Chefs des Mllitärkabinetts.

Em Besuch des Kaiserpaares in Memel siebt für den September bevor. Da das Kaiserpaar den Wunsch ausgesprochen hat, der Enthüllung deS Siational- denkmals m Memel beizuwohnen, so ist der Termin für den feierlichen Akt, dem auch der Kronprinz und andere preußische Prinzen beiwohnen werden, vorläufig auf den 21. September festgesetzt worden.

Posen, 10. Jan. Bet den heute beendeten Stadt­verordneten wählen wurden im ganzen 53 Deutsche und 7 Polen gewühlt. Somit gewinnen die Deutschen vier Sitze gegen den Bestand der aufgelösten Stadt- oerordneten-Versammlung.

Köln, 10. Jan. DieKöln. 3/ meldet: Die ,De- peche Toulouse^ verdächtigt Deutschland von neuem ehemaliger, un Bunde mit dem Vatikan unternommener Machenschaften gegen Frankreich; in den bei Mgr. Montagnmi beschlagnahmten Papieren befänden sich Belege dafür. DieKöln. Z." ist von zuständiger Seite in bte Lage versetzt zu erklären, die Angaben derDepeche Tou- lo.ijc" über eine Einmischung der deutschen Diplomatie in dem französischen Kirchenstrett und das Vorhandensein von Belegen dafür, für haltlose Verdächtigungen zu erklären, an benai kein Schimmer von Wahrheit sei.

Stuttgart, 11. Jan. Von den Landesproporz,