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Nr. 182
Drittes Blatt
157. Jahrgang
Samstag 8. Juni 1907
Erscheint ISgllch mit Ausnahme beS Sonntags.
Die „Gtetzever ZamMenblätte^ werden dem „Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „KreUblatt für bei Kreis Gießen" zweimal wöcherttlich. Der „hesfische Canbroirt" erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhesfen
RotattorrSdruck und Verlag der Brühpscheu UawersrtätS - Buch- und Stein druckerei.
JL Lange. Gießen.
Redaktion. Expedttton und Druckerei: Echul- straße 7. Expeditton und Verlag: 6L
Redaktiou:^^-112. Tel.-Adro Än»eigerGletzen.
politische Tagesschau.
Englische Industriearbeiter in Deutschland.
. ^^enn man englischen Zeitungen glauben darf, so bestehen rn Teutichland fortgesetzte Bestrebungen, englische Arbeiter, besonders Mechaniker, nach Deutschland zu ziehen. Man will sogar druoeir wriien, daß m Deutschland eine besondere Vereinigung exrstrert, dre daraus ausgeht, die besten englischen Industriearbeiter hcrstberzuzrehen, weil die ' deutsche Industrie mit Aussigen .ubcnüllt sei und an Arbeitermangcl litte. In dieser rzorm rst die Meldung indessen mit Vorsicht aufzunehmen. Es mag richtig tein, daß, tote in England behauptet wird, in den letzten zwei Monaten mehr als 2000 Mechaniker und zwar erstklassige Arbeiter, von deutschen Maschinenwerkstätten und Werften herübergeholt worden sind. Aber es erschein^ wenig glaubhaft, daß dre Kruyp'sche Germaniawerst in Kiel solchen Arbeitern Mk. 200.— per Woche Lohn zugesichert habe nnd daß überhaupt Bezahlung von 120—160 Mk. für Werftarbeiter hier an der Tagesordnung wären, wenn man dafür englische Arbeiter haben könnte. Auf einer derartigen Stufe stehen die Löhne in Deutschland denn doch noch nicht, und abgesehen davon, daß die Werften für einfache Mechaniker so hohe Löhne nicht zahlen könnten, ohne sich selbst zu schädigen, würden auch die beutfefen Kollegen sich diese Bevorzugung nicht lange gefallen lassen und vermullich ihrerseits mit erhöhten Forderungen oder mit einem Ausstand antworten. Selbstverständlich werden englische Arbeiter genau so nach Deutschland geholt wie deutsche Mechaniker von anderen ausländischen tolaa.-en und auch von England gesucht werden. Aber es ist übertrieben, wenn man in England daraus tffnen dauernden Verlust herleiten will, denn der Ausgleich wird schon durch den Austausch, der ständig stattfindct, gegeben und man hat wenigstens bisher nichts vavon gehört, daß durch den Abgang englischer Mechaniker nach Deutschland drüben ein AÄeitermangel oder ein Stillstand in der Industrie- tätigkeit cingetreten sei.
Allerdings kann nicht geleugnet werden, daß die englische und vor allem auch die amerikanische Mechanikerarbeit dcr deutschen in vieler Hinsicht noch überlegen ist. Das geht unter anderem schon daraus hervor, daß sich immer mebr englische Patente in Kleinmaschinen bei uns einbürgern und daß es unserer Werkzeugmaschinenindustrie erst nach langen Kämpfen möglich war, sich . gegen die amerikanische Konkurrenz zu behaupten, so daß diese setzt ziemlich zurnckgcdrängt ist. Auf anderen Gebieten beherrschen aber die englischen und amerikanischen Erfindungen den deutschen Markt fast vollkommen. Es gibt z. B. nur sehr wenig deutsche Schreibmaschinen, die mit den eingeführten amerikanischen und englischen Patenten in wirkungsvoller Weise konkurrieren Binnen und auch in Vervielfältigungsapparaten ist es noch nicht gelungen, z. B. dem amerikanischen Roneo-Apparat, der immermehr in Aufnahme kommt, etwas Gleichwertiges an die Seite zu stellen. Woran das liegt, ist nicht leicht zu sagen. Vermutlich betätigt der Amerikaner und Engländer einen stärkeren Erfindungsgeift als der Deutsch? und ihm wiro wohl auch leichter genügendes Kapital zur Ausbeutung neuer Patente zur Verfügung gestellt als dem Deutschen, der in Geschäslssachen ziemlich schwerfällig ist und nicht gern aus Ungewisses hin etivas riskiert. Zum Teil wird aber wohl auch die größere Leistungsfähigkeit der Industriearbeiter mitsprechen und aus diesem Gesichtspunkte heraus wird man es begreiflich finden, wenn die deutschen Werke sich bemühen, englische Arbeiter zur Verbesserung ihrer Loustruktioneu heranzuziehen. Es wäre allerdings erfreulicher, wenn wir derartige Ergänzungen vom
Auslande nicht notig hätten und ffelbst eine bessere mechanische Ausbildung unserer Arbeiterschaft erzielen könnten.
Befichtigungsreise hessischer Landwirte nach dem An- siedlungsgebiet in Posen.
Lllljährlich, wenn die Aussaat beendet ist, sammeln sich in bent Westen und Süden Deutschlands viele Landwirte, um das Ansiedelungsgebiet in Pofen zu bereisen und gegebenen Falles sich eine bessere Existenz zu verschaffen. 22 Landwirte sanden sich am Morgen des 22. Mai in Cassel ein, um unter Führung des Vertrauensmanns der Königs. Ansiedelungskommission, Schaum- burg, die Fahrt nach «dem Osten anzutreten. Man gelangte abends 1 ;12 Ufrr in der Haupt sadt Posen an. Dort standen Wagen bereit, welche die Reiseaesellschaft nach dem Gute Sola^ brachten, wo die erste Nachth:rberge bezogen wurde. Am anderen Morgen wurden zunächst die Ansiedelungen im Streife Posen-Ost besichtigt, und zwar ^chönhcrrenhausen. wo in diesem Frühjahr drei Familien aus der Provinz Hessen-Nassau übergesiedelt sind, ferner Piontkowo, wo sich mehrer? Familien aus Bayern seßhaft machen wollen. Tie bereits eingetrofsenen Ansiedler aus Hessen und Bayern waren mit dem Aufbau ihrer Gehöfte beschäftigt. Alsdann wurde das bereits völlig besiedelte Dorf MoraSkow besichtigt. Luch hier haben sich einige Hessen seßhaft gemacht. Auch auf dem staatlichen Gute Seehof traf man einen Landsmann an, Herrn Schmidt von Guntershauscn, welcher vor einigen Wochen nach dort übergesiedelt war. Es sind bereits etwa 20 Ansiedler zugezogen. Schmidt hat 100 Morgen gekauft. Die Ucbrigen sind Pommern und deutsche Rückwanderer aus Rußland. 6—7 Stellen in Größe von 50—80 Morgen sind noch zu vergeben. Tie staatlichen Güter Seedorf, Kunau und Viktorsau, welche durchgängig vorzüglichen Boden besitzen, sollen im nächsten Jahre zur Verteilung gelangen. Von Lobsens aus wurde das Gut Wolsshagen besichtigt, welches« in der Besiedelung begriffen ist. Auch in Wolsshagen sind die Bodenverhältnisse sehr günstig. Mehrere der Reiseteilnehmer gaben ihre Absicht kund, sich dauernd in Wolfshagen niederzulassen. Von Wolsshagen ging die Fahrt nach der Stadt Wirsitz. Dort haben sich tm vorigen Jahre vier Hessen angesiedelt. Am anderen Tage wurden die Ansiedelungsgüter Schlieperhof und Erlau besichtigt. Besonders war es das Gut Erlau, welches wegen seines außerordentlich guten Bodens das Erstaunen aller Reiseteilnehmer heroorrief. Dazu kommt noch die eminent günstige Lage. Die Gemarkung von Erlau grenzt an die annähernd 10 000 Einwohner zählende Stadt Rakel, und diese Stadt liegt wiederum nur 20 Kilometer entfernt von der Stadt Brombcrg, welche starke Garnison besitzt. Dann wurde die Weiterfahrl nach der 10 000 Georgen großen Herrschaft Lindenwald angetreten. Dieses Riesengut, welches unter der Verwaltung des Barons von Grote steht, ist eine Musterwirtschaft ersten Ranges. Lindenwald soll, womöglich ganz, für die Besiedelung durch Hessen reserviert werden. Bawn von Grote geleitete die Reisegesellschaft durch die ausgedehnten Felder, die einen wahrhaft herzerquickenden Anblick gewährten. Mustergültig waren vor Allem auch die Stallungen, ^welche annähernd 1000 Stück Rindvieh und weit über 1000 Schafe bargen. Rach der Besichtigung von Lindenwald trennten sich die Reisegenossen. Tie ans dem Kreise Hofgeismar stammenden Herren reisten nach dem Kreise Hohenscllza, um dortige Landsleute zu besuchen. Tie aus Waldeck stammenden Ansiedler besichtigten das Gut Popielewo bei Gnesen, während der Rest nach der Heimat zurückkehrte.
Auch die diesmalige Besichtigungsreise hat bei allen Teil
nehmern die angenehmsten Eindrücke Dpn der Provinz Posen hervorgerufen und dazu geführt, daß die Dcehrzatzl der Reisegesellschaft die Uebersiedelung nach Posen ernsthaft inS Augo faßt. Es soll in allernächster Zeft eine nochmalige Besichtigungsreise nach Posen stattfinden. Bei genügender Beteiligung soll die Reise noch vor der Heuernte, und außerdem nach der Heuernte angetreten werden. Landwirte, welch? sich lictciligcn wollen, müssen sich bei dem Vertrauensmann der Königs. Aniredelungs- kommission, W. Schaumburg. Cassel, striedenstrafe 11, melden.
Lon dcr Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft.
Dem Gcschäilsbericht der Deutschen Landwirlschafts-GcseUschast für 1906 entnehmen roir folgendes:
Mitglieder hatte die Gesellschaft 16695, Einnahmen 1434765 Mk., Ausgaben 1 205 000 Mk.
Rur drei Jahresabschlüsse ergaben einen höheren UebctfdiuB, die Rücklage ist damit auf fast 21/. Millionen Mk. angewachsen. Ter diesmalige Erfolg der Jahresrechnnng war veranlaßt durch den guten Abschluß der Berliner Ausstellung, welcher einen lieber» schuß von 26 589.14 Mk. brachte, wahrend der jährliche Durch- schnillsverlnst dieser Ausstellungen rund 70 090 Mk. beträgt. Veröffentlicht hat die D. L.-G. neben Jahrbuch und Wochenschrift zehn Werke ihrer „Arbeiten" und vier Buchberichte der ausländischen landwirlschaitliehen Sachverständigen. Kostenlos verteilt sind ms- geiamt im Jahre 1906 rund 1027 000 Druckschriften. Die Rörpcr- «chasten innerhalb der D. L.-G. haben utsgesamt 115 Sitzungen abgehaUen.
Zn Ehren der silbernen Hochzeit des KaiseroaareS beschloß die Gesellschaft eine Stiftung zu machen in der Höhe von 50 000 Alk. unter dem Namen „Wilhelm-Augnsta-Viktoria-Stiitling". Der Ertrag des Kapitals bildet zusammen mit den Zinsen der Schultz- Lupitz-Stiftung die Hauptemnahme der Beamtenhnlfskaste.
Tüngung-sversiiche fanben wieder in sehr großer Zahl in allen Teilen des Reiches statt, Hochzuchtregister und Saatenanerkennung wurden in wieder erhöhter Zahl in Anspruch genommen. Reu- auigenomnien wurden Feldbewässerungsoerjuche, die auf die Dauer von 10 Jahren berechnet sind. Die Betriebsabteilung setzt die begonnenen Betriebsnmsragen, über die bereits fünf Werke veröffentlicht sind, fort; die Buchstelle führte die Bücher für 170 Güter.
Der Sonderausschuß für Absatz brachte den Plan zur Reife, eine für das Ausland bestimmte Beschreibung der deutschen Tier- rassen, welche für Ausfuhr in Betracht kommen, zu veröffentlichen. Ties Werk wird eine mit Abbildungen versehene Uebersicht über die wichtigsten deutschen Tierrassen geben. Kostenlose Auskünfte wurden 3651 erteilt; gebührenpsi'.chlige in Geräte- und Bausachen ebenfalls in größerer Zahl. Für besondere Fragen und Ausgaben bestehen gegenwärtig 33 Sonderausschüsse. Die Umsätze der Saatstelle betrugen rund 1 268 100 Mk., dte der Futterstelle 1994 000 Alk., diejenigen der Tüngerstelle 3 747 000 Mk.
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Deutsche Landwirtschafts-Ausstellung 1907.
Nachdruck verboten. L
Düsseldorf, 6. Juni 1907.
Es dürften weniger die schönen Augen der Düsselstadt, als ihr durch die vielen Erfolge der Vorjahre befestigter Ruf als Ausstellungsplatz ersten Ranges, es gewesen sein, welche die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft — schlechtweg D. L.-G. genannt — mit veranlaßt haben, in ihren Mauern die große diesjährige Wanderausstellung abzuhalten, die heute ihre Pforten den Massen der Besucher öffnete. Es muß für die große Organisation unserer deutschen Landwirte, die 1884 durch den jüngst verstorbenen genialen Max Eyth gegründet, damals rund 200 Mitglieder hatte und heute deren nicht weniger als 16 000 zählt, ein eigener Reiz sein, nach langen Jahren den Platz ihres jährlichen Rückblickes einmal wieder mitten im bevölkertsten Industriegebiet des ganzen Reiches zu haben, sozusagen mitten im feindlichen Lager das imposante Bild des in arbeitsamen Aconaten Erreichten entfalten zu können. — Und ob dem, was ich heute auf dem ersten Rundgang über das ungeheure ca. 300 000 Quadratmeter umfassende Ausstellungsfeld sah, kann ich es sogar verstehen, wenn die dicsj ihrige Schau hinsichtlich des Eindruckes, den sic auf die tausenden und abermals tausenden Großstädter machen muß, die besonders Befriedigung der Veranstalter bilden wird. Heute schon pilgerten die Stadter, trotz des sehr erheblichen Eintrittsgeldes des ersten Tages, in Hellen ^schären hinaus, so stark, daß stellenweise schon eine bedenkliche Enge sich zeigte. Und die Augen, die ich allenthalben sah, sie sprechen Bände! — Es ist leider wahr, wir sind in dem Kampf um die Vorherrschaft dcr Rationen fast auf ein rein gewerblich- ftwustrielles Gebiet geraten, auf welchem wir mit allen Kräften und Mitteln um die fsthrcitde Rolle kämpfen und die weitesten Kreise unseres Volkes, sofern sie nicht in direkter Verbindung mit der Laitüwirtschaft stehen, sind gar zu leicht geneigt, sie und ihre Leistungen über die Schultern anzuschen, ihre Bedeutung sehr gering zu achten. Wir hören von industriellen Ruhmestaten viel, mir sind stolz auf unsere großen Organisationen, haben den Stahlwerksverband, das Kvhlensyndikat, die großen Verbände auf allen Gebieten sehr oft im Munde, — wer der Großstädter aber weiß etwas von der Existenz der T. L.-G? Er kennt bestenfalls vom Zirkus Busch her die streitbare Organisation, den Bund der.Landwirte. Aber das Wirken der Land- Lüttschafts-Gesellschast, dis-Macht, die diese besitzt, durch das geschlossene Band, welches sie einigend um die landwirtschaftlichen Betriebe unseres Vaterlandes zieht, wohltätig auf das gesamte Wirtschaftsleben der Nation einzuwirken, sind ihnr böhmische Dörfer. — Es gibt kein besseres Mittel hunderttansende jährlich davon zu überzeugen, daß eine Höchentwickelre Landwirtschaft immer einen ersten Faktor in der Volkswirtschaft bildet, immer das beste SicherheitsventU einer Nation gegen wirtschaftliche Rückschläge ist, als eine große Schau über das Geleistete. Und wie sind diese Ausstellungen der D. L.-G. organisiert! Man btpucht nur einen flüchtigen Rundgang zu machen, um den Eindruck zu gewinnen, daß auch nicht ein Geringes vorhanden ist, was nicht auf Grund jahrelanger Erfahrungen — ist die hiesige doch die 21. Wanderschau — aufgebaut ist, nichts, was nicht in irgend einer Beziehung mit der Sache selbst in Verbindung stände. Vergnügungen, die leider bei fast allen anderen Ausstellungen von der Beigabe zur Hauptsache, zum „Clou" werden, haben innerhalb dcr Ausstellung keinen Platz. Hier ist ein Feld ernster Arbeit, weiter nichts. Und das ist das Kostbarste, Erauickendste an diesen großzügigen Veranstaltungen der T. L.-G. Darin sollten das Gewerbe und die Industrie es versuchen, der Landwirtschaft gleich zu tun.
Was müßte da erreicht werden! Wenn wir es einmal dahin bringen -könnten, in unseren Tagen, wo die Zeiten der Weltausstellungen doch endgültig als hinter uns liegend betrachtet werden müssen, Gewerbe und Jndufttne so zu einigen, wie wir cs alljährlich bei der Landwirtschaft in ihren Wanderveranstaltungen sehen, sei es innerhalb engbegrenzter Produklionsgebiete, sei cs durch Zusammenschließung verwandter und vonemandcr abhängiger Erwerbszweigc des ganzen Landes. Wenn wir im friedlichen Wctllampfc in bestimmten Zwischenräumen auch auf gewerblich-industriellen Gebieten engbegrenzre Spezial-Veranstaltungen erzielen könnten, Schan zu halten vermöchten über das in rastloser Arbeit Erreichte, was wäre da zu lernen für uns alle! Freilich gehört großer Opsersinn, noch mehr aber Einigkeit und Hintansetzung aller kleinlichen Konkurrenzfurcht und Geheimnistuerei dazu. Doch nun zur Ausstellung selbst. <rie ist am nordöstlichen Ende der Stadt, dicht hinter dem Zoologischen Garten gelegen und bequem zu erreichen. Die neuangelegtc Brchmstraße, innerhalb des Gellutdes Thaerstraße benannt, trennt das Ganze in übersichtliche Hälften. Zur linken Hand haben wir die Viehzucht und^Verwandtes, rechts die Geräte- und Maschinenhallen und Stände, wie ferner auch die Bauten für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Tie stark 7000 Nummern umfassende Geräte- und Maschinenausstellung ist die lebendigste Demonstration dessen, daß auch bei uns die Landwirtschaft immer mehr industriellen Charakter annimmt, int Kampfe mit der Industrie selbst deren Züge angenommen hat. Wie lange noch und wir denken an die Poesie reichen Tage des Ackermannes, der hinter dem Pflug selbst in mühseliger Arbeit die Furchen zog, als an etwas Vergangenes. Es gehört eben zu den ersten Le- bensbedingungen der landwirtschaftlichen Betriebe, billig arbeiten zu können. Und wo heute bei dem Hochstande der Industrie die menschliche Kraft mehr denn je dem Lmtoe entzogen wird, muß der Landwirt immer mehr sein Auge auf Vervollkommnung der maschinellen Hilfe werfen. Was denn da heute schon geleistet wird, kann nicht besser veranschaulicht werden, als durch das, was hier in Düsseldorf auf einer Fläche von über 50 000 Quadratmetern untergebracht ift. Es .dürfte keine landw. Maschine und auch wohl fein Gerät geben, welches hier nicht vertreten wäre. Sämtliche Einrichtungen zur Bodenbearbeitung, Drill-, Düng- und besonders die Erntemaschinen sind in hunderten von Exemplaren vertreten. Für den Laien Don besonderem Reiz sind d:e großen Tampfpflügc. bei denen ich zunächst 'bem leider nicht deutschen, aber Weltruf besitzenden Namen Fowler begegnete und zwar auf mehreren Kolossen. Daß die deutsche Industrie nicht die Hände im Schoße hatte, sondern voll und ganz neben diesem und anderen Auslandswerken bestehen kann, kann nicht glänzettder bewiesen werden, als durch die geradezu grandiosen Aufbietungen der Firmen Hencke, Keuma und Ventzkv. Mir fiel u. a. besonders ein Lechsfnrchen-Pflng, ein ziemliches Ungeheuer in die Augen. Das bedeutendste Interesse und zwar auch beim Laienpublikum wird zweifelsohne ein elektrischer Pflug, eine Neuheit, finden. In der tlugen Erkenntnis, dem konservativen Landmann das Neue nur durch die Praxis vorführen zu können, stellt die Erbauerin den Pflug in vollem Betrieb vor. Auf einem unmittelbar an die Ausstellung anschließenden Gelände zieht der Pflug in mächtiger Arbeit seine Furchen, unmittelbar verbunden mit dem schweren Motorwagen, wahreitd eine stationäre Lokomobile die erforderliche Kraft erzeugt. Auf unserem weiten Ruttdgange begegnen wir mächtigen, Bahnhofshallen gleichenden Feldscheunen, einer Reihe auserlesener Stallmodelle und Musterstallungen, letztere so apart in der Einrichtung, daß manche menschliche Behausung daneben einer Höhle zu vergleichen ist. Einen großen Platz beanspruchen die wohl bis zu 15—20 Meter Höhe gehenden Trockenanlagen für Kartoffeln und dergleichen; geschmackooll ist ein klcinLr bre Heiliger Batt, der Mwl-Gmmo als Inhalt hat
nnd pompös, ganz dem Geldbeutel entsprechend, tritt das Kali- Syndikat in einem mächtigen, griechischen Tempel auf, graphisch und an praktischen Beispielen die Wirtungen der Kali-, salze demonstrierend. Alle denkbaren Sorten Koniferen, Blumen in den prächtigsten Bluten und, last not least für den Landwirt das Wichtigste, alle Gerreideiorten und Gemüftarten in herrlichsten Exemplaren vor Augen führend. Daß dabei das Gegenstück, die ohne Kali-Düngung gezogenen^ sich schwindsüchtig zeigenden Pflanzen nicht fehlen, ift selbstverständlich. Die bekannte?Nagdc- burger Lokomobilfirma Wolf zeigt einen mächtigen Wassersalll im Betrieb. Lanz-Mannheim ist ebenfalls glänzend venreten. Weiter sehen wir eine Anzahl Feldbahnen im Betrieb, als deren Aussteller ich den Bochumer Verein und die bekannte Firma Koppel verzeichnet fittde. Einen attch nur einigermaßen umfassenden Ueberolick über das Gebotene zu geben, ist in dem engen Rahmen dieser Berichte nicht möglich, nur erwähnen will ich noch, daß naturgemäß die sächsisch-hannoverschen Gebiete, der Schwerpunkt unserer Landwirtschaft, am ehrenvollsten ab- schneiden, indes auch die rheinisch-westfälischen Bezirke sich äußerst angestrengt haben.
Von besonderem Interesse für den Landwirt sind natur-, gemäß die Neuheften, die denn auch die Ausstellungsleftting all- lährlich in einer besonderen Halle unterbringen und vor Qh> Öffnung der Ausstellung, soweit dies möglich ist, von einem: Richterkollegium auf die praktische Verwend bar leit hin prüfen läßt. Ich fand ca. 30 Geräte, die als „neu" zur Vorprüfung angemeldet waren, darunter etwa 20 milchwirtschaftliche. Unter dielen nimmt wiederum die wichtigste Maschine, die Entrah-, mungsmaschine, den größten Umfang ein. Vorwiegend sind Zentrifugen mft hängender Schlcudertrommel vertreten, mit neuen Vorrichtungen zur Führung der freihängenden Trommelachse, zum Befeltigen des losen Bodens re. Ferner traf ich zwei Berieselungs-Milcherhitzer an, welche ohne Anwendung eines Rührwerkes und ohne Gefahr des Anbrennens der Milch arbeiten. Ein runder Milchkittiler ist, um seine Widerstands,ähigkeit zu erhöhen und Kühlverluste zu vermeiden, mit einem inneren Betonmantel versehen. Daß der Frage der Untergrundlockerung in immer weiteren Kreisen der Landwirte Bedeutung zugemessen wird, zeigen die Pftuge, welche vorwiegend Neuerungen für die 'Tiefkultur au sw eisen. Ter Hellersche Tiefpflug, der, während er mit einem Streichbrett die obere Bodenschicht wendet, die untere seitlich verschiebt, ist mit Veränderungen aufgestellt. Tas Bippartsche Untergrundschar wird als bewegliches Schar an einem Zweischarpflug vorgeführt. Wesentliche Aoweichttngen von den allgemein gebräuchlichen Tüngstreumaschinen zeigt ein neuer Apparat von Hölterhofs-Minden i. W. Unter den Drillmaschinen dürste u. a. diejenige dcr Maschinenfabrik Hennef interessieren, da hierbei die Aussaatmengc weder durch Verschieben der Säewelle, noch durch Wechselräder, sondern durch verschiedene Geschwindigkeiten von festen unveränderlichen Sac- zellen erreicht wird. Eine Maschine weist als Neuheft auf, daß "ber Tiefgang aller Schare ein gleicher ist, auch wenn die Scharhebelachse stärker gehoben ober gesenkt wird. Von der Firma Laaß u. Co. iit eine Unwersal-Karwffel-Pflanzlochmaschine zur Stelle, welche mit dem Gerät lockere Erddämme und gleichzeitig in diesen Dämmen Pflanzgruben zur Ausnahme der Kartoffeln herstellt.
A hyllthall hat zwei eigenartige amerikanische Gerate, einen seitwärts ablegenden Rechen und einen Schwadenwender gebracht. Zwei österreicyische Sinnen sind mit Rübenhebern und einer Rübenkopfmaschine vertreten..
Ich habe absichtlich diese Neuheften näher gestreift, da sie für die Landwirte unter den Lesern dieser Zeilen von besonderem Interesse sein dürften. — Nachdem heute das Richten dcr Tiere zu Ende gcsührt sein wftd, soll mein nächster Brief zunächst der Viehzucht gelten.


