Ausgabe 
8.8.1907 Zweites Blatt
 
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Gemeinden nach wie vor warmes Interesse hierfür zeigen. Indirekt berührt unseren Bezirk die neuerdings genehmigte Bahn Lick Grün berg als Fortsetzung der Linie ButzbachLich. Nachdem die beteiligten Gemeinden an der projektierten Strecke Büdingen pan au sich bereit erklärt haben, das erforderliche Gelände zu stellen und die gesetzlichen Beiträge zu leisten, dürfte dieses Projekt auch als gesichert erscheinen.

Unverändert liegen noch die früheren Bahnprojekte Butzbach Wetzlar; Butzbach Usingen-Idstein; Schotten-Ulrichstein- Alsfeld. Im vorgeschrittenen Stadium befinden sich die Projekte ÖomburgVilbel; Gießen Laubach; und gesichert erscheint die elektrische Bahn HomburgEschbachHeddernheimFrankfurt. Eine elektrische Bahn FrankfurtVilbel ist gleichfalls projektiert.

Wenn wir. auch für das uns enlgegengebrachte Entgegen­kommen der König!. Eisenbahndirektion Frunlsurt a. M. an dieser Stelle danken können, so müssen wir doch andererseits wiederholt dringend itnt Einführung des direkten Verkehrs Mücke---Laubach Friedberg; SchottenNiddaFriedberg; LauterbachStockheim- Vilbel u. um größere Berücksichtigung unscrerFahrplanwünsche bitten.

Ganz energisch müssen wir V e r w a h r u n g gegen die spezielle Schädigung unseres Bezirks einlegen, die uns durch den neuen Sommerfahrplan erwächst, der von 18 Schnellzügen auf der Strecke Frankfurt Gießen nur zwei ohne Erhöhung läßt. Unsere Nachbarbezirke sind bei dem Sommerfahrplan in dieser Hinsicht wesentlich günstiger bedacht. Die einzigen ohne Belastung belassenen Eilzüge haben für unseren Bezirk gar keinen Wert.

Der pr-ojeklierte Aiisbaii des zweileii Geleises auf der Linie Friedberg-Haiiau ivird endlich die schon seit Jahren gewünschte Beschleunigung mid VerinehriUig der Züge nut dieser frequenten Strecke bringen mid die seitherigen meist inangelhaften Anschlüsse in Haiiau bessern. Bestiunnt verlautet, daß ailch auf der Strecke FriedbergHomberg das zweite Geleise demnächst gelegt wird. Tie Wichtigkeit dieser Strecke hat sich evident bei einem kürzlich stattgehabten Unglücksfall auf der MainWeserbahn gezeigt und ivird sich die Bedeutung dieser Strecke noch niehr durch den dem- ii d cf) ft eit Durchgangsverkehr WiesbadenRödelheimHomburg Bad-Nauheim erhöhen.

vermLsctztss.

* Wettbewerb im Torpedo bootsbau. Viele Jahre lang hat die Schichau-Werft in Elbing das Monopol im Bau von Torpedobooten für die deutsche Marine gehabt. Von 1885 bis 1900 hat nur einmal die Gerrnaniawerft in Kiel zwei Torpedoboote gebaut,G 88" undG 89". In den 15 Jahren hat &ie Schichauwerst über 100 Torpedo­boote für die deutsche Flotte gebaut, sodaß man diese Werft als die Schöpferin der deutschen Torpedobootsflotte be­zeichnen darf. Seit dem Flottengesetz von 1900 hat das Reichsmarineamt die Germaniawerst ebenfalls zum Bau von Torpedobooten herangezogen, und in diesem Jahre trat als dritte der Torpedoboote bauenden Werften die Vulkan­werft bei Stettin hinzu. Die Verteilung der Bauaufträge auf drei verschiedene Werften geschah, um im Wettbewerb den Versuch zu machen, die Leistungsfähigkeit der Boote auf eine noch höhere Stufe zu bringen, in der durchaus rich­tigen Erwägung, daß jedes der konkurrierenden Schisfbau- etablissements sein Bestes leisten wird. Wie großes Gewicht auf eine Steigerung der Maschinenkraft gelegt wird, ergibt ein Vergleich der kontraktlich ausbedungenen Leistungen für die in den drei letzten Jahren vergebenen Bootsserien. Es sollten erzielen:G 132" bisG 136" 6500 Pferde­stärken,S 138" bisS 149" 9000 Pferdestärken undV 150" bisV 161" 10 500 Pferdestärken. Ob es ohne einen Wettbewerb möglich gewesen wäre, die Maschineukraft in diesem Umfange zu steigern, ist sehr fraglich; wahrscheinlich ist es nicht. Die Probefahrten und der praktische Dienst werden sehr bald ergeben, ob die Germania^ und die Vulkan- Boote mit den Schichau-Booten konlurriereu können, auch

in der Seetüchtigkeit. Die guten Resultate beider Werften auf dem Gebiete der Linienschiffs- und Kpeuzerbauten lassen das erwarten. Bewährt sich der Versuch, dann wird das Reichsmarineamt sicher auch in Zukunft an der Heranziehung verschiedener Werften für den Torpedobootsbau sesthalten, um so in dauerndem Wettbewerb der größten Privatwerften zu immer besseren Leistungen zu kommen.

* Der Rekord der Schwalbe. Ein Antwerpener Geflügelzüchter hat soeben ein interessantes Experiment gemacht, das die erstaunliche Geschwindigkeit der Schwalbe seststellte. Er hatte eine Schwalbe gefangen, die unter dem Dach seines Hauses nistete, und gab sie einem Manne mit, der eine Anzahl Brieftauben zu einem Wettflug von Com- viögne nach Antwerpen brachte. Die Schwalbe wurde in dem erstgenannten Ort mit den Brieftauben zugleich um 7i/4 Uhr aufgelassen und schlug sofort die Richtung nach Norden ein, während die Brieftauben erst noch eine Anzahl Bogen beschrieben, ehe sie ihre Richtung fanden. Bereits 8 Uhr 23 Minuten war die Schwalbe wieder in ihrem Nest in Antwerpen, während die ersten Tauben erst gegen lli/2 Uhr eintrafen. Tie Schwalbe hatte also die 235 Kilometer in einer Stunde 8 Minuten zurückgelegt, d. h. sie war mit der kolossalen Geschwindigkeit von 3355 Metern in der Minute oder 201 Kilometer in der Stunde ge­flogen.

* P ä pft Pius X. gegen das Duell. Der Kardinal Staatssekretär Aterry del Val hat an den Präsidenten der spanischen Antiduelliga, Baron d'Mbi, nachstehendes Schreiben gerichtet:Hochverehrter Herr! Durch Ihr wertes Schreiben, habe ich die eben,o wichtige als trostreiche Kunde erhalten von dem Kampfe, den Sie unternommen, damit aus der menschlichen Gesellschaft hie zivilisationswidrige Schmach des Duells ver> schwinde. Und, iwch mehr, habe ich aus diesem Schreiben Nach­richt erhalten von dem hochvcrdienstlichen Bunde wider jenen barbarischen Brauch. Getrieben von dem Wunsche, auch dem Heiligen Vater den Trost zu verschaffen, den mir diese Nach­richten gewähren, habe ich ihm sogleich mitgeteilt, welchen Eifer Sie in dem edlen Werke entfalten und ich freue mich, nun Ihnen Mitzuteilen, daß ich mich nicht getäuscht habe in der Voraussicht, Seine Heiligkeit werde Ihr hochherziges Vorgehen, verehrtester Herr, auf das nachdrücklichste anertennen. Es scheint dem Heiligen Vater, daß jener beschämende Ueberrest der unglücklichen Zeit, wo das ftärlste Recht jenes dec Gewalt war, allzusehr in Widerspruch stehe mit der vielgerühmten Zivilisation unserer Zeit. Will die Gesellschaft wirklich und nicht nur scheinbar be­weisen, daß sie den gesunden Fortschritt, das heißt das Fort­schreiten iauf dem Pfade der Tugend und Gerechtigkeit liebt, so darf sie nicht mehr erlauben, daß es als Ehre gelte, so viele Jahrhunderte znrückzuschreiten und die unvernünftige Einrichtung des Zweikampfes hochzuhalten. Seine Heiligkeit spendet Ihnen reiches Lob für den hohen Mut, den Sie bei Ihrem edlen Werke beweisen und wünscht Ihnen aufs wärmste glücklichen Erfolg. Diesen Wünschen schließe auch ich mich von ganzem Herzen an, indem ich mich in aufrichtigster Achtung zeichne Euer Hochwohlge­boren dienstwillig ergebenster Kardinal Merry del Val."

* Die Unsitte, Hunde zu küssen, hat sich bei einer Frau in Hirsch berg t. Schl, schwer gerächt. Seit etwa einem halben Jahre verspürte sie einen zunehmenden Schmerz im Leibe, bis sie sich an einen Arzt wandte, der ihr nach längerer Behand­lung mitteilte, daß der Körper und sogar der Magen stark mit Hundewürmern durchsetzt sei. 9lun liegt die Frau schwer krank danieder; es ist fraglich, ob sie jemals wieder genesen wird.

Die a n g c 5 0 g e n eN Göttin. Am sogen. Paradies in Jena steht eine Göttin, die wegen ihrer Nacktheit schon vielfache Anfeindungen hat ertragen müssen. Unlängst an einem Morgen fand man die Göttin nun mit Strohhut, Leibchen, Bluse, Regen­schirm u. s. w. ausgestattet und entdeckte noch folgende Widmung, die sicher einigen Mujensöhnen zuzuschreiben ist:

Der Stadtrat hat mich hergestellt, 91un stand ich nackt vor aller Welt Und mußt entsetzlich frieren. Drei Freunde fühlten meine Pein, Siekauften" Sachen schmuck und fein, Um mich damit zu zieren.

Und raubt' der Stadtrat mir mein Kleid, So stürbe ich vor Herzeleid, Ich stürzt' mich in die Saale, Begraben wär' der Damen Neid, Es hörte aus der Zeitungsstreit, Ruh' wär mit einem Riale."

24. Deutscher Ätadsahrer-Bundestagl^

S. u. H. Stettin, 3. Aug.

Hier trat heute der Deutsche Radfahrerbund zu seiner 24. Tagung zusammen, die unter dem Protektorat des Kron­prinzen Friedrich Wilhelm steht. Schon gestern fanden Sitzungen des Bundesvorstandes und des Sportausschusses statt.

Heute erfolgte die Uebergabe des Bundesbanners an die Stadt, in deren Namen Bürgermeister Roth die Radfahrer will­kommen hieß. Darauf wurde in derBürgerlichen Ressource" der Bundestag vom Vorsitzenden Boeckling-Essen eröffnet. Es sind 130 stimmberechtigte Abgeordnete anwesend, die 40 Gaue vertreten. Auch Oesterreich-Schlesien, Triest, Steiermark und andere österreichische Gebietsteile haben Vertreter entsandt. Ter Vorsitzende wies daraufhin, daß der deutsche Radfahrer­bund auch im vergangenen Jahre erfteuliche Fortschritte ge­macht. habe. Tas Märchen vom Niedergange des Radfahrsports sei ein Märchen geblieben. Als Werbemittel ersten Ranges erwies sich die seit dem 1. Januar 1907 eingeführte obligat. Unfallversicherung. Tie Mitgliederzahl ist auf 43 598 gestiegen. Tas Vermögen des Bundes beträgt 41 607.32 Mk. Aus Anlaß der Einführung der Gepäcktarifreform wurde gefordert: Ein­fachere Äbsertigung der Fahrräder; Ermäßigung der Beförde­rungsgebühr auft kurzen Strecken von 50 auf höchstens 25 Pfg.; Freigabe aller Schnell- und v-Züge für die Beförderung; Auf­hebung des Zwanges, das Fahrrad selbst zum Packwagen zu bringen und umzuladen; Belassung des Gepäcks am Rade usw. Von den Eisenbahnverwaltungen ist Wohlwollen zugesagt worden: Nach dem Bericht des Zahlmeisters stand im letzten Jahre einer Ausgabe von 200 000 Mk. eine Einnahme von 211 000 Mk. gegenüber. Wie aus dem Bericht des Sportausschusses hervorgeht, sind Dauerfahrten zum Bundesfest, Mannschafts­fahren und Zeitfahren auf Landstraßen immer mehr üblich geworden. Kunst-, Reigen- und Korsofahren standen in Blüte; ebenso das Radballspiel. Auch das Kraftfahrwesen hat sich im; Nadsahrerbunde entwickelt.

Rechtsschutz wurde von den Bundesmitgliedern vielfach in Anspruch genommen. Die Führung von Zivilprozessen auf Kosten des Bundes wurde prinzipiell abgelehnt. Viel Unge­legenheiten bereitete die Frage der Radfahrerkarte. Tie Un­gerechtigkeit der Radfahrerkarte mußte aus der einheitlichen Polizeiverordnung beseitigt werden. Aus dem Rechenschafts­bericht geht weiter hervor, daß der deutsche Nadfahrerbund sich auch an den olympischen Spielen beteiligte. Der Etatsentwurf für 1908 balanziert mit 166 815 Mk.

Es wurde beschlossen, daß der Bund sich in Zukunft an Fach- und Sportausftelluiigen beteiligen soll. Zur Beschaffung des Ausstellmigsmaterials wurden 3000 Mk. bewilligt;

An den Hauptfahrstraßen des Bundesgebietes sollen im Laufe der nächsten Jahre Wegweiser aufgestellt werden. Die Frage der E i n z e l f a h r e r, die seit langem in der Schwebe ist, wurde durch einen Antrag in die Debatte gezogen, der vom Berliner Bie.-KlubGermania" gestellt wurde. Dieser Ans trag will folgendes: Jedes Bundesmitglied hat das Recht bei Teilnahme an den Bundes- und Gauversammlungen, sowie an den seitens des Bundes, der Gauverbände und der Bezirke veranstalteten Wander- und Zeitfahrten. Zur Teilnahme an allen sonstigen sportlichen Wettbewerben süid grundsätzlich nur Mitglieder, von Bundesvereinen berechtigt. Die Meldungen hierzu