Erstes Blatt
L57. Jahrgang
Montag 1. Juli 1907
krieg, wie
Wolf ein-»'
Nr. 151
Erscheint täglich
außer Sonntag-.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Familienblätter viermal in d- Woche beigelegt um zweimalwöchentlich das XreiLblatt für den Kreis Gießen. Fernsprech-An- schluß s. d. Redaktion 112 Verlag u. Expedition 51
Gi-K?«."' «otÄioiirdruck und Verlag der vrühl'schen Uuiv.-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei; Zchulstratze r.
Abg. Joutz erklärt sich mit dem Antrck verstanden, man frage auch sonst nicht viel/ wohlerworbenen Rechten. Eine Rücksichtnahme Kammer sei lächerlich. '
Aba. v. Brentano legt Verwahrung dagi durch die sogen. Bauernpartei die Kammer i
nach sogen, auf die Erste
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SieMer Aiyeia c
General-Anzeiger für Oberhessen
auswärts 20 Pssmtg.
Verantwortlich den polit. und auges®. Teil: P. Witiko: für „Stadt und ßanb* und „GerichtSsaalE; Ernst Heß-, für den An- zeigentell: HanS Beck
Zur Limesforschuug.
Zu den Anregungen, welche der Abgeordnete Steindl in der oÄ9 (iä R-ichSlagz voin 18. April d. Jz. in bezug auf bie l-imesforschung gegeben hat, wird uns nachstehendes mitgeteilt; ««■äs u 1,tcIJ Kösching wird demnächst im Lüneswerke veröffentlicht werden. Auch der Abschnitt des Limes, der sogenannten *',e? 1 s m au e r, von Kipfenberg bis zur Donau, wird, ivenu gel^ngcl?0115*1^1 lC^ er 1 ^^er, im Limeswerke zur Darstellung
I des römischen Gebiets liegen und mit dem Limes nichts zu c tun haben.
- ~ . Was die am Schluffe seiner Rede von dem Abgeordneten Steindl ausgesprochene Bitte wegen der Konservierung der L i m e s t ü r m e in seiner Heimatgegend anlangt, so mag es sein, daß bei der Wiederherstellung der Türme an jenem Abschnitte der Teufelsmauer nicht das beste Material verwendet worden, oder daß die Konservierung nicht sachgemäß ausgeführt ist. Aber selbst die mit allen Mitteln der Technik auf das solideste und sorgfältigste konservierten Reste dieser Art bedürfen, wenn sie nicht den Unbilden der Witterung nach wenigen Jahren zum Opfer fallen sollen, ständigen Schutzes, fortwährender Nachbesserung und regelmäßiger Erneuerung.
Die dauernde Ueberwachung der Ueberreste des Limes kann die Limeskommission indes nicht ausüben, denn sie ist keine dauernde Einrichtung, nnb es fehlen ihr die für eine solche Aufgabe notwendigen Organe und Mittel. Die Erhaltung der von ihr ailsgegrabeneli Reste ist vielmehr Ausgabe der einzelnen Landes- regierungen und Provinzen, der totalen Behörden oder Vereine. Es laßt |id) daher annehmen, daß die Bayerische Regierung für die Erhaltung der Wachttürme enizutreten bereit sein wird, und es wird vermutlich nur einer Anregung an zuständiger Stelle in Bayern bedürfen, um die von dem Abgeordneten Steindl gewiß nut Recht in Anregung gebrachte Wiederherstellung der Limes- turme in seiner engeren Heunat in die Wege zu letten.
Abg. Molthan wendet sich gegen die Ausführungen des Abg. David, der ihm den Vorwurf des Rückzuo^b gemacht hatte. Erwünscht wäre ihm eine Erklärung, der Regierung bezüglich der Ablösung der früheren Rechte.
Abg. Bähr, der schon gestern in Rücksicht auf den heutigen Provinziallandtag in Gießen gegen die heutige Satzung der Kammer protestiert hat, bezeichnet es als eine von den Anwälten verschuldete Vergewaltigung!, daß Gießener Provinziallandtagsmitglieder heute hier in Darmstadt itzen müßten.
^gegen ist auf Reichskosten nicht unter- da es auf dein südlichen User der Donau liegt, die Q>'«z=aif ">CL des Arbeitsgebiets der Limeskommission gilt
®te* konnte um so eher unterbleiben, als die von dem Dom- kapltular Schreiner und den Lehrern Sellmeier und Schadenfroh daselb,l unternommenen Ausgrabungen unter Leitung des Generals Popp ortgesetzt und zu einem gewissen Abschlüsse gebracht warben [mb. lieber das Ergebnis hat General Popp in den Verhandlungen des histonschen Vereins für Riederbayern vorläufig berichtet ^"^ausführliche Veröffentlichung des Kastells in Aussicht Stellt. Wenn nun auch General Popp inzwischen verstorben ist, » w^den, daß die Königliche Akademie
tu München für bie Vollendung der Publikation und für die etwa notwendigen Arbeiten rn Eming auch fernerhin Sorge tragen wird. <n . - Aucy bie von dem Abgeordneten Steindl erwähnten großen ?eJe lNg" n ge n zwischen Hienheim und Kelheim Umäurff ^'westommlipon beschostigt, es ist mdeffen von einLr! Un.erwchung biefec Walle abgesehen worden, weil sie außerhalb
Bei Fortsetzung der Beratung des'
Jagdgesetz-Entwurfs
spricht Abg. Breimer über die Beratung des Art. 17, wobei er erklärt, daß ihm die gestrigen Ausführungen des Abg. Wolf sehr sympathisch seien. Er bitte aber doch, den Art. 17 nicht zu streichen, würde es jedoch für sehr erwünscht halten,^ wenn die Minimalgrenze des Flächengchalts von 75 auf 150 Hektar festgesetzt würde.
Abg. Bähr ergeht sich nun in langen, weitschweifigen Ausführungen über das Jagdwesen in Hessen. Er hat ich unter Heiterkeit des Hauses eine große Karaffe mit Wasser auf seinen Tisch stellen lassen. Redner liest aus den vor ihm liegenden Aktenstößen längere Abschnitte vor und bemüht sich u. a., nachzuweisen, daß das gestern vom Regierungstisch aus erwähnte Jagdgesetz vom Jahre
y-all zu fern.
Die Ko n fe renz im H aag steckt, wenn man so sagen darf, beiläufig noch in den Kinderschuhen. Am meisten Eindruck hat bisher der Antrag unstrcs Haupt-Vertreters, des Botschafters Frhrn. v. Marschall) auf Bildung eines internationalen Oberprisengerichts, gemacht. Nebenher drängt sich den Teilnehmern an der Konferenz wie den Außenstehenden immer mehr die Ueberzeugung auf, daß die Konferenz in allen das See- - recht betreffenden Fragen einen hartnäckigen Opponenten in England finden wird. Namentlich geht die englische Tendenz dahin, unter keinen Umständen Las Seebeuterecht beseitigen zu mfsen. Natürlich aus Gründen der „Humanität", um so einen Krieg rascher m Ende zu führen. Daß dabei auf Deutschland als den nwglichen Gegner exempliziert wird, gehört offenbar zu den Zeichen der Zeit. Einen merkwürdigen japanischen Antrag für die Haager Konferenz kündigt der „Newyork Herold" an. Der lapanyche Vertreter, Herr Susuki, früher Unterstaatssekretär, fer nämlich beauftragt, mit großen Nachdruck darauf zu bestehen, daß das Eroberungsrecht auch alles Privateigentum des eroberten oder annektierten Landes umfassen solle. Rußland und die Ver- einigten Staaten würden dagegen wirken, da Japan offenbar aus diesem Wege sich zum Herrn der Minen und Konzessionen in der Mandschurei und Korea machen wolle. Da derselbe Bericht behauptet, daß Japan und Deutschland auf Ausschließung der .^refle vom Kongreß bestanden hätten, was notorisch falsch ist, wird man wohl auch der ersten Behauptung keinen Glauben u^uren dürfen. Sie ist an sich unwahrscheinlich, da sie einen Ruafchritt^ in oer Entwickelung des Völkerrechtes bedeuten würde.
>-m ^uden Frankreichs führte der Versuch der Winzer, durch ein plötzliches Versagen ihrer staatlichen Pflichten das sihrem Willen zu beugen, wie sich vorhersehen
ließ, nicht zum Ziel. Es zeigte sich zunächst, daß es unmöglich ist, einen Aufruhr ohne Gewalttaten zu bchaupten. Es ist überall Blut geflossen, wenn auch zum Glück fein eigentlicher Bürgerkrieg, wie zeitweilig gefürchtet würd', ausbrach. Auch die Meuterei des 17. Lmienregiments trug mehr einen regionalen Charakter. i Ten Eindruck eines The-atercoups machte aber der Besuch, den Marcellin Albert dem Ministerpräsidenten abstattete. ' Clemeneeau soll gescholten, Marcellin geweint haben, schließlich ■ ist der „Rädempteur" durch eine Hintertür und durch den Garten . des Präsidenten ins Freie geführt worden, eine Troschfe hat
ihn zur Eisenbahn geführt, und da der Zug, der ihn nc.ch Süden zurückführen sollte, bereite ab gegangen war, har er in aller Ruhe gefrühstückt, sich en Passant noch interviewen lassen, und ist dann mit dem nächsten Zug abgefahren, während Clemeneeau seine Ministerkolh:gen zusammenrief, um ihnen von seinem Abenteuer zu erzählen. Beide, der Tribun des Südens, und der alte Tribmi auf dem Ministersessel, haben der Welt nicht verraten, welche Abmiachungen sie getroffen haben, um den glücklichen Abschluß des Dramas herbeizuführen, in dem jene Pariser Episode Marcellins als tragikomisches Jnbe-rmezzo figurieren wird.
Ter Text des spanisch-französischen Abkommens ist 'inzwischen verösfentticht worden. Aber während zunächst ein großer Teil der französischen Blätter bemüht war, ihm einen rem formellen Charattcr beizumessen, fintel man heute bereits gut, von einer französiscy-englisch-spanischu: Tripelallianz zu reden und auf den bevor,tehenden Anschluß Italiens hinzuweisen.
In Rußland Bombenattentate, Raubanfälle, Verhaftungen und Haussuchungert — Zolles wie früher. Vorläufig zerbricht man sich den Kvpf üver die Bedeutung des neuen Wahlgesetz^. Man wird darüber aber erst urteilen können, loenn man seinen Effekt sieht. Sicher ist, daß der Großgrundbesitz bominieren wird. Tie Ojlseeprovinzen werden diesmal durch Deutsche vertreten fein, die alle auf dem Boden bei Verfassung ßehm werden. Von den russischen Großgrundbesitzern läßt sich das nicht mit gleicher Sicherheit Sagen. In der Versammlung der SemftwoVertreter, die jetzt in Atoskau tagen, sind von 150 Personen 15 Mitglieder der äußersten Rechten, 15 Kadetten, der Rest Lemüßigte Rechte, Liberale und Oktobristen. Bleibt dies das Verhältnis, so wird die nächste Duma lebensfähiger werden.
In der o r i e n t a li s ch e n W e t t e r e ck e gärte wieder einmal und trotz allem Optimismus soll man sich nicht darüber täuschen, daß in der Tat der Orient politisch lebendig wird. Die egyptischen, indischen, chinesischen Zeitungen lasseir darüber keinen Zweifel. In einem egyptischen Blatt sanden sich dieser Tage folgende Zeilen: „Die Völker des Orients sind erwacht von ihrem langen Schlummer, seit Japan über Rußland triumphierte. Dieser Triumph ist die Folge eines lebenerweckenden Windes, der über die Völker des Orients wehte Pertten hat ein Parlament und über 100 politiscye und wissenschaftliche Zeitschriften geschaffen. Dieses Auferstehen wird dem Ehrgeiz der Fremden ein Ziel setzen. Die Inder, die 150 Jahre lang sich der Tyrannei beugten, stteben nach Freiheit, getrieben vom Geist einer neuen Bildung. China bereitet sich vor, dieselben Wege zu gehen, und wendet sich dem Studium zu. Hält diese Bewegung an, so wird einmal der Orient mit dem Occident in Bildung und Politik rivalisieren."
Niemand wird den Orientalen diese Wünsche und Hofftmngen verübeln. Nur glauben wir nicht, daß die Entwickelung in den osmanischen Landen so schnell vor sich gehen wird, wie es in Japan geschah und vielleicht in China geschehen wird.
13. Aus Frankfurt wird uns unt. 28. ds. Mtö.^ geschrieben : Tie gegenwärtig im Re siden z the ater gastiere , zumeist
aus Bres-lauer Tarstellern bestehende Truppe, die eine oche lang
vor vollen Häusern Schalom Aschs unerquickliches Dr^ma „Der | Gott der Rache" auf geführt hat, brachte gestern zum^erstenmale.! Bernard Schaws bislang noch ziemlich feiten ? v
'aufgeführtes Drama „Frau Warrens Gewerbe!" . Warrens Profession) zur ersten Aufführung, das wohl I er den Titel führte „Frau Warrens Berusi, denn die „pi»ofession" der Frau Wjarren, das Halten von „Häusern" ober/1 ?0Üe sie euphemistisch sagt, Familienpensionattn in Berlin, BrwM.- Budapest und Wien, will die edle Tsame durchaus als ihre!»', bürgerlichen Beruf angesehen wissen. Um ein „Gewerbe'^ zitt. betreiben, dazu ist sie viel zu elegant. Tas Stück, das äTjn^ lich wie „Ter Gott der Rache" die Reinheit der connne il saut erzogenen Tochter zum schmutzigen Gewerbe der Mutter — das doch zu dieser Erziehung die Alittel geleistet hat! — in Gegensatz bringt, fand, dank vor allem der ulwergleichlichen Kunst der Frau Hedwig Mangel vom Deutschen Theater in Berlin einen sehr lebhaften Erfolg. Es ist übrigens ein Stück aus Schaws Frühzeit, alö er noch stark in den Bahnen Jbseite lvand'ckte und noch nicht klar über seinen eigenen Stil war. Immerh : ist es als Einführung in das Wesen und Schaffen dieses eige: artigen Kvpscs, der einer der modernsten englischen Geister ist, fe.u ? zu empfehlen. Tas Publikum mar lebhaft angeregt und nahm mft Leidenschaft Pjartei, teils für, teils gegen die Mutter.
KMche Zweite Kammer.
R. B. Darmstad't, 29. Juni-
Am Reaierungstische: Staatsminister Ewald, Ministerialrat L o r b a ch e r, Oberfinanzrat Dr. Fuchs, Ober- forstrat Grünewald, Regierungsrat Spanier.
Nach Eröffnung der heutigen Sitzung um 9Vs Uhr wird zuerst ein Antrag Hir-schel und Gen., betr. den Automobilverkehr auf öffentlichen Landstraßen, dem zustäridigen Ausschuß überwiesen.
Abg. Bäh r-giÄ. bei dieser Gelegenheit zu erkennen, daß er heute ausführlich sprechen werde (damit das Jagdgesetz noch verfchi^hpt wird. D. Res.) und ergeht sich dann bei sehr schwach besetztem Hause des Längeren über Auto-^ mobrlunsälle.
BezugSvretSr monatlich 75 Pf., vierteljährlich ML. 2J?0; turrch Abhole- u. Zweigstelle« monatlich 6ß Pf.; durch diePostM. 2.—viertel jährl. ausschl. Bestell^. Annahme von Ln-et-e» für die Tagesnummer
1848 noch von dem alten reaktionären Landtag geschahen worden sei. Redner liest verschiedene Ausführungen der damaligen Redner vor. Während der Rede haben die Abgeordneten zeitweilig bis auf acht den Saal verlassen, die Anwesenden lesen oder unterhalten sich so lebhaft, daß der Präsident wiederholt um Ruhe ersuchen muß. Nachdem Präsident Haas dem Redner etwa 3/< Stunde zugehört, überträgt er das Präsidium dem Vizepräsidenten Köhler und verälßt unter Heiterkeit des Hauses den Saal.
Präsident Köhler hört dem Redner dann eine Zeitlang ruhig zu, dann aber schwingt er die Glocke und macht den Redner daraus aufmerksam, daß seine allgemeinen Ausführungen nicht zur Sache gehörten. Später sagt er ihm, daß das Ablesen längerer Reden nicht gestattet sei. (Heiterkeit.) Nach etwa I1/2 stündiger Dauer schließt der Redner.
Abg. Dr. Osann kritisiert scharf die Dauerrede des Abg. Bähr, er wisse nicht, was der Redner damit bezwecken wollte; sie habe sich nicht im geringsten mit der vorliegenden Materie beschäftigt, sondern nur ganz allgemeine Redensarten gemacht. (Vizepräs. Köhler erklärt diese Kritik für unzulässig.) Der Redner wendet sich dann mit Entschiedenheit gegen bie eingebrachten Anträge der Abgg. Wolf, Ulrich und Genossen auf Streichung des Artikel 17. Gerade durch den Art. 17 solle ja ein Privilegium beseitigt, indem die Erwerbung des Jagdrechts von einem besonderen Vertrag abhängig gemacht werde. Man sollte also gerade ■,ür diese Neuregelung eintreteu, um zu verhindern, daß Die Grundbesitzer neue Jagdbezirke errichten. Uebrigens konstatiere er, daß auch der juristische sozialdemokratische Vertreter im Gesetzgebungsausschuß für die Annahme des Art. 17 gestimmt habe. Redner ersucht schließlich um einstimmige Annahme des Artikels und Ablehnung der Anträge Wols-Ulrich.
Abg. Reinhart spricht sich gleichfalls gegen die verschiedenen Anträge gegen Art. 17 aus und betont, daß man alte Verbriefte Rechte doch nicht einfach hier durch Anträge beseitigen könne.
Abg. Mo l t h a n bemerkt, man habe keine Veranlassung, auf die Erste Kammer besondere Rücksichten zu nehmen. Er stehe auf dem Standpunkt, daß die Sonderrechte von früher beseitigt werden sollten, und würde gern bereit sein, sie abzulösen, wenn die Kosten dafür auszubringen wären. Mit Rücksicht auf die jetzt gegebenen Aufklärungen werde er für Art. 17 stimmen. "
Staatsminister Ewald gibt die Erklärung ab, er habe bei seiner gestrigen Bemerkung, daß die Ablehnung des Art. 17 das Scheitern der ganzen Vorlage zur Folge haben würde, keineswegs nur an die Stellungnahme der Ersten Kammer gedacht, sondern auch an die der Regierung. Auch diese werde wohl schon wegen des in Betracht kommenden Staats- und Domanialeigentums ebensowenig geneigt sein, eine Konfiskation wohlerworbener Rechte zuzulassen.
Abg. Dr. David begründet den Antrag seiner Partei auf Streichung der Art. 17—24 und empfiehlt dessen An--^ nähme. Die „sogenannten wohlerworbenen Rechte" ständen im Wderspruch mit höheren Rechten, nämlich mit den Rechten der Gesamtheit des Volkes' und deshaL müßten sie beseitigt werden.
Abg. Wolf verteidigt seinen gestern dargelegten Standpunkt und erklärt in erregter Weise, daß er das ganze Gesetz für feilt Unglück betrachte. Die wenigen guten Bestimmungen ständen nicht im Verhältttts zu den vielen Nachteilen, die mit ihm verbunden seien. Er schäme sich auch nicht, in dieser Frage mit den Sozialdemokraten zusammenzugehen, denn es handle sich hier uw die Wahrung der Bolksrechte.
Iie sieu-ige Kummer umfaßt 10 Seite».
-----' 'UJJ—■ —'-------- .1—? politische Wochenschau.
Gießen, 1. Juli.
Nichts ist bezeichnender für die gegenwärtige politische Sage in Hessen, als der Umstand, vaß die drei wichtigsten Gegenstände, mit denen sich die 2. Kammer bei ihrer kurzen Sommertagung in dieser Woche beschäftigte, fast ausschließlich von dem Gesichtspunkt aus behandelt wurden, die Volksrechte, bezw. die Rechte der Volkskammer, gegenüber der Herrenkammer zu vertreten. Bezüglich der WahlrechtsvorlagL ist man dadurch bereite auf dem toten Punkt angelangt. Der zweite Gegenstand, die Wormser Dvmbauftage, hat bewiesen, daß tatsächlich in der 2. Kammer mehr^ Verständnts für die persönliche Freiheit und mehr modernes Empfinden auch auf künstlerischem Gebiet vorhanden ist, als im anderen Hause, das sich leider nur allzu oft von der betriebsamen Geschäftigkeit eines einzelnen Mitgliedes leiten läßt. Es ist nicht zu leugnen, daß Uerdurch die Stimmen derer, die in der 1. Kammer lediglich einen Hemmschuh für den Fortschritt unseres öfsentlichen Lebens erblicken, eine mächtigen Rückhalt bekommen und es wäre polttisch klug von der Herreukammer, wenn sie sich Manchmal etwas weniger von Worms beeinflussen ließe. Das Mißtrauen und der Unmut über die jetzigen Zustände ist nun einmal da und es ist deshalb nicht weiter verwunderlich, daß man die Tätigkeit der 1. Kammer manchmal auch da vermutet, wo sie nicht in Erscheinung tritt. Dies scheint uns auch beim Jagdgesetz der Fall zu sein und deshalb ist es durchaus mit Freude zu begrüßen, daß das Gesetz noch einmal an den Ausschuß gelangt. Hoffentlich gelingt es hier, das berechtigte Verlangen zu erfüllen und das berechtigte Vorrecht der großen Grundbesitzer nicht für alle Zeiten zu verewigen, sondern die Ü-i.ög- lichkeit der Ablösung zu schaffen.
Drei Tage gingen ins Land, ehe der Reichsanzeiger Zeit fand, dre V e r ä n d e r u n g e n i n d e n M i n i ft e r i e n amtlich bekannt zu geben. Dafür tischte er aber gleichzeitig zwei Neuheiten auf: Erstens die Nachricht, daß Herr v. Studt Herrenhausmitglied wurde — boshafte Leute meinen, in diese parlamentarische Institution gehöre er hin. Und zweitens: Herr v. Rheinbaben erhielt den Schwarzen Adlerorden als Trost und Pflaster auf bie brennende Wunde, daß ihm die Vizepräsidentschaft im preuß. Staatsminifterium in unabsehbare Ferne entflogen ist. Der stolze Vogel bedeutet nun keineswegs, daß die staunende Menge in dem Beglückten etwa einen lebenslänglichen Minister zu erblicken habe. Im Gegenteil, die Norddeutsche Allgemeine hat sich mit zwei Worten verraten, die geradezu Bände sprechen. Auf eine Preß- uotiz hin, Rheinbaben fei das „Haupt einer preußischen Fronde" erklärt sie bekanntlich: „Wir können versichern, daß sich Fürst Bülow mit dem Finanzminifter Frhrn. von Rheinbaben in gutem Einverständnis befindet." Wer das Wörterbuch offiziöser Auslassungen kennt, weiß alles. Denn diese unsagbar kühle und unverbindliche Bemerkung bestätigt gerade, daß es mit dem „guten Einverftändnis" einen großen Haken hat. Der Reichsanzeiger brachte aber noch eine dritte Offenbarung, indem er nämlich zunächst nichts brachte für den gestürzten Staatssekretär Grafen v. Posa- dowsky. Warum es übrigens erst langatmiger Erörterungen in Ar gesamten Presse bedurfte, bis endlich das die Verdienste Posadow^lys würdigende kaiserliche Handschreiben veröffentlicht tourbe, bleibt rätselhaft, wenn man nicht annehmen will, daß mit der Nichtveröffentlichung der Anschein erweckt werden sollre, daL mit Posadowskys Weggang mit der seitherigen Sozialpolitik gebrochen werden solle. Erfreulicherweise scheint dies nicht der


