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Adolf Bieler, Marktstr. 5
Mittwoch 4. April 1906
156. Jahrgang
Drittes Blatt
Nr. 80
Gießener Anzeiger
Erscheint lKglich mit Ausnahme deS Sonntags.
General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen
Redaktion, Expedition u. Druckerei: Tchulstr.7.
Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr.; Anzeiger Gießen.
Rotationsdruck und Berlag der Vrühl'schen
UnwerfitätSdruckeret. 9L Lange, Gießen.
Die „Gießener FamilirnblStter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^hessisch« Landwirt" erscheint monatlich einmal.
aus dem Etatnotgesetz aus formellen Gründen herausgenommen worden. An der Debatte beteiligen sich zunächst die Abqeord. Bärwink el (nallb.), Hagemann (natib.), Mülle r-Sagan (frs 93p.). Gegenüber dem Abg. v. Strombeck (Ztr.), der die Anlage eines Truppenübungsplatzes aus dem EichSfelde bei Heiligenstadt empfiehlt, erklärt
Kriegsminister v. Einem, daß alle Plätze genügend geprüft seien. Selbst wenn alle anderen Plätze brauchbar gewesen wären, hätten sie nicht genommen werden können, weil ganze Dörfer hätten vom Erdboden verschwinden müssen. Wenn der Platz nicht bewilligt würde, hätte die Militärverwaltung keinen geeigneten Uebungsplatz im Bereiche des 11. Korps.
Aili die Bemerkung des Abg. Bock (S05.), der die Wohl deS Platzes bei Ohrdruf bemängelt, erklärt
General G a l l w i tz, alle übrigen vorqeschlagenen Plätze seien wegen der Vorbedingungen ihrer Erwerbung indiskutabel. Tie Bedenken gegen Ohrdruf seien nicht stichhaltig.
Der gothaische Minister v. B 0 nin weist den Vorwurf des Abg Bock zurück, die gothaische Regierung hätte die Interessen der Landeseingesessenen vernachlässigt, und betont, da ein dringendes Reichsinteresse in Frage komme, so müsse feder Bundes- st a a t seine-Spezial Interessen zurücktreten lassen.
Schließlich wird der Uebungsplatz. Ohrdruf bewilligt und sodann der R est des Militäretats mit den dazu vorliegenden Petitionen gemäß Kommissionsbeschluß genehmigt. Nachdem das Haus noch einige Etatsreste erledigt hatte, vertagte es sich auf Mittwoch 1 Uhr.
Tagesordnung: Fortsetzung der Etatsberatung, zweite Lesung der Novelle für das Gesetz über Wohnungsgeld- zuschuß und Servistarif.
Politische Tagesschau.
Eine Kaiserzusammenknnft in Wiesbaden oder Homburg?
Wie schon bekannt, trifft der Kaiser, die Kaiserin und Prinzessin. Viktoria Mitte dieses Monats in Homhurg v. d. H. ein, wo die Herrschaften einen längeren Aufenthalt zu nehmen gedenken Ter Kaiser wird mährend dieser Zeit wiederholt das Hoftheatcr in Wiesbaden besuchen, und auch in Mainz vorsprechen. Im dortigen Schlosse werden schon jetzt verschiedene Zimmer für einen vorübergehenden Aufenthalt des Kaisers l-ergerichtet. Wie neuerdings verlautet, hat auch der Zar die Absicht, in Begleitung seiner Gemahlin und der kaiserlichen Kinder gegen Ende April einen Besuch in Darmstadt zu machen und dann einen längeren Aufenthalt in Schloß Wolfsgarten zu nehmen. Offiziell ist von dieser Hierher tuns t des Zaren zwar noch nichts bekannt, aber private Mitteilungen lassen darauf schließen, daß das Zarcnpaar wieder einmal <-ehnsucht nach Teutfch^- land und besonders nach der hessischen Heimat der Zarin hat. Es ist nahezu selbstverständlich, daß, wenn gegen Ende dieses Monats die beiden Souveräne in so unmittelbarer Nachbarschaft sich aufhalten, auch ein Zusammentreffen der beiden Kaiser zu erwarten steht. Im Jahre 1903, wo im Sommer das Zarenpaar zum lctztenmale in Schloß Wolfs- ßartcn weilte, fand bekanntlich eine Zusammenkunft der beiden Monarchen in Wiesbaden statt. Weshalb sollte nicht auch in diesem Jahre ein Zusammentreffen in Wiesbaden oder Homburg — die beiden Städte kommen wohl allein in Betracht - möglich sein.•
Deutscher Reichstag.
82. Sitzung vom 3. April 1906.
Rac! Erledigung mehrerer Rechnungssachen setzt das schwach besci te Haus die zweite Lesung des Militärctats fort.
Abg. 3u b eil (Soz.) nimmt das Wort zu einer längeren Rede und führt aus, die gestrige Rede des konservativen Abgeordneten Pauly-Potsdam beweise, daß dieser das Interesse der Arbeiter jetzt etwas schärfer vertrete, er brachte eine gc waltige Menge von Beschwerden vor, aber das wirkliche Verhältnis in den Span dauer Betrieben ist noch weit schlimmer. Redner sucht diese Bel-auptung ausführlich zu begründen und sagt, die Militärverwaltung nehme ungebührlicherweise Rücksicht auf die d'civatinduslrie, um sie konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt zu erhalten. .Ferner sei über die. Belnmdlung des Spandauer Arbeiterausschusses seitens der Militärverwaltung zu klagen. Zubeil bemerkt 11. a.: Der Umstand, daß aus der Spandauer Kan- tinenkasse die Mittel genommen wurden, um Erinnerungsbilder an die kaiserliche Silberhochzeit anzuschassen, zeige bedauerlicherweise, das, in diesen Staatsbetrieben eine politische Tätigkeit entfaltet werde. Redner verbreitet sich mit der größten Ausführlichkeit über die Lohnfragen, Urlanbsfragen, Bentüatronsernricht- >,iigen und anderes. Er wendet fick nach anderthalbstündiger Dauer seiner Rede zu einer Stitif der Arbeiternerhältnisst in der Pulverfabrik Hanau imd bringt ähnliche Beschwerden vor wie über die Spandauer Verhältnisse.. Seine Ausführungen erregen wiederholt das Gelächter der Gegenparteien. Schließlich geht Zubeil noch ein auf die Verhältnisse in den Reichsbetrieben in Siegburg, beim Delleidungsamt in Danzig und bei den Danziger Werkstätten. Die ganze Rede erstreckt sich über einen Zeitraum von 2V* Stunden.
Mg. Lucas (rtL) wünscht für die Technikei: in den militär- technifiden Instituten größere Selbständigkeit. Die Arbeiter seien mit den Löhnen durchaus zufrieden, wenigstens in der weitaus grössten Mehrzahl. Verstimmung errege nur die Differenzierung. Die Verwaltung möge sich nickt beirren lassen durch Hetzereien von gewisser Seite.
General Siri v. Arni nt erklärt: Die'Techniker müssen sich in die kürzlich eingeführte grundlegende Neuordnung der Verwaltung und des Betriebes erst einmal einleben. Auf die meisten Ausführungen Zubeils kann ich einfach antworten: Er irrt und hat die Sache nickst verstanden. Bezüglich der Fürsorgemaßregeln und Wobl'ähriseinrichtnngen können sich die technischen Institute jeden Vergleich mit den Privatinstituten zutrauen und ihnen sogar Vorbild sein. Ich hoffe übrigens, daß sich das gute Herz Zubeils betätigt, wenn wir nachträglich einmal gesunde, moderne Kasernen und andere Gebäude fordern sollten. Zubeil gebrauchte hier gegen unbescholtene Beamte Ausdrücke wie ZuclühauSdirektor, Denunziant, Betrüger usw. Würde er sich an die zuständige Stelle wenden, so würde schon eine etwaige Remedur eintreten. Alle vorjährigen Beschuldigungen Zubeils erwiesen sich als unbegründet und unhaltbar. Ich bin überzeugt, daß cs mit seinen heutigen Vorwürfen nicht anders sein wird.
Fni weiteren Verlaufe bet Debatte fordert Abg. v. Böhlen- dors-Koelpin (konsO die Einstellung von Geldmitteln, um weitere Versuche mit Luftschiffen zu machen.
Beim Extraordinarium giebt eine von der Kommission bewilligte Forderung für die Errichtung eines Truppenübungsplatzes für das 11. Armeekorps bei Ohrdruf Anlaß zu einer längeren Debatte. Die Forderung war seinerzeit
Sport.
— Der deutsche FutzbaNbund zählte am 1. Januar 1905 276 Vereine mit 13 645 Mitgliedern, am 31. Dez. v. I. 433 Vereine mit 24 462 Mitgliedern. Die Zahl der eingetragenen Vereine betrug 19, die der geschlossenen Plätze sauf denen Eintritt erhoben wird) 105. Bemerkenswerte Unfälle wurden 95 gezählt, jedoch war kein Unfall zu verzeichnen, der dauernde Erwerbsunfähigkeit nach sich zog. Von den 9 Einzelverbänden des Bundes war der Verband süddeutscher Fußballvereine am größten. Seine Vereinszohl stieg von 94 aus 125 und seine Mitgliederzahl von 4215 auf 7193. In Gießen bestehen 6 Fußballvereine, darunter 2 Verbandsvereine. Gießener Fußballklub von 1900. (1. Klaffe 1905/06.) Gießener Ballspielklub von 1904. (3. Klaffe 1905/06.) Ferner die Vereine „Viktoria" und F. C. 1905, außerdem kommen noch die Schülerabteilungen vom Realgymnasium (und vom Gvmnasium) in Betracht. Realgymnasium l)at m letztem Jahre sämtliche andere oberhessischen Schüler- Aubs geschlagen. Balffpielklub errang die 4. Stelle in der 3. Klaffe, 1900 die 4. in der erster: Klasse. Bee.
Handel nnd Verkehr, Volkswirtschaft.
** Konkurse in Hessen, lieber das Vermögen des Schneidermeisters und Wirts Iakvb Heinrich Bi 0 ndin 0 ht Osthofen wurde am 13. März, norm. 11 Vs Uhr das Konkursverfahren eröffnet. NotarSgehilfe Wilhelm Ku Hb ach in Osthofen wurde zum Konkursverwalter ernannt. Konkursforderungen sind bis zum 7. April 1906 bei dem Amtsgericht Osthofen anzumelden. — lieber das Vermögen der Firma Anton Schiff - macher n. Sohn ht Mainz wurde am 17. März, nachmittags 41/4 Uhr, das Konkursverfahren eröffnet Rechtsanwatt Meintzinger in Mainz wurde zum Konkursverwalter ernannt. Konkurssorderungen sind bis zum 5. Mai 1906 bei dem Amtsgericht Mainz anzumelden. — lieber den Nachlaß des am 19. Januar 1906 verstorbenen Landwirts Heinrich'Enders I. von Münzenberg wurde am 19. März, nachin. 3 Uhr, das Konkursverfahren eröffnet. Rechtsanwalt Kißner in Butzbach wurde zum Konkursverwalter ernannt. Konkursforderungen sind bis zum 10. April 1906 bei dem Amtsgericht Butzbach anzumelden. — lieber das Vermögen des Kaufmanns Ludwig Stein II. in Grün berg wurde am 20. März, nachm. 31/* Uhr, das Konkursverfahren eröffnet. Rechtsanwalt Ohnacker in Butzback wurde zum Konkursverwalter ernannt. Konkursforderungen sind bis zum 1. Mai 1906 bei dem Amtsgericht Grünberg anzumelden. — Ueber den Nachlaß des am 17. Januar 1906 in Worms verstorbenen Adam Wiedemann I., Feldschntz in Bürstadt, wurde am 20. März, nachm. 4 Uhr das .Konkursverfahren eröffnet, da sich ergeben hat, daß der Nachlaß des Main Wiedmann I. überschuldet ist. Bureauvorsteher Franz Lerch in Lorsch wurde zum Konkursverwalter ernannt. Konkursforderungen find bis zum 7. April 1906 bei beijt Amtsgericht Lorsch anzumelden.
Neue Neichsbankstellc. Am 1. Mai d. I. wird in Straubing eine von der Reichsbank-Hauptstelle in München abhängige Reichsbanknebenstelle mit Kasseneinricktung und bc- schränttem Giroverkehr eröffnet werden.
Die „Deutschb 0 hmis che Ausstellung Re ichen- berg 1906". Vom Mai bis Ottober dieses Jahres findet in Reichen berg, der „Metropole Deuksckböhmens", die „Deuksch- böhmrsche Ausstellung Reichend er g 1906" statt. Mit einem Kostenaufwande von mehr als' 2 Millionen Kronen geschaffen, soll sie ein umfassendes Bild deutscher Arbeit in Böhmen geben und den
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Dr. Volkmar Klopfer, Dresden-Leubnitz.
Besucher durch den Lkugcnschcin uberzeugeii, daß Deutschböhmen für sich allein schon eine wirtschaftliche Macht ist. Der reizvoll gelegene AuMellungsplatz umfaßt 400 000 Quadratmeter mi! einem See von 80 000 Quadratmetern. Der Jndustriepalast weist eine überbaute Fläche von 22 000 Quadratmetern auf. Außerdem sind zahlreiche und zuni Teil sehr große Bauten für die Land- und Forstwirtschaft, die Kunst, die Hygiene, das Kunstgewerbe, o_u Schule usw. vorgesehen. Ungefähr 50 Sonderkäufen für Gau wirtschaften, Vergnügungsstätten, Einzelausstettiungen utzv. vervollständigen das reizvolle csesamtbild. Auf dem occ finden die bestbekanMen „Marineschauspiele" sowie Ruder- und Segel- bootsfalnfen statt. Abends wird die Ausstellung durch 350 Bogen- und 7000 Glühlampen erleuchtet. Von überallher sind Master- besuche, Tagungen, Kongresse, Festlichkeiten und sonstige Voran staltungen angemeldet. Die Plakate der Ausstellung, Rübezahl darstellend, wie er aus dem Walde l>ervortritt und das Aus« stellungsgelände überschaut, sind bereits ausgehängt.
Märkte.
8 Kirchhain, 3. April. Ter Austrieb au Ki'cheu, Rürderu und Kälbern belief sich auf dem heutigen Viehmarkt auf etwa 770 Stück. Die Preise waren recht hoch. Dem SchmeinemarO waren 520 Schweine zugefahren. Ferkel kosteten 50—65 und Läufe: 80—100 Mk. per Paar. Der Handel war matt. ______
Gerichtsdaal.
11 Marburg, 3. April. Tie Strafkammer verurteilte heult den Ticnstmann Groß, der ein Schild vor einem studentischen Anst zug bergetragen hatte, wegen Unfugs (!) ui 9 Mark Geldstrafe
Kuiift nnd LVrtzsensehaft.
(fc.) Kassel, 2. April. Der neuernanntc 1111e 11 • baut der Königlichen Schauspiele Graf Wilhelm v. Bylandt Baron zu Rheydt, hat fein Amt angetreten. Das Institut ist zugleich der Generalinlendantur der kgl. Schaufviele in Berlin unterstellt worden. Zum Chef des Bureaus wurde der bisherig» Hilfsarbeiter im Kütt"-^'"'niüenn!m ^'>ar Balk ernannt.
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(Für Form und Inhalt . ume. .i .üubrik siebenden Artikel übernimmt die Redakt'mn dem Publikum gegenüber keinerlei
Verantwortung)
„Der Gerechte erbarmet sich seines Viehes!*
Dieses Wort kommt emem unwillkürlich in den Sinn, wenr man die beiden Zufuhrwege nach bett im Batt begriffenen Augenkliniken betrachtet. Der von bet Frankfurter Straße zuführendi Weg ist bodenlos und mit metertiefen Schlantinlöchern versehen für Fußgänger kaum zu passieren, der andere, bet bttreb bie sog Rodbohl führt, geht von bet Wilbelmsiraßc att bem F. Gciil'scken Park ettllang und spottet jeder Beschreibung. Diesen für Menschen unb Vieh unpassierbaren Weg muffen die schweren Baumaterialien der im Bau begriffenen großen Kliniken durchgeschleift werden, und wer Gelegenheit hatte, zu sehen, wie vier Pferde vor einem halb ober nur viertel belabeitett Wagen geschunden werden, der fragt sich: Ist es denn nicht möglich, erst Zufuhrstraßen zu bauen, ehe mau mit dem Bau solcher großen Bauten veginnt? Straßen müssen ja doch zu btesctt Instituten eingerichtet werben. Außerdem ist ber ^tlletzt erwähnte Hohlweg in seinem jetzigen Zustande für die Eigentümer der dortigen Gärten nicht passierbar, was bei dem Beginn der Frühfahrsarbeiten doppelt störend wirkt; bas Hinsichten von Dung ist rein unmöglich, beim nicht jedem stehen vier Pferde zur Verfügung. Es bürste beshalb ein billiges Verlangen sein, diesen Weg für bas schwere Fuhrwerk zu verbieten und bie Friedrichstraße von der Frankfurter Straße auszubauen, daß es den Unternehmern bet Arbeiten auch möglich ist, ihr Material ahne die Quälerei der armen Znatiere lnnznfgbren.
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