Ausgabe 
22.11.1906 Erstes Blatt
 
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den 1. November geplant, scheiterte aber an der Verzögerung des inneren Ausbaues. Unsere Bahnhofsräume, vor allem die beiden Wartesäle, sind schon seit Jahren sehr beengt. Nunmehr haben die neuen Verbindungen nach dem Hinter­lande und dem Westerwalde einen außerordentlich lebhaften Verkehr gebracht. Die gesamte Erweiterungsanlage wird erst im nächsten Sommer fertig werden, da die Anlage des neuen Weges am Fuße des Homberges bedeutende Schwie­rigkeiten verursacht. Das hier zu Tage tretende mächtige Felsgestein konnte nur durch Sprengungen mühsam hinweg geräumt werden. Die Kosten der neuen Bahnhofsanlage sind zu 1012000 Mark veranschlagt, wozu der Baufonds der noch im Ausbau begriffenen Nebenbahn Herborn- Westerburg einen Pauschbeitrag von 90000 Mark leistet.

Die Aufbringung der Schulhausbaukosten.

Man schreibt uns aus Oberhessen:

In neuerer Zeit wiederholen sich die Anträge unserer LandtagsaLgeordneten auf Aebernabme der Volksschullasten durch den Staat, und gewiß würde, wenn die Schultern des Staates so trag fähig wären, die Genehmigung eines solchen Antrags eine beträchtliche Entlastung der Einzel­gemeinden bedeuten, abgesehen von anderen Nebenerfolgen, die man davon erwartet. Die nun einmal gewohnte Auf­bringung der Kosten an Lehrergehältern, für Unterhaltung der Schulgebäude und Unterrichtsmittel ist aber nicht die schwerst eLast für die Gemeinden. Die Kosten für einen Schulhausneubau sind viel schwerer zu tragen. Wir reden hier nicht von größeren Gemeinden, die ja meistens auch leistungsfähiger sind. Wir hatten kürzlich Gelegenheit, in einer Gemeinde von noch nicht 300 Seelen den Verhandlungen über einen notwendig gewordenen Neu­bau der Schule beizuwohnen. Zu dieser Gemeinde gehören 70 Ortsbürger, meist kleine Landwirte, Fabrikarbeiter und Bergleute, 7 Männer sind invalid, also erwerbsunfähig, ferner zählt man 20 Witwen, die nrit ihren Kindern in sehr geringen Vermogcnsverhältnissen leben. Die Umlagen betragen zurzeit 3000 Mark. Seither hat die Gemeinde die rhr angesonnenen Ausgaben für die Schule willig, wenn auch mit großer Mühe getragen. Nun ist nach den neueren Bestimmungen ein Schulhausneubau nötig, der rund 20 000 Mark erfordert. Selbst wenn die Gemeinde von den 9000 Mark, dre dem Kreis Gießen zu diesem Zweck zur Verfügung stehen, den Löwenanteil als Staatszuschuß erhalten würde, so würde doch die Uebernabme von zirka 15 000 Mk. als Schuld den Ruin der Gemeinde bedeuten. Solchen dauerrrden Lasten gegenüber wird auch die Liebe zum Heimatsdorf nicht lange Stand halten können; wer es irgend möglich machen kann, verläßt die Gemeinde, und für die Zurückbleibenden wird die Last um so drückender. Bei gar mancher anderen Dorfgemeinde liegen die Ber- hältnisse ähnlich. Hier ist Staatshilfe nötig!

Niemand wird der Regierung Pflicht und Recht be­streiten, allgemein verbindliche Grundsätze aufzustellen über den Bau und die Raumverhältnisse, sowie die Einrichtung der chr unterstellten Schulhäuser. Aber es müßte dann auch für Mittel gesorgt werden, die den Gemeinden mehr wie seither die Befolgung solcher Vorschriften ermöglichen, bezw. erleichtern. Es ist doch eigentlich ein Unding, wenn Beamte, denen die Durchführung der staaüichen Vor­schriften obliegt, den Gemeinden in solchen Verhältnissen sagen müssen: Wenn wir auch einsehen: es ist für Euch nicht möglich, helfen kann der Staat nicht, es fehlt ihm an den dazu nötigen Mitteln! Da gilt doch auch: Ultra posse nemo obligatnr! Wenigstens sollte dann selbst der Staat nicht zu Ausgaben zwingen können, die eben über die Kraft hinausgehen oder er müßte helfen können! Aber gerade in der Bewilligung dieser Mittel zeigt unsere Volksvertretung eine Sparsamkeit, die hier nicht an ihrem Platze zu sein scheint. Was bedeuten für den Kreis 9000 Mark, für das ganze Land 40- bis 60000 Mark als Zuschüsse des Staates für Schulbauten?! Eine Besserung könnte erst eintreten, wenn in den Staats­voranschlag zu genanntem Zwecke 200000 Mark bereit- gestellt würden. Wenn man hört, daß für einzelne Staats­bauten in großen Städten solche und größere Summen, die ja nötig sein mögen, vorhanden sind, während man für das ganze Land in diesem Fall sich mit dem Fünftel begnügen muß, dann findet der gewöhnliche Mann das für unbegreiflich. Seine Betrachtungen führen ihn leicht dahin, daß die gewählten Landboten, weil sie meist aus größeren Gemeinden stammen, für diesen Notstand kleiner Gemeinden kein Organ haben, weil sie die Verhältnisse armer Gemeinden nicht genügend kennen oder würdigen.

Die Schwierigkeit, bei der Vertellung solcher Zuschüsse den wirklichen Bedürfnissen gerecht zu werden, könnte leicht gehoben werden. Im allgemeinen gibt die Höhe des Steuerzuschlages einen Maßstab füb die finanzielle Lage einer Gemeinde. Es konnten dann besondere Grundsätze den einzelnen Kreisschulkommiffionen an die Hand gegeben

werden, etwa in dex Richtung, daß bedürftigen Gemeinden, in denen der Steuer-Zuschlag bis zu 100 Proz. beträgt, ein Viertel, bei 100125 Proz. die Hälfte, über 125 Proz. drei Viertel der Schulhausneubaukosten bewilligt werden könnte. Ja, man könnte ähnliche Grundsätze auch an­wenden auf die Gewährung von Staatszuschüssen zu Lehrerbesoldungen.

Videant consules! Dazu hat man Volksvertreter, daß sie darauf achten, daß der Staat und auch kleine Telle des Staates, d. h. die kleinen ärmeren Gemeinden, keinen Schaden nehmen! Wir können deshalb unfern Abgeord­neten nur dringend ans Herz legen, in dieser Richtung für das Staatswohl besorgt sein zu wollen. Solche finanziellen Nöte sind cs grade, die die Landflucht, der inan ja mit allen Mitteln begegnen will, fördern. Das Wohl der Einzclgemeinden ist aber auch das Wohl der Allgemeinheit! Ea.

vermischte».

Leichenfunde. Auf dem Gleise der Bahnstrecke Berlin-Stendal zwischen den Bahnhöfen Hämerten und Stendal wurde eine weibliche Leiche gefunden. In der Scefelder Aach bei Konstanz wurde die Leiche eines 22jährigen Burschen aus Deisendorf namens Amann gelandet, deffen Füße zusammengebunden waren. Man vermutet, das; er ermordet und seiner Barschaft in Höhe von einigen Hundert Mark beraubt wurde. Der mutmaßliche Mörder soll ein verschwundener Schweizer sein.

* Die erste weiße Frau, die den Ruhm für sich in Anspruch nimmt, Afrika durchquert zu haben, Frau Cabra, die Gattin des Obersten Cabra von der belgischen Armee, ist wieder in Belgien eingetroffen. Frau Cabra verließ ihre Heimat zusammen Mit ihrem Gatten im April 1905, fuhr von Neapel nach Daressalaam und ging von da nach Sansibar, Mombasa und Entebee, der Haupt­stadt von Uganda. Von da aus reiste sie mit ihrem Gatten bis zum Albertsee und nach Mahagi im Kongostaat, über­schritt die Ruwenzorikette und wandte sich dann den Kongo fluß abwärts nach der Küste. Frau Cabra erklärte, daß sie keine nennenswerten Gefahren und Entbehrungen habe überstehen müffcn, aber einige Erlebnisse hätten sie sehr belustigt, besonders das Erstaunen der Eingeborenen beim Anblick der ersten weißen Frau, die sie sahen. Ein Führer, der sie auf einer Strecke ihrer Reise begleitete, erklärte sogar, er hätte bisher nicht daran geglaubt, daß es weiße Frauen gäbe, und als man ihn nun fragte, wie er sich denn da die Fortpflanzung der weißen Rasse vorgestellt hätte, sagte er, daran hätte er überhaupt nicht gedacht.

"Da? Schwein im Gepäckwagen. Ein Bauer auS der Gegend von Donaustauf hatte einem Metzger in Regensburg ein Schwein zu liefern. Tas Schwein wurde in einem Gepäckwagen der Walhallabahn untergebracht, in dem sich auch Lebensmittel, darunter Eier, befanden. Als die Bahn in Stadtamhof einfuhr, scheute das Schwein und wollte durch das Fenster des Wagens hinauSspringen. DaS Fenster brach, wobei sich das Schwein nicht unbedeutend verletzte. Vom Schmerz gequält rannte es im Gepäckwagen umher. Hierbei stieß es zwei Mit Eiern gefüllte Körbe um. Sämtliche Eier gingen in Trümmer. DaS Tier mußte infolge der erlittenen Verletzungen sofort geschlachtet werden.

* Der schlagfertige Professor. Der wegen seines urwüchsigen HumorS beliebt gewesene Professor Zeman vom Polytechnikum in Stuttgarterfreute" sich eines Kahlkopfes, dessen Glanz einer Billardkugel nichts nachgab. Mit der Zeit stellte sich bei Zeman starkes nervöses Kopfweh ein; der Arzt riet ihm eine Perücke zu Hilfe zu nehmen. Als Zeman eines Morgens fein Auditorium betrat, das Haupt dicht schwarz behaart, brach natürlich unter den Studenten ob dieses unge­wohnten Anblickes große Unruhe aus. Zeman betrat ruhig das Podium und begann seinen Vortrag:Meine Herren, ich verstehe Ihre Unruhe und Ihr Erstaunen vollkommen. Denn es ist seit meiner langjährigen Lehrtätigkeit heute das erste Mal, daß ich wissentlich mit einer falschen Behauptung vor Sie hintrete.' Damit hatte er natürlich die Lacher auf seiner Seite.

Gießener Strafkammer.

)( Gießen, 20. Nov. Tätliche Beleidigung.

Die Staatsanwaltschaft hat gegen den Gastwirt und Fleischbeschauer A. E. E. Gr. von Steinfurth (Kreis Friedberg) wegen Sittlichkeitsverbrechens und fortgesetzter tätlicher Beleidigung Anklage er­hoben. Es ist ihm zur Last gelegt, sein noch unbescholtenes, noch nicht 16 Jahre altes Dienstmädchen mit unsittlichen Anträgen verfolgt und zur Begehung einer unsittlichen Handlung verführt zu haben. Die unter Ausschluß der

Oeffentlichkeit abgehaltene Verhandlung führte nach dem öffentlich verkündeten Urteil nur zur Bestrafung wegen fortgesetzter tätlicher Beleidigung und zwar zu einer Ge- fängnisstrafe von 2 Monaten. Das Gericht war allein auf die Aussagen des noch nicht eidesmündigen. Kindes angewiesen; es hielt die verschiedenen Angriffe in ihren Einzelheiten nicht für völlig aufgeklärt, doch wurden seine Angaben als der Wahrheit entsprechend angenommen, zumal ihm von dem Lehrer und dem Ortsgeistlichen in jeder Beziehung das denkbar beste Zeugnis ausgestellt wurde.

Ein Sechzehnjähriger.

Der 16jährige Dienstknecht K. A. von Seien- heim war geständig, mit einem 6jährigen Mäd chen zu Dorheim unsittliche Handlungen vorgenommen zu haben. Der Angeklagte wird zwar für etwas beschränkt geschildert, doch war das Gericht nicht im Zweifel, daß er die zur Er­kenntnis der Strafbarkeit seiner Handlungen erforderliche Einsicht besessen hat. Da die Handlungen nicht sehr er­heblich waren und das Kind weder körperlichen noch mo­ralischen Schwaden davongetragen hat, ließ ihn das Gericht mit 6 Wochen Gefängnis durchkommen.

Ein NückfaltSdiebstahl.

Am zweiten -. tag befand sich der Taglöhner

P H. aus Griesheim bei Darmstadt, der zu Calbach in Diensten stand, in einer W.'rtschaft zu Eckartshausen. Er benutzte einen unbewachten Augenblick, um sich die Taschen mit Zigarren zu füllen, was bei feinem Weggang bemerkt wurde. Darüber zur Rede gestellt, gestand er den Diebstahl ein, auch gestand er zu, bei einer früheren An­wesenheit ebenfalls Zigarren entwendet zu haben. Er bat, ifin mit einer Anzeige zu verschonen und bezahlte 10 Mk. Die Sache kam aber doch zur Kenntnis der Behörde und es stellte sich heraus, daß man es mit einem wiederholt rückfälligen Dieb zu tun hat, der mit Zuchthaus vorbestraft ist und unter Polizeiaufsicht steht. Das Gericht fand in dem geringen Wert des Gestohlenen und in der Tatsache, daß ihm die Ausführung des Diebstah-ls leicht gemacht wurde und die Gelegenheit ungesucht war, mildernde Um­stände, weshalb es von Zuerkennung der verwirkten Zucht­hausstrafe absah. Es hielt aber doch eine erhebliche Strafe für angezeigt und erkannte auf 1 Jahr Gefängnis und fünfjährigen Ehrverlust. Auf die erkannte Strafe hat ein Monat der erlittenen Untersuchungshaft in Anrechnung zu kommen.

rrttZversitäts-Nachrkchten.

_ Frankfurt a. M., 20. Nov. An der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften bestehen zwei studentische Verbindungen, und es macht sich dort jetzt auch eine st u d e n t i s ch e Bewegung, wie an anderen Hochschulen be­merkbar. Gestern fand in der Börse eine stark besuchte allgemeine Versammlung von Studierenden der Akademie statt und beschloß die Bildung eines Ausschusses zur Vertretung der Interessen der Studentenschaft. In den engeren Ausschuß wurden gewählt, von denInkorporierten" dieStudierendenWinkler undHanzo(Arnüniae), Gilfsert und Sauer (Franconiae), von derWildeuschaft" Dr. Ein- hart, Scbeibka und Dr. Ziffke. In der Besprechung wurde beklagt, daß in Frankfurt das Vorhandensein von Studierenden an der Akademie für Sozial- und Handelswiffenschasten so gut wie imbc- kannt geblieben ist und daß man ihnen auch an verschiedenen amt­lichen Stellen nicht das gleiche Entgegenkommen zeigt, wie an anderen Stellen. Eine Reihe diesbezüglicher Wünsche wurde dem engeren Ausschuß zum Vortrag bei dem Rektor übergeben.

(Fkf. Ztg.)

Karlsruhe, 21. Nov. Bei dem heutigen Rektorats- wechsel au der hiesigen technischen Hochschule gab der neuernannte Rektor Geh. Hofrat Arnold bekannt, daß dem Präsi­denten des Badischen Ministeriums der Finanzen Max H o n s e l l in Anerkemnmg seiner hervorragenden Verdienste um die Wasser- und Straßenbaukunde im Großherzogtum Baden, insbesondere um die wirtschaftliche Ausnützung des Rheinstromes, die Förderung der Gewässerkunde und die Meteorologie, sowie seiner erfolgreichen Tätig­keit zur Hebung der Ausbildung der Ingenieure die Würde eines Dr. ing. honoris causa verliehen ist.

Eine leidende Familie

erzielte mit einigen PaketenBioson den denkbar grössten Erfolg und gibt in nachstehedem Brief ihrer Anerkennung Ausdruck. -----------

Berlin N. 20, Soldinerstr. 76, den 1. September 06. DasBioson" habe ich in meiner Familie schon seit 1 Jahr in Gebrauch und zwar wenden es meine Frau, Sohn und Tochter gegen Blutarmut und Schwäche der Nerven an (je 3 Mal täglich nach Vorschrift). Nach Gebrauch von einigen Paketen konnten wir schon eine Besserung im allgemeinen konstatieren, der Appetit nahm zu und bekamen Alle ein frische?, gesundes Aussehen. In Anbe­tracht dieses Erfolges habe ich das Bioson in meinen Bekannten­kreisen empfohlen und sind diese mit dem Gebrauche sehr zufrieden. Ich werde nicht unterlassen, Ihr Bioson roeiter zu empfehlen. Hochachtungsvoll! gez. G. Emler.

Bioson wird von berufenen ärztl. Autoritäten nnd in Kliniken, Krankenhäusern usw. nach umfassenden Versuchen fortgesetzt als' bestes, stärkstes, billigstes, zuträglichstes, bluterzeugendes Mittel angewandt und ist in Apotheken, Drogerien usw. da§ halbe Kilo­paket zu drei Mark erhältlich. b2/10

Reimer noch nie so von allen guten Geistern der Komödie verlassen gesehen wie gestern. Wollte er, entgegen den Ab­sichten deS Verfassers, feine Rolle ernst nehmen, dann hatte er einen englischen Edelmann darzustellen. Muster dazu findet man mühelos in Nauheim, Frankfurt, Homburg, Wies­baden. Herr Reimer scheint sie im Kriegerverein zu Kötschen- broda gesucht zu haben oder beim Hauptmann von Köpenick.

Glücklicherweise nahm Herr Lippert seinen Advokaten nicht ernst, doch er holte ihn nicht aus England, sondern auS dem freilich England neuerdings eng befreundeten Lande jenseits des Rheins. Er bemühte sich aber doch, im Gegensatz zu Herrn Reimer, lustig, lebhaft nnd beweglich zu fein, und ebenso taten das die Herren Kober und Greeff. Herrn Greeff hätte man auch allenfalls für einen Sohn Albions halten können, als der sich übrigens, im Auftakt und im Finale, Herr Büller mit verwunderlicher Jugendlichkeit und zugleich angenehmsten gesellschaftlichen Formen präsentierte. Diese fehlten den meisten unserer Herren leider fast ganz. Herr Gronert fand sich allein tadellos zu der Büllerschen Art.

Von den Damen laßt sich schlechterdings nichts sagen.

Jedenfalls hat BüllersCharleys Tante" einen stürmischen Lacherfolg gehabt. Seine unerhörte, und doch wohl gebändigte Lustigkeit übertrug sich auf das zahlreiche Publikum, das sich ganz köstlich amüsierte. Die Stimmung war so animiert, wie ich sie im Gießener Theater kaum je beobachtet habe.

P. W.

Kaltenba chs. Eine heitere Geschichte aus Ber­lin W. von Robert Misch. 6. Tausend mit Illustra­tionen von Walter Caspari. Preis 3 Mk. VerlagHar­monie", Berlin W. 35. Das ist ein recht amüsanter Roman, einer der wenigen humoristischen, die über die ulkige Situationskomik hinausgehen und ihre Komik un- gesucht aus den Charakteren entwickeln nach Art der eng- ischen Humoristen, denen Robert Misch hier mit Glück uach- trebt. Dieser Rentier Kaltenbach ist eine köstliche Groß- tadttype, ein Geizhals und Haustyrann, der seine Familre unterdrückt, eine Schwägerin aus Amerika schröpfen und beerben will, aber schließlich von der famofen, smarten Dame angeführt und untergcduckt wird. Wie das geschieht, welche Künste und Listen beibe Gegner anwenden, wie sich dadurch die Schicksale des Sohnes, der Tochter und der Nichte gestalten: all das ist so amüsant und zugleich so spannend, daß man es selbst nachlesen muß. Man hat dann nicht bloß einige Stunden unterhaltsam verbracht, sondern auch einen Blick in eine Berliner Bourgeoiswelt vvm Schlage der Buchhofen getan. Kaltenbach selbst ist eigentlich ein umgekehrter Bnchbolzen. Diese will ihre Familie glücklich machen er denkt nur an sich selbst. Schließlich kommt alles zum guten Ende und wir lernen dabei eine Fülle origineller, scharf beobachteter Figuren kennen. Da ist z. B. der famose Herr Kolb, ehemaliger Mime und Theaterdirektor, jetzt Agent, Erfinder und Phantast von reinstem Wasser. Da ist ferner seine kluge Tochter, die Zahnärztin; da wirbelt das lustige Tollköpf­chen der schwäbischen Nichte vorüber, FritzensBraut"; da ist der zaghafte Fritz Kaltenbach selbst, der von (einem.

Vater keinen Hausschlüssel, und seine Schwester, die weiner­liche Tvni, diekeinen Mann kriegen kann". Nicht zn ver­gessen den drollig-schnoddrigen Einjährigen Ahlers. Bis auf die dralle Köchin und den Friseurgehilfen, der den Grafen spielt, stehen diese Gestalten alle rund und leben­sprühend vor uns. Keine tiefen Ideen zwar, keine großen Probleme" undFragen", aber echte Menschen und ein Bild des anständigen Mittelstandes, ein Mikrokosmus, wie; er zu Hunderttausenden zwischen und neben uns existiert. Der bekannte Lustspieldichter läßt hier feiner behagliche satirischen Laune die Zügel schießen. Dies fröhliche Buch wird mit seinen graziösen, kecken Caspari-Illustrationen, die eigentlich mehr satirische Randglossen, mehr ironische Bildmetaphem sind, wohl bald das sechste Staufenb über­schreiten.

Verhältnis derSchauspielkunftz u m Dram a. Eine Feldmesserarbeit von Arthur Nothenburg-Mens. (Leipzig, Ver­lag Karl Ernst Poeschel) Preis Mk. 1.. Die Idee der vorliegen­den Schrill ist: Ter Gestus (etwa die Geberdensprache) ist der eigentliche Inhalt der Schauspielkunst. Der Gestus ist nicht etwa nlir Form; er ist beseelte Form. Er verachtet nicht das Wort, er nimmt aus dem Wort den Geist, der im Worte sich gibt, im Worte sich verrat, und stellt ihn vor, nicht im Lautklang, sondern im Herzen Habitus. Er und seine Umgebung. Und damit kommt der Verfasser zn seiner zweiten Ausstellung: zur Romanphantasie. Sie wird vom Gestus geschaffen und er hinwiederum von ihr getragen. Sie ist die mit höchster Kunst geschaffene, fein abgetönte Stimmung, die im Bühnenrcmme, in der Szenierung, im Gasttrs des Künstlers lebt, unb aus dieser glücklichen Harmonie heraus sich bem Zuschauer mitteilend ihn zur höchsten Aufnahmefähigkeit bereitet, 1