Ausgabe 
23.2.1906 Drittes Blatt
 
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Zweites Blatt

Nr. 46

L 56. Jahrgang

Rebaktwn,Expedition ».Druckerei - Schulllr.U.

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Lgllch mit Luknahme deS Sonntags.

Die «Sietzever KamMeutzlLtter- werden dem ,$lmeioei viermal wöchentlich beigelcgt. Der tav-wlr!" erscheint monatttch einmal.

Freitag 23. ^ebrnar 1906

Rotationsdruck unb Verlag der Lrübl'lcke« UnkverfHätLdrucleret. R. Lange, Gn-se».

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eiehen.

Aas dem Aeichstag.

"R. Berlin, 22. Februar.

Es war ein eigenartiger Zufall, daß Heist, am Tage der Reichstagsverhandlung über das Handelsprovisorilim mit

>n Vereinigten Staaten, auf mehreren Gebäuden in der Umgebung des Reichstags das Sternenbanner lustig im Winde flatterte wie ein Wahrzeichen des Erfolges der Union in der Vertragsangelegenheit. Als nun drinnen im Neichßtagssaal Fürst Bülow seine kurze Begründung deS Provisoriums geschlossen hatte, da herrschte Schweigen in dec Runde. Nicht ein einziger Beifallsruf zum RegierungS- tisch, ein seltenes Ereignis bei Reden deS Fürsten Bülow. Kennzeichnete das schon daS geringe Maß von Befriedigung der Volksvertreter über dieses Provisorium, so kam das Miß­behagen unverhüllt zum Ausdruck in den Darlegungen der Redner. Fürst Bülow hatte gemeint, die Annahinc deS Provisoriums empfehle sich im Interesse von Handel und Industrie, um daS größere Hebel eines Zollkrieges zu ver­meiden und die wertvollen freundschaftlichen Beziehungen zu Amerika aufrechtzuerhalten. Die Konservativen sind aber ganz anderer Meinung, wie Abg. Graf Schwecin-Löwitz in scharf pointierter Rede erklärte. Der Vorsitzende des deutschen Landwirtschaflsrats, der noch jüngst mit dem Reichskanzler einträchtiglich an festlicher Tafel saß, bezeichnete die Zu­stimmung zum Provisorium geradezu als unvereinbar mit der nationalen Würde. Ec riet, gegen die rücksichts­losen Amerikaner einen frisch fröhlichen Zollkrieg in Szene zu setzen, als einziges Mittel, dein selbstsüchtigen transatlantischen Partner zu imponieren. DaS Provisorium ist für einen sehr großen Teil der Konservativen unannehmbar, doch eS wird dadurch nicht gefährdet. Die Mehrheit deS Reichstag? ist bereit, in den sauren Apfel zu beißen, weil ihr nichts anderes übrig bleibt, aber sie ist nur bereit in bei zuversichtlichen Erwartung, daß daS auf 16 Monate berechnete Provisorium nicht verlängert, sondern durch einen auf voller Gegenseitigkeit beruhenden Handelsvertrag abgelöst werden wird. So ließ sich Abg. Herold, der Zolltarifmann deS Zentrums, vernehmen, nach ihm die Abgg. Kämpff (Freis. Volksp.), Dr. Paasche (nL), Dowe (Fr. Vg.) usw. Jedes­mal, wenn diese Emoartung laut wurde, lächelte ein eleganter Herr in kirschroter Weste sarkastisch, der oben in der Diplo­matenloge der Sitzung beiwohnte: Mr. Tower, der amerika­nische Botschafter in Berlin. Er bekam aber auch Reden zu hören, in denen cS hieß, das Provisorium bedeute nur eine Hinausschiebung deS Zollkrieges, der unvermeidlich sei, weil Amerika gar nicht ernstlich daran denke, einen Handelsvertrag abzuschließen. Fürst Bülow führte in der Zwischenzeit ein längeres Gespräch mit dem Abg. Graf Stolberg (kons.). Der Kanzler begleitete seine Worte mit eindringlichen Handbewegungen, aber Graf Stolberg hatte immer nur ein zweifelndes Achselzucken. Am Regierungstisch hatten heute zum ersten Male die neuen Männer, der Staats­sekretär des Auswärtigen Freiherr von Tschirschki; und der preußische HandelSininister Delbrück Platz genommen. Sie beteiligten sich aber nicht an der Debatte, obwohl die Abg. Liebermann von Sonnenberg (wirtsch. Verg.) und Freiherr von Heyl (natl.) den Minister Delbrück herauszulocken suchten. Da die Verabschiedung des Provisoriums drängt, schloß sich an die erste Lesung unmittelbar die zweite an. Hier ereignete sich das seltsame Schauspiel, daß der nationalliberale Agrarier Freih. v. Heyl den auf eine Pression gegen Amerika abzielenden Antrag stellte, nur einen Teil des Zolltarifs den Amerikanern einzuräumen, ein Versuch, den neben dem Grafen PosadowSky ein Fraktionskollege des Herrn v. Heyl, Abg. Dr. Semler, im Interesse der hanseatischen Schiffahrt energisch bekämpfte. Bei der Abstimmung leisteten nur wenige Nationalliberale und Konservative dem Freiherrn v. Heyl Gefolgschaft, und dem­gemäß wurde mit großer Mehrheit der Negierung die unein­geschränkte Ermächtigung erteilt, unter provisorischer Geltung des deutschen Konventionaltarifs bis zum 30. Juni 1907 mit den Vereinigten Staaten über einen Tarifvertrag weiter zu verbandeln. Glück zu!__

Wertzuwachsöeuer.

Gießen, 23. F.br.

Viele moderne Finanzpolitiker empfehlen immer . der ö: .. ucr auf den Wertzuwachs. Jüngst tat das, wie mir bdu. . Liü, hier in Gießen der frühere Gießener und jetzige Mu.du gcr Privatdozent Dr. Phil. Koppe. Selten lassen si. für eine Steuer so bestechende Gründe anführen, wie für Di. Tie theoretischen Grundlagen sind außerordent- lich eiu'acher Natur. Ter dem einzelnen Bodenbesitzer in den Schoß fallende Wertzuwachs bedeutet für alle übrigen Anwohner eine direkte Schädigung in Gestalt der gesteigerten Mieten. Dr. K. führte ganz unwiderlegliche Gründe für die innerliche, die soziale Gerechtigkeit der Wertzuwachs­steuer an, die übrigens selbst bei den rücksichtslosesten Ver­fechtern ein gewisses bescheidenes Maß nicht überschreitet, indem nur ein Bruchteil der von der Öffentlichkeit geschaf­fenen, also dieser von Rechtswegen gehörigen Wertsteiger- ung in Gestalt der Wertzuwachssteuer der Allgemeinheit wieder zugeführt werden soll.

An grundsätzlichen Bedenken wird dagegen eingewandt: Wenn die Gemeinde sich teilnehmend einstellt, wo eine Steigerung des Bodenwertes zu vermelden ist, so müßte sie (und so könnte sie in gewissen Grenzen) auch daran teilnehmen, wenn der Bodenwert durch kommunale Maßnahmen (Verlegung von stüdt. Anstalten oder dergl.) zurückgeht. Ferner werden nicht nur die Grundstücke, son­dern durch dieselben Ursachen auch Geschäfts- und Gewerbe­betriebe ohne Zutun der Besitzer im Ertrage und Werte gesteigert was freilich eine Vermehrung Der Geschäfte zur Folge zu haben pflegt, wie sie bei Grund und Boden nicht möglich ist. Endlich müsse mau eins bedenken, wenn man einem Ackerbürger vorrechnet, daß er seme Landstelle Hunderttausend Mark teurer verkauft, als ferne Vorfahren

sie einstmals erwarben: es ist kein Geschäft von der ein­fachen Art, als wenn man heute einen beweglichen Gegen­stand ersteht und ihn morgen mit guter Gelegenheit einen Taler teurer weiter geben kann. Man enthebt die betr. Familie vielmehr ihrer herkömmlichen Existenz.

Deshalb wäre es zweifellos ein Unrecht, den ganzen Wertzuwachs an die Allgemeinheit abzuführen. Aber eine ansehnliche Abgabe von so leichtem und reichlichem Gewinn entspricht dem allgemeinen Billigkeitsgefühl. Man besteuert die Einkommen ans Aktiengesellschaften und G. m. b. H. doppelt, weil die Viftionäre verhältnismäßig mühelos und ohne großes persönliches Zutun zu dem Einkommen ge­langen, man zieht andere mühelose Einnahmen wie Lotterie­gewinne und Erbschaften stärker zu einer Abgabe heran als das regelmäßige Einkommen. Da darf man auch dem unverdienten Vodenspekulationsgewinn auf den Leib rücken.

Außerdem kommen gewaltige soziale Gesichtspunkte in Betracht, und wo diese noch nicht genügend Kraft besitzen, um die Wertzuwachssteuer zu verwirklichen, da wirkt als letzter, aber zwingendster Dränger jener Faktor mit, vor dem schon ganz andere Gegner die Waffen gestreckt haben: das unheimlich zunehmende Finanzelend vieler Städte. Auch unsere Stadt geht zweifellos sehr bedenklichen finanziellen Nöten entgegen. Wir haben die immensen Kosten des noch 4 Jahre dauernden Kanalisationswerkes, der unumgänglich notwen­digen Straßen Pflasterung, die zwei Millionen kosten soll (bis 1907 beabsichtigt unsere Stadtverwaltung, wie wir hören, eine provisorische Pflasterung durchzu­führen), die Erhaltung des neuen Theaters usw. usw. zu tragen. Wie soll das geschehen ohne eine neue Steuer? Ms schlagendster Beweis für die Existenzberechtigung der Zuwachssteuer sei auf die gewiß ganz erstaunliche Tab- fache hingewiesen, daß man sich in Bremen bei dem Zwie­spalt: Grundsteuer oder Zuwachssteuer? für die letztere entschloß.

Aus SiQ-t rrnd Land.

Gießen, den 23. Februar 1906.

Ordensverleihungen. S. Kgl. H. der Stofe- Herzog haben dem städtischen Armenausseher i. P. Philipp Scheuch zu Offenbach das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift »Für langjährige treue Dienste" unb bem Dienst­knecht Johs. Schlessinger zu Eberstabt in Diensten ber Familie beS Landwirts und Metzgermeisters Gg. Görlach II zu Eberstabt (Kreis Gießen) bas Allgemeine Ehren­zeichen mit ber InschriftFür treue Arbeit" zum 22. l. M. verliehen.

** Warnung vor Serienlosgeschäfteu. ES ist in ber letzten Zeit mehrfach vor gekommen, daß in Beilagen zu Tagesblättern Entladungen zur Beteiligung an sog-mannten SerienloSgefchäften erschienen sind. Die Serienlosgesestschaften beruhen aber nach den gemachten Feststellungen. fast ohne Aus­nahme auf schwindelhafter Grundlage. Tas Publikum wird brr die Anpreisungen getäuscht und gibt sein Geld hin, ohne Aussicht den Anteil am versprochenen Gewinn auch tatsächlich zu erhalten. Der Betrieb solcher Geschäfte ist außerdem strafbar. DaS Publi­kum wird vor ber Beteiligung an solchen strafbaren Scrieulos- geschäften ausdrücklich gewarnt.

** I n der Ober hessisch en Gesellschaft für Na­tur- und Heilkunde sprach am 14. Februar öerr Dr. Bruck über den derzeitigen Stand ber Lehre von den Pflanzenkrankheiten. Der Dortragsub: führte aus, daß mit dem Begircn des neuen Jahrhuudtt.s ein Wendepunkt in der Erforschung der KranlheitSlehre der Pflau- n eingetreten sei. Während bis dahin nur spezielle Anwenduu - gebiete mit praktischen Gesichtspunkten, wie der Pflanzenschutz r d der Forst - schütz, das größte Jittercsse beanspruchten, hat nten jetzt damit begonnen, eine allgemeine Phytopatholog, 'nf phvsio- logischer Grundlage, und als Seitenstück dazu v a t h o - logische Anatomie in den Vordergrund des S ms der Erkrankungen zu stellen. Welche Aufgaben diese F-visc!,! . .isricht- ungen zu erfüllen haben, hat bereits Ernst K'üster (Halle) in einem Grundriß der allgemeinen Krankl) itslehre (1905) und einem .Handbuch der pathologischen Anatomie <1902) niebergelcgt. Der Vortragende besprach insbesondere diese beiden Werke ein­gehend und suchte die theoretischen Ableitungen Küsters an Bei­spielen aus der jüngsten Literatur zu erläutern. Es wurde gezeigt, daß durch die Untersuchungen von K'lebs, welcher durch äußere Einflüsse (abnorme Ernährungs und Tempcratur- bedinaungen) willkürliche Entwicklungsänderungen im pflanzlichen Organismus l)ervorrief, ber Nackmxis erbracht ist, daß pathologische Erscheinungen und teratologische Veränder­ungen der eaufalen Forschung zugänglich sind. Weiterhin wurden die Umstände erwähnt, welche am Zustandekommen para­sitärer Erscheinungen beteiligt sind. Während noch in jüngster Zeit viele Forscher, einmal in der Beschäftigung mit diesen Krankheiten die Hauptaufgabe der Pathologie erblickten, anderer­seits lediglich die Erkennung der auf Pflanzen vorkommenden Organismen betrieben, ist jetzt die Forschung in andere Bahnen gelenkt worden. Das Studium der prädisponierenden Einflüsse und die von der menschlichen Medizin im Anschluß hieran mit Erfolg übernommene Lehre von der Immunität und S e - rumtherapie erregen insbesondere das Interesse der Pflan­zenpathologen. Die einschlägigen Arbeiten von M e t s ch n i k o f f, Laurent u. a. wurden hierbei erwähnt. Am Schlüsse seiner Ausführungen wies Dr. Bruck darauf hin, daß für eine rationelle Pflan^nHygiene und Bekämpfung der Pflanzenkrankheiten die Ausbildung einer pathologischen Chemie nokivendig geworden sei. Dieser Zweig ber Wissenschaft beschäftigt sich vornehmlich mit ber Einwirkung verschiedener äuß-rer Einftüffe (chemischer Natur, Witterung, Kulturertreme) auf dem Chemismus ber Zelle.

** Gießener Lesehalle. Am Mittwoch abend fand im Cafe Ebcl die General-Versammlung unseres Lese- Hallen-Vereins statt. Der Vorsitzende Geb. Hofrat Professor Dr. Haupt erstattete Bericht über die Tätigkeit des Vorstandes und die Enttvicttung der Lesehalle. Er erklärte einleitend, daß die gedeihliche Weitercntivicklung brr Lesehalle in Frage gestellt sei. wenn es nicht gelinge die Lokalfrage zu lösen, wenn auch nur burch ein Provisorium. Schon sei man nicht mehr in der Lage, dem Lesebedürfnis der Bevölkerung durch Neuerwerbungen für die Bibliothek Rechnung zu tragen, weil cs an Naum fehlt, die Bücher aufzustellen. ÄuS diesem Grunde erkläre sich auch ber Ncine Rückgang bei ber Ausleihung gegen das Vorjahr. Ebenso sei ber Leseraum, in dem die Zeitungen usw. aus.iegen, bem Be­dürfnis nicht entsprechend. Es sei sehr zu beklagen, daß die Stadt nicht in der Lage sei, helfend emsutreten unb der Vorstand wird es als seine wichtigste Aufgabe ansehen, in irgend einer Weise aus den unhaltbaren Zuständen herauszukommen. Er hofft dabei auf die Unterstützung seiner Mitglieder und in erster Lime auf die ber städtischen Verwaltung. DaS Ideal sei ja ein

eigenes Heim, an dessen Schaffung man auch denken müsse. Dankend gedachte der Vorsitzende ber Tätigkeit von Fräulein Dingeldein als Bibliothekarin, der Damen, welckfe als freiwillige Hilfsarbeiter ihre Kräfte einsetzen und der Mitglieder des aka­demischen Türerbundes, welche helfend eintreten, wenn es nötig erscheint. Der Vorsitzende konstatiert die erfreuliche Tatsache einer Zunahme des Interesses für die Lesehalle innerhalb der Bürgerschaft. Habe sich doch die Mitgliedschaft, im abgelaufcnen Jahr von 369 auf 495 vermehrt, so daß die Beitragsleistung von 1438 Mark auf 1690 Marl sich erhöbt bat. Als außerordent­liche Beiträge haben die Stadt außer bem Lokal, ber Heizung und Beleuchtung 400 Mark, der Kreis Gießen 150 Mark und die Sparkasse 600 Mark für die Zwecke des Vereins zur Verfügung gestellt. .Für Besoldungen wurden verausgabt 1250 Mark, für Bücher und Zeitschriften 700 Mark und für Buchbinderarbeiten 750 Mark. Es bestellt die Absicht, um in hygienischer Beziehung alles zu tun, was möglich ist, abwaschbare Einbände anzuschassen. Der Vorsitzende spricht die Hoffnung aus, daß c§ bem Verein im laufenden Jahre gelingen möge, der Schwierigkeiten betreffs des Lokals Herr zu werden. Schriftführer Dr. Fritzsche be<- lirftct, daß im Gkmjcn ausgeliehen wurden 25 268 Bände gegen 26 371 im Vorjahre. Ter Bestand der Bibliothek hat, sich von 4859 Bänden auf 5247 Bände vermehrt, so daß durchschnittlich jeder vorhandene Band 5 Mal im Jahre auSgeliehen gewesen ist. Spezialisiert ergibt die Ausleihe für 1905 folgendes Resultat 2 Erzählende Literatur 12 291 Bände, Zeitschriften 4840 Bande, Jugendschriften 3075, Historische und Geographische Werke 1687 Bände, Kunstgeschichte 121 Bande, Naturgeschichte und Teckmv- logische Werke 1098 Bände, Seewesen 190 Bunde, Religiöses 261 Bände, Staatswissenschastliches 119 und Sprachwissenschaften 202 Bände. Nach auswärts verliehen wurden 912 Bände.

** Merkwürdige Sitten und Gebräuche in Oberhessen am Peterstag. Der Tag Petri StuhlfeierI im Dolksmund Pirrstoag genannt hat in vielen Teilen, Ober- Hessens und den angrenzenden Gebieten eine ganz besondere Bedeutung, die in früheren Jahren noch eine höhere Beachtung fand. So trifft man die früher allgemeine Sitte, den Hühnern das Futter innerhalb einer kreisrund gelegten Kette zu streuen, um sich gegen das Weglegen in andere Hofraiten zu schützen, heute mir noch selten an. In manchen Orten wird am PeterSlag das Hühnerhcnis gereinigt und dabei spricht man Wünsche um. reichen Eiersegen aus. In den meisten Orten der Wetterau ist es heute noch Sitte, daß das Dienstpersonal, Küechte und Mägde, .rm Peterstag sich aufs neue verdingt, während dies im Vogels­berg unb K reis Gießen am 3. Christ tag geschieht. Eine alte Bauernregel sagt:Wenn es in der NocA auf den Petrittrg liiert, dann erfriert dem Bauer ber dritte Wagen Heu." Ein im VvlKmund beule noch bekannter alter Volksreim sei noch erwähnt, er lautet:

Pirrer stell de Rocke nirrer, (nieder) Dann gätzt em Hob des Huh, Dann kalbt em Stall b;e Kvauh, lKub) Dann hott die Fraa cm Haus ze docm. (tim.) --Bad-Nauheim, 22. Febr. An bem Neubau des Ü-roßh. Elektrizttätswerks verunglückte heute mittag gegen 12 Uhr ein Ma urerparlier au5 Otzerwöllstabt dadurch, daß er durch einen Fehltritt etwa 4 Dieter tief auf einen eisernen Dräger stürzte. Besinnungslos nmrbe er vom Platze getragen. Außer einem Bruch bes einen Oberschenkels erlitt er auch schwere innere Verletzungen.

Darmstadt, 22. Febr. Der Graf und die Gräfr« zu Pf en bürg unb Bübingen in Meerholz wurden heute von den Großheczoglichen Herrschaften empfangen unb nahmen danach an der Grosch. Frühstückstasel teil.

(Darmst. Zig.)

sd Darmstadt, 22. Febr. Die MandatSnieder- (cgung Cramers als Stadtverordneter, die der Ober­bürgermeister in der heutigen Stadtoerordnetensitzung bekannt gab, gab Veranlaffung zu einer lebhaften Debatte, da em Stadtverordneter gesetzlich nicht das Recht habe, das Mandat^ ohne weiteres niederzulegen, doch wolle man in diesem Falle die Beweggründe gelten kaffen. Mit Recht wurde geltend gemacht, daß Cramer nur mit Hulse der bürgerlichen Parteien den Stadtoerordnetensitz erringen konnte. Demgegenüber wurde feftgcfteQt, daß er von den Bezirksvereinen ausdrücklich als sozialdemokratischer Kandidat unterstützt worden sei. Nach­dem sein Genoffe Stephan noch für Cramer einqetreten war und erklärt hatte, daß man ihn doch nicht zum Kommen uvingen könne, war man mit der Mitteilung zufrieden. Dem allg. deutschen Schulverein. der in diesem Jahr in Berlin sein 25. Stiftungsfest feiert, wurde heute durch die Stadtverordneten ein Zuschuß von 500 Mk. bewilligt.

a Marburg, 22. Februar. Als Vertreter der hiesigen Universität wird der Rektor Andrs an den Hochzeits­feierlichkeiten in Berlin teilnehmen.

Die Stellung der Gießener Studentenschaft zur Frage der konfessionellen Verbindungen.

Der Ausschuß der Gießener Studentenschaft hatte in der, Sitzung vom 29. Januar gegen die Kampfesweisc des Ver­bandes deutscher Hochschulen eine grundsätzlich ablehnende Stellung eingenommen. In der Sitzung vom 16. Februar hat er seinen Anschauungen über diese Frage Ausdruck ge­geben in der folgenden Resolution Schlie und Genoffen:

Tie Gießener Studentensthast begrüßt die Begründung des Perbandes deutscher Hochschulen mit Freude. Sie ist aber ber Anschauung, daß bie Stellungnahme des Verbandes den fonMüfr- neKen Verbindungen gegenüber bem Prinzip ber akademischen Frei- 6eit, das das Prinzip ber Toleranz Anbersdenkenden gegenüber in üch schließt, nicht entspricht. Vor allem aber fiub es auch praktische Gesichtspunkte, die es bem Ausschuß unzweckmäßig erscheinen lassen, die k o n f e s s i o n e l l e n Verbindungen aus dem Ausschuß a u s z u s ch l i e ß e n. Die Gießener Studentenschaft ist gewillt, die konfessionellen Gegensätze, soweit es an ibr ist, zu mildern, anstatt sie zu oeriebärien, wie es uiffehlbcrr durch den Ausschluß gescheben würde. Ferner hat die bisherige Art des Kampfes, bie konfessionellen Verbindungen auszuschließen und bann ruhig im Bewußtsein, eine vaterländische Tat vollbracht zu haben, bie Hände in den Schoß zu legen, nur den Erfolg ge­habt, daß die konfessionellen Korporationen sich fester zusammengeschlossen haben unb statt schwächer, ftärfer geworden sind, ebenso wie der Kulnrrkampi nur dazu gedient hat, das Zentrum zu seiner jetzigen ausschlaggebenden Stellung einvorzuheben. Wie die Gießener Sttidentenschait aus diesen Gründen den vtantpf gegen bie konfessionellen Verbindungen den einzelnen zum Austrag mit geistigen Waffen überläßt, io er­hofft sie andererseits im Interesse ber Ueberbrücfimg der konfessio­nellen Gegensätze eine Aenderung in der Stellungnahme des Ver­bandes.