Ausgabe 
15.12.1906 Sechstes Blatt
 
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SamStag IS. Dezember 1906

Nr. «95

Gießener Anzeiger

Erfcheinl täglich mit Ausnahme M Eonntags.

General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen

Vermischtem

bei ntir. Martin Luther

und mein 91 nt, daß man sauber»

Warenhaus Ä. Goldschmidt j

Schulstrasse 6 GIESSEN_______Schulstrasse 6 |

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Grosser Weilmachts-VeiM von Spieiwaren und Geschenk-Artikeln

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der Schritt sie unterrichtet. Will christlicher Liebe Gesetz an ihnen mit lassen werben und Arbeiten,

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Rotationsdruck und Verlag der Brühtfchen UmoersilätSdruckeret. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition ».Druckerei: Cchickstr.7.

Tel. 9lu 5L Tetegr.-Adr. r Anzeiger Drehen.

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156. Jahrgang

Aufziehartikel . Laterna Magika Festungen, Burgen Gekleidete Puppen Puppenköpfe . . .

Prachtv. Schaukelpferde Grosse feste Leiterwagen Eisenbahnen......

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Zugabe, ein schöner Abreisskalender, bei Einkäufen von Mk. I. an.

geben, dak seine ftrmt in jüdischen Geschähen kaust, und es bedrückt lein christliches Gewissen nicht, daß jüdische Ware in sein HanS kommt. Wahrscheinlich kaufen noch viele andere kluge christliche trauen, auch wenn ihre Tlanner schreien .klaust nicht bei?uben*, doch nur da, wo sie ante und billige Ware finden. Also lasst Euch nicht betören dlirch Leute, die au4 der R e l i g i o n ebenso ein Geschält machen, wie ans dein P a t r i o t i S m u S; tragt bei (Sitten Einkäufen nicht nach Abstammung und GlaubcuSbekeimlnis, sondern danach, wo Ihr gute Ware zu angemessenen Preisen bekommt. Was schlecht und teuer ist, wird darum nicht bester und billiget, wem, es von einem Christen vetkaust, und waS reell und vreiswürdig ist, ivitd darmn nicht schlechter und minderivertiq, weil es von einem Juden vetkaust wird. WaS hat da? Geschält mit der Religion zu tun 2 Wie es Cchuste gibt unter Juden und Ebristen, so werdet Ihr ehrlichen Handel und preiswerte Ware finden bei Juden und Christen, und nur darauf darf es Euch ankommen, £)iitet Euch vor denen, die unlautere Konkurrenz betreiben, die ihren Glauben und ihre Religion als Reklame benutzen kür ihre Wate. Kein Schacher und kein Wucher ist so nichtswürdig, als das Schachern und Wuchertretben mit der Religion. Tie Bürger einer Stadt wie deS ganzen Staates sind in unzähligen Beziehungen aui ein­ander angeivtesen; je friedlicher und einträchtiger sie mit einander leben, um so bester wird eS bestellt sein um jeden einzelnen und um das ganze Paterland. Deshalb fort mit allen Verdächtigungen und Verhetzungen, fort mit dem Mißbrauch der Religion zu ge­schäftlichen Zwecken. Kauft ohne Euch um die Religion bet anderen zu kümmern da, wo Ihr gute Ware preiswert bc- kommt.

Vereine und Gesellschaften erhalten ermässigte Preise

Sonntags bis abends 7 Uhr geöffnet*

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TieSiebener Lamllienbllitter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich detgelegt. Der hesfljche fanbwlrl" erscheuu monatlich etnmaL

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Mk. 25, 18, 9.75 bis

Üben, sie freundlich annehmen, damit sie Ursache und Raum gewinnen, bei uns und um uns zu sein ' Und der Mann, der sich ebenso gern als zweiter Luther* bezeichnen lässt, wie als -Vater deS Antisemitismus^, musste zu-

mir bekannter Eisenbahnbeamter sagte mir kürzlich, daß ihm die Dividende jedes Jahr zu einer vergnügten Nacht im Eisenbahn« beamtenverein reichte, und so wäre es bei vielen Mitgliedern.

Sehr interestant war mir mm eine vor ca. 4 Wochen gehabte Unterredung mit einem Kaffee-Reisenden, von dem ich zufällig bürte, daß er auch Konsumvereine betuchte, und den ich auS diesem Grunde auSforscbte. Er sagte mir. dasi er die Lieferungen an die Konsumvereine mit Vorliebe betreibe, da die Leute, die ben Ein­kauf unter sich hätten, meistens absolut nichts von Kaffee verständen, und da wüßte et natürlich das Interesse seines HauseS zu wahren, wobei auch er sich nicht schleckst stände.

Es mußte deshalb, wie dieS auch schon im Königreich Cachfest der Fall ist, einfach ein Verbot erlassen werden, das jedem Beamten, dessen Einkommen auS der Tasche der Steuerzahler kommt, ver­bietet, sich direkt oder indirekt au irgend einem Konsumverein zu beteiligen.

Wenn dieses einmal durchgesetzt wäre, dann würde auch jeder einsichtige Geschäftsmann freudig den oft notwendigen Gehalts­erhöhungen, namentlich der mittleren und kleine» Beamten z stimmen. Jedem das Seine! A. -L

Wieseck, 12. Dezember.

Da? unter Assistenz von mehreren mir wohlbekannten Herren verfasste Eingesandt des Herrn Vorsitzenden des Bürgervereins hier, von besten Veröffentlichung ich schon zwei Tage vorher Kenntnis halte, nötigt mich, wie folgt zu beantworten:

Ter Herr Vorsitzende deS Bürgervereins gibt an, die be- trestende Gemeinderatssitznng und die in Frage stehende Bürger» vereinsversammlunq hätten am 20. März d. I. stattgefunden. Daß dies unrichtig ist, davon können sich der Herr Vorsitzende und seine Gehilfen des erwähnten Eingesandts durch Einsichtnahme des GememderatsprotokoNs und eines auf hiesiger Bürgermeisterei be­findlichen Schreibens des Vorstandes des Bürgervereins überzeugen. Em Irrtum deS Schriftführers deS Gemeinderatsprotokolls oder des Schriftführers der betreffenden Bürgerversammlung,^ wie Herr Becker zu seiner Entschuldigung anführt, ist also vollständig aus­geschlossen. Ter von Herrn Becker erwähnte, am 16. März 1906 geiahte Gerneinderatsbeschluß ist meinerseits noch im Lause des­selben Monats, alio rechtzeitig, emgesandt worden.

Tie nach Angabe des Herrn Becker so späte KeuntniSerlangimg von seiner Wahl als Geländeerwerbskommifsionsmitglied ist leicht' begreiflich, wenn Herr Becker in mehr als der Hälfte der im Laufe dieses Jahres bis dahin stattgehabten Sitzungen des Gemeiuderats gefehlt hat.

Trotzdem macht er mir den Vorwurf der Unterlastung und der indirekten Schädigung der Gemeinde, indem er, offenbar sonst nichts neues mehr vorzubringen mistend, auf beinahe acht Jahre zurückgreift und mir die Schuld an dem Nichtankaui dos Geländes an der jetzigen Ludwiqsstraße durch Unterlassung der Errichtung von Kaufnoteln zuschiebt, obgleich er doch wissen sollte, daß in dieser Sache beteiligte Grundbesitzer einige Tage nach bett mit der Kommission nur mündlich geführten Unterhandlungen anberm Sinnes geworden waren und ihre Preisforderungen derart er­höhten, dasi nach damaliger Sachlage ein Ankauf des Geländes durch die Gemeinde unmöglich war und auch durch nachfolgendeu Gemeinderatsbeschluß bei den nun erhöhten Preisforderungen fallen- gelosten wurde. Warum ist Herr Becker damals in einer der nächst­folgenden Sitzungen nicht gegen meine vermeintliche Schuld aus­getreten und warum erhebt er solche Vorwürfe erst jetzt nach zirka acht Jahren? Schließlich schreibt Herr Becker, daß, wenn ich den Versammlungen des Bürgervereins beiwohnen würde, diese Aus-' einauderfetzungen nicht nötig gewesen wären.

Diese indirekte Einladung des Herrn Becker muß ich bestimmt' ablehnen, beim nach unserem jetzigen und wohl auch zukünftigen Verwaltungsreckst ist zur Verwaltung ber Gemeinbeangelegenheiteir mir der Gemeinderat als Vertreter der Gesamtheit berufen und Herr Becker war als GemeinderatSmitglied in erster Linie ver­pflichtet, etwaige in der Gemeinde vorhandene Mißstänbe in der Gemeiiideratssitzung vorzubringen und nicht in einem Verein oder in der Presse. Ich war, um nicht falsche Auffaffungen sich in hiesiger Gemeinde verbreiten zu sehen, lediglich gezwungen, der Wahrheit gemäß zu antworten. Da ich nun diesen Zweck als erfüllt erachte, ist dieses mein letztes Wort in dieser Angelegenheit.

Som m e r l a d, Bürgermeister.

Mit großem Vergnügen habe ich in Rr. 289 des Gieß. Anzeig, gelesen, dah bei der zweiten Hauptversammlung bc5 neugegründetenVerein städtischer Beamten" der Plan zur Gründung eine- Konsumvereins städtischer Be­amten fallen gelassen worden ist. Es wäre meines Erachtens eine Rücksichtslosigkeit gegen die hiesigen Geschäfts­inhaber gewesen, wie ich sie mir größer nicht vorstellen kann, denn die Geschäftsinhaber zahlen ja sämtlich einen Teil deS Gehaltes der städtischen Beamten. Durch den glücklicherweise entschlafenen städtischen F-ischmarkt war auch in ganz unbeteiligten Kreisen eine große Verstimmung gegen die städtische Verwal­tung hervorgerufcn, ebenso gegen die ungerechtfertigte Vergebung von Druckarbeitcn nach auswärts, wo wir so große muster­gültige Druckereien am Platze haben, die doch auch eine schöne Portion Kommunalsteuern zahlen müssen und auf die unbedingt Rücksicht zu nehmen war. In einer so konkurren'reichen Stadt wie Gießen ist pber Konsumverein vollständig überflüssig, ein Beamten- Konsumverein aber nach meiner Meinung geradezu ein Ver­gehen gegen die Steuerzahler. Die Beamten, die Mitglied eines Konsumvereins werden, handeln nicht nach dem Grundsatz:Leben und leben lassen", sondern untergraben, trotzdem sie für ihr ganzes Leben eine gesicherte Existenz haben, andern da- arbeite und sorg en reiche Dasein. Ich behaupte, daß kein Beamter fo intensiv und lange arbeitet, wie eS ein Geschäftsmann ober Hand­werker tun muß, um fein Geschäft zu gründen und zu erhalten. Gerade die Kolonialwarenhändler, denen die Konsumvereine gerne daS Fahrwaffcr abschneiden, sind die geplagtesten Geschäftsleute, von denen ber größte Teil ans Not gegen die eingeführte Sonn­tagsruhe itnb gegen den 9 Uhr Ladenschluß f. Zt. gestimmt hat, die ober durch andere Branchen überstimmt sind.

Wenn sich ein Geschäftsmann garnichts sparen kann, dann ist er bei dem geringsten Mißgeschick einfach ein Bettler, und wir haben leider viele Beispiele hier in Gießen, daß Geschäftsleute ohne ihre Schuld ins Elend geraten sind. Seit der Gründung des nach meiner Meinung sehr überflüssigen hiesigen Eisenbalni'Kon- smnvereins haben hier in Gießen 6 K o l o n i a l w a r e n g e s ch ä f t e, die alle Bahnbeamte znr Kundschaft hatten, ihr Geschäft Auf­heben muffen, und fein derartiges Geschäft ist wieder in diese Häuser gekommen. Eine ganze Anzahl solcher Geschäfte vegetiert nur noch und muß nach meiner Ansicht obigen Geschäften folgen.

Unbegreiflich ist es mir deshalb, daß ber Staat solche Vereine überhaupt bulbet und sogar unterstützt. Die zwei Verkaufslokale gehören dem Staat und wie ich hörte, soll für beide nur eine sehr mäßige Miete bezahlt werden. Die Geschäfte des Konsumvereins werden teilweise in den Tiensträumen und Tienststunden versehen, wo Reisende empfangen und schriftliche re. Arbeiten erledigt werden. Die Bureandiener muhen während ihrer Tieuststuuden in ber Stabt Bestellungen und Zahnngen lmachen rc. rc.

Trotzdem hier nun mit zweierlei Waffen gekämpft wirb, zahlt ber Eisenbahn-Konsumverein unter Berücksichtigung be 8 an gerichteten Schadens nur eine kleine Dividende. Ein

Dio nach- A a r »7 f O rind Sonntag« den 16. Der.br. von stehenden *1V 1 Zi 12 Uhr mittags bis 12 Uhr nachts sicher anzntreffen. |D*/jt

Dr. Geyer, Selterswcer 64. Dr. Klein, Ost-Anlage 31. a Dr. Zineuer. Goethestr. 10.

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Zwei fürstliche Liebesromane. Schon vor Jaliresfrist ging in englischen Gesellschaftskreisen da rücht um, von einer Verlobnn g der Prinze Viktoria Patrizia von Connaught mit Leutnant in derblauen" Leibgarde zu Pferde, Mar­quis von Anglesey. Mit dem Widerstand, den diese nicht ebenbürtige Verbindung fand, erklärte man auch die militärische Inspektionsreise" des Herzogs von Connaught nach Südafrika im Frühjahr d. I., aus der ihn Frau und Tochter begleiteten. Erne zweite solche Inspektionsreise nach Kanada, die der Herzog mit seiner Familie jetzt an­tritt, soll, wie unS jetzt aus London geschrieben wird, angeblich in der Hauptsache wieder dem Zweck dienen, die junge und eigenwillige Prinzessin ihren Liebesroman vergessen zu lassen. Der ältere, im 25. Lebensjahre stehende Bruder der Prinzeß, Prinz Arthur von Connaught, hat unlängst seine Verbindung mit einer Peerstochter, Lady MannerS, durchsetzen können. Die Heiratspläne des Hauses Connaught sind insofern für Deutschland von größerem Interesse, als die Herzogin von Connaught die älteste Tochter des verstorbenen Prinzen Friedrich Karl von Preußen, desroten Minzen", und die Schwester des Prinzen Friedrich Leopold ist, der seinerseits wieder die jüngere Schwester unserer Kaiserin zur Gemahlin hat. Der PariserGaulois" hat gemeldet, die Prinzessin He- lejje von Serbien, die 22jährige Tochter des Königs Peter, werde sich mit dem Prinzen Ludwig von Savoyen, Herzog der Abruzzen, verloben. Der 'Herzog, der sich durch seine kühnen Forschungsreisen auch in der wissenschaftlichen Welt einen geachteten Namen gemacht hat, ist ein Vetter des Königs Viktor Emanuel IN. von Italien, und die Prinzessin Helene ist eine Nichte der Königin Elena von Italien, da ihre Mutter, die 1890 verstorbene Prin­zessin Zorka von Montenegro, die älteste Schwester der Königin war. Und es ist kein Geheimnis, daß die K-önigin Elena gern ihren Einfluß geltend machen möchte, um zur Bescstigung der ihr so nahe verwandten Dynastie Kara- georgcwitsch in Serbien beizutragen. In dieser Hinsicht würde die Vermählung der Prinzessin Helene mit dem in Italien sehr populären Herzoge nicht unbedeutend inS Gewicht fallen. Die serbische Prinzessin hat ihre Erziehung teils in der Schweiz teils in Rußland erhalten und wirb als von liebenswürdigem Acußeren und von angenehmer, sympathischer Gemütsart geschildert, sehr unähnlich ihrem Bruder, dem Kro-nvri'nren Georg.

Cnlgesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter bieier Rubrik stehenden Artikel Übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

,1t n (au ter er Wettbewerb/ DaS WeihnachtSfesi fall vor allein ein Fest ber Siebe und be« WohktnnS lein. In ble Vorbereitungen zu biefem Feste klingen feit einiger Zeit alljährlich Mtßtöiie, bie im schroffsten Gegensatz flehen zu ber Eugelsbotschaff. Friede auf Erben und ben Menfchen ein Wohlgefallen 1 Antiserniien werden nicht mfibe, in Flugblättern, bie sie teil« verschenken, teils sich bezahlen laßen, die Parole auSzugeben:Kaust nicht bei Juden." Dadurch glauben sie ihre christlich-germanisch-beutsche Gesinnung in einer des Festes würdigen Weife zu betätigen. Wir fragen: Ist es christlich, wenn angebliche VolkSbeglücker baS heiligste Fest der Christenheit zuin Vorwand nehmen, um Mißtrauen, Neid unb Laß zu entfachen, bie niedrigsten Triebe des Meuschenherzens? Ist es christlich, unter Berufung auf bie Religion Flugblätter zu verbreiten, bereit letzter Inhalt hoch weiter nichts ist at5: Kauft ich, bei anderen, sondern kauft bei mir. Martin Luther, auf den unsere Antisemiten sich so gern berufen, schrieb von den Juden: »Drum wäre mein Bitt sich mit ihnen umgehe unb aus man ihnen helfen, so muß man