Ausgabe 
24.1.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

156. Jahrgang

Mittwoch Ä4.Jarmar 1906

Die Heutige Kummer umfaßt 10 Seiten,

ge-

entschlossenes und umsichtiges Verhalten am Sonntag banr, eme Reform des preu bischen LLhlrechtS als vor­beugende Maßnahme verlangt und die Regierung auffordert, die Macht deS internationalen Jubentmns auf allen Gebieten des Volks- und Staatslebens ru brechen.

YezugSpretS: monatIlch7bPf.,viertel- jäbrhd) Alk. 2.20; durch 9lbf)olc' il Zweigstellen monatüdi 65 Pf.; durch die Post Atk.2.viettel- jahrl. ausschl. Bestell^. Annahme von Anzeigen siir die Tagesuuinnier bis vormittags 10 Uhr. ZeilenpreiS: lokal 12 Pf^ auswärts 20 Pfg.

Verantwortlich fflr den volit. und allgem. Teil: P. Witt ko- füc »Stabt und 2anb' und »Genchtsfaatt: Ernst Heb; für ben An­zeigenteil: HanS Beck.

Nr. 20

tftielwt lägklch au her Sonn was.

Tem (Atrfeenrr Anzeiger werden im Werbiel mit dem Kes,Ischen Landwirt die Siebener Kamillen, blätter viermal in der Woche betqelegL

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh loschen Univers.-Buch-u. Sicirt- brndeiet. 9t. Lange. Redaktion, Ervedmoa imb Druderet:

Scholstrahe 7,

Redaktion e=) 113

Verlag u.Exved.r^^bl Adresse kür Depeschen:

Uuzeiger Gießen.

die Sprache, in welcher gebeichtet wurde, nicht gestattet sei. Der polnische Soldat sei attgeurei» c.» «rUer Soldat. Laß ein polnisch«: Mann wegen seiner Nation oder Religion verspottet würde, wie der Vorredner behaupte, sei nicht wahr.

Präsent Grat Ballesirem erklärt nun unter HtttrrkM: Wir verlassen diesen Gegenstand.

Das Hans seht die erste Lesung deS Gesetzentwurfes übet den Versicherungsvertrag fort.

Abg. Böttger (nat(.) begrübt den Entwurf als einen groben Fortschritt. Die groben Vorteile, die jetzt dte öffentlichen Sozietäten besäßen, müßten ihnen aber wieder genommen werden. Sie müßten tmbebingt den Zwangsvorfchrrlten dieses Gesetzes unter- morlen werden. Redner beantragt dann, den Entwurf an eine Kommission von 21 Mitgliedern zu verweisen.

Abg. Porzig (kons.) hält den Entwurf für eine geeignete Grundlage zum Ausbau unseres Versicherungswesens. Durchaus zu rechsterligep sei die den öffentlichen Anstalten eingeräumte Sonderstellung. Hoffentlich werde der (Sntrourf recht bald Gesetz.

Abg. Dr. M ü l l e r -- M e i tt i n g e n (frf. Vv.) halt den En't- wurf für eine hervorragend tüchtige Arbeit, bei der offenbar auch die Sachverständigen gehört worden seien. Zu vermissen seien Bestimmungen über Abtretungs-Verfügungen, Rückkauf von Lebens- l'ersicherungs'Polizen, aber solche kleine Bedenken träten zurück gegenüber der großen Frage der Herernziehung ober Nichtherein- ziehung ber össentlicheii Anstalten, der Sozietäten. Der Grtmdzug des Gesetzes solle doch fein und sei tatsächlich: mehr Rücksichtnahme a'.ii den Versicherten, Schutz des Versicherten, und dieser Grundzug des Geietzes sei wie weggeivischt gegenüber den Sozietäten.

Abg. Dove (frs. 93g.) erkennt an dem Entwtirf an, daß er vräzis und klar ausgearbeitet sei. Dre Frage der Sozietäten dürfe unter feinen Umständen auf die leichte Achsel genommen werden. Die Ausschließung der Sozietäten von den Zwangsvorschriften mache seine Partei nicht mit.

Abg. Beumer (natl.) macht eine Reihe von Einwendungen gegen die Bestimmungen des Gesetzes, soweit ed sich namentlich auf das Feuerversicherungswesen bezieht. In manchen Punkten erscheme das Interesse der Versicherer doch im Vergleich zu dem des Versicherten zii wenig gemährt. Mit der Exemption der Sozie­täten sei ihm die Vorlage schwer annehmbar.

Staatssekretär Dr. Nieberding erklärt, Graf Posadawsky habe seinerzeit nur zugesagt, daß die Sozietäten überhaupt in den Entwurf des Gesetzes über den Versicherungsvertrag Aufnahme finden wurden.

Abg. K ä m p f (frs. Vp.) giebt der Vorlage lebhafte Aner­kennung. Rechte und Pflichten von Versicherten und Versicherern 'eien gegeneinc.nder gut abgewogen. Zu wünschen sei, daß in dieses Gesetz mit embezogen werden die Hafipflichtversicherungs- Untemehmimgen bei Berufsgenossenschaften und den eingeschriebenen Hilfsfassen.

Staatssekretär Dr. Nieder ding bemerkt noch, daß auch die Hilfskassen später in dieses Gesetz einbezogen werden sollten.

Abg. von Damm (freifonf.) tritt für die Exemption der Sozietäten ein, ebenso Abg. Osel (Ztr.)

Tie Vorlage wird dann einer besonderen K omm ission überwiesen.

Es folgt die erste Lesung des Entwurfes für eine Maß- und G e w i ch t s o r d n u n g.

Abg. Porzig Ikons.) giebt der Kommission zu prüfen an­heim, ob nicht eine Entschädigung den Kommunen für Aufhebung hrcr Aichämter zu gewähren sei und plaidiert für die Einführung der Viertelvstindgewichte.

Abg. Engel en (Zentr.) erklärt das Verlangen des Vor­redners, daß auch ganze Förderwagen geaicht werden sollen, für berechtigt. Wo kommunale Aichämter aufgehoben würden, muffe auf jeden Fall eine Entschädigung gewährt werden.

Staatssekretär Pofadowskt; erklärt, nach Ansicht der vretlbischen Bergbehörde sei ein Aichzwang für Förderwagen nicht durchführbar. Was die kommunalen Aichämter anlange, so hätte» die Kommunen jedenfalls fein Recht auf solche Aemter.

Hierauf er'olgt Vertagung.

Morgen 1 Uhr: SchwermStag, Diätenantrag in dritter Lesung, dann Doleraiimntraa.

Pom preußischen Wahlrecht.

TieNorbb. ÄllA. Zig." schreibt:

Die in ber Tagespreise < merkwürdigerweise von dem doch sonst diel zu viel offiziös benutztenBerl. Lok.-Anz." zuerst ge-

Nachklänge zum stillen roten Sonntag.

Berlin, 23. Jan.

Ter Polizeipräsident veröffentlicht folgenden Erlaß 6 c § Kaisers vom 22. Januar:

Ich habe mit Vefriedigung erfahren, daß der gestrige -^9 o(Störung öffentlichen Ordnung und Sichcr- betl m Meiner Haupt- und Residenzstadt Berlin verlausen ist. An diesem erfreulichen Resultat haben die u m s i ch t i g e n poli­zeilichen Maßnahmen, wie da? taktvolle, ange- messene Verhalten der Schutzmannschaft wesent­lichen Anteil Ich kann es Mir nicht versagen, derbraven Berliner Schutzmannschaft hierfür Meinen königlichen Dank und Meine Anerkennung auszusprechen. Ich beauftrage Sie, der Schutz- mamnmaft dies bekannt zu geben. Wilhelm."

sich derVorwärts" aus Branbenburg berichten läßt, hielt dort ein Hauptmann an seine Leute eine Ansprache, in der er sie instruierte, wie sich die Truppen rm Falle eines Zusammen stoßes zu verhalten hätten. Gei einer Menschenansammlung werde die Trommel ge­rührt und, falls die Menge sich nicht zerstreue, sofort ge ,ch offen. Diejenigen Soldaten, die etwa über die Köpfe der Demonstranten hinwegschießen sollten, würden von den Offizieren sofort mit dem Revolver erschossen werden. (???)

Die Berliner Schlächtermeister fühlen sich durch Bebel beleidigt. Bebel hat in seiner Rede am Sonntag im Moabiter Gesellschaftsbaus nach den Berichten davon ge­sprochen, daß von den preußischen Ministern im Jahre 1893 keiner in der ersten Klasse wählen konnte, in der »dagegen der Wurstfabrikant Hefter und Bordellwirte wählen". Diese Zusammenstellung eines der bekanntesten Schlächtermeister Berlins mit den Bordellwirten hat die Kollegen Hefters aufs tiefste erregt. Man verlangt, daß Bebel diese unmotivierte Beleidigung zurücknimmt. Die Freie Vereinigung der Ber­liner Schlächtermeister wird als erste sachverständige Vereini­gung zu dieser Angelegenheit Stellung nehmen.

Eme Volksversammlung, in welcher gestern abend der Schriftsteller Schn e i d t über die russische Revolution sprach, wurde aufgelöst, als der Redner eine Wendung gegen die preußische Negierung gebranehte.

Eine von antisemitischer Seite einberufene Volksver­sammlung, in der es auch zu erregten Auseinandersetzungen zwischen Antisemiten und Sozialdemokraten kam, endete mit dec Annahme einer Resolution, die der Negierung für ihr

brachte. D. R.) austauchende Behauptung, daß die preußische Regierung sich entschlossen habe, dem Landtage keineWahl- rechtSvorlage zu machen, ist unrichtig. Endgiltige Ent­schließungen sind von der Staatsregierung bisher weder nach der einen noch nach der andern Seite gefaßt worden.

In der preußischen Thronrede war bekanntlich auch eine Wahlrechtsvorlage angekündigt worden. Man hat sich niemals Illusionen über bie Gestalt dieser Vorlage hingege­ben, man mußte ziemlich gewiß, daß sie nichts weiter bringen werde als die Menderung einiger übergroßer Wahlkreise und anderer Kleinigkeiten. Nun hört man, daß endgiltige Beschlüsse noch nicht gefaßt sind. Selbstverständlich ist tm gegenwärtigen Augenblick der Regierung die Tiskutierung dieser Frage nicht opportun. Und der großen Mehrheit des preußischen Landtags auch nicht. Darum diese weder rechts noch links beunruhigende Wbwinkung, Vielleicht ist es sogar die preuß. Regierung selber gewesen, die in den Lok.-Änz. zuerst die unrichtige Meldung lancierte, um sie alsdann sofort dementieren zu können. Denn einiger Grund ist ja für sie augenblicklich vorhanden, große Wahlrechts­debatten zu vermeiden. Wer wäre denn wirklich etwas zu befürchten? Tie Vorgänge vom letzten Sonntag haben doch zur Genüge gezeigt, daß bei genügender Wachsamkeit der be­hördlichen Organe auch die Sozialdemokratie sich vernünftig igeb erben kann, daß sie vor den letzten Konsequenzen ihrer Weisheit mutig zurückweicht. Es ist kaum anzunehmen, daß, troP aller großen Worte von einem Riesenerfolg des Prole­tariats, die Sozialdemokratie den ganzen Rummel noch­mals wiederholen will, denn im Grunde ist doch nichts herausgekommen als eine Blamage der Partei, die erst im Blute der Tyrannen watete bis zum Knöchel und dann doch einsehen mußte, daß alle Tiraden nicht soviel wert sind wie ein Schuß Pulver, der glücklicherweise nicht fallen ist.

Die Fleischnot vor dem Preuß. Abgeordnetenhaus» Sitzung vom 23. Januar.

Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärt Abg. Frhr. v. Er f f a (kons.), Oberbürgermeister Bender habe ihm mit­geteilt, daß er die Aeußemng n ich t getan habe, wonach die Fleischnot beendet sei. Auf Anfrage der Abgg. Wallenborn (Ztr.) und Tr. Heisig lZtr.) erklärt Landwirt­schaftsminister v. Podbielski: Die Verordnungen über den Verkehr mit Milch hätten sich nicht bewährt. U. a. soll vorgeschrieben werben, daß der Verkäufer von dem! Pasteurisieren der Milch dem Käufer Mitteilung zu machen habe.

Das HauS beschließt darauf, in die Fleischnotdebatte cinzutreten. Abg. Oes er (Hosp. d. Fr. Vp.): Seine Partei bedauere die Haltung der landwirtschaftlichen Verwaltung bei der Frage der Fleischteuerung und der Fleischnot. Tie vorgelegten Statistiken seien mangelhaft. Ter Mittelstand leide unter der Fleischnot am meisten, mehr als der Ar­beiter, der eher eine Erhöhung des Einkommens erhält als der Mittelstand. Ter Mangel an Vieh ergebe sich ans ber Denkschrift des Ministers. Tie dort angegebenen Zahlen über den Viehbestand zeigten fast in allen Provinzen einen Rückgang des Bestandes. Um der Fleischnot zu begegnen, nüssen energische Maßregeln getroffen werden, vor allem ür eine billige Zufuhr der Futtermittel gesorgt werden. In Notstandszeiten müßte auch eine erhöhte Einfuhr frem­den Viehes gestattet werden. Rechts würde behauptet, jedes Stück eingeführte Vieh vergrößere die Seuchengefahr. Tat- ächlich sei durch die Einfuhr in Oberschlesien keine Ein- chleppung von Seuchen erfolgt. Unbegreiflich sei die ab- ehnende Haltung der Regierung gegenüber dem Büchsen- leisch. Er freue sich, daß auch das Landwirtschaftsministe- rium zugibt, daß ein Mißverhältnis zwischen Marktpreis und Stallnreis nicht vorhanden war. Ter Vorschlag des Reichskanzlers, den Zwischenhandel auszuschalten, habe große Erbittereig hervorgerufen. Zum Vorwurf mache er dem Minister, der diese Frage ausschließlich vom Standwmkt der Laubwirtsch-ast behandelt hat, nicht von dem des Staates.

Abg. Malkewitz (lons.) ist dem Laildwirtschafts- Minister dankbar, daß er in dieser Zeit der Fleifi.tteuerung die SiiiCL'cfien der Vviksernähruug so außerorocuiiich richtig und gut gewahrt hat. Die sehr sachlichen Ausführungen

General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblaü für den Kreis Gießen

der Konferenz von Mi^erus.

Ter ruffisch-japanische Krieg hat selbst in seinen ent­scheidendsten Tage der Börse nicht so auf den Nerven gelegen, wie die Konferenz vo» Algeciras. Der Stieg bot der Phantasie der Spekulation immer wiederAnregung". Je mehr Material vernichtet wurde, desto größer mußten die Ersatzbestellungen werden. Mit der Marokkokonferenz aber weiß die Börse nichts anzufangen. Merdings ist auch hier der Erfindungskraft Spielraum genug gewährt aber sie betätigt sich nur in unerfreulichen Prophezeiungen. Tic Börse verspricht sich ganz und gar nichts Gutes von der Konferenz. Was s^lle daraus werden, wenn schon bei verhältnismäßig so einfachen fragen, wie der Unterdrück­ung des Wasfenschmuggels, die Erzielung einer Verstän­digung unter den Mächten schwierig sei? Komme man erst zu dem kritischen Hauptpunkt, der Organisation der Polizei in Marokko, dann platze die Bombe. Dann werde der Gegen­satz zwischen den deutschen und den französisch-englischen Forderungen in so scharfe Erscheinung treten, daß eine Einigung unmöglich sei. Kein Gedanke daran, daß die Konferenz zu einer deutsch-französ. Annäherung führe, wie optimistische Diplomaten vor dem Beginn der Verhandlungen erhofften. Tas Gegenteil werde der Fall sein, die Krisis vom vorigen Jahre wiederhole sich in verstärktem Grade. Kurzum, die Spekulation ist zum größten Teil schwarzseherisch, und der kleine Teil der ruhiger Urteilenden ist immerhin vorsichtig. Tas Dublikum, das zu anderen Zeiten, in denen die Ge­fahr sich unmittelbar zeigte, mit frischem Wagemut vor an­ging und dadurch die Sp.'kulation ermutigte, das Publikum hält sich von Börsengeschäften andauernd zurück. Tie Spe­kulation ist sich fast gün .lich selbst überlassen. Es geht an den Börsen so still zu wie sonst nur im Hochsommer. Tabei erfreut sich die Industrie auf beinahe allen Gebieten des besten Gedeihens, und Kohle und Eisen haben eine Nachfrage, wie sie lange nicht dagewesen. Aber das Publikum zieht es vor,ruhig zu schlafen", anstattgut zu offen". E5 gibt Kapitalisten, L.. Vc; ber Algeetrsis- Konferenz , ihren Besitz an Jndustriewerten und selbst an Rentenpapieren zu Gelb gern ad) t haben, unb bie sich mit der knapperen Verzinsung des Bankgeldes zu begnügen gedenken, bis diese ominöse Konferenz vvuüber ist. Tas ist vieNeicht übervorsichtig und allzu mißtrauisch, aber wenn man bedenkt, welche Wirkung an ber Börse auch nur ein Zwischenfall in Algeciras äußern würbe, irgend ein Kon­flikt unter den Telegierten, eine persönliche Verstimmung, so kann die Sorge, vor jähen Verlusten sich zu schützen, nicht unnötig genannt werden.

In kurzem wird es ein Jahr, daß wir unter diesem peinigenden Truck der Ungewißheit stehen, ob der Friede erhalten bleibt oder nicht. Bei allein Patriotismus kommt man doch mehr und mehr zu dem Zweifel, ob das Aus­rollen der Marokkofrage einen so gewaltigen Einsatz lohnt, und ob nidit ein weniger steiniger und auftrengenber Weg hätte gefunden werben können, um bie beutschen Interessen in Marokko mit Erfolg zu wahren.

Uebrigens finb bank ben einmütigen Bestrebungen nach vöMger Verstänbigung bie Debatten bisher, wie allerseits versick)ert wirb, ohne MißheUigkeiten verlaufen. Immerhin hält ber Einbruck vor, baß bie Franzosen mit ber Haltung Spaniens unzufrieben finb, obwohl biefes offenbar im wefentlichen nur bezweckte, baß bie Zusicherungen seines Geheimvertrages mit Frankreich burch bie Mächte garantiert würben.

Am Dienstag hat man auch in Mgeciras einmütig ben Geburtstag bes Königs von Spanien gefeiert.

(2 6. Sitzung vorn 23. Januar.)

Auf der Tagesordnung sieht zmiächst die Interpellation Stychel (Pole) wegen Anordnung einer 9( u f f i ch t über bieSprache, welche von der k a t h o l i f d) e n M a » n s ch a s t gebraucht worden ist bei der kirchlichen Beichte.

Kriegsrninlster von Einem erklärt, sofort antworten zu wollen.

Abg. Stychel begründet bie Interpellation unter Hinweis auf bie bezügliche Verfügung des kommandierenden (Generals von der Goltz vom 1. Armee-KorpS. Die Verfügung widersprach einer Anordnung des obersten Kriegsherrn vom Jahre 1902. Dort hecht cs: eine nachträgliche Feststellung, in welcher Sprache bie Mann­schaften gebeichtet haben, findet nicht flott. Trotzdem werde schon ieit Jahren über ähnliche Vorkommnisse in der Armee Silage ge­ährt. Redner verbreitet sich über bie Einzelheiten bieser weiteren Vorkommnisse näher.

Kriegsininisler von Einem ermibert, es sei bei ber Armee Gnmbsatz, daß jeder Soldat in seiner Aiutlerfprache beichten kann. Ein katholischer Soldat werde gar nicht harimcb gefragt, wo er beichten will, roemt sich om Cite ein Geistlicher befindet, der neben der dentschen auch bie poluifche Sprache beherrscht. Wo sich aber em bie polnische Sprache bcherrscheuber Geistlicher nicht befindet, bann mufften die Atannfcha'ten natürlich vorher gekragt werden, in welcher Sprack)e fie beichten wollten. Schwierigkeiten seien ihm nicht bekannt geworden. Bekaiint sei ihm nur eine unzuläisige An­frage im Bereich des 6. Llrmee-KorpS geworben und da fei jofoit von hier aus augeordnet worden: eine fol-he Anfrage dürfe nicht ftctlfmbeii und müsse unterbleiben. Der Fall beim l. Armeekorps, um welchen es sich hier handle, liege fo: Im November beantragte ein katbolifcher Atilitärpfarrer in Gumbinnen Resiespefen für einen Hilfsgeistlichen, der nicht aus der Nahe beraugezogen ivar, sondern aus Goldap. Auf Befragen gab der Milttarpforr-r selber zur Er­klärung an, baß 19 Mann in polnischer Sprache gebeickuet hätten. Ein Eindringen in das Beichtgeheimnis sei in keiner Weise beab­sichtigt nach auch geschehen. Er selbst habe überdies iiochmals eine Verfügung erlassen, daß eine nachträgliche Feststellung über die

Bekanntmachung.

Wir bringen hierdurch zur öffentlichen Kenntnis, daß Samstag, ben 27. Januar l. FS.

snS Anlaß deS Geburtstages Seiner Majestät deS Deutschen Kaisers unsere Geschäftsräume gefchloffett bleiben.

Gießen, ben 22. Januar 1906.

Hroßherzagliches Hauptsteueramt.

I. D.: Pull mann.

' Dekänntmachung.

Zur Feier deS Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers findet am SamStag, den 27. l. MtS. vormittags Parade auf Oswalds Garten statt. Dieser Platz wirb t.iher am genannten Tage von vormittags 10 Uhr ab für jeben Ver­kehr gesperrt werben.

Gießen, ben 19. Januar 1906.

Großh. Polize-amt Gießen.

I. V: Roth.