Nr. 167
Zweites Blatt
1S6. Jahrgang
Donnerstag IS. Juli 1906
Erscheint W-Iich mit Ausnahme des Sonntags.
Die ^Gießener ZamMenblatter" werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »Y«lfisch4 tanöwlrf* erscheint monatlich einmal.
X xk AA. A AA A A A Vv A XX A A Rotationsdruck und Verlag der »rühl'sch«,
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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehe».
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Kie Hinweihung der Hießener Mismarcksäule.
Gießen, 19. Juli.
Zur Einweihung der BiSmarcksäule auf der Hardt, die in Zukunft wohl Bismarckshöhe genannt werden wird, veranstaltete die Studentenschaft gestern abend einen Fackel- 8 u g. Unter sehr starker Beteiligung bewegte sich der Zug von Oswalds Garten durch die Westanlage, Seltersweg, Marktstraße und Neustadt nach der Hardt, woselbst Rektor und Senat, sowie die geladenen Gäste ihn erwarteten. Nach dem Eintreffen des Zuges an dem Denkmal eröffnete Stud. phil. L. Pöpperling (Phil.-hist. V.), der Borsitzende des engeren Ausschusses, die Feier mit dem Lied: Horch Sturmes-- flügel rauschen. Alsdann hielt Seine Magnifizenz Geheimrat Be Hag Hel folgende Ansprache, in der er folgendes ausführte:
Kommilitonen!
Das Werk, das Ihr vor Jahresstift in feurigem Entschluß begonnen habt, es steht nach rascl)er Tat vollendet uns vor Angen. Em einzig Wort habt Ihr auf den Stein geschrieben, bas eine Wort Bismarck, denn mit diesem Bau legt Ihr ein Bekenntnis ab, das Bekenntnis zu Bismarck, wie er so manches Mal sich zu Euch bekannt hat. Denn nach der ungeheureni Spannung der großen Zeit, nach den Siegen ohne Gleichen, nach dem Aufflug des Kaiseradlers, da kam es wie ein Ermatten über das deutsche Volk, Verzagtheit und kleinlicher Lader wollten die Herrschaft gewinnen, die alten Führer waren zu Grabe gestiegen oder starr und unfruchtbar geworden. Da schuf es Bismarck Trost und Hoffnung, hinzublicken auf die akademische Jugend, von der er gewiß war, daß sie noch offen sei für das Erhabene, daß sie nicht bangte vor dem großen gigantischen Schicksal, daß in ihr die Begeisterung lebte, die den Mten abhanden geLrmmen war.
Indem Ihr Euch zu Bismarck bekennt, legt Ihr Zeugnis ab von der Begeisterung, deren er sich zu Euch versehen hat, von der Begeisterung, die unser Volk von Euch fordert, die allein die Gewähr leistet, daß unser Volk auch in schwerster Bedrängnis nicht vernichtet werden wird. Als in den Tagen der Bedrückung es galt, das deutsche Volk wieder aufzurichten, da hat Fichte ein tiefes Wort gesprochen von den alten Deutschen, die gesiegt haben, weil das Ewige sic begeisterte: „Und so siegt immer und notwendig diese Begeisterung über den, der nicht begeistert ist."
Wer aber in seiner Begeisterung sich als Jünger Bismarcks bekennt, der bekennt, daß seine Begeisterung von besonderer Art sei. Kein jähes Flackerfeuer, sondern ausdauernd und nachhaltig, von leidenschaftlicher Innigkeit, alles andere verzehrend, stein unklares Trachten nach versckMimmenden Sternennebeln. Lange genug ist es des Deutschen Verhängnis gewesen, daß er in unerreichbare Ferne gestrebt hat, daß ihn die Fremde gelockt, daß er überall das Heil gesucht hat, nur nicht in sich selber und für sich selber. Bismarck war der große Realist. Vor seiner Urkraft zerstiebte die Phrase, daS Schlagwort, erlosch aller bohle Schein. Bismarck war kein Mann der Römerzüge, kein Mann der Paulskirckie, kein Mann der Völkerverbrüderung. Er stand festgegründet auf der mütterlichen Erde; in tiefem Empfinden für die heimischen Kräfte hat er sein Werk aufgerichtet. Nur so hat es ihm gelingen können, das Schweifende zu binden, das Mannigfaltige zur Einheft zu zwingen. Was Geschlechter und Geschlechter in heißer Sehnsucht begehrt haben, das hat er zur Wirklichkeit gemacht.
Und dieses Werk soll unverloren bleiben. Der Turm, den ihr hierher gestellt habt, er zeigt nicht die Kennzeichen eines be- ftiinmten Stils, die Merkmale einer bestimmten Zeit. Zeitlos soll er gegen die Stürme stehen, das Sinnbild ewiger Gedanken. Bismarck muß ewig sein. Mögen in spater Ferne die geschichtlichen Linien seiner Gestalt verblassen, seine Person zur Sage werden: er wird dauern als der gewalttge Ausdruck des Glaubens unseres Volkes, wie vordem der Herr des Kyffhäusers, als das Sinnbild unseres Willens zur Einheit. Und das sei für Euch, für unser ganzes Volk der Weisheit letzter Schluß: mag die Eigenart unserer Stämme oft weit auseinandergehen, mögen wir zwiespältig sein in Glauben und Empfinden: wenn die Schicksalsstunde schlägt, wenn es gilt des Vaterlandes Größe, da muß aller Hader abfallen, alles Trennende zerstieben wie Spreu vor dem Winde. Aber wir wissen nicht, wann die Stunde kommt. Darum heißt cs bereit sein zu jeder Stunde, äußerlich und innerlich gerüstet für den Ansturm der feindlichen Mächte. Darum mahne ich Euch: seid geizig mit (Äirer Kraft, seid geizig mit Eurer Zeit, daß einst nicht vergebens Ihr den Ruf vernehmt: parati literis et armis In solchen Gedanken lassen wir das, heilige Feuer erglimmen, daß die Flamme emporsteige zum Himmel als ein brünstiges Gebet im Sinne des Dichtcrwortes: die Flamme reinigt sich Dom' Rauch, so reinig' unfern Glauben. Und sie leuchte hinaus >veit in die Lande, daß sie die Gleichgesinnten erwecke, daß sie ihren reinen Schein ihnen ins Herz werfe und ihnen verkünde: vereinigt stehen wir hier int Dienste ewiger vaterländischer Gedanken, im Dienste Otto's von Bismarck; vereinigt laßt uns rufen: die Flamme lodre durch den Rauch, so wird das Herz erhoben.
Während die Flammen lodernd emporstiegen, ertönte das Lied: „Flamme empor", nach dessen Verklingen Cand. hist. Schlie (Arminia) im Namen des Ausschusses für die Bismarcksäule diese von der Bauleitung übernahm und der Stadt übergab, indem er betonte, daß die Säule als Denkmal der Einigung Deutschlands jedermann offen und zugänglich sein solle. Er dankte sowohl der Studentenschaft, die die Kosten aufgebracht hatte, als auch den Ueberlassern des Platzes, dem Bauleiter und den Arbeitern, die in hartem Tagewerk mühselig Stein auf Stein getürmt haben.
Im Namen der Stadt übernahm Oberbürgermeister M e c u m das Denknial mit herzlichem Danke an die Studentenschaft, die das schöne Denkmal deutscher Einheit errichtet habe, und gelobte, es heilig zu halten für alle Zeiten. Hoch und tzehr solle es dastehen und ins Land hinausleuchten zum Zeichen deutscher Treue und deutscher Stärke. Sein Dank galt all denen, die an der Errichtung des Werkes mitgewirkt hatten.
Nach dem Absingen des Schlußliedes marschierte der Zug nach der Rennbahn, woselbst die Fackeln zusammengeworfen wurden.
An den Fackelzwg schloß sich ein großer Komm'ers auf Texbors Hardt. Der Präside, stud. bheol. Weidner (Chattia) eröffnete den offiziellen Teil mit einer schwungvollen Rede auf Kaiser und Großherzog, die mit lautem Beifall aufgenommen lrmrde.
Nachdem der Vertreter der Nassovia den Gästen für iHr zahlreiches Erscheinen gedankt hatte, nahm Se. Magnifizenz der Rektor das Wort im Namen der Gäste. M.it jreutlich vernehmbarer Stimme sprach er:
Kommilitonen 1
Im Namen der Gäste, die Sie so freundlich begrüßt haben, darf ich Ihnen unseren Dank aussprechen und Ihnen sagen, daß wir Ihrer Ladung mit Freude gefolgt sind, daß wir gerne Zeugnis ablegen von dem Bande, das uns gemeinsam umschlingt im Lernen wie im Leben, in guten und in bösen Tagen. Eine Feier zum Gedächtnis Bismarcks ist eine Feier der großen Gesamtheit, sie ist aber auch ein besonderes Fest für unsere Universität. Denn mit Stolz dürfen wir es sagender war unser". Am 10.November 1888 hat unsere theologische Fakultät Bismarck zu ihrem Ehrendoktor ernennen dürfen. Freilich möchte auch jede andere Fakultät ihn gern als den Ihrigen preisen. Nicht übel war die staatsrechtliche Abhandlung, die er betitelt Hal ^bte Verfassung des deutschen Reichs". Nicht übel waren die Geschlchtswerke, die er mit starker Gestaltungskraft und unerbittlicher Kritik eingegraben hat in die Tafeln der Geschichte. Und er hat es verstanden, mit scharfem Messer zu schneiden, frische Wunden zu heilen gleich dem größten Chirurgen unserer Zeit. Aber dennoch gönnen >vir ihn neidlos der ersten Fakultät; denn die Freiheit der theologischen Forschung, die Duldung, für die er eingetreten ist, sie kommt der gesamten Wissenschaft zugute, und das geistliche Amt, es wendet sich an den ganzen Menschen, ihn zu erheben, ihn auszurütteln un Grunde seiner Seele. Und Bismarck ist ein Prediger gewesen, gottbegnadet, erfüllt vom göttlichen Hauch, der die Nation in ihren Tiefen bewegt hat, der ein mächtiges Evangelium verkündete, des Worte uns unvergeßlich in den Ohren klingen. Heil uns, daß es ihm gefallen hat, der unsrige zu werden, Heil der Universität, die es wagen durste, ihm ihre höchste Würde anzutragen. Heil uns, tuenn es uns vergönnt ist, das angestammte Erbteil zu wahren, vielleicht zu mehren. Wir schauen mit Zuversicht in die Zukunft, wemi wir Hinblicken aus Ihre Scharen voll Begeisterung und Treue, voll Jugendkraft und Hingebung. Und so darf ich Sie alle, Schüler, Genossen und Freunde der Ludoviciana, bitten, sich zu erheben und einen donnernden Salamander zu reiben auf das ewige vivat, crescat et floreat der Ludoviciana.
Tie folgenden Reden litten leider unter der fidelen Stimmung, die rasch eingetreten mar. Stud. phil. F. Rot h (Nichtkorporationsstudenten) hielt eine lange Rede von der Bedeutung Bismarcks. Wohldurchdacht und fein ausgearbeitet war, was er sprach, und für manches war's bedauerlich, was in der Unruhe des Fest- rausches verloren ging. Tie Leitgedanken waren: Wir wollen das Vaterland über die Partei stellen! Erinnern wir uns, daß Bismarck Deutschland in den Sattel gehoben, es aber auch reiten lehrte. Ein Wicht, der ihn beschimpft, der feine Größe nicht anerkennen will. Und dem gegen ihn Gleichgültigen fehlt das Gefühl für nationale Würde. Wir bedauern, daß uns nicht so viel Raum zur Verfügung steht, um die ganze Rede wiedergeben zu können.
Alsdann sprach Stud. phil. L. Pöpperling Herrn Baurat Becker, dem uneigennützigen, künstlerischen Schöpfer und Erbauer der Säule, den Dank der Studentenschaft aus und überreichte ihm ein Bronzerelief des großen Kanzlers.
Mit einer humorvollen Ansprache des Regimentsvertreters Major v. Wunsch schloß der offizielle Teil und die Fidulität trat in ihre Rechte.
Tie Bismarcksäule ist nach Entwürfen von Baurat Becker unter dessen persönlicher Leitung ausgeführt. Zur Verwendung kamen mächtige Sandsteinblöcke, die der Säule ein ungemein wuchtiges Ansehen geben. Eigentlich ein Turm, der von jedem bestiegen werden kann, erhebt er sich zu 12 Meter Höhe und trägt außer dem Reichsadler nur den Namen „Bismarck" in mächtigen Buchstaben, von edler Form.
Tie Baukosten beliefen sich auf 12000 Mk., von denen durch freiwillige Semesterbeiträge mit 2 Mk. durch die Studierenden 9000 Mk. aufgebracht worden sind. Tie übrigen 3000 Mk. sind durch ein Tarlehen aufzubringen, das aber in kurzer Zeit beglichen fein wird.
Ein ungemein malerisches Bild bot der gleich einer feurigen Schlange daher kommende Fackelzug von der Höhe des Berges und nachher die brennende Säule, deren Flammen weit in die Nacht hinauslohten und sich mit dem starken Wetterleuchten zu einem seltsam schönen Bilde gestalteten.
So möge denn die steinerne Säule, ein Bild der Einmütigkeit und Treue der deutschen Studentenschaft, stehen bis in die fernsten Zeiten — aere perennius.
Aie französische Kriegserklärung.
19. Juli 1870.
Schon im Jahre 1867, als Napoleon die begehrliche Hand nach Luxemburg ausstreckte, standen wir dicht oocm Kriege, nur weise Mäßigung wußte, wie Deutschlands gutes Recht auch den Frieden zu wahren. Da boten die Spanier, die sich in ihrer republlkanischen Freiheit durchaus nicht wohl befanden, den spanischen Königsthron dem Prinzen Leopold von Hohenzollern an. Dieser junge Fürst von der katholischen Seitenlinie des Hohenzollernhauses mar zwar keineswegs ein preußischer Prinz; aber das galt den Franzosen gleich: „Preußen wollte in Spanien herrschen, die Monarchie weiland Kaiser Karls V. wieder aufrichten"; so lautete die Parole in Frankreich, und Frankreich dürfe solche Preußenherrschaft in Spanien nicht dulden. Im Auftrage des Kaisers erschien tun 9. Juli der französische Botschafter Benedetti bei König Wilhelm in Ems und verlangte, der König möge dem Prinzen die Annahme der spanischen Krone verbieten. König Wilhelm erklärte, daß er nur als Oberhaupt der Familie benachrichtigt worden sei; als König von Preußen habe er nichts mit der Angelegenheit zu tun, könne mithin auch keinen Befehl zur Ablehnung erteilen. Als am 11. Juli Benedetti sein Ersuchen noch dringender wiederholte, antwortete der König, der Prinz sei völlig frei in feinen Entschlüssen; übrigens kenne er in diesem Augenblick nicht einmal den Aufenthaltsort des Prinzen.
Da — am 12. Juli — schien es, als ob jede Veranlassung zum Streit schwinden sollte: Fürst Anton von Hohenzollern verzichtete im Namen seines Sohnes auf dessen Thronanwartschaft, um eine untergeordnete Familienfrage nicht zu einem Kriegsvorwande heranreifen zu lassen. Alle Welt, so auch König Wilhelm, glaubte, nun könnte Frankreich'doch zufrieden sein. Der König zeigte am 13. früh dem Botschafter die Depesche des Fürsten Anton und erklärte die
Sache somit als „abgemacht". Das glaubten auch die vernünftigen Leute in Frankreich. Aber die Toren schreien immer lauter, als die Verständigen und behalten dann oft recht. So auch diesmal.
Im gesetzgebenden Körper in Paris wurde eine große Entrüstungskomödie aufgeführt und die Demütigung Preußens als einzig mögliche Genugtuung für das beleidigte Frankreich verlangt. Schon am 13. erhielt Benedetti die Weisung, ein neues Verlangen an den König zu stellen: 1. er solle die Verzichtleistung des Prinzen beglaubigen; 2. er solle die Versicherung aussprechen, daß er niemals seine Zustimniung geben werde, wenn die Kandidatur des Prinzen wieder auftauchen sollte. Der König lehnte diese Zumutung ab und ließ, als Benedetti trotzdem eine nochmalige Audienz verlangte, dem Botschafter sagen, daß er feine andere Antwort als bisher geben könne und daß alle weiteren Verhandlungen durch die Ministerien gehen müßten.
Auch in diesem Augenblicke war König Wilhelm noch weit davon entfernt, den Krieg für unvermeidlich zu halten; ja er gab seiner freundlichen Gesinnung noch Ausdruck, als er am 14. auf dem Bahnhofe dem Botschafter zum Abschiede die Hand reichte.
Aber in Frankreich dachte man anders. Schon am 13. Juli hatte der Herzog von Grarnmont, der Minister des Auswärtigen, in der Sitzung der Deputiertenkammer erklärt, daß trotz der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern die Sache noch nicht beendigt sei. Am 15. Juli kam es dann zu einer ebenso stürmischen wie verhängnisvollen Verhandlung in der Deputiertenkammer, wo der Minister Ollioier, der Mann mit dem „leichten Herzen", die Karten aufdeckte und die Notwendigkeit des Krieges verkündete, weil Frankreich schwer beleidigt sei. Die vereinzelten Stimmen, die zur Mäßigung mahnten, verhallten im Tumult der erhitzten Leidenschaften, und Ollivier schnitt am Schluß der Debatte alle Erörterungen mit den Worten ab: „Wir versichern die beleidigende Tatsache auf unsere Ehre, das muß genügen. Der Worte sind nun genug gewechselt; es ist Zeit zu handeln!" Ein Kredit von 50 Millionen für die Kriegführung wurde mit 245 gegen 10 Stimmen bewilligt — der Krieg war entschieden!
Als König Wilhelm am 15. Juli abends in Berlin eintraf, jubelnd begrüßt von feinem Volke, da war kein Zweifel mehr — abends 10 Uhr unterzeichnete der König die Ordre, welche die Mobilmachung des ganzen norddeutschen Bundesheeres aussprach. Am 16. Juli - folgten Bayern, Württemberg und Baden, getreu den Verträgen, getreu verdeutschen Sache, dem Beispiele des Schirmherrn Deutschlands und riefen ihre Streiter zu den Waffen. Ganz Deutschland einmütig in Wehr und Waffen — das war das erste Ergebnis der unerhörten französischen Herausforderung!
aus Hessen.
Die Orts- und Polireidiener im Großherzogtum! Hessen haben an die 2. Kammer eine Vorstellung gerichtet, in der sie um Regelung ihrer Anstellungs-, Gehalts- und Hinteröliebenen-Versorgungs-Verhältniffe auf nachstehender Grundlage bitten:
1. Daß hinsichtlich der Getzaltsbezüge eine gesetzliche Regelung und wesentliche Erhöhung eintritt und die Petenten mit den GerneindeforsNvarten gleichgestellt werden. 2. Tast den Polizeidienern im Falle ihrer Djenstunsähigkeit eine Pension gleich wie den Gememdeforftwatten zu teil werde und daß auch zu diesen Pensionen ein angemessener Staatstzuschuß erfolge, für die Witwen und Waisen möge eine Hinterbliebenen- Versvrgung eingerichtet werden, wie dieses auch bei anderen Beamtenklassen ähnlicher Art schon lange der Fall ist. iEs ließe sich wohl diese gesechiche Regelung bei der bevorstehenden Revision der Verwaltungsgesetzgebung im Rahmen der Landgemeindeordnung und im Zusammenhang damit vollziehen.- Betreffs der Anstellungsverhältnisse wird gebeten, folgendes berücksiäftigen zu wollen. 1. Die Anstellung des Polizeidieners erfolge nach Anhörung des GemeinderatZ und nach erfolgter Prüfung des Kandidaten durch das Großh. Kreisamt. 2. Der Gehalt dürste einheitlich nach der Einwohnerzahl durch das Großh. Kreisamt festzusetzen sein. 3. Der Pvlizeidiener sei' tensionsberechtigt, die Gemeinde hat die Bei- träge zur Pensionskasse, wie dies bei den Gemeindeforstwarten der Fall ist, zu tragen. 4. Bei Erkrankung der Polizeidiener dürfte denselben ein Vertreter auf Kosten der Gemeinde gestellt werden.
Die Vorstände der hessischen Fleischerinnungen bitten, die staatliche Schlachtviehversicherung nicht in, Vollzug zu setzen, da jede wohltätige Wirkung des Gesetzes — rasche Hilfe und schleuniger Ersatz — durch die schwerfällige zentrale Geschäfts- führung unmöglich gemacht werde.
Ein Anttag des Abg. Dr. Glässing ersttebt eine Revision des Gesetzes über das Versa hren d er Z wangsvo llstre ck- ung im Verwaltungswege vom 30. September 1893, sowie der Ausführungsvorschristen zu dem Gesetz.
Deutsches Reich.
Berlin, 18. Juli. Der Kaiser ist heute nachmittag in Drontheim eingetroffen.
— Die Taufe beS am 4. bs. Mts. geborenen Sohnes bes Kronprinzenpaares wirb in ber zweiten Hälfte bes Augnst stattfinben.
— Der Reichstagsabg. Erzberger antwortet heute in ber „Germania" bem früheren Legationsrat im Kolonialamt Dr. Helffcrich, er habe auch jetzt keinen Anlaß, auf bte Frage ber sübwe st afrikanischen Unterschleife einzugehen, da bem Reichstage hierzu im November Gelegenheit geboten sein werbe. Er werbe bic Erörterungen über koloniale Mißgriffe in der Vergangenheit vorerst einstellen. Weiter erklärt Erzberger, er sei nicht in einem Strafverfahren gegen Unbekannte, sonbern in bem Strafverfahren gegen Gütz nnb ©enoffen am 16. Juli vernommen worben. Hierbei habe er bezüglich seines Verkehrs mit Beamten ber Kolonialabteilung ausgesagt, baß ber frühere Gehelmsekretär-Assistent Pöplau mit ihm in Verbinbung getreten sei, worüber er bereits im Reichstage berichtet habe. Den Kolonialbeamten


