Ausgabe 
17.2.1906 Erstes Blatt
 
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Russische Mten.

Die russische Anleihe von z we i M ill i ard c,n Francs schien auf längere Zeit vertagt zu sein, da bie Zustande des Zarenreiches nicht derart sich gebessert haben, um drc.Gewahr dauernder Beruhigung zu bieten. Vielmehr wird mit einer Er­neuerung der Reuvlutionsl'eivegung gerechnet. Es stellt sich nun heraus, 'dost die Verhandlnngeii zwischen der russffcyen Regierung und dem Konsortium französischer Banken fortgesetzt worden sind, urrd daß man bald soweit ist, um z-u einem Abschluß zu gelangen. Nach einer Pariser Meldung verlangte das Bankenkonsortium vor Zustandekommen der Anleihe ursvrünglich die, verfassungs­mäßig funktionierende Duma. Das lehnte die russische Regier­ung ab mit der stolzen und selbstbewußten Begründung, eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Rußlands könne nicht geduldet werden. In Wirklichkeit dürfte die Sache sich «infach so verhalten, daß es noch gute Wege hat, bis die Duma surrktioniert. Der französische Ministerpräsident Rouvier, der über­haupt bei dieser gewaltigen Anleihe denehrlichen Mäklet spielt und die Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen sich bemüht, hat der Ablehnung der Bedingung Recht gegeben. 9hm will das Bankenkonsortium sich damit begnügen, daß, einer Pariser De- pesche derVoss. Ztg." zufolge,engere Beziehungen zwischen den französischen Banken und der russi­schen Finanzverwaltung, eventuell der Staatsbank, durch Entsendung von Vertr^uensversonen geschaffen werden." Diesen Wunsch wird die russische Regierung wohl ganz gern erfüllen, wenn sie sich vielleicht auch anfänglich noch sträubt, um das Zugeständnis kostbarer zu machen. Denn die russ. Finanzverwalt­ung wird sich nur soviel in die Karten sehen lcffsen, wie sie es für nötig hält, um dieVertrauenspersonen" und damit ihre Gläubiger in angenehmer Beruhigung zu erhalten. Die ©e= Heimnisse des russischen Etats, der bisher von keiner unabhängigen Stelle kontrolliert wurde, sind nur sehr Wenigen zugänglich und verständlich. Die paar Ziffern, die alljährlich in einer zunächst für den Zaren bestimmten Zusammenstellung an die Oeffentlickkeit gelangen, besagen so gut wie garnichts. Das Papier ist geduldig. In Rußland kommt es darauf an, ob das Geld auch wirklich vorhanden ist, das hier und da, in verschiedenen Zweigen der Verwaltung als Neberschuß prangt, und wenn es da ist, dann bleibt immer noch zu fragen, wohin es wandert. Mso die Mit­wirkung einer Art von Kontrolle durch,Vertrauenspersonen" kann die russische Regierung dem französischen Bankenkonsortium seelenruhig zugestehen. Das erleichtert Rußland sehr wesentlich die Aufnahme neuer Anleihen in der Zukunft. Zwei Milliarden sind viel Geld, aber da allein die russische Umsturzbewegung Zerstörungen im Wert von zwei Milliarden angerichtet hat und die Kosten des inneren Krieges ins Ungeheure wachsen, so wird Rußland, noch ehe ein Iahrverstrichen ist, wieder Anleihe sehn sucht verspüren. DieVertrauenspersvnen" finden nichts zu erinnern, sie sehen alles in der schönsten Ord­nung: was ist da leichter, als Vermittler und Gläubiger einer Auffüllung des Schatzes geneigt zu machen?

Soweit das französische Bankenkonsortium etwa eine Ehre darin setzt, die zwei Milliarden Francs in Frankreich aufzu- ,bringen, mag das Geld Rußland neidlos gegönnt sein. Doch !hieß ds vor einiger Zeit, da« auch Deutschland mit ca. 800 M illionen Francs bei dieser Anleihebedacht" werden solle. Hoffentlich ist das nicht der Fall, denn der deutsche Markt ist sckvn zur Genüge bedacht. Beider dauernd glänzenden Lage unserer Industrie findet das Kapital Gelegen­heit in Hülle und Füsse zu nutzbringenden Anlagen. Und wir möchten bezweifeln, daß die deutsche Regierung, im Hinblick auf die unerhörte Schutzveriagung gegenüber den Deutschen in den baltischen Provinzen und auf die bemerkliche Annäherung Ruß­lands an Frankreich und England, Neigung zu einer Förderung der Anleihe hätte. *

Die Zahl der Arbeitslosen in Petersburg wird augen­blicklich aus 30 000 geschätzt. Unter den Arbeitern herrscht en t- setzlicheNot. Es sind viele Fälle von Hungertyphus zu verzeichnen. Die Verhaft'uacu von politisch verdächtigen Per­sonen werden immer noch fortgesttzt. Im Ganzen sollen schon aiber 40 000 Personen arretiert worden sein.

Ein Londoner Blatt meldet unsinnigerweife aus Petersburg daß die revolutionäre Partei beschlossen habe, ihre Methode zu ändern. Ter offene Aufruhr und die gewaltsamen Straßendemonstrationen sollen aufgegeben werden. Dagegen sollen int geheimen kleine revolutionäre Banden gebildet werden, deren Aufgabe es wäre, Mordattentate im ganzen Reich auszusübren. Die revolutionäre Partei wird sich in eine geheime Gesellschaft zur Ermordung aller höhe­ren Staatsbeamten umwandeln. lWohl ass in? Börsen- register eingetragener Verein?.' D. Rd.) Die Mttglieder dieser Banden werden sich durch (Hd verpflichten, ihre mörderische Tätig-- TCti gewissenhaft durchzuführen.

Auf dem Güterbahnhofe der Nikolaseisenbahn zu Peters­burg fiel beim Abladen eines Wagens eine von Wladiwostok ge­kommene Kiste zu Boden. Esl erfolgte eine Explosion, mehrer'' Personen wurden verletzt. Der Wagen geriet in Brand, dock' tvnrde dos Feuer bald gelöscht. Bei einer Untersuchung zeigte -sich, d^ß der Wa<>-n mit aeküsst war.

-Qcct? UN- Flotte.

VoroOJahren! DiedeutscheReichsflotte 18481852 in zwölf Bildern von Marinemaler und Kvrvetten-Kahitön a. D. L. Aren hold. Berlin 1906, Ver­lag von Dietrich Reimer (Ernst Vobsen). Mk. 3.. Der Ve-nfasser hat es noch in letzter Stunde, ehe die persönliche Tradition ganz erloschen ist, unternomnren, alles zusammen­zutragen, was sich über die Geschichte der ersten deutschen Kriegsflotte unrühmlich wie sie ist ermitteln ließ. Nach jahrelangem Bemühen ist es ihm gelungen, verläß­liche Abbildungen der Schiffe aufzutreiben, die er als ge­wandter Marinemaler zu Aauarellen verarbeitet und in 12 stattlichen Tafeln den Bändchen beigegebenen hat. Münd­liche Mitteilungen erhielt er von Admiral ft1. v. Werner, der als Hilfsoffizier auf der Flotte tätig war, dem cinsttgen Marinerat im 1848er Reichsministerium Tr. W. Jordan in Frankfurt a; M. (daß Wilh. Jvrdan einer der größten Dichter des vorigen Jahrhunderts gewesen ist, weiß freilich, wie es scheint, der Verfasser gar nichts ferner dem ehe­maligen Kommandanten des ,v. d. Tann" Lange, der in Berlin lebenden Witwe des Admirals der Flotte Brommy und einigen noch in Riet lebenden früheren Ma­trosen. Als Unterlagen dienten ferner das Bundesarchiv in Frankfurt und die sehr interessante Verkaufsliste der Flotte, die anläßlich ihrer schmachvollen Versteigerung 1852 ^ausgestellt wurde. _________________________

Tttrche und Schule.

Mannheim, 16. Febr. Der Fabrikant Dr. C. Wehl, stellvertr. Vorsitzender der Handelskammer, hat 100 000 Mk. gestiftet mit der Bestimmung, daß das Erträgnis der Zinsen dieses Kapitals befähigten Schülern der achten Klasse der Volksschule, die eine technische Schule besuchen wollen, Bei- hilfen gewähren soll.

parlamentarisches.

Das Zentrum brachte aus Grund der eben im Reichstage geführten Weinpantschereidebatte den Antrag ein, die Kellerkontrolle allgemein als hauptamtliche Tätigkeit der dazu Berufenen einruführen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 17 Februar 1906.

Das übliche Promenadekonzert in der Süd­anlage fällt morgen Sonntag aus.

* Unser Infanterie-Regiment Kaiser Wil- Helm begann am Freitag zwischen Rechtenbach, Münchholz­hausen und Lützellinden ein Gefechtsschießen mit scharfer Munition.

* * Der Abschied wurde dem Fabrikant Klingspor als Leutnant der Reserve des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm unter Verleihung deS Charakters als Oberleutnant bewilligt.

"In der Gemälde-Ausstellung am Brand ist nunmehr die Kollektion graphischer Arbeiten von E. Liebermann-München, bestehend in Original-Radier­ungen, Original-Lithographien, Otiginalzeichnungen, Farbstist- zeichnungen und Reproduktionen in Zinkographie, zur Aus­stellung gelangt. Leider kann diese interessante Kollektion nur kurze Zeit ausgestellt bleiben, da in den nächsten Tagen eine Sonder-AuSstellung des Münchener Original-Radier-Vereins veranstaltet wird. Ein baldiger Besuch der gegenwärtigen Ausstellung ist daher sehr zu empfehlen.

Das Vorlesungsverzeichnis der Landes­universität für das Sommersemester 1906 ist erschienen und für 20 Pfq. käuflich zu haben. Der Beginn der Jm- matrikulation ist auf den 23. April und der Beginn der Vor­lesungen auf den 30. April festgesetzt.

* Unzureichende Pension. Man schreibt uns: .Der Glaser Karl Kohlermann aus Gießen ist seinerzeit als Freiwilliger bei den 23. Dragonern in Darmstadt em- getreten. Er wurde in der Mitte de? vorigen Jahres kom- mandiett, junge Remontepferde aus dem Stalle zur Tränke zu führen. Er hatte bei einer Anzahl der Tiere den Befehl ausgeführt und betrat aufs neue die Stallung, um weitere Pferde hinauszuführen, da stürmten ein paar Pferde, die ein Rekrut versehentlich loSgelaflen hatte, auf ihn ein, rissen ihn jähling zu Boden, sodaß er besinnungslos in das Lazarett gebracht iverden nmßte, wo er 3 Tage lang in diesem Zu­stande verblieb. Der Mann hatte sich am Hinterkopf einen Schädelbruch zugezogen, dessen Wunde zwar verheilte, dann aber in eine nachhaltige Eiterung überging. Ende Dezember v. I. wurde Kohlermann mit einer monatlichen Pension von 9 Mk. vom Heere entlaßen, die ihm aber nur bis Ende 1907 zugebilligt ist. Der Entlassene, der weder Eltern noch Ver­wandte hat, kam in seine Heimat zurück. Er ist vollkommen unfähig, sein erlerntes Gewerbe zu betreiben, kann nur ganz leichte Arbeit verrichten und wäre mit seiner Pension von 9 Mk. pro Monat der Armenpflege anheimgefallen, wenn nicht edeldenkende Menschen sich vorübergehend des Be­dauernswerten angenomu en hätten. Mit Mühe und Rot hat er einen Posten als Ausläufer gefunden, der pro Woche mit 8 Mk. bezahlt wird, welcher Betrag selbst zuzüglich der 2 Mk. Jnvalidenpension nicht zum Lebensunterhalt aus- reicht." Wir bringen diese traurige Lage eines braven Menschen zur Sprache, damit ihm endlich von der Stelle aus gebührend geholfen werde, die die Pflicht dazu hat.

* Vom Karneval. Der Maschinenbauer- Gesangverein hält morgen Sonntag seinen Maskenball im Casö Leib ab. Es sind hierfür verschiedene Aufführungen geplant, bei denen etwa 100 Personen mitwirken.

In teressante Geländetaxation. Auf den Artikel in Nr. 40 über die Taxation deS zu den Kläranlagen der Stadt Gießen benötigten Geländes wird von einem Mit­glieds der AbickätzungSkommission uns geschrieben:

Es bandeli sich' im Sldetoelänbe, welches zu dcm besten der Gemarkung Gießen gebärt. Tie Lokalkon'milsion ermittelte für dies Ackergelände einen Wert von 70 bis 80 Pfg. pro Quadrai- m eter. Warum feßvHellen jene Kenner des Wertes von Grund und Boden den Kopf nicht darüber, daß die Stadt Gießen den Besitzern nur 30 bis 35 Pfg. für den Quadratmeter bot ? Tie in jenem Artikel genannten Landwirte baden nun das Ackergelände statt 70 und 80 Pig. zu 1 Mk. bis 1 Alk. lO Pfg. und das Wiesengelände von 1 Alk. 30 bis 1 Alk. 50 Pfg. taxiert, und zwar aus folgenden Gründen: Seit der Schätzung durch die Lokalkommission wurde 1. Gelände der Gemarkung Heuchelheim, welches nur durch die Lahn von dem hier zu enteignenden Ackergelände getrennt ist, zu 1 Alk., nach dem Orte zu für 2 Mk. pro Quadratmeter versteigert. 2. Unmittelbar neben dem zu enteignenden Ackergelände wurde ein Acker zu 2 Mk. 50 Pfg. pro Quadratmeter vertäust. 3. Etwa 50 Meter von der Kläranlage wurde ein geringwertiger Acker als Lagerplatz angekanft und mit 5 Mk. pro Quadratmeter bezahlt.

Q Rodheim a. d. B., 16. Febr. Regierungspräsident Dr. v. Meister-Wiesbaden traf am Mittwoch mit mehreren Herren der Kleinbahn-Gesellschaft zwecks einer Besprechung mit der Bürgerschaft hier ein. Die Kleinbahn-Gesellschaft be­absichtigt die Fahrgeschwindigkeit der Biebertal­bahn zu beschleunigen. Von allen Erschienenen wurde der Wunsch geäußert, die Kleinbahn möge ihr Fahrtempo nicht steigern, sondern mäßigen, dazu die Chaussee ganz frei geben und den Bahnkörper vielleicht dieser zur Seite legen.

Lützellinden, 15. Febr. In der Gemeinde-Sand­grube an der Frankfurter Straße fanden die Arbeiter eine gut erhaltene Urne mit Perlenschmuck und einen Topf, anscheinend auS der Hallstattzeit. Beide Sachen kamen nach Gießen in§ Museum.

Wetzlar, 16. Febr. Die Buderusschen Eisen­werke haben der Stadt 30 000 Mk. zur Verfügung gestellt, die für die im Prinzip beschlossene Errichtung einer Volks­badeanstalt Verwendung finoen sollen. Wie wir im ,W. Anz." lesen, hoben die Stadtverordneten in ihrer letzten Sitzung dem Vorschlag des Bürgernieisters zugestimmt, daß die Einnahme und Verwendung dieser 30 000Mk. aus Anlaß der silbernen Hochzeitsfeicr unseres Kai'erpaareS erfolgen soll. Die Projektbeacbeitung liegt in den Händen der Architekten Hamann und Meyer, Gießen und Kreisbaumeister Witte hier.

Eudorf, 16. Febr. Durch einen Brief an Herrn Karl Kaufmann hier erfährt man, daß der hessische Schuloerwalter Ewald Falls von Eudorf zurzeit den Khediven von Egypten, Abbas Hilmi II., auf einer größeren Reise in die libysche Wüste begleitet. Der 20jährige junge Mann hat seit dem vorigen Jahre größere Reisen in Süd­frankreich, Italien, Griechenland, Kleinasien und Nordafrika gemacht, deren erfolgreichste die Teilnahme an der Expedition des Frankfurter Archäologen Kaufmann war. Sie führte zur Entdeckung des Nationalheiligtums der altchristlichen Egypter, dessen Freilegung gegenwäitig unter großen Schwierigkeiten m der Mareotiswüsle im Gange ist. (A. Oberh. Ztg.)

* * ft l e t n e Mitteilungen aus H e s se n und den Nachbarstaaten. Ihre silberne Hochzeit feiern trm Sinnifrg Vhü Klingelhöser und seine Ehefrau, geb. Weigel, e in > üi be n. ftre.stierarzt Pitz in Eltville, der sich bei der Sek^'on emes wutverdächtigen Hundes in Geiseicheim eure Verletzung zu-og, begab sich nach Berlin,

um sich dlner Schutzimpfung zu unterziehen. In Frank­furt wurde der Spezereihändler Karl Heß in der Kl. Fischev- ga.sse verhaftet, weil er auf seinen Sohn einen Revolverschuß abgegeben hatte, der seine dazwischen springende Frau arider Hand verletzte. Wahrscheinlich in Erwartung einer hohen Strafe l>at sich Heß im Untersuchungsgefängnis mit dem eigenen Halstuch am Fensterriegel erhängt. In Klein-Krotzenburg, stürzte sich die 70jährige Witwe des ehemaligen Gemeindc- rcchners Kämmerer von Klein-Auheim aus dem Fenster ihrer im 2. Stock gelegenen Wohnung auf das Str aßen Pflaster. Sie blieb sofott tot. Der Kronprinz hat das Protektorat über das Ende dieses Monats stattfindende Reite r^fe st im Frank­furt er Hippodrom. des' zu Gunsten unserer Sudwcftafttkahelden veranstaltet w>rd. übernommen.

vermischtes.

Das neueste Eisenbahnunglück. Bei der Station Macon (Südostfrankreich) entgleiste der Lyoner Schnellzug. Der Zugführer und der Maschinist sind tot, mehrere Reisende schwer verwundet.

Ei n komi sches Mißverständnis ist einer Firma in Graz passiert. Der ,Bre8l. Morgenztg.* wird auS Hirschberg in Schlesien geschrieben: Hier besteht ein Geschäft für Herrenartikel, daS sich, wie manche Geschäfte dieser Art, Prinz of SBalcS* nennt. Dieses Geschäft bat nun auf einer Geschäfts-Postkarte die Grazer Firma um Uebersendung von bemusterten Offerten über Lodenstoffe. Umgehend erhielt auch die Hirschberger Firma einen Brief, adressiert:S. K. Höhest, dem durchlauchtigsten Herrn Prinz von Wales, Hirschberg i. Sch." Der Brief selbst lautete:

Graz, am 30. Januar 1906. Euere königliche Hoheit! Der mit aller Ehrfurcht (Gefertigte gestattet sich, mit heutiger Post ein bemustertes Offert über feine Umversal-Wetterkrägen vorzulegen. Außer den für Wettermäntel bestimmten Stoffen bat sich der mit aller Ehrfurcht Gefertigte erlaubt, auch eine seiner Loden-Muster­karten einzusendeu, welche verschiedene Cheviots enthält, welche sich für Wetterkrägen eignen. Der mit aller Ehrfurcht Gefertigte er­bittet sich die Hobe Ebre eines Auftrages und wird gewiß bemüht sein, sich derselben würdig zu erweisen. Euerer Königlichen Hoheit ergebenster Treuer N. N."

Mit Gefühlen, die zu stürmisch sind, um beschrieben zu werden, ist dieser Brief in Hirschberg ausgenommen worden.^ "Ein Liebesroman im englischen Königs­hause. Als der Herzog und die Herzogin von Connaught vor einigen Monaten mit ihrer jüngsten Tochter, der 19jäh- rigen bildhübschen Prinzessin Viktoria Patricia, eine Reise nach Südafrika antraten, erzählte man sich in London, daß diese Reise den Zweck habe, der Prinzessin Gelegenheit zu geben, eine Herzensneigung zu vergessen, die sie schon veranlaßt hatte, die Werbung deS Königs von Spanien zurückzuweisen und deren Verwirklichung manche Hindernisse im Wege standen. Binnen kurzem wird das Herzogspaar nun mit der Prinzessin nach England zurück­kehren, und wie es heißt, ist dann deren Verlobung mit einem jungen Edelmann zu erwarten, der ihr auch im schwarzen Erdteil unvergessen geblieben sein soll. Dieser junge Mann ist der Ma rq ue ß of Anglesey, mit seinem eigent­lichen Familiennamen Charles Henry Alexander Paget ge­nannt. Er ist 1885 geboren, noch nicht großjährig, einer der reichsten Peers des Vereinigten Königreichs. Er erbte die Marqueßwürde durch den Tod seines elend zu Grunde gegangenen Vetters, des Lord Anglesey, dessen Exzentrizitäten so viel Aufsehen erregten, der mit einer Wandertruppe von Schauspielern durch da? Land zog und eine so unsinnige Verschwendung mit Edelsteinen trieb, daß er den Beinamen desTiamanten-MarquiS^ erhielt. Als er an den Folgen seiner Ausschweifungen gestorben war, wurden alle die Kost­barkeiten, die er erworben hatte, meistbietend oerfteigert und brachten eine recht ansehnliche Summe. Und wenn er auch weit über seine Verhältnisse gewirtschaftet hatte, so war das Erbe, das er seinem Vetter hinterließ, sehr bedeutend. ES besteht u. a. aus einem Palais in London, ein paar histo­rischen Schlössern und einer Jahresrevenue von drei Millionen Mark. Da es in England vernünftigerweise keine Eben­bürtigkeitsgesetze gibt, wie wir sie leider in Deutschland kennen, sind eheliche Verbindungen zwischen Angehörigen des Königs­hauses und Mstgliedern der aristokratischen Familien des Lande? keineswegs selten. braucht nur daran erinnert zu werden, daß eine Schwester deS Königs Edward VII., die Prinzessin Luise, 1871 die Gattin des Marqueß of Lorne wurde, der seitdem durch den Tod seines Vaters Herzog von Argyll geworden ist, und daß eine Tochter des Königs, die ebenfalls Luise heißt, sich 1889 mit dem schottischen Earl of Fise vermählte, der dann von der Königin Viktoria zum Herzoge erhoben wurde.

*Von dem Erdbeben in Südamerika. Nach einem Telegramme an3 Guayaquil über das Erdbeben, von dem ein Teil von Südamerika heimgesucht worden ist, dauerte diese? eine ganze Woche. Der erste Stoß wurde in der Provinz Esmeraldas im Staate Ecuador am 31. Januar verspürt. Die Einwohner verließen, von Schrecken erfüllt, ihre Wohnungen. In der Stadt Esmeraldas stürzten die Kirche, ein als Kaserne benutztes HauS und die Knaben­schule ein. Tie Hauptstraße wurde von einer Flutwelle überschwemmt. Alle Städte in den Provinzen ESmeraldaS und Manaai litten großen Schaden. In den kolumbianischen Städten Mosquera, San Juan, Domingo und Ortiz sind über 300 Personen um gekommen.

Die Heldentat eines Mädchen? berichtet ein englischer Korrespondent au5 Genf. Der Gemsenjäger Kurbli aus dem Dorfe Searl im Kanton Graubünden war auf­gebrochen, um auf dem Piz Sesvenna (3221 Meter) einen alten Gemsbock zu jagen, der ihm schon mehrere Male ent­gangen war. Am nächsten Abend war er noch nicht zurück­gekehrt, und seine Mutter und seine Schwester gerieten in höchste Sorge um ihn. Am Tage darauf brach das zwanzig­jährige Mädchen in der Morgendämmerung auf, um den Bruder zu suchen. Sie fand seine Spuren, nachdem sie über 2000 Meter gestiegen war, und als sie diesen nachging, ge­langte sie zu einem vorspringenden Felsgrat, auf dem sie ihren Bruder bewußtlos liegen sah. Er war in eine 60 Fuß tiefe Spalte gestürzt und hatte sich den Oberschenkel gebrochen; unter größten Anstrengungen gelang es ihm aber, auf ein­gehauenen Stufen wieder heraufzuklettern. Nachdem er bann noch unter furchtbaren Schmerzen einen halben Kilometer weit gekrochen war, kam er nicht weiter. Seine Schwester aber wußte sich zu helfen. Sie zerschnitt ihren Bergstock, schiente ihm das gebrochene Bein und trug ihn auf ihrem Rücken zu Tal hinunter. So rettete sie ihren: Bruder durch ihre Kraft, ihren Mut und ihre Ausdauer daS Leben.

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