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18.6.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

ISS. Jahrgang

Montag 18. Jnni lSOS

Nr. 140

Erscheint tLgltch

außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechfel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Familien« blätter viermal In der Woche beigelegt.

Rotationsdruck n. Ver­lag der Brüh l'scheu Univers.-Buch-u. Stein- druckeret. R. Lange. Redaktion, Ervedrtioa und Druckerei:

Schnlstratze 7,

Redaktion 112

Verlag u.Exped.s^A5 Adresse für Deoeschen

Anzeiger Gießen.

_ vezngSpretS:

Jalafc^BE^ 'sy Är jfiqK3 monatlich 7bBf., viertel-

Greßener Anzerger

General-Anzeiger »-,

v den volit. und allgem«

Anzetgeblatt für den Kreis Gießen MW ________ ___ zeigenteil: Hans 55ei

zu beschäftigen.

refult atlos

, ätoeitPiiamtner bat sich bami bis zum Serbst vertagt. Sie ® r Sam 1U Snte bei Monats -der Ansaug Juli zu einer hasen Tagung zusammenkommen, umJi* mit bei. Vorlagen, die jetzt die zweite Kammer erledigt, fc^ttioen. Die LandtagSivahl in ^borrstadt tft .

verlaufen, da sich die freisinnigen Wah männer an der Wahl mcht betcUigte«, und es muß eine RemvaU ltattftnden. Man erfuhr, £2, J beißt, daß sich der Lauernbundler Wolf für alle Fordcr- 8entrumS, sogar KoufessionSichuien, verpflich­tet habe!!

Der Vorwärts" brachte kürzlich wieder eine seiner be­kannten^Enthüllungen", die darin bestehen, daß er mit halben Andeutungen uub geheimnisvollen Worten etwas behauptete, von dem sich nachher regelmäßig herausftellt, daß aus der Mucke ^Ele§nt gemacht wurde. So wutzte er letzt vonMeutereren

Aie heutige Yummer umfaßt 8 Seiten.

politische Wochenschau.

em-« ... m Gießen, 18. Juni 1906.

Wahrend bte Berliner Parlamente, mit Ausnahme des preuß.

tU e^'- ^?Eits vor Wochen in die Somnrerfericn gezogen >UW, l-aben bie süddeutschen Kammern immer noch fleißige Arbeit gelelstet. Unsere 2, hessische K a mmer hat erst am 13. ds. JJets. 1 einen Frühlingsarbeitsschluß gemacht. Sie genehmigte bie Regierungsvorlage über die Abänderung des Feld b e r c in ig- ungsgesetzes und sprach ihre Zustunmung zur Abänderung des Berggesetzes vom 28. Jüni 1878 aus. Ebenso umrden die für die Gruppenwasserversorgung in B a d - N a u h e i in ge­forderten 1867 OuO Mark genehmigt. Einer Vorlage über den Verkauf eines fiskalischen Gebäudes in Darmstadt und über den Ankauf eines Grundstücks für ein neues Steuerkominissariat lourdc zugestimmt. Auf Grimd der Vorstellungen des Richter- Vereins und des Vereins mittlerer Justizbeamtcn im Großhcrzog- tum betr. Gewährung freier Dienstwohnung oder angemessener Wohnuugsgeldcntsck-ädiguug hatte der Ausschuß der Zweiten Kam­mer den Antrag gestellt, die Regierung zu ersuchen, bereits im nächsten Voranschlag des Staatshaushaltes eine angemessene Bei­hilfe für die Wohnungsbedürfnisse der Beamten vorzusehen. Den Antrag befürwortete in seiner bekannten ein­dringlichen und einsichtsvollen Art der Berichterstatter Abg. Tr. Gut fleisch. Abg. Molt Han erklärte sich namens des Zen­trums im Grundsatz für die Gewährung, behielt jedoch die Stcll- ungnahnie im einzelnen bis zum Bekanntwerben der Regierungs­vorlage vor. Besonders müßten die kleineren Beamten berück­sichtigt unb gleichzeitig die Gehälter der VolkSschullehrcr der Zusage geuiäß ausgebes'sert werden. Abg. Dr. Heidenreich vertrat den Teil seiner (ländlichen) nat.-lib. Freunde, die sich an­gesichts der Finanzlage für den Vorschlagsnicht erwärmen. Abg. Reinhart trat namens des andern Teiles für den Antrag eilt, ebenso Abg. Ulrich. Er will jedoch auch gleichzeitig die Löhne aller in staatlichen Betrieben beschäftigten Arbeiter erhöht wissen. Zur Bestreitung der Mehrausgabe sei die Progression der Einkommensteuer nach oben zu verschärfen. Staatsminister Ewald erklärte, es sei nicht nur eine Forderung der Billig­keit, sondern ein dringendes Interesse der Regierung, sich diesem Ausschußantrage gegenüber freundlich zu stellen. Die Regicr- uirg fei schon ost in der unangenehmen Sage gewesen, von der Berufung eines geeigneten Beamten in bie Stadl abzusehen, weil der Beamte erklärt habe, sein» persönlichen Verhältnisse gestatteten ihm ein Leben in der Stadt nicht. Dies führe zu einem Privi - I e g der wo hlhab enden Beamten und damit zu schweren Sästidigungen. Was die Art der zu gebenden Entschädigung be­treffe, so sei die Regierung entschlossen, sie prozentuell nach unten zu gestalten in der LPeise, daß die kleineren Beamten ver­hältnismäßig höher entschädigt werden sollen, als die höheren Beamten. Ferner soNten die Wohnungsgelbzuschüs-sc nicht pen- sionsfähig sein. Die Aufbringung der Mittel solle ohne Er­höhung der direkten Steuern erfolgen, das sei für die Regierung schon entschieden. Im übrigen werde die der Kammer demnächst zugehende Vorlage das Weitere enthalten. Finanzminister Dr. Guauth führte aus, daß die Regierung mäßige Wohnungs­zuschüsse gewähren wolle an solche Beamten, die keine Dienst­wohnung haben. Es handle sich dabei um 600- bis 800 000 Mark. Auch eine Aufbesserung der Schulverwalter und der nicht fest angestellten Schreibgehüfen sei vorgesehen. Der Staatsarbetter fei jetzt schon besser gestellt, als der Beamte. Die Sozialdemo­kraten protestierten natürlich energisch gegen die ministerielle Behauptung, daß den Beamten eher eine Besserstellung zu wünschen sei als den Arbeitern. Diesen Ausführungen schloß sich auch der mit nur zu gutem Rechte zu denwilden" Parla­mentariern zu zählende Abg. I o u tz an, der u. a. bemerkte, daß die eigentlichen Arbeiter nichts bekämen, während die Sherren, die wenig täten, ausgezeichnet bezahlt würden. Der willkürlichen Beamtenwirtschaft mit beit ewigen Gehaltsaufbesserungen mime einmal entschieden ent gegen getreten werden

Daß gerade Herr I o u tz cs war, der derartige alberne B^ schuldigungen vorbrachte, mußte überraschen. Weiß man doch gar genau im ganzen Lande, daß er in einem Glashause sitzt, das keinen Steinwurf verträgt. Dem unerhörten Jux des verrn Joutz, der sich allerdings auf seine Wühler berufen konnte, wurde indes größere Beachtung geschenkt, als ihm gebührte. Die Zurückweisung durch den Staatsminister und em kräftiger Ord- mmgsruf auf dar Stelle (statt sehr verspätet) durch den Pra,i- denten hätten genügt, um die Unarten dieses Serrn ,eilzunageln. Daß $Scrr Joutz so wenig von den politischen VerhalMipcn Lessens weiß, daß die Beamtenftadt Darmstadt nicht, wie er Mn behauptete, sozialdemokratisch gewälzt, fonbem nahezu doppelt fo viel bürgerliche als sozialdemokratische stimmen aufgebracht bat, kennzeichnete obendrein noch den polttilchen Horizont dreies sonderbaren Volksvertreters., ,

Schließlich wurde der losraldemokrcrttsche Antrag dahin ab­geändert, daß die Regierung ersucht n^de m eme Revision der Bezüge und Löhne der nicht mit amtlichem Charakter au& gestatteter Hilfsarbeiter und Angestellten einzutreten inib eine angemessene Aufbesserung vorzunehmen. Im übrigen nmrbe bu (Mdictburm über Die Vorstellungen der verschiedenen Mamten- lategS bis Tut Sorlage des nächsten Etats zurückgesE

Zum lnMtändischen ®itqhcb her totaatMVlbenrerlt>aItung wurde der nationalliberale Äbg. Reinhart gewählt.

Der Z noch im Mutt erschöße der eigcnbunfcligen Kammer rubenden offiziellen L a n b t a g s kor r e s po n b e n/' stell­te tmr von vornherein dris ungünstigste Horoskop. Lie wäre also, käme sie überhaupt zum Vorschein, ein totgeborenes Kindlern unserer Kammerherren Mit uns stimmle fast die geiam e in Ät Se hessische Presse insonderheit bte Blätter AArmstadtleinschlieUich der amtlick-enDarmst. Ztg ") Mainz und TnM^Wein:Sie ruhesanft.

mit blutigem Ausgange und vongrauenh oft en Sol - dalen Mißhandlungen bei unseren braven Truppen in Deutsch-Südweftasrika zu erzählen, aber er nannte dabei weder bie Namen der Beteiligten, noch den Ort der Vorgänge, sodaß die garye Mitteilung schon von vornherein einen schwindel­haften Charakter trug.

Die Eröffnung der landwirtschaftlichen Wander­ausstellung in Berlin hat den preußischen Landwirt- sck)aftsminister veranlaßt, sich in einem Interview über die Fleischpreise sowie über die schauerlichen Zustände in den Schlachthäusern von Chicaao zu äußern. Es läßt sich dairach nicht leugnen, daß der erhöhte Zollschutz für landtvirtschaftliche Produlte aus bie Preise für Dich unb Vik- tualicn ohne den gefürchteten Eiustuß geblieben ist, unb baß eine Oeffmmg der Grenzen bei den Preissteigerungen auch nichts nützen würde, weil in den Nachbarstaaten Rußland und Oesterreich ge­genwärtig die Preise für die unentbehrlichen Lebensmittel teurer sind, alS bet uns. Herr v. Podbielski ist also augenblicklich, wie der Berliner sagt, wieder einmaloben druff", unb wir wollen nur hoffen und wünschen, daß und der neue Zolltarif nicht doch nod) später eine Mehrbelastung bet städtischen unb industriellen Bevölkerung bringt, was immerhin nicht ausge­schlossen erscheint.

Nach wie vor sieht es trübe aus bei unseren Nachbarn Oester­reich-Ungarn und Rußland. Man mag über bie Politik der Straße denken wie man will, es ist immerhin eine Tatsache, daß sich in lärmenden, öffentlichen Demonstrationen stets ein tiefer Unwille des Volkes funbgibt. Auch bie Kundgebungen vor dem ungarischen Ministerium in Wien sind wohl als Aus­druck der Sttmmung von ganz Oesterreich auszufafsen, denn noch niemals war das östreichische Parlament so einig wie jetzt bei der Abivehr einer gemeinsamen Gefahr; noch niemals war es möglich, ein deutsd)-tschechisch-polnisches parlamentarisches Kabi­nett zu bilden erst als Wekcxle den gemeinsamen Zolltarif als einen ungarisch-autonomen einbrachte, geschah dieses Wunder. Wahrscheinlich wird sick) all die Aufregung in den Delegationen, den beiderseitigen Parlamentsausschüssen für die gemeinsamen Interessen, entladen und zum Sturze Goluchowstis führen. Die Habsburgische Monarchie steht also am Vorabend großer Ereignisse, und kommt es zu einer Personalunion zwischen den beiden Reichs- Hälften, bann wäre bie weitere logische Folge eine Zollunion zwischen Deutschland und Oesterreich, wofür der gegenwärtige deutsche Landsmannminister Prade von jeher entschieden eingetreten ist. Man hat also alle Ursache, die innerpolttische Entwicklung Oesterreichs schon im eigenen Interesse Deutschlands nicht ans den Augen zu lassen.

In Ruß land dagegen bereitet sich scheinbar eine neue Revolution vor. Diesmal gehen die Unruhen von der erregten Bauernschaft aus. Die Regierung scheint sich auf die sprichwörtliche Loyalität und geistige Beschränktheit des russischen Bauern zu verlassen. Nun hat aber der bänerlickwu Bevölkerung eine Reihe von Mißernten ihre ohnehin miserable Position bis zur Unerträglichkeit verschlechtert.

Wie vorauszusehen war, gedenkt die sozialdemokratische Partei in Frankreich, dr sie eine Hauptstütze des Kabinetts Sarrien bildet, nunmehr von ilyrem revolutionären Programme so viel zu verwirklichen, als nur irgend möglich. Jaurös' Rede muß als die Einleitung zu dieser Aktion betrachtet werden, aber bie Roten werden kaum viel erreichen, da sich alle bürgerlichen Frak­tionen voraussichtlich zur Wwchr der gemeinsamen Gefahr zn- sammeuschließeu dürsten, um eine große Mehrheit gegen die Sozialdemokratie zu bilden, wobei schließlich daS Kabinett Sarrien über kurz oder lang flöten gehen wirb.

Mehr Aussicht auf eine längere Regierung scheint dagegen das italienische Ministerium Giolitti zu besitzen, insbesondere, wenn es ihm gelänge, die Agrarfrage zu lösen und bie süd- italienischen Eisenbahnen zu verstaatlichen.

Die beiden Alliierten England und Japan haben äugen- blicklich mit Kolonialsorgen zu tun, John Bull in Afrika unb der Mikado in Korea. Einige Beunruhigung bieten auch bie Zu­stande in China, welche sick) wieder etwas zu verschlechtern drohen infolge der großen Dürre im Norden des gelben Riesen- rcichcS. Die Vertreter der fremden Mäckste haben es daher vorsichtshalber für gut befunden, ihren Sommeraufenthalt in der Nähe von Peking zu nehmen, um gegebenen Falles gleich bei der Hand zu sein. , .

Kurz, die Weltlage bietet zwar gegenwärtig leinen unmittel­baren Konfliktsstoff, kann aber nicht als besonders rosig be- zeichnet werden.

Keimatspflfge- und Aolkstrachtenfest zu Alihöach.

n.

E. H. Butzbach, 17. Juni.

Seit dem Ludwigstage des Jahres 1844, an dem bas hessische Volk, soweit eS in dem Großherzogtum Hessen seine politische Einheit besitzt, das Ludwigsmonument zu Darmstadt errichtete zum ehrenden Andenken an den hochherzigen und wahrhaft staatsklugeu Fürsten, der aus seinem hessischen Stammlande und einem Konglomerat anderer Staaten und Städtchen das neue Hessen und damit einen lebenskräftigen und auf moderner fortschrittlicher Grundlage ruhenden Staat schuf, feierte das hessische Volk kein Volksfest von so großer und allgemeiner Bedeutung, als dos heutige Hcimatpflege- und Volkstrachtcnfest, zu dem das alte, die hessische Eigenart so treulich wiederspiegelnde Butzbach den denkbar geeignetsten Rhamen bot. In mancher Beziehung ist wohl daS heutige Fest noch über daS Darmstädter Fest zu stellen. Denn ihm fehlte vor allem der äußere Anlaß, der damals in dem Ausdruck des Tankes für den Fürsten, dem das damalige Hesien so zu sagen alles verdankte, gegeben war, und wenn damals die Angehörigen des südlichen hessischen Teiles in der Landeshauptstadt das Heffensest feierten, so vereinigten sich heute mit ihnen die Vertreter der alten hessischen Druder- länder, die im Laufe der Zeit ihre politische Sonderexistenz verloren und Preußen angegliedert wurden, zu gemein­samen Feier. So wurde der heutige Festtag der An­laß, daß sich die außerhalb der jetzigen rotweißen Grenzpfähle wohnenden Stammesgenossen sich wieder mit Stolz ihrer StammeSart erinnerten und ihr aufs neue Treue gelobten. Und mehr als die anderen deutschen Stämme haben

wir Hessen hierzu Ursache und Oiecht, sind wir doch neben den Friesen das einzige deutsche Volk, das seit dem Eintritt deS deutschen Volkes in die Geschichte auf seinen altererbten Sitzen haust, die es oft genug in blutigen Kriegen zu be­haupten rvußte, und mehr als in irgend einem anderen deutschen Lande hat sich bei den Nachkommen der alten Katten, zumal bei unserem treuen und biederen Bauernstand, bie anhängliche Liebe zu den althergebrachten Sitten und Gebräuchen erhalten. Auch all die zahlreichen Bewohner hessischer Städte, die teilweise aus weiter Ferne zu dem Hessenfest gekommen waren, erinnerten sich mit Freude und Stolz ihrer hessischen Herkunft, und der frohe Ausdruck der Gesichter gab schon äußerlich davon Kunde, daß sie nicht nut aus Neugierde und Schaulust gekommen waren, sondern mit ihrem Erscheinen dem eigenartigen und schönen Fest den Stempel eines allhessischen und allgemeinen Festes aufdrücken wollten. Der beste Beweis, daß dies gelungen ist, ist die Tatsache, daß fein Mißklang den hehren Festtag und die Harmonie zwischen Bürgern und Bauern störte, und so wirb der 17. Juni 1906 neben seinem ursprünglich beabsichtigten Zweck noch die weitere schöne Frucht tragen, den Landbe­wohnern und den Städtern vor Augen zu führen, daß die ver- meintljchen und so ost behaupteten Gegensätze zwischen den verschiedenen Erwerbsständen in Wirklichkeit eigentlich nicht vorhanden sind.

Vorfeier.

Am gestrigen Samstag gegen 6 Uhr abends mchmem. die Veraustaltungen ihren Anfang mit dem Einzug vorn etwa 50 Mädchen aus dem Schlitzcrland und etto-a 10 Mäd­chen aus Herbstein, die unter Führung von Kreisrat von Bechlhold aus Lauterbach eingetroffen waren. Die Musik unserer 168er brachte die Mädchen im Zuge durch die Stadt zum Feststlatz. Hier enttuickelte sich nach und nach ein reges Treiben, echte und auch unechte Hüttenbergerinnen tauchleu allmählich in großer Zahl auf, um sich im Gedränge nach der großen Feithalle durchzchvinden. Um 8 Uhr begannen hier die verschiedenen Aufführungen. Zuerst zeigten sich 16 lebende Püppchen von 610 Jahren in Hüttenberger Nationallostürneu, die einen recht gelungenen Ernte- reigen zu tanzen verstanden. Hierauf folgte der Schwertertanz, der von strammen, halbwüchsigen Burschen in den spät-mittelalterlichen Landsknecht-Ko- ftümen vorgeführt, großen Beifall fand. Recht gut gefiel auch der daraus folgende Weite Erntereigen, der von angehenden Hütlenberger Lackfischchen vorgeführt wurde. Man mußte sich hier nur allzu sehr mit dem Gedanken ver­traut machen, oaß der Crnterechen von den meisten in der Praxis noch nicht gehandhabt worden ist. Die Einübung der Vorführungen lag in den bewährten Händen des Pro­fessors Wämser, und die jugendlichen Mitwirkenden des ersten Abends entledigten sich ihrer Aufgaben exakt unb, sicher. Gegen 11 Uhr erreichte auch das Avischeudurch auf­gestellte Konzerlprogramm sein Ende und die Festhalle teerte sich allmählich. Draußen setzte nun das Gewoge ein unb belebte die Buden und Stände bis nach Mitternacht.

Der Hauptfesttag.

Herrlich strahlt die Morgeusoune hernieder auf bie! festlich geschmückte Stadt.Sie bringet Leben, Licht und! Lust für alle Klein und Groß"^ heäßt es in dem Gadeschen Chorwerk. Und wirklich, unsere so seltene Sonne, sie brachte viel, fast zu viel. Wer noch gestern abend im Zweifel toax, ob er dasTrachtenfest" besuchen wolle, hat sich schnell über Nacht hu der Heinen, vielleicht auch großen Reise entschlossen. Aus allen Gegenden unseres engeren Vaters landes strömen Neugierige herbei, um der eigenartigen Der-, anftaltung beizuwohnen. Schon die beiden Züge zwischen 7 und 8 Uhr morgens brachten einige Hundert Fremde mit. Nicht weniger als 18 Extrazüge und 12 fahrplanmäßige führten dem Fest nach ziemlich genauen Feststellungen allein etwa 28 000 Menschen zu. Die Nebenbahn von Lich nach, Butzbach brachte außerdem rund 5000 Personen. Es dürften also unter Berücksichtigung der aus der Nähe noch zu Fuß, mit Fahrrad, Wagen re. angekommenen Gäste etwa 50000 Personen anwesend gewesen sein, also etwa die zwolssachs Zahl der Bevölkerung Butzbachs in festlosen Tagen. Der Bahnverkehr wickelte sich ohne besondere Störungen undj Unfällen ab. Auf 17 Exlrazügen wurden neben den faljr- planmäßigen Zügen spätnachmittags und abends die Fest-- besucher zurückbefördert. Es gab gegen 8 Uhr abends auf dem Bahnhof einen besonders starken Andrang, wobei fast; sämtliche in Mannshöhe erreichbaren Fensterscheiben int Bahnhofsflur zerstört wurden.

Das Gewoge in den Straßen war unheimlich und er­reichte gegen 3 Uhr des Nachmittags seinen Höhepunkt. Zum Glück sind außer zwei leichten Lhnmachtscmfällen größere Unsälle nicht zu verzeichnen.

Auf dem Fe st platz entwickelte sich gegen mittag ein farbenprächtiges Bild, als unter den Klängen der Militär-, musik einige 100 Mädchen aus dem. Hessischen Hinterland unter Führung des Landrats von Nägelein aus Bieden­kopf und Mädchen aus der Gegend von Marburg und Kirch­hain in den verschiedensten Trachten ihren Einzug hielten. In der Festhalle wurde an diese ein einfaches Mittag- effeu verabfolgt, an dem sich auch die Mehrzahl der Herren des Festausschusses, insgesamt 640 Personen, bei teiligten.

Der Empfang des Croßherzogs.

Vor unb in dem alten Rathaus hatten sich am Nach* mittag die Vertreter der staailichen unb städtischen Behörden cingefunben, um den LanbsSfürsten willkommen zu heißen, der dem Feste zur Freude aller Festbesucher durch sein Er­scheinen eine besondere Weihe geben wollte. Es waren u. a. erschienen Staats- und Justizminifter Ewald Exzellenz, der