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Mittwoch 11. April 1906
Nr. 86
Zweites Blatt
156. Jahrgang
Giehener Anzeiger
Erscheint tSglich mit Ausnahme des Sonntags.
Rotationsdruck und ®erlag de» Vrübl'sch« UntoermSlSbrudereL R. Lang«, ©tefeen.
Redaktion. Expedition u. Druckerei: ©d)uffh:.T.
Lei. Nr. 6L Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.
Die „Eichener LainiNrndlStter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich belgelegt Der »hesstsch« Canörolr**’ erscheint monatlich einmal.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen.
Som Sesuv.
Neapel, 10. Aprrl.
Neapel selber ist am Dienstag vorm. von einem neuen Unglück heimgesucht worden. Die Markthalle zwischen dem Toledo und der Hauptpost aus Monte Oliceto ift, gerade als der lebhafteste Verkehr begann, ein gestürzt. Das zu stark mit Asche belastete Dach hat etwa 150 Personen verschüttet. Der Markt befindet sich in einem Innen Hofe, der 1Q0 Meter lang und 50 Meter breit ist. Die Halle stand auf eisernen Trägern. Tie Katastrophe kam urplötzlich. Karabinieri und Feuerwehrleute sind eifrig beschäftigt, das Labyrinth von Brettern und Stangen, das einen zwei Meter hohen, schrecklich anzusehenden chaotischen Haufen bildet, aufzuräumen. Die geretteten Angehörigen laufen wie geistesgestört umher und fluchen der Gemeindeverwaltung, lveil sie das baufällige Tach nicht früher geflickt habe. Tie Verwirrung ist unbeschreiblich.
Tie Markthalle auf dem Monte Oliveto bildet nur noch einen Trümmerhaufen. Es wurden 12 T o te und etwa 130 Verletzte geborgen. Zwei Leute wurden außerdem sterbend vorgefunden. Die Menge, die beit Schauplatz des Unglücks umdrängt, kann durch die Schutzketten der Karabinieri nur mit Mühe zurückgehalten werden. Tie Rettungsarbeiten sind in vollem Gange; Aerzte, Karabinieri, Feuerwehrleute, die Munizipalgarden, Polizisten und Arsenalarbeiter nehmen daran teil. Man geht daran, die meisten Häuser in der Umgebung der eingestürzten Markthalle zu räumen, weil man Gefahr fürchtet.
Ottajano ist völlig zerstört. Ein großer Teil der Bevölkerung ist geflüchtet. Die Zahl der unter den Trümmern Begrabenen wird auf 200 geschätzt. Viele Schwerverwundeie, welche in die Wagen der Vesuv- bahn gebracht wurden, können wegen Mangels an Transportmitteln nicht befördert werden. Man trifft Maßnahmen, die Verwundeten nach Somma zu bringen, wo die Eisenbahn wieder verkehrt -----
Tie Hauptkirche in Ottajano ist eingestürzt. Zahlreiche Menschen sind unter den Trümmern begraben. Die Kirche l-atte nur zwei Ausgänge. Ter Priester floh in die Sakristei, die Menge drängte zum Hauptausgang. Etwa 100 Personen entkamen ins Freie, 200 wurden von der auf dem Tach lagernden Asche begraben. Bisher wurden 50 Leichen aus den Trümmern hervorgeholt.
Tie „Tribuna" meldet aus Neapel von sieben Uhr abends: Zwischen Ottajano und San Giuseppe sind über 500Menschenumgekommen. Die Tätigkeit des Vesuv nimmt wieder zu, besonders in der Richtung auf Cercola.
Jn San Giuseppe Vesuviano wurden weitere 26 Tote aus den Trümmern der Kirche hervorge- zogen, mit den schon früher aufgefundenen 53 Toten zusammen also 79 Tote. Ter Präfekt hat den Bürgermeister von San Giuseppe seines Amtes enthoben, weil er seinen Platz verlassen und auch versäumt hat, den vorgesetzten Behörden von der Katasttophe Bericht zu erstatten.
In San Giuseppe Vesuviano, Ottajano und Saviano di Nola ist starker Schwefelregen gefallen. Seit sieben Uhr abends fällt in Neapel dichter Regen rötlichen Sandes.
Heute abend ließ der Vesuv wieder ein u n h e i m l i ch e s Gebrüll ertönen. Auf der noch nicht erkalteten Lava wälzt sich ein neuer Strom an Torre Annunziata vorüber in der Richtung nach Pompeji.
Obgleick) die Lava wenige Minuten vor Torre Annunziata Halt gemacht hat, bedroht eine mächtige Feuermasse das Industrieviertel. Alle Banken und Fabriken haben ihre Güter und Wertsachen wegschasfen lassen. Entgegen den bisherigen Meldungen gab es in Boscotreease 5 Verwundete und 5 Zote., alte. Leute, die wegen ihrer Gebrechlichkeit nicht schnell genug fliehen konnten. Auch die Kirche Santa Anna in Boscotreease ist zerstört. C h i e r ch i a ist schwer beschädigt. Die Häuser stecken zwei Meter tief in der Asche und die Arbeiter graben tiefe Löcher, um zu den Türen zu gelangen und sie zu öffnen. Es fehlt an Lebensmitteln und die Soldaten erbrechen die Bäckereien, um Brot zu suchen. An Ort und Stelle sind drei Kompagnien Infanterie, mehrere Züge Kavallerie und eine Abteilung Artillerie eingetroffen. Sehr traurige Nachrichten kommen aus P o g g i o m a r i n o, doch fehlt ihre Bestätigung. Ter Tampser „Principessa Mafalda" mit tausend Passagieren mußte aus der Fahrt von Capri nach Neapel zwei Kilometer vor Neapel Halt machen, weil ein dichter Aschenregen die Passagiere zu ersticken drohte.
Ter König und die K ö n i g i n stellten dem Ministerpräsidenten Sonnino 100 000 Lire für die Opfer der Vesuv-Katasrrophe zur Verfügung.
Tie aus zwei Panzerschissen und dem Kreuzer „Bouvet" bestehende zweite Abteilung des französ. Mittelmecr- g esch w ad ers ist unter dem Oberbefehl des Kontre- admirals Mancerou von Toulon nach Neapel abgegangcn, um an der Hilfeleistung teilzunehmen.
Ter K ö n i g v o n E n g l a n d, der zurzeit in M e s s i n a weilt, richtete an den König Viktor Emanuel ein Telegramm, worin er seine lebhafte Anteilnahme anläßlich des Unglücks ausspricht.
Vom Schreckensregiment in Sibirien.
Man idyreibt aus Jr ku ts k: ..
Die Agenturtelcgramme aus Werchncudrusk und Tickita,mb nicht imstande einen Begriff von den lebten Taten der Generale Möller-Sakomelsty und Rennekampf zu geben. Möller-Sakomclsky hauste wie ein Orkan bis Tschtta. Ueberall folterte er mit Nagaiken und e r j ch o ß ohne Gericht eine Anzahl Eisenbahner und Telegraphisten. Mehrere Reisende, die der Zufall hierher geführt, wurden mit Knuten gepeitscht inth nachher verhaftet. Auf den Bahnstationen ^ickcliabmsk, Slju- dianka, Sima usw. verprügelte man eine große Zahl Bürger in Gegenwart vieler Reisenden. Auf dem Bahnhof Myssowaja erschoß Sakomelsky ohne jegliche Gerichtsprozedur sechs Telegraphisten und Erseichahnbeamten. Er verfügte über drei Eisenbahn- züge. AuS Vorsicht oder aus Furcht vor einer Katastrophe liefe Salomelsch in dem ersten Zug die Chefs der Eisenbahnstationen und ihre Gehilfen, sowie auch andere Eisenbahnbeamte fahren. Sobald die Züge fick) einem Bahnhof näherten, wurde der Bahnhos von Soldaten umzingelt und Durchsuchungen, Verhaftungen,
Durchpeitschungen usw. nahmen ihren Anfang. Dieses Bacchanal dauerte bis Tschita, wo Sakomelsky den aus der Mandschurei zurückkehrenden General Rennckamps traf. Gerüchtweise wird verbreitet, daß zwischen beiden Generalen ein Lion f litt ausbrach. Rennekamps, der größere Vollmachten besitzt, soll seine Unzil- friedenheit mit der Tätigkeit SakomelSkys geäußert haben. Wie dem auch sei, jedenfalls ist gewiß, daß Sakomelsky noch am Tage seiner Ankunft Tschita verlassen hat: er kehrte inkognito zurück. Darauf kam Rennekampf nach Irkutsk.
Nach den in Petersburg zirkulierenden Nachrichten glaubte die Petersburger, daß hier in Sibirien Gott weiß was vorgcht daß Sibirien sich im Ausstande befinde, daß einzelne Städte niea:i gebrannt und daß es wirklich notwendig sei, außerordentlich: Maßnahmen zur Unterdrückung des Ausstandes zu treffen. Dar ist aber alles nicht wahr. Tie Einwohner von Irkutsk waren nickt wenig erstaunt, als über die Stadt der außerordentliche Schn,, verhängt wurde. Ihre Verwunderung vergrößerte sich, als nack her das Lcriegsrecht proklamiert wurde. Nach den Oktobertagei genossen die Einwohner der Stadt Freiheit und Ruhe. In Krack nojarfk, Werckmeudinsk und Tscküta, wo die Selbstwehr fungierte, fanden keine Plünderungen und Mordtaten statt.
Bewaffnete Aufstände fanden in Sibirien nicht statt, abe. trotzdem waren die Bcruhigunasinaßnahmen so getroffen, als oL die Existenz eines- bewaffneten Aufstandes festgestellt worden wäre Außer in Wladiwoswck, wo ganz besondere Verl)älMisse herrschten ist in Sibirien nichts vorgefallcn, was als bewaffneter Aufslam gedeutet werden tonnte. Trotzdem ist Sibirien der Gewalt voi Sattapen überliefert worden.
Nack den Gewalttätigkeiten des Sakomelsky kam Ncnnekamp und wieder begann d.s Erschießen und das Gängen, aber jetz laut Besanuß des „Gerichts", das Nennetampl mit sich gebraa, hatte. Das erste Opfer Rennckampss war der frühere Lehre» Popow, der auf der Station Bvrsy der Transbaikalbahn ge hängt wurde. Dann wurden Todessttafen in Werschneudius verhängt. Rennekampss „Gericht" verurteilte dort 9 Persone. zum Tode durch den Strang. Vier von diesen wurden „begnadigt' die übrigen 5 gehängt. Hier einige Einzelheiten dieser Bestialität Zum Tode wurden verurteilt: 1. Goldeobel, ein Man', von 55 Jahren, Eiscnbahnbeamter der Transbaikalbahn. 2. Med weünikow — Ingenieur, Depot-Ches in Werschneudinsk, 40 Jahr alt. 3. Gordejew, Drechsler, 18 Jahre alt. 4. Miljuttnskij, 2- Jahre, Maschinist und 5. Sckultz, 24 Jahre, Schlosser auf bei Eisenbahn. Alle Gehängten hinterließen Familien, die auf ihr Ernährer angewiesen waren. Das Hängen sand in Anweftnl-ei. der Bevölkerung statt. Bei einem Verurteilten (Miljutinsth) r»s der Strick ab und and dem Publikum ersäM ein Scknei: „Ge rettet!" Als Antwort daraus gab man auf das Publikun eine Salve ab, wobei einige Personen verwunde. wurden, und Miljutinsky wurde erschossen. Ein Opfer Renne kampfs, Medwednitow, kenne ich persönlich sehr gut und bin im- stände zu v er sickfern, daß er niemals fick an der revolutionäre, Bewegung beteiligte. Er war ein guter Mensch, aber für öffentlich Angelegenheiten interessierte er sich sehr wenig.
Spater ging Rennekampf nach Tsckita. Dort wurden auck Todessttafen verhängt. Jetzt erwartet man Rennekamps in Irkutsk. Hier erwarten ihr Schicksal die Doktoren Liackofskt und Reschnews-ky, Rechtsanwalt Fatejew, Ingenieur Fürs. Andronnikoff usw., die jetzt im Gefängnis schmachten.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 11. April 1906.
” Zur Frage der Arbeitsvergebungen. In einer am Sonntag zu Lich abgehaltcnen Ausschußsitzung des Bezirksvcrbandes Gießen des hessischen Landes- gewerbevercins kam auch die Frage der Vergebung von Arbeiten an die Meister der betreffenden Gewerbe zur Verhandlung. In dem Protokoll der Sitzung heißt eS hierzu:
Weiter bringt der Vorsitzende (Weißbindermeister L. Petri II d. Red.) noch die Sprache nut Vergebung von Arbeiten, im besonderen a n At e i ft e r der betreffenden Gewerbe. Er betont, daß gerade von leitenden Persönlichkeiten hierin immer noch sehr gefehlt und den Wünschen und Anordnungen der hohen Staats- regierung nicht entsprochen würde. Tie Vergebung der Weiß- binderarbeiten an der höheren Töchterschule zu Gießen durch Oberbürgermeister Mecum an eine Baufirma, von Fach Maurer, sei em schlagender Beweis für seine Ausführungen. Die hiesige Weißbindervereimgung (nicht Zunft, wie seuens eines Stadtverordneten bemerkt wurde) habe mit Rücksicht auf auswärtige Konkurrenz ihre Preise dermaßen gestellt, daß ein bescheidener Verdienst übrig geblieben wäre, und trotzdem habe der Oberbürgermeister für sich die Arbeiten an den BgumUernehmer, der mit zirka 2,5 Prozent Mindestsordernder war, vergeben, indem der Gesetzgeber doch nur gewollt habe, daß bei der Vergebung von Arbeiten tzos betreffende Gewerbe mbetracht komme, und daß nicht die Spenglerarbeit dem Schreiner usw. zu übertragen sei, wenn solcher in Konkurrenz anftritt. Nach dem von ihm und Oberbürgermeister Mecum m dein Bauausschuß und der Stadtverordnetenstwmg erfolgten Ausemmidersetznugen sei Herr SDiecum von der Ueberjeit- qnng auSgegangen, daß ihm auf Grund der Sladteordnung das Recht zugestaiideu habe, diese Arbeiten allein zu vergeben. Für ihn (den Vorsitzenden) sei diese Entscheidung und der Beschluß der Stadtverordneten so nieberbrikfenb gewesen, daß, wenn nicht in ben wohlwollenben Bestrebungen der staatlichen Behörben für Hebung bes Hanbwerkerstanbes eine Stütze vorhanden sei, feine ganze Tätigkeit im Dienste des Handwerks und des gesamten Gewerbewesens erlahmen würbe. Die sämtlichen Vertreter sprechen sich mißbilligeiib über bas Vorgehen bes Oberbürgermeisters Mecum unb ben Beschluß ber Stadtverorbueten aus und bebauern, daß die größte Stabt ber Provinz nicht bic Ziele unb Bestrebungen ber Regierung teilt unb bte konkurrierenden Handwerker der betr. Gewerbe außer Berüctsichtigung läßt. Auf Antrag von Dörr- Gießen wird dem Vorsitzenden, Herrn L. P e t r i II, für sein mann- baftes Austreten in dieser Angelegenheit, das im Interesse des Handwerks geschehen sei, der w ä r m It e D a n k d e r V e r s a m in- (Unq ausgesprochen, was durch Erheben von den Sitzen geschieht.
7 Laubach, 10. April. .Heute mittag nach 3 Uhr wurden bic hiesigen Bewohner durch Feuer lärm erschreckt. Es brannte in dem Gefängnisse. Mit dem Hauptbau steht innerhalb der Gesängnismauer, parallel mit jenem ziehend ein Seitenbau, der die Scheuer, die Stallungen und die Waschküche des Gefängniswärters Tehus enthält. Wenn auch die Feuerwehr schon nach 15 Minuten an Ort und Stelle war, so stand doch sofort der Nebenbau in Hellen Flammen. Ueber die Gesangnismauer wurden die Wasferschläuche angelegt und nach etwa zwei Stunden war dec Brand sowett gelöscht, daß, die Feuerwehr ihre Tätigkeit einstellen konnte. Ter aus Fachtverk bestehende Nebenbau war bis auf die massiven Mauern ber Wascht- küche niedergebrannt. Aeugstlich flatterten die Tauben auf, jämnterlich schrieen die Hühner. Tas Großvieh wurde gerettet, dagegen varbrannten 41 Hasen, sowie eine Henne, die ihre Eier nicht verließ; auch ist ein großer Heuvorrat des Gefängniswärters zugrunde gegangen.
Wiesbaden, 10. April. Tie älteiic ^uinc u. p^uy.^en Aristokratie, die hier lebende Gräfin Bertha von K e y s e r l r n g k, geborene Gräfin von Haefeler, begeht am 13. d. M. ihren 95. Geburtstag. Sie würbe 1811 geboren als die längste Tocktcr des Grafen August von Haefeler, prcuß. Kammerherrn unb ^lan- besherrn auf Groß-Leuthen in der Nieberlausitz, auä dessen Ehe mit ber Gräfin Charlotte von Beust. 1848 wurde sie die Gattm des Grafeti Otto von Keyserlingt-Neustadt, Kammerfrerrn unb Schloßhauptmamis von Königsberg, aber sckon 1850 von ihm jeidjieben. Graf Keyserling! schloß bann eine zlveite Heirat mtt Elisabeth v. AlveiMeben, die sich nack seinem 1872 erfolgten Tobe hrerseils mit dem derzeitigen inaktiven Staatsminister, Grälen ^otho Eulenburg wieder vermählte. — Die greife Gräfin Keyserling! ist eine Tante (VaterSfchwcster) des Generall.elb- n a r s ch a l l s Grafen Gottlieb Haefeler unb eine Großtante Großvatersfchwester) des Chefs des Acilitär-KabinettS Grasen Dietrich Hülsen-Haeseler, sowie deS Generalintendanten der königl. ^ckauspicle Georg v. Hülsen.
Die Tugeudrofc.
Man schreibt uns: Es scheint sich zu bestätigen, daß Der Papst beabsichtigt, ber Prinzessin Ena von Battenberg am Tage ihrer Vermählung mit dem Könige Al so ns XIII. joit Spanien die goldene Tugendrose als Hochzeilsgetztenk überreichen zu lassen. Die Tugendrose hat leider ihren Wert längst mgebüßt, ja sic hat sogar bei allen hiswrisch nur ein wenig Gebildeten alle Ackstung verloren. Erinnern dock engt. Mütter bei .liefet Gelegenheit mit recht unangebrachtem Stolze daran, bic atzten Mitglieder ber englischen Künigsfamilie, denen bic Tugend- ose zu teil ward, seien König Heinrich VIII. und seine Tockster, jie Königin Maria gewesen. Jener aber lebt aus ber berüchtigte .König Blaubart", diese als „die blutige Mary" noch heute in ,er Geschickte fort. Aber warum in die Ferne sckpoeisen, — hat .icht auch die Großmutter des Königs Alfons X1II., Isabella II., inst die Tugendrose et halten, diese Königin, von der Heinrich >on Treitschke in seiner „Deutsck>en Geschichte im 19. Jahrhunderf" olgenbe Sätze geschrieben hat:
„Der Jämmerlüig F-ranz, wie Isabella ihn nannte, konnte ijemals auf Nachloncmensckast hoffen, sckwn ber schrille Klang einer Fistelstimme war der jungen Königin unerträglich Eben- i^halb hatte ihn Lubwig Philipp auderEuren. Isabellas Ehe ollte kinderlos bleiben. Dieses üppige, von Sinnenlust glühende, lutjunge Weib, die Tockster einer Marie Christine, an einen Nann, der kein Mann war, anzuschmieden — zu einer solcken peuselei hatten sich der ehrbare Bürgerkönig unb fein lügenhafter Minister Guizot etttschlossen. Nun kam, waS jeder Menschen- .enner vor aussehen mußte. Die junge Königin jagte ihren elenden Jatten schon nach wenigen Wockstn aus dem Palaste und entschädigte sich sodann reicklich mit verschicdetten Günstlingen; jie Kinder blieben nicht aus, unb da diese Sprößlinge ihr Thron- olgerecht dock nur von ber Mutter Verleiten konnten, so kam auf bie Väter wenig an . . ."
Wenige Monate vor ihrem Sturze vom Throne, hn Fe- aruar 1868, bekam bie Königin Isabella vvm Papste Pius IX. Die berühmte golbene Rose, bie jeweil für bie tugendhafteste unb im die Kirche verdienteste Fürstin bestimmt ist. ES kann nickt Wunder nehmen, daß die Tugeitbrose seitdem nicht gerade int Ansehen gestiegen ist. Man wird daher ihrer Verleihung an Die jugendliche Prinzessin leine andere Bedeutung als die eines rein politischen Aktes beim elfen können und im übrigen wird niemand um diese güldene Rose beneidet werden. Bedauern aber würde man, wenn der Prinzessin kein besseres' Geschenk vom Papste .u teil würde.
Handel und Verkehr, Volkswirtschaft.
BudernS'sche Eisenwerke,'Wetzlar. Die ordentlicke Hauptversammlung am 10. April, in ber 2869 Aktien vertreten waren, genehmigte den vorgelegten Reckstmngsabsckluß (ür bas Jahr 1905 unb beschloß, ben Reingewinn nach den Vorschlägen der Verwaltung zu verteilen. Hiernach gelangt eine Dividende von 6 Proz., wie im Vorjahre, ab 11. April b. I. zur Auszahlung. — Die beantragte Aendertmg ber Satzungen würbe einstimmig genehmigt und für Neu- unb Umbauten Die Summe von 800 00Ö Mark bewilligt. — Tie ausscheidendeu Mitglieder des Auffickstsrats, Direktor Dr. Katzenellenbogen in Frankfurt a. M. unb Rentner Eugen Buderus in Wiesbaden wur- öen wiedergewählt. Aus den Mitteilungen des Vorstandes geht hervor, daß die Gewinnzahlen der ersten drei Monate dieses Jahres die Aussicht auf ein befriedigendes Erträgnis für bas Jahr 1906 bestätigen.
Von ber Berliner Börse. Bei recht stillem Verkeho herrschte nur in östteiclstschen Werten einiges Leben, ftrcbitaftieii wurden realisiert, während die ungarifd>en Renten unverändert lagen. Russische Werte zeigten einige Kursbesserung. Die russischen Fonds waren um 30 Cents höher auf bic allgemein uberrascheirde Teilnahme bes Wiener Platzes an der neuen Anleihe. Prince Henri-Bahn waren steigend auf Brüsseler Käufe. Amerikaner stehen unter dem Druck des Newyorker Geldmarktes. Der Montanmartt roar lustlos. Weiterhin zeigten sich nur geringe Veränderungen und zum Schluß konnte man sogar von einer ziemlich festen Haltung sprechen. Der Privatdislont schloß 31/2 Prozent. .
Reichsbank. Nack dem neuesten Ausweis der Reichsbank ist in ber ersten Aprilwoche ein ansehnlicher Rückfluß in bie Bank erfolgt, größer als in ben beiden Vorjahren. Aber bte Dank ist immer noch nickt aus ber Notensteuer. In ber vorigen Woche war das Institut mit 236.18 Mill. Mark iu bie Vcotenfteuer geraten; in ber verflossenen Woche bat sich der steuerpflichtige Umlauf bis 2. b. M. ivicbcr auf 48.86 Mill Mk. verringert, was eine Besserung um 187,31 Mill. Mk. bedeutet gegen 118.08 Mill. Mk. vor einem Jahr. Die Steigerung des Effektenbestandes durch Uebernahme von Schatzanweisungen hat fick in ber Berichtswvche mit 7.24 Mill. Mark fortgesetzt. Älngesichts ber im ganzen noch bestehenden Anspannung unb der bevorstehenden großen Emissionen ist noch nicht an eine Herabsetzung der Diskontrate zu denken.
Akt.-Ges. für Hoch- unb Tiefbau in Frankfurt am Main. Der Auffichtsrat scklägt die Vertellung einer Divö- benbe uonl 5 gegen 4 Proz. i. V. vor. .
Kleine Finanz chrontk. Ter ALsckluß ber Akt--G<n. für Großfilttation unb Apparatebau Worms, ergibt einen Verlust von 43 918 Mk., wodurch sich die Unterbilanz auf 84 360 Mk. erhöht. In den letzten Äkonaten sollen die Austtäge in größerer Zahl cingelaujen jein. — Die Verlagsänstalt F. Bruckmann Akt.-Ges. Müncherr verteitt 18 Prvz. (15 Proz.) Dividende. ______ ____________
Arbeiterbewegung.
Graubenz, 10. April. Der Aroettgcoerverbanb für ba» Baugewerbe verhängte über sämtlickie hiesigen Bauarbeiter, etwa tausend, bie Sperre wegen Lohnforberungen, bie über das bin ausgehen, was der Arbeirgcbcrverband bereits bewilligte.
~ Gießener landwirtschaftlicher Wetterdienst.
Voraussichtliche Witterung iu Hessen für Donnerstag, den 12. April 1906: Zemvmse wolkig, noch etwas wärmer. Im Südei, stellenweise Gewitter.
Näheres durch bie Gießener Wetterkarte.


