Ausgabe 
12.7.1906 Erstes Blatt
 
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tmierfe dem Mrniral in einem Gebüsch auf, als dieser sich im Garten feiner Villa erging, und schoß "auf ihn. 'Der Mrniral wurde verwundet ins Hospital gebracht, der Urheber des Anschlags entkam. In Petersburg wurde am Mittwoch gegen den von einem Schreiber und einem Wächter begleitete Unter Zahlmeister 65a.sperotv-itsch, her im Gebäude her großen Admiralität mit einer 25 000 Rubel enthaltenden 0>eld1asche die Treppe hinaufging, von mehreren Personen ein Revolverattentat verübt, wo­her er und der Wächter am Kopfe verletzt wurden. Die Angreifer nahmen bann die Tasche fort, die Gasperowitsch entfallen war, und verschwanden. In Warschau wurden infolge Verhängung des verschärften Kriegszustandes 60 Personen, welche verdächtig sind', Nanbäberfälle, Polizisten- morbe unb sonstige Gewaltakte verübt zu haben, verhaftet.

In Warschau würben am Mittwoch vier staatliche Spiritusläben überfallen unb beraubt. Ein Verkäufer würbe löblich tiertounbet. In Lodz würbe ein K'osak durch Unbekannte entwaffnet und erschlossen. Darauf kam es um Mitternacht int Zentrum her Stadt zu blutigen Zusammenstößen stoischen Anhängern her Kampfespartei und Kosaken. Mehrere Personen wurden erschossen. Dort streiken 10 600 Arbeiter. Sie verlangen 30 Prozent Lohnerhöhung.

Dunh Zeinen geheimen Rnnderlaß untersagt her heilige Synod unter Androhung schwerer Strafen das Drucken politischer Broschüren unb Aufrufe in ben Klosterdruckereien. Atrlaß zu biesem Einschreiten her Kirchenbehörbe gab u. a. her Umstand, daß in der Kathedrale zur Himmelfahrt Maria zu Moskau in einem unter­irdischen Raum eine Druckmaschine gesunden wurde, auf der aufwieglerische Proklamationen usw. vervielfältigt worden sind.

Der Minister für Volksaufklärung beschloß, eine Vor­lage betreffend die Aufhebung der prozentualen Einschränk­ung bei der Aufnahme der Juden in den Mittelschulen der Duma vorzulegen.

Der deutsche Hilfsausschuß für die not» leitenden Deutschen in Rußland hielt in Berlin feine Generalversammlung ab, in der die Geschäftsführung über ihre Tätigkeit in den letzten Monaten berichtete. Bis zum 1. Juli sind insgesamt eingegangen 682 933 Mk., wo­von 437 007 Mk. bisher verausgabt worden sind. Bon dieser Summe wurden 198100 Mk. nach den baltischen Provinzen gesandt, 4735 1ML für die Deutschen im übrigen Rußland verwendet, während insgesamt 58982 Mk. Unterstützungen an Flüchtlinge in Berlin gezahlt worden sind.___________

Aus Stadt uns Luus.

Gießen, den 12. Juli.

In Audienz empfangen wurde von S. K. H. dem Großherzog am Mittwoch u. a. Pfarrer Wiffig von Bad-Nauheim.

"Von der Technischen Hochschule. S. K. H. der Großherzog haben den ordentl. Profestor an der Tech­nischen Hochschule zu Darmstadt, Geh. Baurat Max Guter- muth für die Zeit vom 1. September 1906 bis 31. August 1907 zum Rektor der genannten Hochschule ernannt.

" Lehrerpersonalien. Uebertragen wurde dem Schulamtsaspiranten Friedr. Ringshausen aus Nidda eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Dietzenbach (Kr.'Offen- bach), dem Schulamtsaspiranten Hch. Rühl aus Maar eine Lchrerstelle an der Gemeindeschule zu Büdesheim (Kr. Fried­berg). Dem israelit. Religionslehrer Samuel Heß in Düdels­heim (Kr. Büdingen) wurden die Rechte eines definitiv an­gestellten Volksschullehrers erteilt. Erledigt ist eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu Sprendlingen (Kr. Alzey).

" Kunst verein. Die Gemälde-Ausstellung ist nur noch bis Sonntag, 15. Juli, einschließlich geöffnet. Von da ab bleibt die Ausstellung einige Wochen geschloffen.

" Vor 40 Jahren. Au8 Anlaß des 40jährigen Ge­denktages des Gefechts bei Laufach fuhrt der hessische Krieger­verband ,Hassia" am Sonntag, 15. Juli, von Darmstadt aus in mehreren Sonderzügen nach Lau fach, um an den Grabern der gefallenen Kameraden eine Trauerfeier zu veranstalten und Kranze niederzulegen.

" Plötzlicher Tod. Der 60jährige Steinbrecher Christoph Waldschmidt aus Fellingshausen hatte sich gestern vormittag hierher begeben, uni sich in der Siechen­anstalt über die Aufnahmebedingungen zu erkundigen. Auf dem Bureau der Anstalt stürzte er bei dem Vorbringen seines Anliegens plötzlich zu Boden und starb. Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ziel gesetzt.

"Der Verband derKreisamtsbureaubeamten hielt, wie un§ geschrieben wird, am Sonntag zu Offenbach im Hotel Degenhardt seine vierte Hauptversammlung ab, die von etwa 60 Mitgliedern besucht war. Auch Herr Kreisrat v. Hombergk hatte der ergangenen Einladung Folge gegeben. Der Vorsitzende, Kreisamtsbureauvorsteher Schneider in Heppenheim, begrüßte die Versammelten, besonders Kreisrat' v. Hombergk, dem er für das durch sein Erscheinen an den Vereinsbestrebungen bewiesene Interesse Dank abstattete. Er betonte ausdrücklich, daß sich der Verband zur Aufgabe gestellt habe, den Herren Vertretern der Kreisämter Gelegenheit zu geben, die Bestrebungen des Verbandes kennen zu lernen, zumal der Verband ganz besonders auch die geistige Hebung seiner Mitglieder erstrebe. Kteisrat v. Hombergk wies darauf hin, daß die Vorbildung und Erziehung eines tüchtigen Bureaupersonals für den Kreisrat von außerordentlicher Be­deutung sei und er alle dahingehenden Bestrebungen nur be- grüfje unb unterstütze. Die Erstattung des umfangreichen Geschäftsberichts, ebenso ein Vortrag, den inneren Dienst bei ben Kreisämtern (der wegen Verhinberung bes Referenten zur Verlesung kam) würbe mit Interesse entgegengenommen. Sowohl hieran, als auch an ber Besprechung über bie Lage des Stanbes beteiligten sich verschobene Mitglieber. Bei dem gemeinsamen Essen brachte ber Vorsitzenbe ein begeistert aufgenommenes Hoch auf Kaiser unb Großherzog aus.

" Noch eine Tourist entarte von Oberhessen. Gewiffermaßen als Ergänzung zu ber vor einigen Tagen von uns erwähnten, in Marburg erschienenen Karte legt uns jetzt die Rothsche Verlagsbuchhandlung ihre bereits in dritter Auslage herausgegebeneSpezialkarte von Heffen-Nassau, Oberheffen, Vogelsberg, Westerwald, Taunus unb Lahntal" auf ben Rebaktionstisch. Diese Karte ist freilich weit ge­eigneter für Gießener Ausflüge als bie erwähnte Marburger Karte. Sie hat Gießen zum Mittelpunkt unb erstreckt sich nördlich bis Battenberg, so daß sie also auch noch das tzmter- Annb mit hineinbezieht, östlich bis Hersfeld unb Fulba, süb-

lich bis Mainz unb westlich bis Koblenz. So umfaßt sie also nicht nur bas ganze Lahngebiet, fonbern auch bas ber mittleren Fulba unb bes unteren Main mit Frankfurt, Offenbach, Hanau unb Seligenstabt, unb bas ber mittleren Sieg mit Siegen :e. Sehr wertvoll ist bie mitgegebene Skala ber Hohenschichten, bebauerlich aber baS Fehlen ber Wege­markierungen. Die nächste Auflage hätte biese unbebingt nachzuholen. Klarheit unb Uebersichtlichkeit lasten nichts zu wünschen übrig. Die Karte kostet 1 Mk. 50 Pfg.

" Unwetter in Oberhessen. Am Mittwoch gingen über ber Gegenb von Gießen bis Butzbach, sowie im Kreise Bübingen unb in benachbarten preuß. Gebieten, wie z. B. in Birstein, fortgesetzt schwere Regenmengen nieder, verbunden mit Gewittern. Felder und Wiesentäler stehen stellenweise unter Master. Die Flüßchen unb Bäche treten über ihre Ufer, auch bie Lahn begann zu steigen. Für baS Getreibe wäre jetzt Sonnenschein unb trockenes Wetter von Noten. Die Winterfrucht liegt meistens auf bem Boben wie gewalzt. Dagegen gebeihen bie Hackfrüchte vorzüglich. AuS Lorbach bei Bübingen wird uns unterm 11. ds. Mts. geschrieben:

In den Nachmittagsstunden ging, von Süden kommend, ein Gewitter mit wolkenbruchartigem Regen plötzlich nieder. Von dem nach dem Herrnhag gelegenen Berge wälzten sich schon nach einigen Minuten die Wassermassen in den tie'gelcgenen Teil des Dories und stillten Höse und Ställe. Das Vieh war in Gefahr, zu er- trinken ; einige Schweineer tranken auch. Ackergeräte nsw. schwammen auf der Straße, Wagen standen bis an die Axen im Wasser. Nicht minder traurig sah es in den Gärten und Wiesen ans; hier häufte sich der Schlamm unb Schutt fußhoch auf. Auch an ben Obstbäumen fanben Verwüstungen statt, massenhaft war das Obst abgeschlagen.. Angrenzende Gemarkungen wurden ebenso stark durch das Unwetter heimgesucht.

Auch im Quellgebiete der Ober und ihrer Quellflüsse sind so starke Regengüsse niedergegangen, daß die Flüsse rapid gestiegen sind. In Ratibor ist die Oder von 2,07 Mtr. aus 4,63 Mtr. ge­stiegen unb steigt noch weiter. Die Weichsel hat die Ufer ver­lassen. Allen Anzeichen nach steht man dort vor einem zweiten Hochwasser.

"Die v e r w ü n s ch t e n S ch n a k e n. Nur zu oft fann man jetzt bei Spaziergängen, beim Aufenthalt in Wald und Garten diesen Ausruf aus dem Munde eines geplagten Mitmenschen ver­nehmen. Meist erfolgt darauf ein klatschendes Geräusch, das nufer' geübtes Ohr von dem plötzlichen Ableben des blutgierigen Insekten in Kenntnis setzt. Der Gestochene aber betrachtet mit grimmiger Miene den kleinen Hügel auf feiner Haut, zieht das Fläschchen Salmiakgeist hervor, das er als gebildeterMitteleuropäer zur jetzigen Zeit stets bei sich zu tragen pflegt, unb benetzt die juckende Stelle mit der ätzenden Flüssigkeit, um schon im nächsten Moment wieder durch einen kräftigen Schlag eine Schnake in die ewigen Jagdgründe der Jnsektenwelt zu befördern. Es liegt etwas uerven- aufreibendes in dem beständigen Kampf, ben wir an warmen, schwülen Tagen mit Schnaken auszufechten haben. Eine Zigarre erweist sich in ben meisten Fällen als gute Wehr gegen die stech- (uftigen Gesellen. Unb Zigarrenasche, mit irgend einer Flüssigkeit vermengt, vertreibt bie Stiche und Schmerzen fast noch besser als Salmiak. Aber es ist nicht jedermann Raucher und zweitens darf in den Wäldern oft nicht geraucht werden. Also auch hiermit ist kein unfehlbares Gegenmittel geboten. E s wird weiter g e - stoche n, trotz der braven Leitung unserer vorjährigen Schnakenkommission". Tie Schnaken, die von den gefieberten Be­wohnern unserer Wälder gern zum Nachtisch verspeist werden, sind übrigens treffliche Wetterpropheten, denn wenn sie sich am Abend im Reigen schwingen, so bedeutet das für den nächsten Tag gute Witterung. Tiefsinnig ist auch die Regel, bie der alte Schäfer Thomas für diesen Schnakenball aufgestellt hat. Sie lautet: Tanzen drei Tag vor Jacobi die Mucken, kannst du nicht mittanzen, sondern mußt zugucken.

" Die wachsende Großstadt. Die Einwohnerzahl für den Stadtkreis Frankfurt ist unter Berücksichtigung der seit der letzten Volkszählung polizeilich gemeldeten Zu- und Abwanderungen und des entsprechenden UeberschnsseS der Geburten über die Sterbefälle am 1. Juli mit rund 3 40000 anzunehmen.

" Unsere Mitteilung über die Schlägerei auf OSwaldSgarten sei noch dahin ergänzt, daß der Vorfall sich etwa l1/. Stunden nach Schluß des Wirt­schaftsbetriebes in der bayrischen Bierhalle abspielte. Der Schauplatz der Exzeffe war nicht die bayrische Bierhalle selbst, sondern lag außerhalb derselben nach dem Pavillon zu.

Langgöns, 11. Juli. Der Gesangverein Germania mit seinen jungen Mitgliedern, der unter schwerer Konkurrenz auf dem Gesangswettstreit in Lollar den vierten Preis errang und sich damit im Besitze von vier Preisen befindet, wird sich kommenden Sonntag, den 15. b. M., an dem Fahnenweihfeste beS Gesangvereins Polyhymnia in Beuern bei Gießen beteiligen unb bort unter ber Leitung seines Dirigenten SameS einige Lieber zur Verschönerung bes Festes vortragen. Auch bie passiven Mitglieber können an bem Feste teilnehmen.

Lich, 11. Juli. Bürgermeister Dörmer hat vorige Woche einen sechswöchigen Erholungsurlaub nach Bab- Nauheim angetreten. Die Bürgermeistereigeschäfte versieht ber kürzlich zum Beigeorbneten gewählte Herr Jakob Jhring hier. Die Bestätigung des Letzteren als Beigeordneter steht noch aus. Bei der kürzlich abgehaltenen Generalversammlung des Kriegervereins wurde der frühere Vorsitzenbe Herr Hauptlehrer Alt in Alsfelb einstimmig zum Ehrenmit- gliebe ernannt. (H. Lanbp.)

O Kinzenbach, 10. Juli. Die Gerneinbe ver­kaufte am vorigen Samstag ein Grunbstück, bas bis jetzt fast ganz nutzlos balag unb größtenteils als Gänse­weibe benutzt würbe. Das Grundstück, bas etwa 176 Meter lang unb burchschnittlich nur 9 Meter breit ist, würbe für fünf Bauplätze vorgesehen unb ber Quabratmeter mit 3 bis 3.80 Mk. bewertet. Die Gerneinbe hingegen Hat im Vor­jahre ein Grunbstück zum Bau einer neuen Schule angekauft, bas, obwohl cs in erster Lage gelegen ist, nur 2.95 Mk. ber Quabratmeter kostete.

Mainz, 11. Juli. Für Pumpversuche in ber Ge­markung Laubenheim zur Errichtung eines neuen stäbt. Wasserwerkes werben 60 000 Mk. von ber nächsten Stabtverorbnetenversammlung geforbert. Die Konzessionen für bie elektrischen Straßenbahnlinien Main-Gonsen­heim unb Kastel-Kostheim wurden der Stadt jetzt von der Regierung erteilt.

-k Frankfurt a. M., 10. Juli. Die deutschen Lohnfuhrunternehmer halten vom 10. bis 13. Juli hier ihren 13. Verbandstag ab. Am ersten Tage wurden die Regelung des Straßenbahnwesens, der Verkehr der Kraft­fahrzeuge, die Regelung des Droschkenfuhrwesens und bie Errichtung von Fahr- unb Fachschulen beleuchtet. Für den Straßenbahnverkehr wurde gefordert, daß reichsgesetzlich eine Mindestbreite für Straßen mit Straßenbahnbetrieb verlangt

werde. Weiter gelangte eine Resolution zur Annahme, die Ausdehnung der Haftpflicht auf die Straßenbahnen verlangt. Nicht sonderlich günstig gestimmt zeigte sich die Tagung den Kraftfahrzeugen gegenüber. Man forderte Geschwindigkeits­messer und Gleitschutzreifen für bie Autos. Zufrieben zeigten sich die Fuhrwerksbesitzer mit dem Automobil-Haftpflichtgesetz. Weiter wurde eine größere Erkennungsnummer und Einhalten der Automobile auf der Landstraße beim Nahen eines Fuhr­werks gefordert. In dem Bericht über das Droschkenfuhr­wesen wurde das Scheuklappenverbot getadelt. Man wünschte ferner allgemeine Errichtung von Fahr- und Fachschulen nach Dresdener Muster. Bei diesem Punkte betonte Stadtrat Fl in sch - Frankfurt, daß man in Frankfurt einem solchem Projekte sympathisch gegenüber stehe. Erwähnt sei noch, daß dem Verband 56 Lokalkomitees mit mehr als 5000 Mit­gliedern angehören.

h Frankfurt a. M., 11. Juli. Die Kriminal­polizei verhaftete eine steckbrieflich verfolgte Hoch­staplerin, die unter dem Namen einer Frau von Soden in hiesigen Geschäften Einkäufe machte und die Waren nicht bezahlte. Die Schwindlerin, die sich in anderen Städten auch als Gräfin von der Schulenburg ausgab, ist die 28 Jahre alte vorbestrafte Helene Quidde aus Braunschweig.

* * Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In Hoch-Weisel wirb noch in diesem Jahr eine Wasserleitung eingerichtet. Der Gesangverein Germania" in Sechshelden hält am 15. Juli ein größeres Sängerfest ab. Bei der Posthilfstelle in Stumpertenrod ist eine Telegrapheuanstalt mit öffentlicher Sprechstelle unb Unfall- meldestelle eröffnet worden. Das Bezirkst riegerfe st des Hassiabezirks Alsielb findet am 15. Juli in Hopfgarten statt.

Vermischtes.

* König Edward von England weilt in diesen Tagen als Gast seines alten Freundes, deS Earls o f Rosebery, auf dessen Schloß Mentmore. Mentmore gehörte früher den englischen Rothschild und liegt unweit von Lcighton Buzzard, der ländlichen Residenz deS gegenwärtigen Lord Rothschild. Dessen Onkel, Baron Mayer von Rothschild, der sich um die Förderung der Landwirtschaft Englands hervorragend verdient machte, war es, der Mentmore mit ungeheurem Kostenaufwande erbaute. Und als seine einzige Tochter Hannah von Rothschild 1878 die Gattin des EarlS of Rosebcrv wurde, bildete Mentmore einen Teil ihrer Morgen- gäbe. Im Dolksmunde nennt man diesen Teil von Buckinghamshirc, wo fast jeder Fußbreit Boden den Abkömmlingen des einstigen Frankfurter Welthauses gehört, daSLand Rothschild".

* Brände. In Sevilla zerstörte eine große Feuers- b tu «ft einen Teil bes P a l a st e s bes Z i v i l g o u v e r n e u r s. Sämtliche Bureaus bes Schatzamts mürben eingeäschert, bas Archiv ist stark beschädigt, nur bie Kaste konnte gerettet werben. Die Familien des Zivilgouverneurs unb bes Schatzmeisters konnten sich nur mit Mühe retten. Das Feuer, bas von einem heftigen Winbe angefacht mürbe, sprang auf bie Pablokirche über; ber Turm derselben stürzte mit furchtbarem Getöse auf bie umliegenden Ge­bäude nieder. Tie Kaserne der Zivilgarde, in der sich Munitionsvorräte befanden, flog in bie Luft. Der Brand währte den ganzen Tag. Militär mußte bie in ber Nähe ber Brandstätte liegenden Häuser räumen. Bei den Rettungsarbeiten erlitten mehrere Personen Verletzungen. In Paris wurde das Straßendepot der Linie Madelaiue-Bastille, ein Gebäude von 200 Meter Länge, durch Feuer zerstört. Große Futtervorräte sind verbrannt; der Schaden wird auf 250 000 Franks geschätzt. In Antwerpen wurde ein Warendepot, welches große Mengen Benzin uitbCel enthielt, durch Feuer zerstört. Tas 1600 Quadrat­meter umfassende Gebäude wurde vollständig eingeäschert.

* Ein überaus peinlicher Künstlerskandal, in den erste italienische Schriftsteller und Künstler verwickelt sind, soll, wie aus Rom geschrieben wird, die Römische Prätur beschäftigen. Der Kritiker und Romandichter Ugo Ojctti klagt den Aristide Sartorio, früher Profestor in Weimar, der Beleidigung und Verleumdung durch obszöne Briefe sowie durch einen Schmähartikel in einem Künstlerfachblatte an. Es handelt sich um folgendes: Professor Sartorio. der ein ebenso großer Künstler wie bizarrer Mensch ist, lag mit seiner Fran, einer geborenen Frankfurterin, in Scheidung, und als Hauptbelastungszeuge gegen den Künstler soll deffen Freund Ojetti figuriert haben.- Obschon Öjetti dies bestritt, erfolgte, seitens des kampffrohen Sartorio alsbald ein Pelotonfeuer von Briefen und Postkarten voll blutiger Satire (einige waren mit . . . sagen wir derb mythologischen Randzeichnungen geschmückt), und zuguterletzt erschien in der KünstlerzeitungLa Parola degli Artisti" ein ArtikelEin Kritiker­profil", der allen früheren Komplimenten die Krone aufsetzte und selbst in Rom, wo man an scharfe publizistische Kost gewöhnt ist, Kopfschütteln er­regte. Profestor Sartorio warf darin seinem früheren Freunde so ziem­lich alles vor, was man einem Kritiker und Menschen nur vorwersen kann, und waS, wenn cs wahr wäre, unter alle möglichen Paragraphen deS Strafgesetzbuches fiele. Die Antwort Ojettis bestand in der Klage, und als Zeuge sind Schriftsteller und Künstler zitiert wie D'Annnnzio, Antonio della Porta, der Maler Sacchetti und andere.

* Vor knapp vier Wochen. Die in Vilshofen, unweit Passau, erscheinenbe klerikaleTonauwarte" behandelt, mic bieMünchener N. Nachr." mitteilen, in einem Leitartikel bie Geburt bes jüngsten Hohenzollernkindes unb trägt bei dieser Gelegenheit ihren Lesern folgende Berechnung vor:Wenn auch bie Ehe des hohen Paares e r st a rn 6. I u n i b. I., also vor knapp vier Wochen, geschlossen worben ist, so barf man das nun eingetretene freubige Ereignis keineswegs als ein besonderes Wunder, das da geschehen, erblicken. Die Ankunft des neuen Hohenzollern soll in ganz korrekter, natürlicher Weife erfolgt sein und darum wird wohl auch niemanb an bem etwas frühzeitigen Eintreffen des hohen Prinzen Anstoß nehmen; derartige Ueberraschungen" gehören bereits zu ben fürstlichen Privilegien." Der in feinem sittlichen Empsinben anscheinend so tief verletzte fromme Vilshofener hat, wie sich aus seiner Berechnung zeigt, ein ganzes Jahr verschlafen.

* Kleine Tageschronik. In Leipzig ist der Schutzmann Tag, ber von einem Einbrecher durch Revolverschüsse schwer ver­letzt wurde, tm Krankenhaus gestorben. Ein in Lissa (Posen) wohnender 26 jähriger Kellner aus Ungarn überfiel nachts den 30 jährigen Sohn seines Wirtes unb schlug ihn mit einer Ltzt nieber. Dann stahl er zwei Taschenuhren unb entfloh. Des Morbes mitverdächtig ist der gleichfalls flüchtige Marttn Krüger. In Berlin verhaftete die Kriminalpolizei sechs jugendliche Arbeiter, die ein 18 jähriges geistesschwaches Mädchen vergewal­tigt hatten. Tie Stadt Osnabrück erhielt von ber Regier­ung bie Erlaubnis zur Aufnahme einer Anleihe für ben T h e a t e r n e u b a u. Nach einer Meldung aus Florenz brachen Diebe in die Kirche von (Salonio bei Florenz ein und raubten ein Gemälde vou Luea della Rvbbia,die Mutter Gottes mit zwei Heiligen darstellend.

Arbeiterbewegung.

Butzbach, 11. Juli. Dos Gerücht, daß unter ben hies. Ge r - berge Hilfen ein Ausstonb geplant sei, ist vollständig unzu­treffend. Von einigen Arbeitern der Firma H. Küchel II. wurde die Gleistellung ber Löhne von WvchenaÄeitern mit benen der ge­lernten Gehilfen verlangt, welch letztere zur Zeit etwa 19 Mark Wochenlohn beziehen. Selbstverständlich konnten die Chefs sich zu diesem unbilligen Verlangen nicht bereit finden unb haben einigen Arbeitern ihre Entlassung nahegelegt. Im übrigen besteht gerabe in den hiesigen Gerbereien es sind deren 9 am Platze zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern dos beste Einver­nehmen.

Gerichtssaal.

Ein Akticndicbstahl in den Räumen der Darmstädter Bank zu Berlin beschäftigte dort die 7. Strafkammer des Landgerichts I. Wegen Diebstahls war der 24 jährige Bankbeamte Walter John angcklagt, während sich der Bankbuchhalter Martin Maue wegen Begünstigung ver-