Ausgabe 
9.2.1906 Zweites Blatt
 
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Bedeutung.

Als

ie Fleischteuerung

Ministerium veranlaßt wurde.

Behring begann seinen Dortrag mit der Bemerkung, daß ihn augenblicklich viel weniger die Bovovaccination beschästige, als vielmehr die Losung neuer tuberkulose-tberapeu- tischer Probleme, von denen er vor wenigen Alonaten in Paris gesprochen habe. stehen nach meiner Ueberze»igung eine prinzipiellen Bedenken entgegen der Schuh- mpiung von Kindern mit Hille eines Impfstoffs, der von vermehrungsfähigen Tuberkelbazillen frei ist, und der im Tier- experiment sich auch wirksam erweist, wenn man ihn unter die Haut einspritzt. lieber einen ganz bestimmten Impfstoff von dieler Art, welchem ich den Namen Tuberkulase gegeben habe, mochte ich berichten, weil und insofern er auch ein direktes In­teresse für den Rindviehzüchter und Milchprodu- zenten hat. Ter Tuberkulose-Impfstoff scheint mir nämlich be­rufen zu sein zur Ergänzung der nur für junge Kälber anwend­baren Bovovaccination, sodaß auch im günftigften Falle nach ihrer .Einführung immer erst mehrere Jahre vergehen müssen, ehe für 'die SauglingSmilchgewinnunq tuberkulosefreie Kühe zur Verfügung stehen. Um schneller zum Ziele zu kommen, müßte ma» allere Rinder und womöglich die noch gesunden Milchkühe schutzimvsen können. Das ist aber bei der jetzigen Methode ein nicht ungefähr­liches Unternehmen. Vor allem aber ist die subkutane Einimpfung des Bovovaccin bet Milchkühen äußerst bedenklich, weil von den lokalisierten Tuberkulosehelden lebenden Tuberkelbazillen in die Glütbahn gelangen und in die Milch übergehen können, sodaß ich

schastlichen Vortrag anschloß, kam eS dann aber doch zu einem Zwischenfall von politischer Bedeutung. Als nämlich Behring durch eine Aeußerung deS Korreferenten zu einer Anklage gegen das p re u ß i s ch e Lan d w ir t s ch af t s -

samten deutschen Vaterland z

Bravo.) Ich Weitz sehr wohl, daß sich d

auf die vielen Anfragen von Kindermilch prodnzierenden Molkerei- besitzen:, ob sie nicht ihr Milchvieh bovovaccinieren sollen, ab­lehnend ober wenigstens reserviert mich ausgesprochen habe.

Niin habe ich zwar schon in Parts in dem damals erwähnten TE-Präparat ein Mittel in Händen gehabt, welches dieser Gefahr des UebergangS von lebensfähigen Tuberkelbazillen in die Milch aus dem Wege geht, weil eS frei ist von lebendem Virus, und welches trotzdem immunisierende Wirkung für Rinder besitzt', aber auch dieses Präparat muß in die Blutbahn eingespritzt werden, und seine Gewinnung ist ferner so umständlich und kostspielia, seine Haltbarkeit in gebrauchsfähigem Zustande so gering,_ daß die TE- Verwertung in der Praxis zweifellos auf sehr große Schwierig­keiten gestoßen wäre. kleine in Paris ausgesprochene Hoffnung daß es gelingen würde, die Gewinnungsweise und praktische Brauch­barkeit des neuen Tuberkulosemittels zu verbessern, hat sich in­zwischen erfüllt durch die Entdeckung einer neue n Methode zur Konservierung der immunisierenden T u b e r k e l b a z i l l e n w i r k u n g bei g l e i ch z e i t i g e r A u f - Hebung der Lebensfähigkeit. Tie mit Hilfe dieser Methode gewonnene Tuberkulase ist ein halbstüssiges Präparat von wachsähnlichem Aussehen. Nach den bisherigen Erfahrungen ver­trägt die Tuberkulase den Transport ziemlich gut, und ihre Her- tellungskosten sind nicht so groß, daß daran ihre Einführung in die landwirtschaftliche Praxis scheitern müßte. Mit der Tuberku­lase habe ick iticht bloß tuberkulosefreie Rittder behandelt, sondern auch solche Kühe, die zwar klinisch ganz gesund erschienen, aber trotzdem mit der Milch virulente Tuberkelbazillen ausschiedeii. Und ich sah bei diesen Kühen nach mehrwöchentlicher Behand- limg die Tuberkelbazillen ans der Milch ver- ch w i n d e n.

Tiefe ^Beobachtung eröffnet eine hoffnungsreiche P e r- spektive auch in Bezug auf die Tuberkulaseverwertung für die Bekämpfung der menschlichen Tuberkulose. Her­vorheben und besonders betonen muß ich aber die Tatsache, daß ich an solchen tuberkulaseinsi,zierten Rindern, bereit Zustand auch nur entfernt dem körperlichen Zustande eines mit tuberkulöser Lungenschwindsucht behafteten Menschen entspricht, nicht experi­mentiert habe, und daß ich daher keinerlei wissen- chaftlich begründete Unterlagen habe für die An­nahme, daß die Tuberkulase etn zur Behandlung der menschlichen Lungenschwindsucht geeignetes Aki ttel werden könnte. Nicht von einem Schwindsuchtsmittel im Sinne eines Heiln-sttels für die schon vorhandene tuberkulöse Zerstörung von Lungengewebe habe ich in Paris gesprochen, son­dern von einem Tuberlulasemittel, welches du r ch f r ü Hz e i t i g e Verwendung bei jugendlichen Individuen die Schwindsucht verhüten und allenfalls auf die schon be- tehenden Tuberkuloseherde so einwirken soll, das; ihre Selbst­heilung mit Hilfe der natürlichen Kräfte des Organismus nicht gestört wird durch erneute tuberkulöse Infektion.

Uebrigens gedenke ich festzuhalten an meinem in Paris pro Hantierten Programm, welchem zufolge ich M ein neues Tuberkulofemittel für den Menschen nicht früher frei­geben werde, als int Herbst dieses Jahres, so daß es nach wie vor ganz vergeblich ist, wenn Aerzte und Laien sich brieflich, telegraphisch oder persönlich an mich wenden wegen der ausnahrns» weisen Ueberlaffung des Mittels zum Gebrauch für schwindsüchtige Menschen. Die Erfahrungen, welche ich inzwischen gemacht habe, lassen mich mehr wie je festhalten an dem Entschluß, übet den Kreis derjenigen Tuberkuloseforscher, die jetzt schon mit dem Gange meiner tuberkulose-therapeutischen Arbeiten vertraut sind, nicht hinausgehen. (Stürmischer Beifall)

Hierauf nahm als Korreferent das Wort Prof. Dr. Dam- m a n it (Hannover). Er ist mit Behring in dem Hauptpunkte einig in der zuversichtlichen Hoffnung, daß der genial ansgedachte Ge­danke, durch Vorbehandlung der Kalber auch Menschen vor der Tuberkulose zu schützen, sich auch einmal werde verwirklichen lassen. In verschiedenen einzelnen Punkten widersprach Geheimrat Tr. Tantmann eingehend Behring. Dr. Tammann ist der Meinung, daß wir heute noch nicht imstande seien, eine Entscheidung zu treffen, ob der Impfschutz standhalte gegenüber der natürlichen In­fektion, und verweist auf eine ganze Reihe vonMißer folgen mit dem Impfschutz. Er tritt endlich ein für die radikale Beseitigung kranker Tiere durch Erlaß eines entsprechenden Staats­gesetzes mit gleichzeitiger Entschädigung der betroffenen Besitzer.

Behring antwortet, er sei erfreut, durch die Diskussion Gelegenheit erhalten zu haben, der Annahme entgegentreten zu können, daß so viele veterinärärztliche Autoritäten mit seinem Verfahren Mißerfolge erzielt haben sollen. ES handelt sich dabei um ein Mißverständnis, denn es wäre ein merkwürdiger Widerspruch, daß alle diejenigen Autoritäten, die mit der Bovovaccination Mißerfolge erzielt haben, doch begeisterte Anhänger des Verfahrens seien. Die Mißerfolge erstrecken sich nämlich nur auf die Versuche, nicht aber auf das Bovovaccinationsverfahren selbst. Ich bedauere auch, daß ich vom preußischen Landwirts chastsmini st eri um immer g e f ch n i 11 e n wurde, und daß ich bisher noch nicht Gelegenheit hatte, mein Urteil zu äußern. Ich möchte auch die Mitteilung des Geheimrats Dr. Tammann etwas ein schränken, daß das Landwirtschaftsministerium immer ein so großes Wohlwollen in dieser Frage gezeigt habe. Ich habe das nicht gefunden! (Heiterkeit.) Ich appelliere nicht an den Edelmut oder sonstige Qualitäten der Menschen, sondern an den Egoismus. Ich kann auch mitteilcn, daß die Jmpfstofiorderungen, die nach Mar­burg kommen, von Monat zu Monat steigen. Wir haben bereits über 100 000 Impfungen. Schließlich werden wir bald eine Jmps- statistik haben, welche die Vorteile aller veterinärärztlichen Institute überholen wird. Tie Zeit für Vorversuche in der Bovovaccination in den Instituten ist vorüber. Was jetzt noch gelernt werden muß,

bfe bemrftmibrtm, daß die Rechnungen behufs Aus- KnTwn dem Vorstände nicht geprüft und angeltnefcn toorben Kircn.5 Hensel- Dortelweil erstattete den Kassenbericht. Er n?ab an^Eiunahmen 4155.64 Mk an Aufgaben 4139 32 Mk 1916 32 Mk. ES wurde hierbei bemerkt, daß die A^^m,en Rodbeim v. d. H., Bergen, Seckbach, Dorheim, Dor­telweil Deilback'. Ossenheim, A'ablb^ch Niederwöllftadt und Wicker hie rffÄn seien. Wittmer-Dorten feA er Hof beantragte hier­auf dm Vorstand durch WMzettcl zu wählen, zum Vorsi-enden hm seitherigen 2. Vorsitzenden Ebristian-Unterliederbach und 2 Vorsitzenden den seitherigen Vorsitzenden Vrehmann-Numven- zu für en und zum weiteren Sctft&er den Bürgermeister KauS von Ravolzlwusen. Infolge dieses Antrages kam cs zu lebhaften Auseinandersetzungen und heftigen perionlicheii Bemerk- un.wn zwischeii denKleinbauern" Viehmaun-stlum^nheim, Flied- K^n-Tietzenbach, Beigeordneter Leo-Die^nbach iirrb Rupp Müldeim a. M. eineneitSnnd den Hofgutsvachtern Wittmer-Dortenfelderhos und Rothe-F-ierndorferhos bei Büdingen andererseits Es fielen auf beiden (Seiten harte Worte und der Leiter hstte Mühe, die aufgeregte Versammlung in ruhige Bahnen ftneber hinuberznsteuern. Die Wahl ergab die Wiederwahl hes seitherigen Vorstandes: Viehmann-Rumpenheim, Vorsitzender: Ehristian-Unterliederbach, .Stelwertreter: Wittich- Rrndel, Schriftfnlwer: Beisitzxw: Reuhl VN.-Bisck-ofshnm bei Hanau: RnPP-Mülhmm a. M. Als Beisitzer neu gewählt wurden: Vürgermeicher Elans-Ravolzhausen: Fink-Vilbel und Jacobi-Rod- Leim VdS Rach Bekanntgabe der Wahl nahm Landtagsabg. Döhler- Langsdorf das Wort und mahnte zur Einigkeit und tolnibierte für die Gründung einer Tageszeitung. Christian-Unter- liederbach 'und Sensel-Dortelweil sprachen ebenfalls einer Tages- .citnng das Wort, speziell dieDeutsche Bolkswacht" in eine Tageszeitung umzuwandeln. Eine Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht wäre in diesem Falle zu empfehlen. Um 7 Uhr abends schloß der Vorsi^ende die Versammlung.

Deutscher ^Lanbwirlschaftsrat.

(Ausführlicherer Bericht.) (Unberechtigter N'chdruck verboten.) n

S. u. H. Berliit, 7. Febr.

Fn her heutigen 2. Sitzung legten Oeftmomierat Dr. Nabe- Halle und Gutsbesitzer V i b r a n s - Calvörde die Wick't'akeit der Erhaltung der deutschen Kalilager für die inländische Pro­duktion dar und beantragten u. a. Einfüllung eines Zdaliausfuhr- jzolles. Die Versirmmlung stimmte dem zu.

Der nächste Punkt betraf einen Antrag der Landwirtschafts- Lnnmer Schleswig-Holstein, den Verkehr von Kraftfahr­tzeugen auf dem platten Lande zu regeln. Graf zu Rantzau- Rastorf regte an, die Automobilfabriken zur Her- stellung dem landwirtschaftlichen Betriebe dienlicher Kraftfahr- geuge zu veranlassen, an die Deutsche Landwirtschaftsgesellschast und an die landwirtsckwftlichen Zentralvertrettingen die Bitte zu richten, der Nutzbarmachung des Kvaftfahrwcseus ihr ernstes Lnteressc zuzuwenden und dafür cinzutrttcn, das; die landwirt- Mastlichen Zwecken dienenden K'raftfalwzeuge von der geplanten Reichssteuer befreit bleiben. Weiter betonte G-raf Rantzau, daß hie zur Abwehr der mit Kraftfalwverkchr auf dem platten Lande verbundenen Gefahren bestehenden polizeilichen Vorschriften un­entbehrlich seien. Die Kvstcn dieser Wege-, Neu- oder Umbauten, die durch den K'raftsabrverkehr erforderlich werden, sollen keines­falls den kleineren örtlichen wcgepflicktigen Verbänden aufgebürbet werden, sondern sollen landesgesetzlich auf breitere Schultern gelegt werden und zwar unter kräftiger Doransbelastung der In­teressenten des K'raftsahrverkehrs. Tie Haftpflicht der durch Krast- sahrzeuge angerichteten Schäden soll reichsgesetzlich analog der Haftpflicht beim Eisenbahnverkehr geregelt werden, zu, welchem Zweck eine Zwangsgenossenschaft der Kraftfahrer zu bilden ist. Nach kurzer Debatte wurden die Anträge des Grafen Rantzau lange morn men. w

Ein weiterer Antrag bet Landwirtschaftskammer Schleswig- Holstein betraf den Schutz der heimischen Milchpro­dukt i o n Graf Rantzau befürwortete, daß durch eine No­velle zum Zolltarif die darin vorgesehene Zollsreiheit siir Milch und Nahm beseitigt werden möge und folgende Zollsätze eingesetzt werden möchten: für Milch 4 Mark pro 100 Kilogramm u$b für Rahm 10 Mark pro 100 Kilogramm. Geh. Oekvnomierat Andrae - Braunsdorf verlangte, um der Einschleppung von Tierseuchen durch die Einftilw von Milch und Rahm vorzubeugen, daß allen auswärtigen Staaten gegenüber, gegen welckic Einfi:hrbeschränkungen für Vieh haben erlassen werden drüsscn. gleichfalls' Einfuhrbeschränkungen für Milch und Rahm mrgeordnet werden. Diese Einfuhrbeschränkungen sollen bestehen in dem Verbot der Einfuhr in Karren und in den Anordnungen, bafj die Einftihr nur nach erfolgter Hocherhitzung von mindestens 85 Grad Celsius erfolgen darf und der Weitertransport von der Grenzstation nach dem Bestimmungsort nur nach Abkühlung von unter 10 Grad Celsius. Da wissenschaftlich feststehe, daß die erhitzte Milch leicht in Fäulnis übergehe, würde nach dem Medner aNein ein Einfuhrverbot vollkommene Abhilfe schaffen. Der Butter^oll sei so lange wertlos, so lange man den Rahm zollfrei eimühren könne. Geh. Hofrat Prof. Dr. Kirchner- Leipzig: Von einem Steigen der Milchpreiw ist absolut nichts zu bemerken, trotzdem die Anforderungen an die heimische Milch nicht nur in Bezug auf den Fettgehalt, sondern auch in hygieni­scher Bezieh-.mg ständig gestiegen sind. Die Kosten der Milch­produktion sind also gestiegen, die Preise aber nicht. Wenn wir mm berücksichtigen, daß fast alle Bestrebungen der Milch- pwduzenten, ihre Preise wegen der Futtemot im Jahre 1904 *u steigern, im Sande verlausen sind, so kann man wohl sagen, oaß auch durch den Zoll eine Verteuerung nicht eintreten wird. Daran ist mit schuld die ständige Verbilligung der Verkehrswege. Der vom Grafen Rantzau vorgeschlagene Zollsatz kommt mit Recht einem Prohibitivzoll gleich, denn er würde pro Liter 4 Pf. betragen. In der Abstimmung werden die Anträge des Grafen Rantzau angenommen.

kann nur oie Praxis lehren!

Tie Versammlung beschäftigte sieh bann noch mit der Rein­haltung der deutschen Gewässer und der Herbeiführung günstigerer Bedmgunaen zur Tclephonbenutzung auf dem Lande.

Das Festmahl. Rede des Reichskanzlers.

Im RestaurantKaiferhof^' fand heute abend ein Festmahl des deutschen Landwirtschaftsrates statt, zu dem u. a. erschienen der Reichskanzler, die Minister Frhr. v. Rheinbaben, v. Podbielski, v. Bethmarni-Hollweg und Dr. Delbrück, die Unterstaatssekretäre Wermuth unb v. Conrad und Prof. v. Behring.

Nachdem der Vorsitzende Gras Schwerin-Loewitz ftas Käiser- hoch auSgebracht und der Geh. Hofrat Mehnert die Gäste begrüßt hatte, erhob sich der R c i ch s r a n z l e r zu einer Ansprache unb führte aus, daß er seit fünf Jahren bei den Vereinigungen des Landwirtschaftsrates nie gefehlt habe. Auch außerhalb der festlichen Gelegenheiten habe er Fn:eud und Leid mit durchgemacht. Die Kameradschaft habe mehr als einen Sturm überdauert. An einen solchen Sturm habe Graf Schwerin erinnert, an die durch­lebte Fleischteuerung. Er danke den Herren für die An­erkennung, die ihm durch den Mund des Vorsitzenden für seine Haltung in dieser Frage zuteil geworden sei. Diese Haltung war selbstverständlich und mit ihr glaube er, nickst nur der Land­wirtschaft, sondern auch dem Lande gedient zu haben. Trotzdem habe es natürlich an Tadel nicht gefehlt: daran habe er sich aber allmählich gewöhnt und zwar an Tadel von allen Seiten, von links und gelegentlich auch von rechts. So sei ihm vor­gestern von einem langjährigen, persönlichen Sckmlftennd vor­geworfen worden, daß die R e i ch s s i n.a n z r e f o r m einen re­volutionären Elwrakter trage. Vor etwa 20 Jahren habe ihm General v. Sck)weinitz gesagt, ein Diplomat müffe einer­seits so feinfühlig sein, daß er merke, wenn eine Fliege hinter ihm durchs Zimmer fliegt, andererseits müsse er ein Fell haben, wie ein Rhinoceros. Diese Eigenschaft gegenüber ungerech­ten Angriffen, empfehle er allen Kollegen. Wer empfindsame Nerven hat, tauge nicht zum Minister. Wegen der Fleisch­te lierung, fuhr Bülow fort, regnete es ja Angriffe auf mich unb auf den Landwirtschaftsminrster, von dem ich boffe und von dem wir alle hoffen, daß fein praktischer Blick unb fein Organisationstalent der Landwirtschaft noch lange an verantwortlicher Stelle erhalten bleiben möge. Durch solche Angriffe dürfte ich mich nicyt abdrangen lassen von meiner gern erfüllten Pflicht, endlich Besserung in die ländlichen Verhältnisse zu bringen und dem Landwirt wieder Mut zu niachen und damit dem ge- u nützen. (Lebhaftes

Berlin, 8. Febr.

Die heutigen Verhandlungen traten weit über den Kreis der Landwirte hinaus von Jnteresie, da sie in der Hauptsache dtirch einen Vortrag des Prof. v. Behring-Marburg über

Tuberkulosebekämpfung beim Rindvieh und hygienische Milcherzengnug

vuSgefüllt wurden. In der Debatte, die sich an diesen wissen-

die sich irt verschiedenen Gegenden längere Seit drückend fühlbar aemacht bat und zum Teil noch fühlbar macht, eine sehr ernste Frage ist. Ich irar von vornherein, als die Fleischteuerung eine Kalamität zu werden drohte, entschloffen, helfend einzu­greifen, soweit dies nur in meiner Macht steht. Solchen loirt- chaftlichen Kvnjunktiireu gegenüber ist meine Macht begrenzt. Es ist unmöglich, solche Uebelstände durch schleunige Maßnahmen von heut auf morgen zu beheben. Wenn das. angepriesene Mittelöffnet d i e G r e n z e n" wirklich ein unfehlbares Heil­mittel ersten Ranges wäre und keine Gefahren einschlösse, warum ollte die Regiertnrg so eigensinnig und einfältig sein, es nicht '-nzuwenden? Ich konnte aber nicht einer Maßregel zustimmen, die den deutschen Vieh st and gefährdet, Weicker ein so gewaltiger Faktor des Natienalvermögens ist. Soweit die Vieh­einsuhr ohne Gefahr der Seucheneinschleppung geschehen kann, ist sie zugelassen und kann zugelassen werden. Versagen wir aber dem Viehbestände den nötigen veterinärpolizeilichen Schutz, o setzen wir nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch afte Kon­niventen schweren Gefahren aus. Fassen Viehseuchen erst wieder Fuß bei uns, so ist die Fleischteuerung unb eine wirkliche Fleisch­not unausbleibliche Folge. Das hieße den Teufel burch Belzebub austreiben. Deshalb müssen wir streben, uns vom Auslande unabhängig zu machen und den Viehbestand mög­lichst zu heben. Damit wird dem Lande mehr genutzt alS durch Klagen über Bevorzugung der Agrarirr. Wir schützen den kleinen Mann, nickt den Großgrundbesitzer, sondern den Bauer. Ich betrachte es als dre v o r n e h m st e A u f g a b b e r Regierung, den deutschen Bauernstand zu kräfti­gen, zu schützen und zu heben, nicht nur aus wirtschaft­lichen, sondern auch aus sozialpolitischen Gründen. (Bravo.) Warum kämpft die Sozialdemokratie mit solcher Vorliebe gerade gegen den Bauernstand und seine Interessen, warum er­klärte ihr Breslauer Parteitag, die Sozialdemokratie habe keinen Grund, für die Erhaltung des Bauernstandes einzutreten, denn das könne nur geschehen, indem man ihn in seinem Besitze befestige, also in diametralem Gegensatz zum sonstigen Ver- ahren der Sozialdemokratie. Die Sozialdemokratie wolle, so erklärten damals in Breslau, ihre Führer, wohl den Klein­besitzer gemimten, jedoch nur, indem sie ihn davon überzeuge, daß er als Besitzer keine Zukunft habe, sondern daß seine Zu­kunft die Zukunft des Proletariats sei. Also zunächst will die Sozialdemokratie den Besitz des Bauernstandes zertrümmert, dann kann der Bauer die Ehre haben, sich der Sozialdemokratie an- zuschließen und im Roten Meer zu ersaufen. Das ist klar und deutlich und vom sozialistisck-en Standpunkt aus verständlich. Umsomehr aber haben die Regierungen und der Reichskanzler die Pflicht, den Bauernstand als eines der festesten Fun­damente des monarchistischen Staates zu schützen und seitte Existenzbedittgungen zu sichern und ihn nicht untergeben zu lassen. (Lebhaftes Bravo.) Dieser.Pflicht werde ich genügen, solange ich an leitender Stelle stehe (Stürmisckes Bravo), uno ich wünschte, daß mich in dieser Richtutrg alle diejenigen unterstützen möchten, die auf dem Boden der bestehenden Gesellschaftsordnung stehen und eine friedliche, freiheitliche Entwickelung unserer inneren Ver­hältnisse wollen, unbeschadet der Zugehörigkeit zu dieser oder jener bürgerlichen Partei. Denn solange der Land­wirt, solange ber deutsche Bauer auf seiner Scholle sitzt, solange er ein erträgliches Dasein hat, wird die Sozialdemokratie nicht herrschen zwischen der Ostsee unb den Alpen. (Beifall.) Ich erhebe mein Glas auf dvs Wohl der deutsckwn Landwirtschaft und ihrer Vertretung, des deutschen Landwirtschaftsrates. Sie leben hock!

Im weiteren Verlauf des Festmahls führte Graf B a l l st r e m aus, der Reichstag gehöre mit der Landwirtschaft zusammen. Minister v. PodbielSki dankte für die vielfachen Beweise des Vertrauens, die ihm allerseits entgegengebracht wurden. Das Gefühl der Solidarität müsse Hinwegtragen über alle Partei- kämpfe und zum festen Zusammenschluß führen, im In­teresse der Monarchie, int Interesse des ersten Gewerbes in Deutschland.

Auszug sus deu der Lkgdt Gieße».

Nufgebote.

Jan. 24. Johann Michael Sporrer, Mechaniker dahier, mit Therese Schneider in Frankfurt a. M. - 29. Theodor Kornmann, Fuhrkneckt babier, mit Katharine Jochem in Günterod. 31. Karl Reuschling, Bäcker dahier, mit Karoline Wild bierfelbft. Febr. 2. Ferdinand Günther, Dekorationsmaler dahier, mit Anna Beck Hierselbst.

Eheschlietzungeu.

Jan. 27. Julius Nattmaim, Zigarrenfabrikant dahier, mit Marie Klose hierselbst. Heinrich Giehl, Mineralwafferhändler dahier, mit Elisabeth Lämmer hierselbst.

Geborene.

Jan. 20. Dem Lithogravhen Karl Kramer ein Sohn. 21. Dem Rechtsanwalt Ferdinand Arnold eine Tochter Anna Elisabeth Nelly. 24. Dem Gastwirt Karl Hartmann ein Sohn Wilhelm. 25. Dem Weibbindermeister Ediiard Koblermann ein Sohn. Dem Weinhändler Philipp Gebhard ein Sohn Karl Philipp. 26. Dem Sergeanten Heinrich Hühn zwei Töchter Elisabethe unb Anna. 27. Dem Hilisschaffner Heinrich Herr eine Tochter. 23. Dem Konditor Anton Georg Geißner ein Sohn. 30. Dem Taglöhner Philipp Appel ein Sohn Heinrich. Febr. 1. Dem Maurer Heinrich Ranst ein Sohn Richard Christian.

Gestorbene.

Jan. 27. Karl Theodor Stürtz, 14 Jahre alt, Sohn des Eisen- dreher-s August Stürtz dahier. 28. Friedrich Schupp, 18 Tage alt, Cohn des LaternenwärterS Friedrich Schupp babier. _ Anna Hühn, 2 Tage alt, Tochter des Sergeanten Heinrich Hühn dahier. Adolf Steinberger, 22 Jahre alt, babier. 30. Johann Georg Panz, 34 Jahre alt, Taglöhner dahier. 31, Johanna Karoline Pfeiffer, 29 Tage alt, Tochter des TaglöhnerS Ludwig Pfeiffer dahier. Friedrich Backhaus, 80 Jahre alt, Kanzlei­inspektor i. P. dahier. Febr. 2. Rost Rosenbaum, 9 Monat» alt, Tochter des Kaufmanns Samuel Rosenbaum dahier.

'' i J____21' ' "S

Meteorologische Beobachtungen

der Station Gießen.

Februar

1906

Barometer aut 0° reduziert

Temperatur der Lust

Absolute Feuchtigkeit

Relative Feuchtigkeit

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