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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener Familienblätter" werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition «.Druckerei: Schulstr.7.
Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen«
Zweites Blatt 186. Jahrgang Mittwoch 8. August 1906
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eiehen.
Argen Den übergroßen Reichtum
wendet sich 'Paul Dehn int Augusthefte des „Türmers" (Verlag von Greiner u. Pfeiffer, Stuttgart) im Anschluß an die Erklärung des Präsidenten Roosevelt, es müsse gegen die Ansammlung unvernünftig großer Vermögen etwas Ernstliches unternommen werden. Tatsächlich, so führt er aus, gab es zu keiner Zeit eine solche Anhäufung des Reichtums in einzelnen Händen, wie in der Gegenwart. Umfassender als je zuvor werden die Naturschätze an Gold, Silber, Kupfer, Petroleum, Kohle usw. ausge- beutet, neue Ländettien .erschlossen und mit Getreide, Baumwolle usw. bebaut und sodann alle diese Erzeugnisse in ungekannten Massett durch die modernen Verkehrsmittel überall hin verftachtet und bestmöglich verwertet, verarbeitet und verbraucht. Nicht Millionen, sondern AMiarden sind allein in Berlin durch die Steigerung von Grund und Boden seit wenigen Jahrzehnten gewonnen worden, und weit mehr noch in Deutschland, in Europa, in Amerika. Bei diesem wirtschaftlichen Aufschwünge aller Länder konnten sich die Kapitalkräftigsten naturgemäß am leichtesten und am meisten bereichern.
Vermehrt, ja vervielfacht wurde der Reichtum durch die Mobilisierung aller Werte von der Börse aus etwa seit 1850, durch die Schaffung von Papierwerlen. An der Berliner Börse werden für annähernd 70 Milliarden Mark solcher Werte gehandelt. Von dem deutschen Volksvermögen in Höhe von mehr als 200 Milliarden Mark hat mehr als ein Viertel Anlage in solchen Papierwerten gefunden. In der Hauptsache führen darüber die Großbanken die Kontrolle und zentralisieren das Kapital, dessen Macht und nicht zuletzt den Gewinn. Allerwürts zeigt sich annähernd dasselbe Bild.
Mas war die Folge? Eine zunehmende Verschlechterung in der Verteilung des Volks vermöge ns, das Entstehen von Riesenvermögen in Europa, von Milliardären in Nordamerika. Der Gold- und Diamantenspekulant Beit in London soll zwei Milliarden Mark besitzen, ebensoviel der nord- amerikanische Petroleumspekulant Rockesetler, Hunderte von Millionen sind Eigentum der Astors, Vanderbilts, Carnegies, Armours, Morgans, Goulds u. a. Solche Milliardäre kennt man in Preußen nicht. Immerhin gibt es nach der etwas unzulänglichen preußischen Ergänzungssteuerstatistik in den preußischen Städten 5510 lind in den ländlichen Bezirken 1899 Marb-Millionäre, darunter 23, die mehr als 23 Mill. Mark besitzen.
Großen Reichtum kann jemand nur durch die Arbeit anderer erwerben, loyal durch wertvolle Erfindungen und durch Entdeckung von Naturschätzen. In der Regel ist er aber ein Ergebnis der Spekulation bei der Ausnützung geschäftlicher Konjunkturen, bet der Ausbeutung von Naturschätzen, bei dem Bau von Eisenbahnen, .durch Anlagen in städtischem Grund und Boden und an der Börse. Hauptziel der großen Spekulanten ist stets die Beherrschung des Marktes, der Ausschluß der Konkurrenz, die Monopolisierung des Geschäfts. Wer dahin gelangt, hat das Feld für sich. 9)fctt Hikfe der Ringe und Ärnfts haben sich die nord- amerikarrischen Milliardäre Petroleum-, Kohlen-, Eisen-, Stahl-, Fleisch- und andere Monopole geschaffen. Schließlich wirkt der große Reichtum selbst wie ein Monopol. Staatsmonopole können drückend sein. Privatmonopole müssen unerträglich werden.
Wo die Plutokratie so emporgekommen ist wie in der Union, strebt sie auch nach politischer Macht, doch nicht um zu herrschen, sondern um die Anhäufung ihrer Reichtümer ungehindert weiter betreiben zu können. Zu diesem Zweck kaust oder beeinflußt sie die Tagespresse. Mit ihren goldenen Schlüsseln verschafft sie sich, überall Einlaß und Geltung. Ihr letztes Ziel bleibt die uneingeschränkte Ausbeutung des Volkes unter dem Schutze der ihr dienstbaren politischen Macht. Die Plutokratie wird zum Staat im Staate und gefährdet die natürliche und friedliche Entwicklung von Staat und Gesellschaft.
Dabei verkennt der große Reichtum die Pflichten des Besitzes, Ne erst das Christentum zur Geltung gebracht hat. Die Worte der Bergpredigt: „Selig sind ine Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich" preisen diejenigen selig, deren Herz nicht an den Gütern dieser Welt hängt, die den Mangel daran geduldig ertragen und beim Besitz solcher Güter so nach dem Himmlischen trachten, als ob sie nichts besäßen. Will also der Reiche am Gottes reiche Anteil haben, so muß er inmitten des Reichtums entsagen, als Armer im Geist leben, auf den übermäßigen Genuß des. Reichtums verzichten und seinen Reichtum nicht einseitig für sich, sondern für alle Bedürftigen verwenden. Der Ueberfluß des einen soll nach Paulus dem Mangel des andern abhelfen. Ein jeder Besitzer ist vor Gott nur dcutznießer und Verwalter, er soll nur das Nötige für sich gebrauchen, das Ueberflüssige aber dem Bedürftigen geben. Fremdes Eigentum behält, wer Überflüssiges behält.
Wohl haben die Millionäre und Milliardäre der Union gelegentlich recht reichliche Spenden, namentlich für Universitäten, gegeben, fteilich nicht im Verborgenen, sondern unter dem lauten Posaunenschall chrer Presse. Aber diese Gaben erfolgten nicht aus Nächstenpflicht oder Christenliebe. Von den Universitäten der Milliardäre wurden wiederholt Professoren ohne weiteres entfernt, weil sie sich gegen Privatmonopole usw. äußerten und ihre Meinung mit den Interest en der Stifter nicht in Einklang zu bringen wußten. Ernstlich hat man m der Union die Frage aufgeworfen ob es sich für Unterrichtsanftalten überhaupt ziemt, Schenkungen von Milliardären und Millionären anzunehmen, wenn ihr Reichtum nicht redlich erworben wurde, wenn es sich nm „befleckten Reichtum" handelte, und mehrfach sind solche Schenkungen wirklich abgelehnt worden.
Ohne Zweifel besteht in breiten Schichten der Unions- bevölkerung eine tiefgehende Abneigung gegen den großen gegen den „befleckten" Reichtum, weil er Verwaltung und Gesetzgebung korrumpiert und beherrscht, den Staat schwächt, bie Gesellschaft ausbeutet, immer größere Vorrechte beansprucht uno sich über seine Pflichten hinwegsetzt. Präsident Roosevelt hat dieser populären und begründeten Abneigung Ausdruck gegeben und zugleich einen bestimmten Vorschlag hinzugefügt. Die. .Begrenzung, des großen Reich- :tmvs, der übermüßigen Vermögen durch eine entsprechende
progressive, in den höchsten Stufen geradezu konfiszierende Erbschaftssteuer wird hie und da Bedenken erregen, stützt sich aber auf den gesunden Menschenverstand, rechtfertigt sich durch das Interesse des Staates und läßt sich nicht zuletzt begründen durch die Lehren des Christentums von den Pflichten des Besitzes.
Aus dem russtjchen «Hexenkessel.
Ter Zar regierungsmüde?
Eine überraschende Sensationsmeldung verbreitet die Wiener Zeitungskorrespondenz Herzog. Sic bekam, wie sie behauptet, von angeblich zuverlässiger Seite aus Lemberg eine Mitteilung, wonach ein dort weilender russischer Gras und Kämmerer eine streng vertrauliche Depesche erhalten habe, laut welcher im letzten Kronrat Stolypin einige Reformentwürfe, worunter bie Verteilung von Gütern an die Bauern, vorlegte. Ein Teil der Minister opponierte heftig. Der Zar trat für Stolypin ein, Ts entstand ein heftiger Konflikt, der damit endete, daß der Zar erklärte, er werde abdanken und die Regentschaft an den Großfürsten Wladimir übertragen. Wladimir sei auch bereits telegraphisch aus Meiningen rückberufen worden. Die Abdikation werde vorläufig nicht bekanntgegeben, da einflußreiche Persönlichkeiten sich bemühen, den Zaren von seinem Entschluß abzubringen.
Es ist anzunehmen, daß cs sich bei der ganzen An- gelegenheit um die Wiedergabe haltlosen Klatsches handelt, denn wenn der Zar hätte abdanken wollen, hätte er in den letzten Jahren bei größeren und wichtigeren Anlässen dies tun können. Es ist anzunehmen, baß die Meldung nicht einmal eines Dementis gewürdigt wird, trotzdem der
amtliche Demeutierungsapparat
zurzeit wieder lebhaft arbeitet. U. a. wird gemeldet:
Petersburg, 7. Aug. Das an der Börse verbreitete Gerücht von der deoorstehenben Demission Stolypins entbehrt jeder Begründung.
— Das Gerücht von einer Demission des Kriegsministers Rüdiger entbehrt jeder Begründung.
— Die Meldung eines Berliner Blattes, in Kronstadt seien 3 00 Rädelsführer des letzten Aufstandes vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt und bereits hingerichtet worden, ist, wie die Petersb. Telegraphen-Agentur erfährt, ganz unbegündet. Die Untersuchung ist noch nicht beendet.
— Die Nachricht einer auswärtigen Zeitung über Unruhen sowie einen Ausstand der Stcaßenbahnaugestellten in Narwa ist völlig unrichtig. In Narwa gibt es überhaupt keine Straßenbahn.
Der Generalstreik ist anscheinend nicht richtig geglückt, wie von russisch-offiziöser Seite und aus privaten Quellen gemeldet wird.
Das Handelsministerium bezeichnet den letzten Ausstand als vollständig verfehlt. Avßec in Petersburg und Moskau wurde in keinem größeren Jndustriebezick ein größerer Ausstand der Fabrikarbeiter beobachtet. In Petersburg war nach den Berichten der Fabrikinspektion höchstens ein Drittel aller Fabrikarbeiter ausständig. Die größte Zahl der feiernden Arbeiter fiel auf den zweiten AuS- standstag, alsdann zeigte sich eine wesentliche Abnahme. Die Fabrikinspektion erwartet, daß die Mehrzahl der Feiernden noch in dieser Woche die Arbeit in vollem Umfange wieder aufnehmen wird.
Am 6. August waren 81OOO Arbeiter ausständig, am 7. nur gegen 48 OOO. Die Sozial-Revolutionäre hier wie in Moskau sind gegen den Streik, der von den Sozialdemokraten ohne Beteiligung anderer politischer Organisationen proklamiert ist, womit die letzten unzufrieden sind. Die Eisenbahner erklärten nur für den letzten entscheidenden Streik ihre Bereitschaft. Es erfolgten 286 Verhaftungen. Kapitän Cock wird steckbrieflich gesucht. Trotz des Beschlußes der Setzer, während der Dauer des Ausstandes nur immer so viel Arbeiter zur Verfügung der Herausgeber zu stellen, daß täglich eine Zeitung zur Information gedruckt werden kann, ist am 7. August in Petersburg eine große Zahl von Zeitungen erschienen, deren Personal seine Angelegenheiten selbständig behandeln will. Die Stadt war gestern abend, abgesehen von Unruhen auf der Sestrorjezkbahn, ruhig. Die Ausstandsbewegung geht sichtlich rückwärts und kann als endgültig fehlgeschlagen gelten, obgleich die Sozialdemokraten noch große Anstrengungen machen und behaupten, der Ausstand werde nunmehr morgen durchgeführt.
Auch die Moskauer Börse mißt dem Generalausstande feinerlei öebeutung ju. Die Rente stieg um 1/2 Prozent, die letzte Anleihe um V< Prozent.
Die Moskauer städtischen Werke, sowie die dortigen großen Fabriken stehen in vollem Betrieb. Der Verkehr auf den Eisenbahnen ist normal. Die Buchdrucker streiken, infolgedessen sind keine Zeitungen erschienen. Die Ordnung wird vollständig aufrecht erhalten.
Sonstige Meldungen.
Moskau, 7. Aug. Hier sind gestern einige revolutionäre Kundgebungen ohne Zwischenfall verlaufen. In der Nähe des GüterbahnhofeS wurde mit Revolvern auf das Personal von zwei Lokomotiven geschossen, aber niemand verletzt. Die Streikenden wurden von Militär auseinander getrieben. In der Provinz wurde verschiedentlich versucht, politische Ausstände herbeizuführen.
Sebastopol, 7. Aug. Da§ Kriegsgericht erbat vom Marineminister Instruktionen über das in Anbetracht des Aktendiebstahls im Prozeß gegen die Meuterer zu beobachtende Verfahren. Der Militärrichter Wilschesky, der in Begleitung des Admirals Skrydlow ankam, ist dor Meinung, daß eine neue Untersuchung erforderlich sei.
El isa be t hp ol, 7. Aug. Nach einer amtlichen Meldung hörten die Massakres in Schucha auf. Zwischen Tataren und Armeniern ist der Friede hergestellt. Beide Parteien versprachen, mit einander in gute Beziehungen zu treten.
Afrikanische Sorgen.
Zu den Sorgen, die die Eingeborenen-Aufstände in Afrika für mehrere Kolonialmächte bilden, kommen jetzt aus dem dunklen Erdteil iwch einige nniyere. Die Türkei will in Nordafrika die Oase Djanet besetzen, auf die auch Frankreich Besitzrechte zu haben behauptet und die französische Regierung hat bereits erklärt, daß sie gegen eine militärische Besetzung der Oase Djanet in geeigneter Weise protestieren werde.
Nach einer aus Tunis datierten Depesche des „Petit Parisien" wird dort angenommen, daß die Mehairis-Ko- lonnen, welche der französische Oberst Laparinnes imb der französische Hauptmann Chauvin nach der Oase Djanet abgesandt haben, früher bart erscheinen werden, äfö bie von bem türkischen Offizier Janin a-Bey geführte Expedition, welche am 7. Juli Tripolis verließ, angeblich mit der Bestimmung über Sezzan die Oase Djanet zu erreichen. Man glaubt, baß Janina Bey, welcher über 200 Mann Infanterie, 40 Reiter, 29 Gendarmen und 10 Geschütze gebietet, unterwegs Verstärkungen suchen unb wicht vor Anfang Oktober in Djanet eintreffen wird.
Selbstverständlich benutzen einige edle Menschenfteunde in England die Gelegenheit, um auch hier Deutschland als den schwarzen Mann erscheinen zu lassen. Der Pariser Korrespondent einer Londoner Agentur telegraphiert nämlich angeblich: Ich bin in der Lage, von einer höchsten Autorität zu melden, daß Deutschland die Frage, die zwischen der Türkei und Frankreich über die Oase Djanet entstanden ist, zu einer internationalen zu machen sucht. Aus Konstantinopel ist von der französischen Botschaft eine Depesche eingegangen, wonach Deutschland die P f o r t e d a z u d r ä n g t, über diese Angelegenheit eine Note an die Mächte zu pichten.
Viel richtiger wäre es von den Engländern, wenn sie den Versuch, hier im Trüben zu fischen, unterließen und sich statt dessen um ihre eigenen afrikanischen Angelegenheiten bekümmerten, die nicht gerade erfreulicher Natur find.
Wie der Londoner „Tribüne" aus Kapstadt tele- araphiert wird, haben Tausende von arbeitslosen Europäern einen Aufruhr hervorgerufen, der sich von der Stadt in die Landdistrikte ausdehnt. Die Rebellen belagerten das Gouvernementsgebäude und verlangten vom Premierminister, daß sämtlichen Arbeitslosen von Staatswegen regelmäßige und lohnenoe Beschäftigung zugewiesen werde. Ms ihre Forderungen unerfüllt blieben, unternahmen sie einen Angriff auf bas Gonvernements- gcbäube, plünderten bie Läden und stießen eine große Zahl der Eigentümer nieder, die sich ihnen entgegenstellten. Waren im Werte von über 80 000 Mt. wurden geraubt und zerstört. Es werden noch weitere Unruhen befürchtet. Die Polizei ist außerstande, die Ausrührer zu bewältigen. Heber weitere Aufstände, die sich im O r a n j e - F r e i st a a t abgespielt haben, enthält ein Liverpooler Handelshaus von privater Seite telegraphische Mitteilungen. Danach haben zwischen Eingeborenen und katholischem Missionaren heftige Kämpfe stattgefunden. Die Eingeborenen bombardierten das Missionsgebäude mit Steinen und anderen Geschossen, zertrümmerten die Scheiben der Nahrungsmittelmagazine und plünderten die Läden aus. Ms die Polizei gegen die Aufrührer vorgehen wollte, entstand ein heftiger Straßenkampf, bei dem viele Weiße und Eingeborene getötet und schwer verwundet wurden. Endlich gelang es, der Aufrührer Herr zu werden, von denen bie meisten hinter Schloß und Riegel gesetzt wurden._______________________________________
Zu«: Fall Tippelskirch.
Minister v. Podbielski spricht.
Der preußische Landwirtschaftsminister ergreift nunmehr zu der Angeles en heit Major Fischer v. Tippelskirch das Wort. Nicht in der „Nordd. Allg. Ztg."", aber in dem kaum minder offiziösen „Lokalanz.", der der Regierung mit Vergnügen „weißes Papier" zur Verfügung stellt. Herr v. Podbielski befindet sich zur Zeit in dem Bad Nenndorf (Provinz Hannover). Von ebendaher kommt ein langes P r i v a t t e l e g r a m m in Der heutigen Abend-Ausgabe des „Lokalanz.", das ausführlich die Beziehungen des Ministers zu der vielgenannten Kolonialfirma darlegt. Man darf also wohl annehmen, baS die Schilderung, bie nach deni „Lokalanz." „aus Informationen von besonderer Seite beruht"", von keinem Geringeren als dem Minister selbst inspiriert ist.
Daß zwar nicht Herr v. Podbielski, wohl aber seine Gemahlin zu den Teilhabern der Firma v. Tippelskirch gehört — und zwar läuft der Vertrag noch bis zum Jahre 1908 — wird bestätigt. tzluf zwei Punkte legt Herr v. Podbielski Gewicht. Erstens, daß er „als Mann der Firmateilhaberin" sehr zurückhaltend gewesen sei, niemals von irgend einem Vertrag der Firma Tippelskirch mit der Negierung Kenntnis genommen oder Einfluß auf Gefchäftsabschlü'st geübt habe, auch niemals in der Kolonialabteilung gewesen sei. Zweitens, daß weder Frau von Podbielski noch ihr Gatte von den Darlehen, die dem Major Fischer von Herrn v. Tippelskirch und dem „alten angesehenen Afrikaner"" gewährt wurden, Kenntttis gehabt haben, bevor die Zeitungen über den Fall berichteten. Ja, Herr v. Podbielski bemerkt, daß er nicht einmal soviel Einfluß auf die Kolonial- abteilnng hatte, um die Anstellung eines Neffen zu erlangen. Diese Bitte sei ihm abgeschlagen worden. Endlich, der Minister hat auch nicht im Hause des Herrn v. Tippelskirch verkehrt.
Herr v. Podbielski, sonst eine so joviale und umgängliche Natur, hat mit der Presse nicht gerne zu tun. Er hat vor ihr, wie er in Bekanntenkreisen einmal sagte, einen gelinden Schrecken: er erklärte im Parlament, er bekümmere sich um die Presse nicht und werde ihr niemals Rede stehen. Trotzdem laßt jetzt Herr v. Podbielski durch die Vermittlung der Presse seine Beziehungen zur Firma v. Tippelskirch ins rechte Licht setzen. Wieder ein Beispiel, daß man schließlich doch die Presse einmal braucht, auch wenn man noch so sehr davon überzeugt ist, auf sie ganz und gar verzichten zu können.
Herr v. Podbielski täuscht sich wohl auch über die „Antipathie gewisser Kreise", die nach seiner Meinung das Hineinziehen seiner Person in die Affäre Fischer-Tippelskirch veranlaßt hat. Nich* aus Abneigung gegen den Minister, dessen kernigen Humor vielmehr Jeder zu schätzen weiß, sondern aus sachlichen Gründen hat die Presse die Frage anfwcrfen müssen, wieweit Herr v. Podbielski direkt oder indirekt an her Firma v. Tippelskwch betelligt


