weihe endgilt'ig für den nächsten Sonntag vorgesehen. Eine Fahne ist bereits bei der Licher Fahnenanstalt Max Hisgen ii. I. H. Schmidt, vorm. Georg Hisgen u. Schmidt, bestellt worden.
Mainz, 6. Nov. EI wird immer deutlicher, daß der Frhr. v. Z u c c o und Cuccagna alles schon vorbereitet hat, um erst bann seinen Religionswechsel zu vollziehen, aber aus seinem seitherigen ,.irrigen" Verhältnis sich noch diejenigen Vorteile zu sichern, die er glaubt erreichen zu können. Der Aeltestenrat der freien christl. (freireligiösen) Gemeinde sandte dem „M. T/ eine Mitteilung, die besagt: „Richtig ist, d>aß die Pcnsions- kasse des Verbandes der süddeutschen freien religiösen Gemeinden, zu welchem auch die Mainzer Gemeinde gehört, einige Verbands- Prediger, unter diesen auch Herrn v. Cuccagna, bei dem Deutschen Privatbeamtenverein in Magdeburg versichert patte. Gegen diesen Verein hat nun Herr v. Cuccagna w e gen „Erwerbsunfähigkeit" Ansprüche erhoben. Begründet srnd diese Ansprüche durch das Attest eines hiesigen Arztes über chronische Heiserkeit und starker Nervosität, mit welchem unser früherer Prediger auch unserer Gemeinde gegenüber am 3 Oktober die plötzliche Niederlegung seines Amtes und seine Abreise motivierte. In dem damals seiner Krau hinterlassenen Briefe sagt jedoch Herr v. Cuccagna feilt Wort über die Verschlimmerung seines Halsleidens. Am 4. Oktober erschien dann im „Mainzer Journal" die für die Ocffentlichkeit bestimmte Erklärung seines Glaubenswechsels. Herr v. Cuccagna befindet sich augenblicklich in Wien, Ho,vital und Konvent der Barmherzigen Brüder." Tic chronische Heiserkeit bestand bei dem ehemaligen deutschkatholischen Prediger schon zur Zeit semes Eintritts in den hiesigen Dienst, und sie war genau io gut oder genau so schlimm, als er etwa acht Tage vor seinem Rücktritt in einer hiesigen Gewerkschaft nochmals gehörig wider die „Pfaffen" loslegte, wie es so seine Gepflogenheit bei jeher Gelegenheit war. Wenn übrigens die weitere Nachricht des Blattes richtig ist, dlaß Herr v. Zuceo bereits eine Woche vor Bekanntgabe seines Glaub cnsw ech sels mit „beteiligterSeite" Unterhandlungendarübergepflogen hatte, so wirst dies ein noch grelleres Licht auf den Herrn, als es schon der Fall ist. Denn nichts wäre ihm leichter gewesen, als ein ihm von einer Gewerkschaft cmgesynnenes Referat abzulehnen: wenn er das nicht tat, so spricht dies dafür, daß weder seine Heiserkeit sich verstärkt, noch er sonst leidender geworden war. Erkennt der Deutsche Privatbeamtenverein das hiesige ärztliche Attest allein nickt an und kommt es zum Prozeß, so wird eben die Auffassung der Richter entscheidend sein, ob daS körperliche oder „geistige" Leiden des Herrn v. Zucco ilm zur Niederlegung seiner Stelle bewogen hat. Das letztere dürfte als Pensionsgrund aber kaum anerkannt werden. Auf alle Fälle bleibt am meisten zu bedauern die Frau, die er aus guten Erwerbsverhältnissen herausgerissen, sic um einen kleinen Witw eng ehalt gebracht und in eine fremde Stadt verpflanzt hat, um sie nack achtwöchiger Ehe schmählich im Stiche zu lassen, sich aber in den Kvnvent der Barmherzigen Brüder in Wien zurückzuziehen. Es soll zwar Freude im Himmel sein über jeden bekehrten Sünder, aber daß seine hiesigen — jetzt wieder — Glaubensgenossen eine Freude über seine Rückkehr empfinden, kann gerade nicht behauptet werden. Wir glauben, die „Cuccagnade" ist noch lange nicht zu Ende!
Worms, 6. Nov. S. K. H. der Großhenzog traf, wie die »Worms. Ztg." meldet, heute vormittag 10 Uhr mittels Extrazugs von Darmstadt hier ein und begab sich vom Bahnhof zu Wagen nach dem Nonnenbusch, um dort, einer Einladung des Obersten Freih. v. Heyl folgend, an der Fafanenjagd teilzunehen. Die Rückreise des Groß- herzogS erfolgte nachmittags 4 Uhr. — Der ärztliche KreiSverein war gestern nachmittag zu einer Besprechung über den Fall Seiler (Tod einer Frau infolge Verblutung, die wegen zu späten Erscheinens ärztlicher Hilfe nicht gestillt werden konnte) versammelt, deren Ergebnis folgende Erklärung ist:
Der ärztliche Kreisverein Worms erklärt im Hinblick auf die tit letzter Zeit in den Zeitungen verschiedenster Richtung gegen einzelne seiner Mitglieder, sowie gegen den Verein selbst erfolgten Angriffe, daß ihm die jedes Maß übersteigende Art dieser Angriffe ein Eingeben auf die Sache in der Presse unmöglich macht.
Der Oeffentlichkeit gegenüber glaubt der Verein jedoch die Pflicht zu haben, seine Stellungnahme folgendermaßen zu präzisieren: 1. Durch eine unglückliche Verkettung von Umständen ist offenbar keinem der beteiligten Äerzte die Dringlichkeit des Falles zum Bewußtsein gekommen, andernfalls würde Jeder derselben — nicht gesetzlicher, wohl aber einer moralischen Verpflichtung gehorchend — dem Rufe sofort bedingungslos Folge geleistet haben. 2. Durch ein ehrengerichtliches Verfahren hat die Angelegenheit ihre statutenmäßige Erledigung gefunden.
** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Am Merseclentage gab es im Mainzer Stadttheater, wo L'ArrongeS „Mein Leopold" zur Aussühr- itng gelangte, eine Gratisvorstellung. Die Sektfirma Henkell u. Cie. hatte für diesen Theaterabend sämtliche Plätze käuflich erworben und sie an ihre Ar b eiter und aeladene Gäste verteilt.
Verinischte».
• Chinesische Seeräuber richten großes Unheil an der Küste der südlichen Provinzen Chinas an. So wurde der engl. Dampfer »Fienam^ von Seeräubern überrascht und die Mannschaft rasch überwältigt. Die Räuber erbeuteten etwa 2 00 000 Mark, worauf sic das Schiff beschädigten und hilflos auf hoher See verließen. Kurz darauf wurde der französische Dampfer „Chansock" von den Seeräubern erbeutet und in den Grund gebohrt, nachdem alles ausgeplündert worden war. Die Seeräuber gerieten in ein Gefecht mit Zollbeamten, wobei sie sich mtt Gewehren verteidigten. Es gelang den Piraten zu entkommen.
* Von einer seltsamen Hochzeit berichtet das ,^eltower Kreisblatt" aus Nixdorf. Ein Brautpaar hatte eben die Räume des Standesamtes verlassen, und der junge Mann hatte seine ihm gesetzlich zuerkannte Ehehälfte ins Vaterhaus gebracht, um sie liebenden Händen zur Schmückung für die kirchliche Weihe zu überlassen. Da kreuzte seinen Weg zur Wohnung ein Automobil, mit dessen Insassen er manche luftige Fahrt zusammen gemacht hatte. Im Umsehen war er auf das Gefährt gehoben, und fort ging es nach einem Weinlokal, wo manches Glas geleert wurde. Zur Erfrischung der durch Wein erhitzten Gemüter wurde noch eine Fahrt unternommen, und ehe man es ahnte, war man auf das Jagdgelänbe eines bekannten Rixdorfers geraten, das an die Gefilde der Schöneberger Rieselfelder grenzt, und setzte bei dem Freund die Shreiperei fort. Erst her eintretender Dämmerung machte man sich auf den Heimweg und sttandete dann noch in einem Gasthaus des nahen Marttfleckens. Dem jungen Ehemann dämmerte nur nach und nach das Bewußtsein von der Bedeutung des Tages wieder. Inzwischen saß, mit der Myrte geschmückt und dem Brautgeschmeide, daheim die Braut und wartete. Stunde auf Stunde verrann, und die kirchliche Feier mußte abgesagt werden. Stauirend kamen die Gäste. Endlich erschienen die Eltern mit der Braut und entschuldigten den .Schwiegersohn mit Unwohlsein. Man setzte sich zu Tisch. .Schon war das Hoch auf den anwesenden Teil des Paares verklungen, dem abwesenden ein sttlles Glas geweiht, da verkündete der weithin schallende Klang eines Töff-Töff
sein Nahen. Der Schwiegervater,' von bösen Ahnungen gepackt, eilt ihm entgegen. Beim Anblick seines tief geknickten Eidams hielt er es für besser, ihn nicht zu zeigen. Er überantwortete ihn zwei Kellnern und schickte ihn in die neue Wohnung. Die Feier, bei der man allgemach doch noch in Stimmung kam, mußte ohne die Hauptperson beendet werden. Am andern Tag eilte er mit physischem und moralischem Kater reumütig zu seinem jungen Weibe, aber erst eine mehrwöchige Probezeit hat die Versöhnung gebracht. Der kirchliche Segen ward nun am letzten Mittwoch in aller Stille eingeholt.
* Kleine Tages ckronik. In Berlin beging in einem Weinrestaurant der Referendar Dr. Hans G ü nther Schaw etzki aus Breslau Selbstmor b. Als er sich unbeobachtet glaubte, holte er einen Revolver aus der Tasche und jagte sich eine Kugel in die Schläfe. Aus hinterlassenen Briefen netzt hervor, daß dein Motiv zum Selbstmord eine peinliche Liebesaffäre zu Grunde liegt. — Im Schnellzuge Leipzig-Weimar stach in der' letzten Nacht vor Naumburg der Ti'chler Prälsch aus Weimar die Tochter des Hofmalermeisters Binder mit einem Dolch. Er flüchtete aus dem Zugableil, wurde jedoch verhallet. Das Mädchen ist lebensgefährlich verletzt. — Der Raubmörder Raubt, ber das 54jährige Fräulein Jark in Hamburg er- mordete, wurde in Bremen verhaltet. — In der Ratze der Station Eisenstein (Bayern) warfen sich der I7jährige Bergarbeiter Prohaska und dessen 16jährige Geliebte zusammengebunden vor einen Z u g. Beide wurden gräßlich verstümmelt. Der Bursche war sofort tot, das Mädchen verstarb später. — Ter M ü nch en er Münzräuber König gab das Versteck der von dein Münzraub noch fchlenbeu 8000 Mk. an. Tas Geld wurde im Rayon des König!. Bekleidungsamtes gefunden. — Die Konfektioneuse Ornat aus Posen gab in M ü nch en auf ihren Geliebten, weil er sie zwang, sich der gewerbsmäßigen Unzucht zu ergeben, z w e i R e v o l v e r f ch ü s f e ab und brachte sich dann einen Schuß in die Brust bei. — Vier Mann ber Besatzung bes Sperrforts Tresassi in Tirol, barunter ein Feuerwerker, würben bei ber Reparatur einer Teleptzonleitung von einer Lawine u c r f ch ü 11 e t. Trei Mann konnten gerettet werben, ber vierte würbe tot aus bem Schnee hcrvorgezvgen. — In Amanville (Frankreich) tötete sich eine 43jährige Frau mit ihren beiben Kinbern durch Einatmen von Leuchtgas. Das Motiv der Tat ist ein Streit der Frau mit ihrem Geliebten.
Gießener Strafkammer.
)( Gießen, 6. November.
Folge« eines VicHHandels. ~
Gelegentlich eines Viehhandets kam cs zwischen bem Taglöhner G. Sch. von Schlitz und dem Handelsmann K. Sch. von Grebenau zu einem Wortstreit, in dessen Verlauf der letztere von dem elfteren einen TrittgegendenLeib erhalten haben will, der ihn 14 Tage arbeitsunfähig machte. Auf erfolgte Anzeige wurde ber Beschuldigte auf die bestimmte eidliche 'Aussage des Verletzten hin, wegen Körperverletzung zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Der Verurteilte, welcher nach vüc vor feine Schuld bestritt, erhob gegen bas Urteil Berufung und machte geltend, der Verletzte habe auf die Frage des Vorsitzenden, ob er bestraft sei, eine verneinende Antwort gegeben, trotzdem er bereits eine Strafe wegen Bettugs habe; dieser Umstand rechtfertigte auch die Annahme, daß er in anderen Punkten ebenfalls die Unwahrheit gesagt habe. Die eingeleitete Untersuchung führte dann auch zur Verurteilung des Verletzten, indem er kür stich durch das Schwurgericht wegen Meineids zu einer Zuchthaussttafe von einem Jahr und zur dauernden Eidcsunfählgkeit verurteilt wurde. DaS Berufungsgericht war nicht in der Lage, auf die Aussagen des inzwischen wegen Meineids Bestraften, ein verurteilendes Erkenntnis zu gründen, zumal es der Ueberzeugung war, daß er die Sache sehr übertrieben hat. Es sprach deshalb den Angeklagten wegen ungenügender Beweise frei.
Ein Nnverbcfferlichcr.
Auf Grund seines Geständnisses wurde ber Fahrbursche A. T. von Kassel wegen Zuhälterei zu einer Gefängnis strafe von einem Jahr verurteilt. Gleichzeitig erfolgte bie Ab- erfemtung ber bürgerlichen Ehrenrechte auf 5 Jahre und bie Stellung unter Polizeiaufsicht: auch soll er nach Verbüßung der Strafe der Landespolizeibehörde zwecks Nebersührung in das Arbeitshaus überwiesen werden. Der kaum 23 jährige Angeklagte, ber schon eine erhebliche Strafliste auf".»weisen hat, wurde Ende August d. I. aus dem Arbeitshaus entlassen, wo er 6 Monate zugebracht hatte. Vorher hatte er eine Strafe verbüßt, die ihm ebenfalls toegen Zuhälterei zucrläunt worben war. Er gab zu, einige Zeit feinen Lebensunterhalt von bem Geld bestritten zu haben, das' eine Frauensperson durch Gewerbsunzucht verdient hat. Das Gericht erkannte im Interesse der Mlgemeinhett auf eine strenge Strafe, zumial der Angeklagte ein arbeitsscheuer Mensch ist, auf den die' seitherigen Strafen keinen Eindruck machten. Die Nebenstrafeti erfolgten mit Rücksicht auf die ehrlose Gesinnung und die Gemeingefährlichkeit. Das Geständnis hatte die Anrechnung eines Monats ber erlittenen Untersuchungshaft zur Folge.
Eine überflüssige Berufung.
Der Kolvorteur L. R. von Frankfutt a. M. hat zu Groß- Karben Druckschriften unb Bilbcrwcrkc, von Haus zu Haus gehend, feil geboten, ohne im Besitze des vorgeschriebenen, von der zuständigen Verwaltungsbehörde aufgestellten Verzeichnisses zu sein. Es erging an ihn ein Strafbefehl, dessen Einspruch dos Schöffengericht verwarf, weil er zum Termin nicht erschien. Die von ihm erhobene Berufung wurde zurückgewiesen, da er ttoh ordnungsmäßiger Ladung ausblieb.
Gerichts?^!.
0 Marburg, 6. Nov. Ein Schwalmer Püozeß beschäftigte heute bis in die späten Abendstunden hinein das Schwurgericht. Unter der Anklage, am 26. September v. I. Beim Schöffengericht in Neustadt einen Meineid geschworen zu haben, stand der 40 Jahre alte begüterte Landwitt Joh. Jost Schier aus Mcngsberg. Wie aus per Verhandlung hervorging, Bestand zwischen Schier und seinem Dorsgenossen Wagner eine alte Feindschaft. Der letztere lparf dem Schier vor, daß ihn dieser der Brandstiftung Beschuldige und immer nm ihn zu ärgern, eine Bewegung mache, als ob er ein Streichholz anzünde. Wagner und Schier prügelten sich 'deshalb oftmals und regelmäßig wurde dann Wagner bestraft. Am 15. Mai v. I. kam es in Momberg gelegentlich eines Brandes wieder zu Streitigkeiten zwischen den Beiden. Bei dem Gerichtstermin soll Schier entgegen der Wahrheit geschworen haben, daß er damals nicht am Hosenbein gestrichen hatte, weil gerade dadurch der Stteit entstanden sein soll. Die Verhandlung, in der eine Menge Zeugen vernommen wurden, endete mit der Freisprechung deS Angeklagten.
Mit dem „Mitbringsel" der Kochfrauen hatte sich ein Schöffengericht in Berlin zu beschäftigen. Jede Hausfrau, die in die Lage kommt, eine Gesellschaft zu geben, und sich dabei einer Kochfrau bedient, kennt die bei diesen Frauen vielfach in die Erscheinung tretende Unsitte, daß sie sich für Berechtigt holten, von den in die Küche zurückwandernden Resten der Tafel, ober ia.uch von ben Rohmaterialien wie Kaffee, Zucker usw. mehr oder minder große Mengen in ihren KorB zu packen und mit nach Hause zu nehmen. Zu einer Gesellschaft von 18 Personen hotte die Göttin eines Landgerichtsrats eine Kvchfrau Bestellt, die sich des' allerbesten Leumunds erfreut, und ihr zur Unterstützung eine Aufwärterin, die Frau eines kleinen Beamten, BeigegeBen. Als die Gesellschaft Beendet war, und sich die Beiden Frauen entfernt hatten, war die Frau Landgerichtsrat höchlichst barüBcr verwundert, daß wenig von den Speisen üBrig geBlieBen war. Sie erfuhr von il rem Dienstmädchen, daß bie KVchfron ihren KorB vollgepackt, davon einen Teil ber Auswärterin abgegeben unb bas Dienstmädchen gebeten habe, sie nicht zu verraten. Die beiden Beschuldigten Fronen schlugen der Frau Lcmdgerichtsrätin gegenüBer auf deren schriftliche Vorhaltungen einen unangemessenen Ton an und strengttn sogar eine Beleidigungsklage gegen diese an. schlug dem Faß den Boden und veranlaßte eine Straf a n z e i g e wegen Diebsta.hls ob-er Hehlerei. M Grund der VekundunL
des Dienstmädchens über die Menge der mitgenommenen Etzwaren hiell das Schöffengericht sowohl Diebstahl als Hehlerei für vorliegend und verurteilte die Beiden Bis dahin unbescholtenen Frauen zu 14 Tagen Gefängnis. ...
Leipzig, 6. Nov. Das Reichsgericht verwarf die Revision des Redakteurs Friedrich Heinig von der „Leipz. Volksztg.", der vom hiesigen Landgericht wegen Beleidigung der zweiten ächsischen Kammer unb Aufreizung zu 1 Jahr 9 Monaten Gefängnis verurteilt worben war.
Gelbheiraten find nach dem Empfinden des Volkes etwas Unsittliches. Die Heirat ist kein Geschäft, und mit Recht verabscheut ber gesunbe Sinn unserer Bevölkerung El-.cn, bet denen ber Gewinn an Gelb und Gut bie einzige Triebfeder war, durch die der Mann veranlaßt wurde, an ben Traualtar zu treten. Aber man barf nicht vergessen, deck die Ehe auch eine materielle Seite hat, unb eine Beurteilung, die diese außer acht lääßt, muß ebenso fehl gehen wie eine Auffassung,, bie von ber idealen Seite hat, und eine Beurteilung, die diese außer acht läßt, ind heute so groß, daß niemand leichtfertig eine Ch» schließen barf, ohne eine gründliche Ucbcrlcguiig, ob seine Einnahmen auch zur Bestreitung dieser Aufwendungen ausreichen. Und wenn dann jemand einfieht. daß er einen Zuschuß braucht, da er aus eigenen Mitteln den Haushalt nicht zu führen vermag, so wird man es niemand verübeln bürten, wenn er sich vor Gründung einer Familie Gewißheit barüüer verschafft, daß auch für bereit Unterhalt gesorgt ist. Tadel verdient, wer dies nicht tut. Sa muß in an denn sorgsam abwägen, wenn man ben Verhältnissen gerecht werben will. Das tut auch ein Urteil des Oberlandesgerichts in Frankfurt, dem die Frage zur Entscheibung vorlag, ob ein bem Bräutigam der Tochter gegebenes M i t gi f t- versprechen unsittlich und daher nichtig sei. Ein solches Versprechen ist noch diesem Urteil an sich n i e mals uns i 11- l i ch. Es wirb auch nicht dadurch unsittlich, daß ber Vater es gibt, um ben jungen Mann zur Eingehung ber Ehe zu veranlassen unb dieser die Eingehung der Ehe aus wirtschaftlichen Gründen von der Al^abe des V-rsprectzens obbönaia macht.
Arberterbewegung.
— Der Belgische Dergarbeiterkongreß faßte eine Resolution, die erklärt, daß die Löhne nicht im Verhältnis standen zu der günstigen Lage des Kvhlenmarttes. Die Schuld daran trage die lange Arbeitsdauer. Es wird verlangt, daß die Gin« ährt um 6 Uhr morgens, die Ausfahrt um 2 Uhr mittags statt- inbe. Eine außerordentliche Landeskonferenz soll sich Anfang April darüber schlüssig machen, wie diese Forderungen verwirklicht werden können. Eine andere Resolution, die 5 Fr. als Minimallohn für Untertagarbeiter und 4 Fr. für an der Oberfläche arbeitende fordert, wurde verworfen. Der deutsche Bergarbeiter Wcßmann erstattete Bericht über die Sofinbetoeaung ber Bera- arBeiter in Deutschland.
Kirche rrird Schule.
— Die Klage der Stadt Celle gegen das Landes- konsistorium wegen N i ch t b e st ä t i g u n g der Wahl des liberalen Pastors R o t e r m n n b zum Geistlichen an ber Stadtkirche in Celle wurde kostenpflichtig abgewiesen.
0 Marburg, 6. Nov. Am heutigen Schlüsse der J ist m a- triknlationen zum Wintersemester zählte man rund 1460 Studenten, ohne die zum Hören der Vorlesungen Berechtigten. Das sind über 100 mehr wie im vorigen Winter.
Satiöel und Verkehr, Volk-wLrtlchast.
Stockholm, 6. Nov. Hier wurde eine Aktiengesellschaft zur Herstellung von Spiritus aus Torf nach der von Frestadius erfundenen Methode gebildet. Der Erfinder behauptet, Spiritus bedeutend unter dem Verhältnis der jetzigen Kosten und unter dem niedrigsten Preise für Petroleum Herstellen su können.
Eine Reminiszenz an die Akt. - Ges. fürTreber- trocknung. Vor kurzem fand beim Bezirksgerichte in Radanß die exekutive Versteigerung der Fabrikanlagen iit Russisch-Moldo-, witza und Putna, Eigentum der Konkursmasse der Holzdcstilla- tions Akt.-Ges. Käszü in Tremsen statt. Die Anlage in Russisch- Moldowitza wurde von einem Konsortium für 21000 Kr., die Anlage Putna von einer Prager Maschinenhandlung für 134 000 Kronen erstanden. Die Holzdestillations Akt.-Ges. Kasza ist eine Tochtergesellschaft der Akt.-Gcs. für Trebettrocknung in Kassel und besaß ein Aktienkapital von 4 200 000 Käonen und ein Obligationenkapital von 2 300 000 St*r. Sie geriet im Jahre 1901 infolge des Zusammenbruchs der Kasseler Muttergesellschäft in Kvnkurs. In Ungarn wurde ber Konkurs vor einiger Zeit nach Versteigerung ber Holzdestillationsanlage in Kasza bereits aufgehoben, wobei eine sehr Bescheidene Quote an die hypothekarisch sicher gestellten GläuBiger mit Forderungen von 700 000 Kronen zur Verteilung gelangte. Nunmehr wird auch an die mit 1700 000 Kx. auf die FaBriksrealitaten in der Bukowina vorgemerkten GläuBigcr eine kleine Quote vetteilt werden können.
Kalikuxe. Auch zu Beginn dieser Woche fanbvn, wie cs heißt, infolge der kriegerischen Haltung der SHußvercinigung ber Kaliwerke Aschersleben spekulative 9F6g ab en statt. Die Spekulation sieht in dem Vorgehen ber Vereinigung zunächst die Möglichkeit einer ernsten Verwicklung unb Zuspitzung des Soll- stebt-Konfliktes. Trotzbem dürfte das letzte Ende des aaiuen Streites eine Einigung sein.
Russen-Fonds. Alle Anleiheabsichten Rußlands werden von den sogenannten maßgebenden Stellen strikte geleugnet und doch wissen bie Fmanzhäuser, denen Rußland verpflichtet ist, baß bas Reich mit ben seitherigen Mitteln nicht mehr lange weiter auskommen kann. Möglich ist ja, baß man den Schein wahrt und der neuen Duma das Bewilligungsrecht einer neuen Anleihe überläßt, zumal ja auch die zukünstiaen Gläubiger Rußlands wahrscheinlicherweise auch einen Trost darin sehen, daß eine von ber Duma bewilligte Anleihe doch noch etwas anderes sei, als eine gewissermaßen autokratisch zustande gekommem.. Das eine ganz stichhaltige was die russischen Werte wieder in die Höhe gebracht hat, kann doch nur bie Tatsache fein, daß der Senat seinen Zinsvcrpflichtungen noch immer vrornpt nachßekommen ist, mochten die Verhältnisse so sch4vierrg fein, wie sie wollten.
Märkte.
h. Kirchhain, 6. Nov. Auf bem heutigen Rindvieh- markt stellte sich der Auftrieb auf rund 350 Haupt Rindvieh. Dem Schweine markt waren etwa 550 Schweine zugefahren. Ter Handel ging flau.
ke. Fra nkfilrt a. M., 6. Nov. Kartoffelmarkt. Man notierte auf bem gestrigen Kartoffelmarkt 5.80—6.50 Mk. für 100 Kilo.
fc. Frankfurt a. M., 6. Nov. Heu- unb Stroh- m a r f t. Man notierte: Öen Mk. 3.10 bis 3.40, Stroh Mk. 2.90 bis Mk. 3.10. Alles per 50 Kilo. Der Markt war bei festen Preisen rasch neräitmt.
Mrchttehe Nachrichten.
Evangelische Gemeinde.
Donnerstag, den 8. November, abends 8 Uhr, im Matthäus- saal, Kirchstraße 9: Vortrag des Missionars Ruh land über: „bie Frauenfrage in Inbien unb bereu 2Lsnng." Gaben für bie Basler Mission werben bankbar entgegengenommen.
Freitag, beit 9. November, vormittags 10 Uhr: Militärgottes- bienft, Vorbereitung zur Vereidigung. Pfarrer Euler.
Freitag, ben 9. November, nachmittags 4 Uhr, im Lukassaal: Missionskranz ber Lnkasaemeinde.
Schrffsnachvichten.
N o r b d e u t s chr Lloyd.
Zn Gießen vertreten durch Carl Loos, Kirchenplatz.
Bremen, 5. Nov. (Per transatlantischen Telegraph). Ter Postdampfer „Halle", Kapitän B. Wilhelmi, vom Norddetitschen Lloyd in Bremen, ist gestern 9 Uhr vormittags wohlbehalten in Baltimore angekoinmen.
Bremen, 5. Nov. (Per transatlantischen Telegraph.) Der ToppelsehrauBen-Posibampser „Wittekind", Kapitän C. von Barbeleben, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist gestern wohlbehalten in Charleston angekoinmen.


