Ausgabe 
5.11.1906 Erstes Blatt
 
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Finanzamtmann Bangel-Darmstadt (vom jnng- Hberaten Verein) bezeichnet bie Entschließung des Ministeriums für sehr L edenkl^ch, für eine Ent­gleisung, hoffentlich werde die Regierung durch die heutige Versammlung vor einer neuen bewahr. Aber mit dem betr. Artikel in derN a t l. K o r r e f p o n d e n z" sind die Jungliberalcnnichternver standen; diese Art der Agitation machen wir nicht mit. Uns kommt es auf die Sache an. Wenn wir nach links abgrenzen, müssen wir das auch nach rechts.

Reichstagsabg. Graf Oriola: Mag der Wind von oben wehen, wie er will, wir werden unsere bisherige Bahn einhalten. Daß wir keine Versammlung von Minister- stürzern sind, ist klar. Mehr leid getan als die Handlung der Regierung hat mir dis offiziöse Erklärung in der Darmst. Ztg.". Wenn man in der Handlung noch ein System erblicken konnte, so ist die Erklärung nur eine Entschul­digung, die von Schwäche der Re g ie r.u n g spricht. Das Gefühl, das ein Reichstagsabgeordneter aus Hessen hat, wenn er nach Berlin kommt und vomroten Groß­herzog" reden hört, will ich hier nicht beschreiben. Die Regierung hat das Empfinden dafür verloren, wie dann der Teil der Bevölkerung denkt, auf den sich Fürst und Vaterland stützen. (Beifall.)

Rechtsanwalt Winkler- Oppenheim (als Vertreter des nat.lib. Vereins in Nierstein): Wenn man das Einschreiten des Staatsanwalts kürzlich zrun Schutze des Darm- städter sozialdem. Abgeordneten gegen natio­nale Redakteure mit dem jetzigen Fall zusamm.'uhält, bann hat man bas System der Regierung: ein Mangel an Mut, an Rückgratlosigkeit, der nichts kennt als Kompromisse zu schließen, den Kurs derFranks. Ztg", ein Ministerium Sonne mann. (Wiederholter stürmischer Beifall.) Doch scheuen wir hier nicht ein kräf­tiges Wort gegenüber dieser nationalen Geschlechtslosigkeit. (Bravo!)

Abg. Reinhart teilt mit, daß die Fraktion beschlossen habe, eine Interpellation im Landtag einzubringen, wofür die heutige Versammlung die Grundlage geschaffen habe. Freilich, wiedieBesprechunginderzweiten Kammer ausgehen werde, fei nicht voraus- zus eh en.

Reichstagsabg. Dr. Becker-Sprendlingen: Wenn in so schwerer Zeit der Träger der Krone nicht mehr den Weg zum Herzen des Volkes findet, dann müssen wir ihm den Weg zeigen. Die Erklärung in der >,D. Ztg." bekundet eine Pflichtvergessen h eit. Es handelt sich nicht, wie die Regierung sagt, um eine Ent­scheidung von Fall zu Fall, sondern um eine Prinzipien­frage. Die Minister müßten der Krone gegenüber das Rück­grat beweisen, das wir Nationalliberalen verlangen. Die Erklärung in derD. Ztg." ist ein Armutszeugnis über die politische Unkenntnis, in der sich die Regierung befindet. Wenigstens sollte sich die Negierung die Zeit nehmen, die sozialdem. TageSpresse zu verfolgen. Wenn man nicht wüßte, wer an der Spitze der Regierung stände, könnte man ihre Haltung als modernen Jugendstil bezeichnen. (Große Heiterkeit und Beifall.)

Geh. Justizrat Osann L: Seit der Mnister Finger gegangen ist, schwebt über unsere Regierung eine Art ästhetische Stimmung. Unter Rothe hatten wir schon eine gewisse Katzenpfoterei. Unter der jetzigen Re­gierung ist das mit Riesenschritten weiter gegangen und der Eißnert-Akt setzt allem die Krone auf. Man sagt sich, die Sozialdemokratie müsse se behandelt werden, daß man sie dach mal bei gewissen Gelegenheiten zur Bewilligung haben kann. Angesichts der Bestätigung meint man, der Geist der Regierung sei umwölkt gewesen, ihr Gehirn hätte irgend ein Schlag getroffen. Alle deutschen Staaten bekämpfen die Sozialdemokratie mit Ausnahme des Großherzogtums Hessen. Natürlich wird der Einfluß des Großherzogs, befonbcrS wenn sich seine Taten in solchen Bahnen bewegen, noch geringer im Reich, als es ohnedies schon der Fall ist. Wenn auch die Tonart in der Resolution noch etwas schärfer sein könnte, so sollte man sie doch annehmen.

Die Versammlung beschließt darauf einstimmig eine Resolution des Inhalts?

Die Landesversammlung der natlib. Partei in Hessen spricht ihr tief st es' Bedauern über die Bestätigung des von der sozialdemokratischen Mehrheit der Stadtverordneten in Offenbach zum Beigeordneten gewählten Eißnert aus. Sie erachtet diese Bestätigung angesichts der befannten Bestrebungen und Ziele der Sozialdemokratie und der offenkundigen und fortwährenden ver­letzenden Agitation, nicht bloß für überaus besorAuis- erregend für die verfassungsmäßige und gesetzlich bestehende Staatsordnung im Reich und den Einzelstaaten, wie für die darauf beruhende bürgerliche Gesellschaftsordnung, sondern er­blickt in der Bestätigung eine gegenwärtige große Gefahr für die friedliche und förderliche Entwickelung des Reiches und der Bun des st aalen. Die natlib. Par­tei erachtet es als eine öffentliche Pflicht, sich gegen die Bestätig­ung eines Sozialdemokraten in der Stadt Offenbach öffentlich auszusprechen und hat die Ueberzeugung, damit zugleich den An­schauungen, den Gefühlen und Gesinnungen des überwiegenden Teiles der Bevölkerung des Grvüherzogtums Ausdruck zu geben.

Mit einem Hoch auf das Vaterland schließt der Vor- sitzende die Versammlung._________________________________

DieZukunft" über die Entlassung Bismarcks.

In der neuesten Nummer derZukunft" beschäftigt sich Maximilian Harden in einem langen Artikel mit der Ent­lassung des Fürsten Bismarck. Wir teilen daraus folgende Stellen mit?

Im Mai (1890) beginnt der Ausstand der westfali­schen Bergarbeiter. Am Achtzehnten spricht der Kanzler int Reichstag. lAhnt er, daß es das letzte Mal ist? Er läßt sich int Foyer fotographieren.) Er verhehlt nicht, daß er mit fast allen Parteien schlecht steht: auch der Kvnservativen nicht mehr sicher ist ldenen der schwartower Hammerstein den nahen Sturz des Kartellpatrons verkündet hat.l Vom Einundzwanzigsten bis zum Sechsundzwanzigsten ist König Umberto mit seinem Sohn und Crispi in Berlin. Der Kaiser schenkt dem italienischen Mi­nisterpräsidenten eine Photographie mit der Aufschrist: A'gentil- homme, ä corfaire et denn. Crispi glaubt sich als Kvrfaren er­kannt und rennt aufgeregt in die Wilhelmstraße, wo er, nicht ganz leicht, überzeugt wird, der Satz solle mir ausdrücken, daß der Kaiser ihn für einen gentilhomme halte. Am Tag nach bet Abreise der Italiener ist Ktonrat. Der Streik, der beendet schien, hatte wieder begonnen. Der Kaiser hat vierzehn Tage vorher die Delegierten Bunte, Sieget und Schröder im Schloß empfangen und gesagt,, wenn sichsozialdemokratische Tendenzen in die Be­wegung mischen", werde er mit unnachsichtlicher Strenge ein­schreiten. Im Ktonrat spricht er sehr schroff gegen die Gruben­besitzer.Wenn diese reichen Leute nicht Vernunft annehmen, ziehe ich mein Militär zurück; wird ihnen bann der Rote Hahn aufs Dach ihrer Villen gesetzt, ist's nicht meine Schulb." Bismarck antwortet, auch diesen reichen Leuten sei der Schutz der Staats­gewalt nach preußischer Tradition und Verfassung nicht zu ver­sagen; ihr Recht, über die Arbeitsbedingungen nach freier Ueber­zeugung zu verhandeln, sei in einer nicht sozialistischen Gesell­schaft unbestreitbar. Der Kaiser habe geirrt, als er denvater­ländischen Sinn" der von ihm empfangenen Delegierten rühmte

und ihnen, diedezidierte Sozialdemokraten" seien, lobend nach­sagte, sie hättensich der Fühlung mit der Sozialdemokratie ent­halten" ; der Kanzler fürchte eine neue Täuschung des Aller­höchsten Vertrauens und müsse, wenn er auch den beantragten Belagerungszustand noch nicht für nötig halte, doch für ener­gische Schutzniaßregeln eintreten. Schon während er sprach, fühlte er, daß er nicht mehr alle Kollegen hinter sich habe; konnte, es aber nicht beweisen. Der Kaiser schied verstimmt. Eine ängstliche Exzellenz ringt die Hände.Hätten Euer Durchlaucht es ihm wenigstens unter vier Augen gesagt!" Antwort:Soll ich im Ktonrat vielleicht den Obersten der Eunuchen spielen? Dann hätte bie Geschichte doch wirklich keinen Zweck und es wäre nur schade um die verlorene Zeit. Ehre und Rewuatton kann ick» dem Aller- höchsten Dienst nicht opfern."

Ucbcr den letzten Besuch des Kaisers beidem Fürsten Bismarck schreibt Harden:

Der Kaiser hat sich bitter beklagt, daß Bismarck an, diesem Morgen so heftig geworden sei, und erzählt: ,Daß er mir nicht das Tintenfaß an den Kopf geworfen htt. war alles.' Nicht scherzens, wie ich noch 1903 vermuten mußte, erzählt; ernsthaft, vor den versammelten Kommandierenden Generalen, denen er das Benehmen des Kanzlers so erregt schilderte, daß Moltke, als erster, das Urteil in die Worte faßte: ,Wenn der Mensch sich so vergessen kann, muß er fort.' Bismarck, der sein Handeln doch nicht feig zu verleugnen pflegte, hat bestritten, daß er je von der Pflicht der Ehrerbietung gewichen sei. Als die Tintenfaßlegende, deren Herkunft damals noch unsicher war, immer wieder auftauchte, hat er eine Erklärung versucht. Die war nicht schwer zu finden. Der Fürst hatte, wenn ex lebhaft sprach, bie Gewohnheit, mit der rechten Faust kurze, leise, aber starke Stöße gegen die Tischplatte zu führen; dabei konnte ein Tropfen Tinte aus dem Fäßchen springen. Herbert behauptete, in dem Zimmer, baß ber Schauplatz des Gespräches war, habe gar kein Tintenfaß gestanden. Einerlei. Wilhelm heischte mehr Devotion. Wer dem Fürsten aber Flegelei zutraut, er habe mit Realinjurien gedroht, hat ihn nie gekannt. Der Riese, der so viel aufWohlerzogenheit" hielt, war nicht grob; nur rückhaltlos wahrhaftig. Stand vor jedem König wie ein Edelmann vor dem anderen. Als er, beim Empfang in Sanssouei, Friedrich Wil­helm die Mumung der Hauptstadt vorgeworsen, unb die über solchem Tun empörte Königin gerufen hatte, daran sei der Kinig, dem seit drei Tagen der Schlaf gefehlt habe, ganz unschuldig, antwortete er ruhig: ,Ein König muß schlafen können'. Auch harte Wahrheit ertragen. Zur Schranzenservilität und Hunde- demnt hatte der Mann keinen Blutstropfen in sich. Hätte nie­mals, wie Caprivi, den Vortrag einer wichtigen Sache vertagt, weil ,der Kaiser heute übler Laune ist'. Wer vom Genie bedient fein will, muß auf Lakaienkünste verzichten."

Aus um »uns.

Sprechstunden ber Redaitien 11l Uhr Vom., i/271/28 Uhr abbs.

Gießen, den 5. November 1906.

** Personalien. S. K. H. der Gr 0 ß h e r z0 g haben den Hauptlehrer an der Lanbesbaugewerkschule Artur Wienkoop zu Darmstadt zum Direktor der Landesbau­gewerkschule und die Geometer 1. Kl. Friedr. Hoffmann aus Veitshain und Gg. Ritsert aus Groß-Umstadt zu Feldbereinigungsgeometern ernannt.

** Lehrerpersonalien. S. K. H. der Groß­herzog haben den prov. Lehrer Eduard Zinßer zum Oberlehrer an der Oberrealschule zu Offenbach ernannt. Uebertragen wurde dem Lehrer Friedr. Schön zu Unter- Seibertenrod eine Lehrerstelle an der Gemeinbeschule zu Ulrichstein; der Lehrerin Josephine Dingeldein zu Münster (Kr. Dieburg) eine Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu Neu-Isenburg. In den Ruhestand versetzt wurde oer Oberlehrer an der Volksschule zu Mainz Karl Pf ass auf sein Nach suchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste, sowie am 27. Oktober d. I. der Oberlehrer an der Gemeindeschule zu Reinheim Friedr. Kopp auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste und unter Verleihung des Silbernen Kreuzes des Verdienstordens Philipps des Großmütigen.

** Neuer Konsul. Ter Generalkonsul der Republik Uruguay Dr. Louis Garadelli in Berlin ist zur Ausübung konsularischer Funktionen im Großherzogtum zugelassen worden,

Der Vorstand ber Landmirtschaftskammer hielt am Samstag, vorm. 10 Uhr, in Darmstadt eine Sitzung ab, die mit kurzer Unterbrechung sich bis abends um 7 Uhr ausdehnte. Zunächst teilt der Vorsitzende Geh. Ne­gierungsrat Haas mit, daß der für die ersten Ausgaben notwendige Kredit zu mäßigen! Zinsfuß von ber Landwirtsch. Genossenschaftsbank zur Verfügung gestellt wird, später wirb die Regierung den Betrag von Mk. 50 000 zinslos und un­kündbar zur Verfügung stellen. Umlagen sollen aus ver­schiedenen Gründen erst im Jahre 1908 erhoben werden. Hierauf sand eine Aussprache über die in die neuen Satzungen aufzunehmenden Punkte statt. Die von dem Landwirtschaftl. Verein bisher herausgegebene Zeitschrift soll übernommen und in entsprechender Weise ausgebaut werden, im Falle der Landwirtschastsrat hierzu seine Zustimmung gibt. Bezüglich der Taggelderfrage wird beschlossen, dieselben Sätze vorzu­schlagen, wie sie bei der Zweiten Kammer üblich sind, mit ber Ausnahme, daß nur das Fahrgeld dritter Klasse be­willigt wird. Zum Vorstand des ziemlich umfangreichen not­wendigen Bureaus wird Landesökonomierat Müller, als dessen Stellvertreter Dr. Hammann vorgeschlagen. Alsdann wurde behufs Erledigung der Vorberatungen die Bestellungen von 7 Kommissionen beschlossen. Es fanden dann Aussprachen über die Uebernahme der Geschäfte des Landwirtschaftsrates, sowie der Provinzialvereine, sowie über die Zu wähl von Sachverständigen in die Kammer statt. Auch stimmte man den Anträgen einzelner Fachvereine wegen ber Ausnahme von Delegierten im Prinzip zu. Zwecks baldiger definitiver Er­ledigung all dieser Vorschläge soll die Landmirtschaftskammer in Bälde zufammentreten.

** Brieftauben-Ausstellung. Der Brieftauben- Klub Gießen, dessen Mitglieder ihre Tiere sich alljährlich an großen Preisfliegcn beteiligen lassen, ist auch in der abgelaufenen Flug^il überaus rührig gewesen, um die Tauben für den Ernstfall zu trainieren. (Bekanntlich hat der Verein sich mit seinem Material dem Kr i e g s Minister htm für den Fall einer Mobilmachung zur Verfügung gestellt.) Die von den Vereinstaubeit unternommenen Reisen gingen in diesem Jahre für alte Dauben von Brandenburg a. d. H. nach Gießen, 335 Km. Luftlinie, für junge Tauben Göt­tingenGießen 132 Km. Weg unb für im Spätsommer ge­borene Tiere WabernGießen. Der Verein wird am 18. November in der Stadt Marburg seine sämtlichen an den Reisen beteiligt gewesenen Brieftauben öffentlich ausstellen und hofst auf einen regen Besuch seiner Aus­stellung durch die zahlreich:n Tierfreunde unserer Stadt und Umgebung.

O Abend st ern, 2. Nov. Die Station Abendstern am Schnittpunkt ber Bahn Lollar-Wetzlar und der Bieber­talbahn hat einen nie geahnten Aufschwung genommen, wozu besonders die neu eröffnete Güterablabestelle beigetragen hat. Letztere kommt namentlich den Gemeinden Heuchelheim, Krof­

dorf, Rodheim it. s. f. sehr gelegen. Aber auch für bie Kleinbahn ist nunmehr der lang ersehnte Gleis- anschluß geschaffen worden. Derselbe war durch die An- läge einesSchüttwerks^ (geschaffen von der Firma Faber- Betzdorf) möglich. Der gesteigerte Verkehr machte auch eine Vermehrung der Beamten notwendig. Für letztere werden int nächsten Frühjahr entsprechende Dienstwohnungen erbaut.

-a-. Dutenhofen, 2. Nov. Ober-Negierungsrat Löffel aus Coblenz traf heute nachmittag in Begleitung des Landrates hier ein, um mit der Gemeindevertretung Verhandlungen wegen des SchulhauSneubaues einzu- leiten. Naeh einer Besichtigung der bisherigen Schulräume fand eine längere Sitzung im Rathaussaale statt, zu ber der KreiZschulinspektor, der Bürgermeister, sowie der Orts- und Schulvorstand eingeladen waren. Es handelt sich um einen Schulbau mit vier Klassen und entsprechenden Lehrerwohnungen. Dutenhofen hat in einem Zeitraum von kaum zehn Jahren mit großem Kostenaufwand eine Lahn brücke erbaut (1895), eine Güterverladestelle angelegt (1905), dazu jüngst den Aus­bau ber Kirche vorgenommen (1906) unb nun steht für die nächste Zeit als weitere Aufgabe die neue Schule bevor.

fc. Mainz, 5. Nov. Bei einem Einbruchsversuch in Nackenheim wurde vor einigen Tagen ein Bursche fest- genommen, bei dem die Papiere eines im September bei Lüneburg ermordeten unb beraubten Arbeiters namens Preuß gefunden wurden. Ter Bursche sitzt hier im Ge­fängnis. Ucber den Erwerb der Pvpiere kann er sich nicht ausweifen. Er behauptet, sie in der Herberge von dem großen Unbekannten erhalten zu haben.

Vermischtes.

Bau erngerichte, nicht Fehmgerichte. Die 600 Jahre alte Dortmunder Fe hm linde soll, wenn nicht der Kaiser, wie einst fein Großonkel König Friedrich Wilhelm IV., ein Machtwort spricht, .versetzt" werden, um für neue Eisenbahnanlagen Raum zu schaffen. Die Wenigsten auch in Westfalen wissen, daß sich unter dieser Linde nicht die eigentlichen Fehmgerichte, sondern die Bauerngerichte abgespielt haben. Archivar Dr. Nübel hat dies festgestellt. Er schildert u. a. die Verfall der Fehme und schreibt bann: Seitdem die Fehme ihre alte Bedeutung verloren hatte, wurden sie für Dortmund wieder, was sie gewesen waren: Gerichte für die Bauern. Ein Mitglied des Rates, der Fehmgraf, versammelte die Bauern an der Fehmstätte und hielt hier ein Gericht ab, welches fortan im wesentlichen ein Polizeigericht ober Nügengericht über Wegeverletzungen, Sonntagsentheiligung unb ähnliches war. Immerhin wurden diese Gerichte nach wie vor unter besonders feierlichen Formen abgehalten. Die Bauern mürben, wie zurzeit ber alten Fehme, aufgefordert, dreimal im Jahre vor dem Königsstuhle vor ber Bergpforte zu erscheinen. Besonders feierlich war die Verhandlung am Mittwoch nach Johannis, bann erschienen die beiden Ritt­meister wie auch der zeitliche Richter und der aus dem Nate eingesetzte Freigraf, sowie die dauern . . . Der letzte Frei­graf war ein Löbbecke. Von Heimlichkeiten war bei diesen Gerichten keine Rede mehr. Dr. Rubel meint mit Recht, daß die Entwicklung der Fehme nur unter den zähen unb nachhaltigen Bauern ber roten Erde möglich war, bie voll Unbefangenheit Herzöge und Grafen vorforderten.

Universitäts-Nachrichten.

Bei der Immatrikulation neuer <S t u b f e r e n- bet in Bonn führte der Rektor der Universität, Prof. Grafe in feiner Ansprache an bie Kommilitonen aus, baß einet bet ge­fährlichsten Feinde ber akademischen Freiheit der A l k 0 h 0 l i s m n Z sei. Der Schaben, den dieser im Deutschen Reich anrichte, sei unermeßlich, sowohl in wirtschaftlicher wie in gesundheitlicher Be­ziehung. Mehr als 3000 Millionen Mark würben für alkoholische Getränke alljährlich vergeudet, unb erschreckenb groß sei auch bie Zahl ber Opfer des Alkohols in den Kranken- unb Irrenhäusern, lieber den einzelnen wie über ganze Familien bringe er unsägliches Elend. In Englanb unb fUnterifa habe man bie Bedeutung der Alkoholfrage längst viel tiefer gewürdigt als bei uns. Trotz des vom Redner freudig anerkannten Idealismus ber akademischen Jugend seien gerade unsere Universitäten Hochburgen des Trinkens unb ber Trinksitten, bie weithin kein gutes Vorbild gäben. So spiele der deutsche Student in den typischen Darstellungen der Witzblätter nicht gerade bie vorteilhafteste Rolle. Zur Uebermin- bung der großen hier vorliegenden Geiahr sei vor allem ihre Er­kenntnis notwendig. Vor solcher Schädigung sich zu hüten, sei bie besondere Verpflichtung ber akabemischen Jugend; beim sie fei später zur Führung und Leitung des Volkes berufen. Der Rebner betonte cnvsdrücklich, baß die ernste Würdigung dieser Gefahr nicht etwa einer philisterhaften oder pharisäischen Gesinnung entspringe, sondern herzhafter Sorge für das leibliche unb geistige Wohl ber Kommilitonen. Manchen treuen Freund unb ebeln Geist habe man am Alkoholismus zugrunde gehen sehen, unb wem ber Genuß des Alkohols eine Gefahr zu werden drohe, der solle lieber ganz aus ihn verzichten.

Die Bergarbeiterbewegung.

Beuthen (Ober-Schlesien), 3. Nov. Sämtliche ober- schlesischen G r u b e n - V e r w a l tu n g e n haben die Forderung der Bergleute abgelehnt. Im Rybniker Revier erklären sich bie Bergleute mit der von ber Siebener-Kom­mission vorgeschlagenen löprozenligen Lohnerhöhung nicht einver­standen. Sie fordern den Achtstundentag unb 25 Prozent Lohn­erhöhung.

Zwickau, 3. Nov. Die Lohnbewegung ber Arbeiter im Luganer Revier verschärft sich. Auf bie Eingabe ber Siebener- Kommifsion haben nur drei Gruben geantwortet. Sie erkennen bie Kommission nicht an. Eine Konferenz mehrerer Verbände beschloß, baß die Ausschüsse sofort mit den Grubenbesitzern direkt verhandeln.

Spielplars der venimglen Frankfurter StadttHeater. Opernhaus.

Dienstag den 6. November*):1001 Nacht'. Mittwoch den 7. November geschlossen. Donnerstag den 8. November:Der fliegende Holländer." Freitag den 9. November geschlossen. Samstag den 10. November:1001 Nacht." Sonntag den 11. November, nachmittags halb 4 Uhr:Die Fledermaus/ Abends 7 Uhr: Nanon." Montag den 12. November:Das Schwalbennest/

Schauspielhaus.

Dienstag den 6. November):Judith/ Mittwoch den 7. November:Verwehte Spuren." Donnerstag den 8. November: Zur Feier der 25jährigen Wirksamkeit des Fräulein Sophie König am Frankfurter Stadttheater. Neu einstudiert:Dienstboten." Hierauf: Neu einstudiert:Eine alte Schachtel." Zum Schluß: Nell einstudiert:(Sine Vereinsschwester." Freitag den 9. Novbr.: Venvehte Spuren." Samstag ben 10. November: Zu Schiller? Geburtstag:Maria Stuart." Sonntag den 11. November, nach­mittags 3 Uhr:Da's Blluneuboot." Abends 7 Uhr:Mamsell Nitonche." Montag ben 12. November:Die Stützen der Gesellschaft."

*) Anfang, wenn nicht anders bemerkt, abends um 7 Uhr.