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1F6. Jahrgang
Drittes Blatt
Nr. 5
Erscheint «glich mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Skfcener §amillenb!Stter" werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Ter »Hessische t<mdwlr*" erscheint monatlich einmal.
Redaktion. Expedition ».Druckerei: Schulstr.7.
Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.
Samstag 6. Januar 5 906
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Unwersttätsdruckerct. R. Lange. Gretzen.
Gemral-An;eiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bslttischk Tasieslchnn.
Zur grage der Neichöerbschaftssteuer.
Verschiedene Blätter, in erster Linie preußische, führen zur Zeit einen lebhaften Kampf für die Ausdehnung der geplanten Neichserbschaftssteuer auf Kinder und Ehegatten für größere Anfälle, etwa von 1OOOOO Mk. Die vielen sehr berechtigten Einwendungen, die von anderer Seite hiergegen erhoben werden, sucht die „Köln. Volksztg." zu wider- legen. Dem von den Vertretern landwirtschaftlicher Interessen geltend gemachten Bedenken, daß eine solche Steuer vorwiegend den Grundbesitz treffe, indem das in Wertpapieren angelegte Vermögen durch Uebergabe bei Lebzeiten (Hand- geschenke) umgangen werden könne, sucht sie durch den Hinweis zu begegnen, daß die — gegebenenfalls noch zu verschärfenden — Bestimmungen des Entwurfes über die Schenkungen genügende Sicherheit hiergegen bieten würden.
Dies ist gewiß ein Irrtum! Nehmen wir einmal an, daß die Steuerpflicht erst bei einer bestimmten Summe beginnt. Liegt es da nicht sehr nahe, bei benjenigen Vermögen, die sich nicht allzuweit von der Grenze entfernen, durch völlig loyale Handlungen (reichere Ausstattung der Kinder; Gelegenbeitsgeschenke; jährliche Unterhaltungszuschüsse; Geschenke an die Kindeskinder usw.) dafür zu sorgen, das; die Erbschaft die steuerpflichtige Grenze nicht erreicht? Kein Gesetz kann dies ausschließen l Selbst die kleinlichste und pein- lichste Schnüffelei in die Verhältntffe der engsten Familien- krelse würde in dieser Beziehung wirkungslos bleiben! Es würde daher tatsächlich nur das unbewegliche Vermögen — der landwirtschaftliche, wie der städtische Hausbesitz — die Steuer voll zu tragen haben!
KarLamentarisches.
— Wie der Mannheimer „Bolksstinnne" gemeldet wird, begibt sich der dortige Oberbürgermeister Gönner nach seiner Wiederherstellung ;p Reconvaleszenz auf längere Zeit nach dem Süden imd beabsichtigt aus diesem Grunde das Amt des 1. Präsidenten de r badiscyen Kammer niederzulegen. Träfe die yrachricht zu, so wäre die Kammer vor die ^Zottoenbigteit einer Neuwahl ihres ersteii Präsidenten gestellt.
Kolornatpost.
— Mit der letzten Post und in tpamfcuig wieder beun - ruhig ende Nachrichten aus Süd-Kamerun emge- trofsen. Mit den zwei "Kompagnien, die dem Hauptmann Scheuuemann zur Verfügung stehen, ist es ihm nicht möglich
gewesen, in dem großen Gebiete Ruhe zu schaffen. Wenn nicht bald enerchscye Schritte getan werden, um der Aufständigen in Süd-Kamerun Herr zu werden, so ist zu befürchten, daß das Land noa, lange nicht zur Ruhe kommen ivird.
Zins Stadt und Zand.
Gregen, oen 6. Januar.
— Die erste Woche des neuen Jahres liegt hinter uns und mit ihr die nachdenklich ernste Stimmung, mit der man den neuen Zeitabschnitt immer zu beginnen pflegt. 2(n die Stelle des „Prost Neujahr", mit dem man sich vielfach in den letzten Tagen begrüßte, ist nun wieder das nüchterne „Morgen!" oder gar das barbarische „Mahl- zeit" getreten. Grüße, die an Sinnigkeit nur durch die schweizerischen „Hent Sie z'Mittag g'ha?" und „Hent Sie z'Nacht g'spiffe?"übertroffen werden. Auch die verspätetsten schriftlichen Neujahrsglückwünsche haben jetzt ihr Ziel erreicht, und die Briefe, die man jetzt erhält, überbringen zumeist etwas sehr viel Prosaischeres. Es ist die Zeit, da die Rechnungen einlaufen. Die Freude, mit der sie allseitig begrüßt werden, ist unbeschreiblich. Stirnrunzelnd mustert der Hausvater sie, addiert die auf ihnen verzeichneten Summen und übt sich im dramatischen Vortrag, indem er das Resultat mit Stentorstimme sich einige male uorbeflamierL Daran knüpft sich bann meist eine philosophische Betrachtung über das Thema, wie sündhaft teuer das Leben ist. Doch was hilft schließlich alles Lamento! Die Rechnungen müssen so wie so bezahlt werden.
** Sitten und Bräuche am Dreikönigsfeste. Seit alter Zeit kennt man in vielen Gegenden für den Dreikönigstag, den unsere katholischen Mitbürger heute als Feiertag begehen, den sogenannten „Königskuchen". In Holland pflegte man einen Rosinenkuchen mit einer eingeborenen Bohne im fröhlichen Kreise herumgehen zu lassen. Wer die Bohne in seinem Kuchenstücke fand, wurde zum „König" proklamirt und mußte die ganze Tafelrunde freihalten. Daneben waren dort die „Künigsbrefe' etwas sehr Beliebtes und sind es vielfach wohl heute noch. Bei Bier, Eier und Pfannkuchen versammeln sich sämtliche Familienmitglieder zu einem fidelen Schmause; der „Königsbricf" wird in soviel Figuren zerschnitten, als Personen anwesend sind, und nun werden die einzelnen Stücke aus einem Sacke ausgeloost. Einer wird auf diese Art „König", erhält eine Krone und darf den Rest des Tages über einen mehr oder minder I großen Hofstaat verfügen, d. h. die nach den übrigen Papier-
figuren ausgelooüen Chargen, als Sekretär, Beichtvater, rirzk, Mundschenk, Kammerdiener, Koch, Hofnarr usw. Sobald der König trinkt, haben alle zu rufen : „Der König trinkt!" andernfalls erhält man von dem Hofnarren einen schwarzen Strich ms Gesicht. Manchmal werben auch zwei Bohnen bei jenem Königskuchen verwcmbt; bann hat sich der König eine „Königin" zu wählen, wie es z. B. im Limdurgischen Herkommen war. Anderwärts wurde durch einfaches Zettel- Loos bestimmt, wer König sein sollte, ober man achtete darauf, wer Abends zuerst in die Schüssel langen möchte und vergab danach die Würde. Wer zu zweit in die Schüssel uhr, konnte „Vizekönig" werden, b. h. er hatte bann den König burch Uebernahme von einem Drittel der Gelage- Kosten zu unterstützen. Eine vielverbreitete Sitte war früher bas „Königs"- ober „Sternsingen", wobei hauptsächlich bie Kinderwelt durch Wandern, Liedersingen und Geschenkeheischen ihre Freude fand. Oft wurde dabei an einer Stange ein goldpapierener Stern vorangetragen, und die heiligen drei Könige, durch eine drastisch-primitive Verkleidung als solche kenntlich gemacht, stellten sich obendrein mit irgend einem Reim vor, wie z. B. „Wir, Casper Melcher und Baltser genannt, wir sind die heiligen drei König' au§ Morgenland." Am Rhein und in einigen Gegenden Norddeutschlands werden die drei Könige auch durch einfache Puppen vertreten, die man dann im „Dreikönigskasten" mit sich führt. Nicht, selten wünschen die Weisen aus dem Morgenlande beim Ziehen von Haus zu Haus den Bewohnern allerlei besonderes Glück, wobei manch komischgelungener Reim mit unterläuft.; So kennt man bei uns in Hessen, wie in Ostdeutschland den Spruch: „Wir wünschen dem Herrn ein goldenen Tisch, In der Mitte einen gebratenen Fisch, Auf allen Ecken ein Glas mit Wein, da können die Herren fein lustig fein! Wir wünschen dem Burschen ein neues Kleid, Und über das Jahr ein junges Weib!"
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