Ausgabe 
29.11.1905 Erstes Blatt
 
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Grossh.

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Gießener Theaterverem.

2In einem festlichen Abend deS Frankfurter Journalisten- icr-im? plauderten jungst ein paar Redakteure von dem Ein­ff sic der Kritik. Die Feuilletons eines bekannten Rezensenten n:r einem großen deutschen Blatte bezeichnete einer der .r.ren als reich an wertvollen Lehren für Künstler. Darauf

liefern Baste der Einwurf eines anderen: ,Künstler lernen :t?!" Und er illustrierte diesen ErfahrungSsatz nut folgender «t ö hlung. Der heute in Berlin viel gefeierte Sänger Raval '! nach einem Frankfurter Opernabend von ihm besonders {{(uiiimt worden. Arn andern Tage habe er zufällig in »rrm Kaffeehause an einem Tische unweit dem seinen ge- fla-n. Da hätte Raval das ZeitungSblatt mit feiner, des S'bafteurS, Besprechung an seinem Tische herumgereicht mit hrt Hinzufugen, an diesem Blatte scheine ein ganz außer- rbc nUidh tüchtiger Musikkenner tätig zu sein. Derselbe Abend (ibrte Raval wiederum auf die Bühne, aber diesmal habe c, der Rezensent, an Raval mancherlei auszusetzen gehabt.

er am andern Tage, wiederum ungekannt von Raval, üben ihm im Cafö saß, da habe dieser die neueste Rümmer üie°r Zeitung herumgezeigt und, sich nach dem Kopfe fastend, h ichönen Morte geäußert: ,©on Rindvieh!*

Ein Einfluß kunstverständiger Rezensionen auf darstellende Hin itler tritt also nach den Erfahrungen der Zeitungsmänner wr nicht oder nur in außergewöhnlich seltenen Fällen in die ki'cheinung. Daher beschränken sich viele Rezensenten jinifieift auf Hervorhebung des Charakteristischen beim einzelnen iawleller unter Hinzufügung einer Wertbemestung der iomberleiftung. Auf besondere Mängel deuten sie nur hm, im?n sie doch noch einmal glauben, hier könnte ein gut ge­mimter Rat Verständnis finden.

Wie steht's nun mit dem Einfluß von Rezensionen auf

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sabrikation in Dießen nicht mehr die frühere Ausdehnung. Ihre jetzige Arbciterzahl mag auf durchschnittlich

90 Arbeiter geschätzt werden. Die mittlere Jahresproduktion beläuft sich auf annähernd

10 000 Zentner Rauchtabak.

Rechnet man den VerkaufSwert des Zentner« Rauch- abak zu 75,00 Mk., so ergibt sich als Mert der JahreS- Produktion eine Summe von 10 000 x 75, d. h.

750 000 Mk.

?ln JahreSlöbuen werden in der Gießener Rauchtabak, sabrikation etwa 45 000 Mk. gezahlt.

Es kann leider nicht angegeben werden, welche Zoll- und Steuerlasten auf den Erzeugnisten der Gießener Rauch- tabakfabrikation ruhen, da zur Herstellung von Rauchtabak in- und ausländische Tabakblätter, importierte Stengel, Zigarren- und Kautabakrippen in stets wechselndem Verhält- niste Verwendung Rnben. Es sei hier jedoch erwähnt, daß in her hiesigen Rauchtabakfabrikation etwa 2025 Prozent im­portierte Stengel (Virginia und Kentucky) verarbeitet werden, deren Zoll vier- bis sechs mal so hoch ist, als der Einkaufs- wert. Vic prozentuale Zoll- und Steuerbelastung deS Rauch­tobaks ist jedenfalls wesentlich stärker, als diejenige der Zigarren.

Kautabak wird in Gießen ebenfalls in zwei Betrieben hergestellt. Ter Konsum an Kautabak Hai in den letzten Jahren zugenommen, und erstprechend hat auch die Kautabak- fnbrifation" in der Stadt Gießen eine größere Bedeutung gc- roonnen. Sie beschäftigt durchschnittlich etwa

75 Arbeiter.

Die durchschnittliche Jahresproduktion stellt sich auf rund 3500 Zentner Kautabak. Nimmt man den 93erfauf§roert eines Zentners Kautabak zu 135,00 Mk. an, bann hat die Jahresproduktion der Gießener Kautabakfabrikation einey Wert von 3550 x 135, ober

472 500 Mk.

Die jährlich gezahlten Arbeitslöhne werden auf rund 60 000 Mk. veranschlagt.

lieber die Zoll- md Steuerbelastung der Erzeugniffe derGießenerKautabakfabrikation lasten sich wegen derZusammen- setzung des Fabrikats auS in- und ausländischen Blättern und 'dem Anteil der Extrakte Angaben nicht machen. Die genannten Ziffern für Rauch- und Kautabakfabrikation be­ziehen sich lediglich auf die beiden Gießener Betriebe, nicht auf Betriebe in der Umgegend.

Fasten wir das Resultat deS Vorstehenden kurz zu­sammen, so ergibt sich folgendes Bild der Bedeutung der Zigarrenindustrie von Gießen und Umgegend und der Gießener Rauch- und Kautabakfabrikation:

Diese Industriezweige beschäftigen rund 4660 Arbeiter

: und bezahlen an jährlichen Arbeitslöhnen (Bureaupersona/ ausgeschlossen)

2 130 000 Mk.

IRr. 281

CH4, tint täglich hfiet Sonntag-.

1 btiCj ießener Anzeiger r t ttJeti im Wechlel mit IterMfdftn Landwirt li.ll (ebener Samlllen« IM tr Diennal in der -che beigelegt.

1 Motionsdruck u. Der- j |q: l)( r Brüh l'scheu lUicrl.-Buch-u.Stctn- brieret. 9L Lange. Aktion, (fcrvebtiion unb Druckerei:

64 nlfirafec 7.

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Brrluq u.Gfpeb.e^51 Srtfi« für Depeschen:

S°z<iger Gieße«.

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den Zigarrenfabrikcn von Gneisen und Umgegend 5- und 6 Tfg -Sigarren hergestellt. Den durchschnrttlrchen Berkans- wert der hiesigen Zign^enfabrikate kann man zu 37 Mk. pro Mille annehmen. Der dieser Annahme stellt sich per iährlidK Durchschnittswert de Gießener Zigarrenproduktion auf 225 000 mal 37, d. h. auf 8325 000 Mk. Tie Zigarren- inbuftne in Gießen und Umgegend steUt Aso in iedem Jahre Zigarren im Werte von rund 8,3 Millionen Mark her

Von den Zigarrenarbeitern rechnet man durchschnittlich neun Zehntel als eigentliche Zigarrenarbeiter, d H. Wtckel- macher und Roller, und ein Zehntel als HU sarbeiter, b h Sortierer, Dekleber, Packer ufro. Ter durchschnittliche Wochenlohn aller dieser verschiedenen Arbeiter stellt sich auf etwa 9 Mk. Die Gesamtsumme der in der Gießener Zigarrenindustrie gezahlten .<ahreslvhne betragt demnach 45Ö0 mol 50 mal 9 oder 2 025 000 Mk.

Nach allgemeiner Annahme werden letzt aus 16 Pfund Rohtabak 1000 Stück Zigarren hergestellt. Mithin verarbeitet die hiesige Zigarrenindustrie durchschnittlich pro .«ihr 225 000 mal 16, das sind 3 600 000 Pfund ober 18 000 Doppel­zentner Rohtabak. ,

Man wird weiter annehmen können, daß in der hiesigen Zigarrenindustrie etwa zu */4 ausländischer und V» inlän­discher Tabak zur Verarbeitung kommen, d H. es werden verarbeitet 13 500 Doppelzentner ausländischer uub 4oOO Doppelzentner inländischer Rohtabak.

Von Jntereffe ist c8 nun, fesizustellen, welche Zoll- und Steuerlasten schon jetzt auf den Erzeugnissen der Ziyarren- industrie von Gießen und Umgegend ruhen. Rach dem Gesetz vom 16. Juli 1879 betragt der Einfuhrzoll pro Doppel­zentner ausländischen Rohtabak 85 Mk. und die Steuer pro Doppelzentner Jnlandtabak 45 Mk. Demnach lasten auf bei Jahresproduktion bet Gießener Zigarreniubustrie

13 500 x 85, d. h. 1 147 500 Mk. an Zöllen unb

4 500 x 45, d. h. 202 500 Mk. an Jnlandsteuern.

Die Gesamtbelastung ber Jahresproduktion der hiesigen Zigarrenfabrikation beträgt hiernach

1.350000 Mk.

ober 16.2 Proz. des FaktiirenwertS. Von der genannten Summe wäre vielleicht noch der Erlös aus den Tabakrippen in Abzug zu bringen, die bei ber Zigarrenfabrikation keine Verwenbung finben, sondern an die Rauchtabakinbustrie weiter oerkouft werden. Der Preisstand dieser Rippen ist aber meist so niedrig, daß er einen erheblichen Einfluß auf die obige Zahl nicht ausüben und deshalb hier außer Betracht gelassen werden kann. Bemerkt sei hier noch, daß die prozentuale Zollbelastung ber einzelnen Tabaksorten durchaus verschieden ist; sie beträgt bei manchen Sorten 200 Prozent des Ein­kaufspreises. .

Die Rauchtabakfabrikation erfolgt m Gießen tn zwei Betrieben. Außerdem wird in ber näheren Umgebung von Gießen noch Rauchtabak fabriziert in Marburg unb AlSfelb. Bekanntlich hat baS Pfeifenranchen gegen früher abgenommen. An bie Stelle ber Pfe.fe ist vielfach bie Zigarre getreten, bie wiederum durch die Zigarette hart be­drängt wird. Auch ber Konsum beS Kautabaks hat au Kosten beS Rauchtabaks zugenommen. In Uebereinstimmung | mit diesem Wechsel be5 Konsums hat auch die Rauchlabak-

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Heuchclhcull.- Schneiden! x befi. Sachen eins« 10d) einige eieOtnifr leres in der itßeimAnzeigel^ il. such' M Stellung idiem Hause, wen® i ^ei*äu3ban|« iriftL tingeMeine n ®iejenerjhw>

geistreickstm kleinen EinakterLiteratur" den Scherz, statt ihre Rolle, mit dem Publikum zu spielen. Am anderen Tage habe ich das mit rücksichtsvoller Achtung vor ihrem nie zu vermindernden Mnftlermerte in kurzen Worten enge* deutet. Sie soll es mir, wie ich höre, rechtübel" ge­nommen haben!

Für unseren gestrigen Theatervereinsabend war Frl. Lange vorn Frankfurter Scbauspielhause einem ehrenvollen Rufe gefolgt. Und es sei diesmal unumwunden zum Aus­druck gebracht: ebenso wie gewiß der bei weitem über- wieaende Teil der Mitglieder des Theatervereins Herrn Bauer und Frl. Sanaora statt in dem albernen Schwanke ,.Klein Dorrit, hätte die erdrückende Mehrzahl der gestrigen Theaterbesucher auch eine Künstlerin von der kapriziösen Eigenart des Frl. Lange statt in dem grausamen Spiele Sardous in einer Dichtung um vieles lieber gesehen. Warum in den Theatervereinsvorstellungen, die doch Elite­vorstellungen sein wollen, ein von einem flachen Faiseur aufgewärmter alter Tickensscher Roman, warum der arg verstaubte Sardou? Warum nicht einmal ein JbsensweS Werk? (Allerdings schien aua) von der Frankfurter Bühne Ibsen nachgerade nahezu verschwunden zu sein bis &u dreser Wochest Ta hätte man den Maßstab für darstellerische Leist­ung. Auch die beste Fedora wird immer nur Theaterheldin sein. Fehlt ihr doch das Bedeutsame, die Hintergründe und Perspektiven, um über kalte Bewunderung hinaus eine lebendig nachhallende Wirkung zu erzeugen. Es gilt auch hier LutherS Wörtlein, daß wir nicht G:ld zählen können aus leeren Taschen und nichi Wein trinken aus leeren Kannen. Sardou verdammt uns mit seinen Sensationen und bunten Grellheiten zu schmerzhaftem Spießrutenlaus, und seine Fedora, diese modernitische Eumenide, ist die ausgeklügeltste aller je dagewesenen Bühnengestalten. Als Sardou sein Drama schrieb, vor mehr als 20 Jahren, da stand der Nihilistenspuk auj ber Tagesordnung, und bie jetzigen fürterlichen russischen Wirren machen wohl dieses Theaterstück durch seine aller?anb mordgierig gruseligen .Heimlichkeiten und llnbimlichkeiten für rührsame und sensa­tionslüsterne Basen auch heute wieder ganz besonders pikant unb , anaenehm" aufregend - Leute von feinerem Empfinden aber berührt es recht peinlich, so grelle Illustrationen ber im tiefsten beklagenswerten Trag bie Rußlands vor sich zu sehen, bie jetzt Gott sei Tank bis nahe an ben Akt ber Aristotelischen Catharsis, der Reinigung durch Furcht und Mitleid, vorgeschritten zu jein scheint. Daß ber Vorstand des Theatervereins selber solchem Geschmack huldigt, halte

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Besprechungen künstlerischer Veranstaltungen pflegt der »teOHigente Teil des Lesepublikums nicht zu lesen, um zu fahren, was darin gesagt wird, sondern wie ästhetische jitihangen kundgegeben werden. Ein namhafter Poister !j Mer hat einmal behauptet, der Einfluß der Kritik auf^oo . I.ibcüfum sei ebenfalls gleich Rull, und auch an t. .

Itil dieser Behauptung zweifelt wohl fein Rezensent. Un-

l rotweisse Kin» bend)

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temes sofort. edir.L. i an den Sicji;

Ounqeies, i. ädchcu gesucht i. !ane 10 un *!obn. w® 1080111 Letten» "* 'S'

'Vestautagc!

Pie fleutifle Mmmer umfaßt 12 Seilen.

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git -gaßaftinbufirie von (tzießen und Umgegend und die neue TaSaksteuervortage.

Seit Jahrzehnten kommt die Tabakindustrie aus der Lnaetvißheit über die drohende Mehrbelastung des Tabaks -md i einer Fabrikate durch Steuern und Zölle nicht heraus. 'Sikd'rholt sind seit dem Jahre 1879, in dem das jetzige lebMeuersystem in der Har.ptsache festgelegt wurde, neue NbMeuervorlagen dem Reichstage zugegangen, und auch -j(h( ist zur Besserung der Reichsfinanzen wiederum eine <$rhöi)ung ber Steuern unb Zölle für Tabak und Tabak- abri! ate in Aussicht genommen. Die Tabaksteuer bezweckt -Mr eine Besteuerung des Tabakkonsums, sie eruioglicht gier nicht eine allgemeine unb gleichmäßige Vert^lung ter Steuerlast auf die leistungsfähigen Teile der Bevöl­kerung, da der Tabak kein Gegenstand des allgemeinen Verbrauchs ist, vielmehr fein Konsum nach Individualität unb lyewohnheit verschieden ist. Insbesondere äußert sich eine Preiserhöhung für Ta bat unb Zigarren sofort in einem SWä-ang des Konsums. Deshalb ist es für die Tabak- und Mor reuindustrie nicht möglich, bie gesamte Steuer auf Die Konsumenten durch einen entsprechenden Preisauftchlag gbiuvälzen. Sie müssen vielmehr einen Teil der Mehr- Lkliistung des Tabaks auf sich nehmen, was sich in einer Skrrmigerung des Gescksäftsgewinnes äußert. Weites Folgen trr Steuervermehrung und zwar in sozialpolitischer Hm- |.d-t am bedenklichsten sind Arbeiterentlassungen in ber Tabak- unb Zigarrenindustrie entsprechend dem Kvnsum- iWginng und ber geringeren Nachfrage und Reduktion der ?irbeiislöhne. Tas Tabaksteuergesetz vom 16. Juli 18.9 trodjle für die Gießener Tabakindustrie einen bedeutenden ffürfcang der Gcschäftsergebnisse unb in ber Folge eine Skrbtängung ber Produktion der billigen 3- und 4-Pfeunig- Qjgnrre nach Baden, das burd) niedrige Arbeitslöhne und Die Mhe ber Erzeugungsgebiete des heimischen Tabaks im N"llmbie Gefahren zu erkennen, welche ber Tabak- und Sirrcninbuftne von Gieren und Umgegend und ihrer

ei terfd)aft, sowie auch indirekt den betreffenden Ge- Mlnden von einer neuen Tabaksteuer drohen, ist es von SE'.di: igfeit, einen Ueberblick über die jetzige Bedeutung Öicfer Industrie zu erhalten.

Die Verarbeitung von Tabak erfolgt in den hiesigen 0ttri»ben in ber Hauptsache zu Zigarren, außerdem auch ia ss^nch- und Kautabak. Der älteste Zwerg der Tabak- bnaTbcitung in Gießen ist di. Raiichtabakfabrikation. Im John 1812 wurde von Gg. PH. Gail in Gießen die erste Roiidüabaffabrif begründet. Erst 1839 wurde hier die erste SihnrrenfabTil eröffnet. Heute hat die Zig-arrenrndustr-^ R|e Tabakfabrikation bei weitem überflügelt.

Sie Zigarrenindustrie in Gießen und Umgegend fltidyifligt in ihren sämtlichen, d. h. etwa 80 Betrieben Dnd 4500 Arbeiter. Nimmt man, wie üblich an, daß ein Meuter in der hiesigen Zigarrenindustrie im Durchschnitt M) Zigarren in ber Woche herstellt und rechnet man

Jahr zu 50 Arbeitswochen, bann gelangt man für ih hiesige Zigarreninbustrie zu einer burchschnittlichen Jahresproduktion von 4500 mal 50 mal 1000, bas heißt dob 000 Stück Zigarren Am meisten werben jetzt in

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Erstes Blatt. ISS. Jahrgang Mittwoch 29. November ittOF

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Gießener Anzeiger General-Anzeiger y

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen ZWZ

glaublich viel Gelegenheit, seine Leser vor den Kopf zu stoßen, wegen der tausend Rücksichten, die er nehmen soll, Hal der Journalist im allgemeinen und der Kritiker im besonderen (6ei\in8 in Gießen übrigens noch in stattlich erhöhterem Maße der Musikkritiker, der mit besonders empfindlichen Musik­freunden zu rechnen hat), so daß er dem VerdammungSurteil Einzelner wie ganzer Schichten mit größter Gleichgiltigkeit gegenüberstehen muß, will er sein Amt mit unüberwindbarer Liebe zur Kunst, mit sich stets gleichbleibender Hingabe und mög- lichster Sachlichkeit auSüben. Wie aber für viele eine Kritik der Kritik reizvoll erscheint, so ist vielleicht auch eine eine Kritik der Kritikerkritik nicht ganz ohne Jntereffe. Aller- bingS ist die Kritikerkritik noch unfruchtbarer als die Kritik; sie ändert ganz gewiß nichts, da sie unter Ausschluß der Leffentlichkeit unb des kritisierten Kritikers geübt wird unb ber Kritik gemeiniglich keine neuen Wege zu weisen imstande ist. Die ' neue Breslauer Zeitschrift .Kritik ber Kritik" lehrt zur Evidenz die völlige Unproduktivität der in ihrem Titel zum Ausdruck kommenden scheinbar ehrlichen Ab­sichten. Eine Kritik der (ernsthaften) Kritik geht in ben allermeisten Fällen auS nichts anderem hervor alS aus persönlichen Abneigungen, und auf nichts anderes hinaus als auf persönliche Sticheleien. Bequem allein hat e§ ber .Kritiker*, der nichts anderes ist als Referent im Sinne deS Reporters; der schläft ruhig und setzt Fett an. Wer aber seine Persönlichkeit einsetzt, kommt unfehlbar bet gewißen Leuten in den Ruf eines arroganten Nörglers, der .alles bester wisten will*. .

Daß er aber auf Grund von ausgebreiteten Spezial­studien und langjährigen Ersahrunaen Fachmann ist wie etwa ein erprobter Pharmakologe ober Soziologe ober gar wie ein Lichenologe, da? übersehen absichtlich ober unabsichtlich bie meisten Kritiker der Kritik, die ständig brauf und dran sind, ben Kritiker-Fachmann auf den faden Reporterweg oder gar zu Unehrlichkeiten gegen sich selber zu drangen.

Vor ein paar Jahren sah ich in einer deut,chen Mittel­stadt Kainz als Romeo Er war vielleicht stark er­kältet, zum mindesten aanz ohne Stimmung und haspelte seinen Part einfach abscheullch herunter Tro^dem wurde .mi uui - Lr mit Beifall überschüttet und am nagten Soge in der der Richtig- Lokalpresse in den Himmel gehoben. Ebenso mauste nch bei ihrem letzten Hiersein Frau ^rre,ch ui Schnitzlers