Ausgabe 
23.2.1905 Zweites Blatt
 
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Str. 46

Donnerstag, 23. Februar 1905

155. Jahrg.

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Eichener Anzeiger

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General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

P ^rlameMarnche Perimnvlnnqen.

Nachdruck sKns BeLsinbarue« nicht gestartet.

Drutlcher Reichstag.

145. Sitzung vom 22. Februar.

1 Uhr. Das Haus ist gut besetzt.

Am Bundesratstisch: Graf Posadowskh, Frhr. von Stengel. Frhr. von Richthofen, Frhr. von Rhein­baben, von Podbielsti u. a.

Auf der Tagesordnung steht die dritte Beratung der Handelsverträge.

In der Generaldebatte nimmt zunächst das Wort

Äbg. Cfel (Zentr.): Ueber die Stellung meiner Partei brauche ich mich wohl nicht zu verbreiten. Wie Nur stimmen, ist bekannt. Ich habe mich nur zum Wort gemeldet, um dem Abg. Sartorius entgegenzutreten, der beüauptete, daß der Tarif durch die Speziali­sierung schwerer zu verstehen sei. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Der Tarif wird durch die Spezialisierung übersichtlicher und leichter verständlich. Redner wendet sich sodann gegen den Abg. Mittermeier, der das Zentrum in einer der letzten Sitzungen an- gegriffen hatte.. Das Zeittrum habe durchaus das gleiche Interesse für bte Landwirtschaft wie der baverische Bauernbund, kann aber an dem Gerstenzoll die Handelsverträge nicht scheitern lassen. Sehr bezeichnend ist es, daß die Hauptführer des baverischen Bauern­bundes ein Arzt und ein ziemlich wandlungsfähiger Zeitungsmann sind.

Abg. Molkenbuhr (Soz.): Der Wegzug der Arbeiter vom Lande erklärt sich durch die Art, wie die Leute dort von den Besitzern be­handelt werden, gleichwohl ist aber die Abnahme der ländlichen Bevölkerung nicht so stark, als wie es vom Reichskanzler hingestellt wurde. Wohl aber werden die Städte und Industriezentren gerade infolge dieser Handelsverträge einen Rückgang in der Bevölkerungs­ziffer erfahren, denn die Industrie wird nicht so viel Arbeit mehr haben, um die Arbeitermengen zu beschäftigen. Die moderne Schutz­zöllnerei hat sa überhaupt nur den Zweck. Millionäre zu züchten. Nutzen von diesen Handelsverträgen haben nur die Großgrundbesitzer und solche Industrielle, die durch Kartellbildung sede Konkurrenz unmöglich machen. Die Regierung rühmt sich, 'hr sei es gelungen, von den autonomen Tarifen der anderen Staaten etwas abzu­handeln, sie vergißt nur dabei, daß sie selbst erst diese hoben auto­nomen Tarife der anderen Länder provoziert bat. Die Kosten der Handelsverträge werden natürlich wieder die Arbeiter zu tragen haben. Das hätte die Regierung unter allen Umständen vermeiden muffen.. Ist ihr denn gar nicht die geradezu grauenhafte Lage be- kannt, in der sich insbesondere unsere Landarbeiter im Osten be­finden? Mit solchen Zuständen kann man höchstens noch russische Arbeiter zufriedenstellen: aber auch das wird nickst auf die Dauer gelingen, sobald nur erst dort die Zeiten vorüber sind, wo man zum Sonntagsvergnügen Hunderte von wehrlosen Arbeitern zusammen­schießt. Als die Caprivischen Verträge geschlossen wurden, da erhob sich eine große Bewegung unter den Landwirten, genau so wird es setzt bei den Arbeitern werden: sie werden nach agrarischem Muster verfahren. Wir lebnen die Verträge ab, denn sie sind das Gegenteil von dem, was durch Handelsverträge erreicht werden soll. Wir sehen als Zweck der Handelsverträge die Ermäßigung der Zölle an: statt daß dieser Zweck erreicht wird, werden aber gerade durch diese Verträge der wirtschaftlichen Fortentwickelung ttrrmhohe Schranken gefetzt. (Beifall bei den Sozialdemokraten.)

Abg. Graf Lrmburg-Sttrvm skonsi): Die neuen Handels­verträge werden den arbeitenden Klaffen noch mehr zu gute kommen, als anderen Erwerbszweigen (Lachen bei den Sozial- demokratens, denn mit diesen Verträgen wird wieder der Weg des Schutze? der Produktiven nationalen Arbeit betreten, der durch die Cavrivischen Verträge erlaffen worden war. Die Cavrivischen Ver­träge waren politisch unklug, sie haben die Landwirtschaft außer­ordentlich geschädigt. So schlecht gerüstet ging man damals an die Handelsvertragsverbandlimgen heran, daß man keine Vorteile herausschlug, auch wo man sie berausschlagen konnte. Eavrivi hat unseren Nachbarn die größten Konieffionen auf wirtschaftlichem Ge­biete gemacht, damit sie uns politisch freundlich gesinnt blieben. An solche Konzeffionen hat Fürst Bismarck niemals gedacht. Unsere Landwirtschaft, der kleine Mann hat unter diesen Verträgen sehr schwer gelitten, die Arbeiter auf dem Lande haben nicht den Lohn bekommen, den sie hätten bekommen können (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten), auch die Industrie hat damals nicht die Vor­teile gehabt, die sie hätte haben können. Umsomehr erfreulich ist es, daß man bei den fetzigen Verträgen besser vorbereitet zu Werke gegangen ist. Nach meiner Meinung wäre es allerdings bester gewesen, gleich nach dem Zustandekommen des Zolltarifs die alten Verträge zu ki'mdigen, man wäre dann schneller zu einem Resultat gekommen, aber trotzdem muß man anerkennen, daß die Regierung es an Zähigkeit, Eifer und Fleiß nicht hat fehlen lasten. Desten bedurfte es aber auch, .denn die Landwirtschaft muß gehalten und gestützt werden, denn sie ist das Rückgrat des Staates. Mit dem Abschluß dieser Verträge sind wir aber noch nicht am Ende der Dinge: die schwerste Arbeit steht noch bevor. Die sieben Ver­träge erstrecken sich doch nur auf einen Teil des auswärtigen Han­dels, von der allergrößten Wichtigkeit werden daher auch die noch abzuschließenden Meistbegünstigungsverträge sein: insbesondere wird dafür zu sorgen sein, daß wir nicht wieder bei dem Vertrage mit Amerika schlecht wegkommen. Wir haben jetzt bolles Vertrauen zu den leitenden Staatsmännern, daß sie auch bei dem Abschluß der Meistbegünstigungsverträge die nationale Arbeit voll schützen werden. Es ist doch nicht außer Acht zu lasten, daß die Landwirt­schaft auch bei den jetzigen Verträgen namentlich bei Holz, Gerste, Malz und Mehl sich große Opfer hat. auferlegen miisten. Die Land­wirtschaft hat an sich an langfristigen Verträgen kein Interesse, aber da sie die Industrie für unentbehrlich hält, so wird sie sich ihnen nicht widersetzen. (Bestall rechts.)

Abg Dr. Sattler snatl.): Namens meiner Partei habe ich fol­gende Erklärung zu verlesen:

Bei der Abstimmung über den Zolltarif sind wir von der Vor­aussetzung ausgegangen, daß er als die Grundlage für eine bessere Berücksichtigung der Landwirtschaft unter gleichzeitiger Herbei­führung langfristiger Handelsverträge zu betrachten sei. Diese unsere Voraussetzung ist durch die Vorlage der sieben Handels­verträge in Erfüllung gegangen.

Wenn wir im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwickelung aller Erwerbsstände des Skeiches unsere Zustimmung zu diesen Handelsverträgen geben, so können wir doch nicht den Hinweis darauf unterdrücken, daß leider nicht alle berechtigten Interesten der Industrie und der Landwirtschaft, sowie des Handels und der Kewerbe zur Geltung gebracht worden sind. Aus diesen Gründen

muffen wir dem Wunsche Ausdruck geben, daß es den verbündeten Regierungen gelingen möge, bei dem Abschluß wefterer Verträge die volle Gegenseitigkeit zu erreichen, so daß Leistung und Gegen­leistung in einer die deutschen Interessen befriedigenden Weise ge- staltet werden.

Abg. Payer (südd. Volksp.): Wir werden gegen sämtliche Ver­träge . stimmen, mit Ausnahme des belgischen und des italienischen, da die Verträge unserer Industrie großen und schweren Schaden zufügen, nur zu dem Zweck, daß unserer Landwirtschaft höhere Zölle bewilligt werden. Graf Limburg meinte zwar, die Landwirtschaft habe kein Intereste an den Ver­trägen; ich habe ihm hier nicht zu folgen vermocht. Die Verträge kommen doch <ntf Kosten der Industrie lediglich der Landwirtschaft zu gute. Sie bekommt höhere Getreidezölle und höhere Viehzölle und hat nur bei ganz geringen Positionen niedrigere Zölle zu ver­zeichnen. Der Bund der Landwirte ist zwar noch immer nicht zu­frieden, obwohl zu Gunsten der Großgrundbesitzer die Konsumenten schwer belastet werden. Die Regierung ist bei den Verträgen voll­ständig blind gewesen gegenüber dem Unterschied zwischen Land­wirtschaft und Landwirtschaft. Die nur Getreide und Kartoffeln produzierenden Großgrundbesitzer haben zwar ein Interesse an den Zöllen, aber keineswegs die kleinen Bauern. Mer die Großgrund­besitzer haben die Melodie von dem Nutzen der Getreidezölle so lange den Dauern vorgepfiften, bis die Bauern sie nachpfesten gelernt haben.

In kurzer Zeit werden wir die Folgen der Verträge ja er­leben und dann wird cs sich zeigen, daß die Interessen der großen und kleinen Landwirte nicht identisch sind. Vielleicht wird dann mancher, der geglaubt bat, eine Wurst bekommen zu haben, nur die Haut mit nach Hause bringen. Die Regierung hat nun gesagt, ja Handel und.Industrie werden es schon verstehen, sich mit den Ver­trägen anseinander^nfetzen. Freilich war die fatalistische Resig­nation, mit der die Vertreter des Handels und der Industrie öffent­lich zu den Vertragen Stellung nahmen, nicht gerade imponierend. Wenn, das nicht anders wird, wird es ihnen nach zwölf Jahren nicht um ein Haar bester gehen. Die Herren Kommerzienräte haben eben noch Bedenken, oben anzustoßen. Diese zarten Rücksichten hat der Bund der Landwirte längst verlernt. Wer heute vorwärts kom­men will, muß die Glacehandschuhe aussteben und sich auf seine rücksichtslosen Ellenbogen und seine unermüdliche Lunge verlassen. Heute ist ein gesunder Egoismus unbedingt nötig. In Süddeustch- land herrscht eine stets wachsende Erregung, daß man bei den Ver­trägen die süddeustchen Interessen so wenig berücksichtigt hat, namentlich hat die süddeutsche Müllerei stark gelitten.

Und weshalb das Ganze? Was soll nrit den Millionen ge­schehen, die angeblich aus den Zolleinnahmen uns zufließen? Wit­wen- und Waisenversicherrmgl Ja, ich glaube nicht recht daran.. Für die Kleinen wird nichts abfallen. Zumal wir jetzt bereits wieder von einer Erweiterung der Flotte hören. Der Bund der Landwirte hat auf der ganzen Linie gesiegt. Wir werden in den nächsten Jah­ren manchen Industriezweig, manches brave Geschäft zu Grabe tragen. Die Großen werden noch größer werden, auf Kosten des Miftelstandes, den man ja immerschützen" will. Eintreten rnüsien alle diese Folgen, ob ftüher oder später. Die Verantwortlichkeit dafür wollen wir aber denen überlasten, die den Nutzen haben. Wir wollen sie auch nicht zum kleinsten Teil tragen. (Beifall links.)

Abg. Gamp (Nv^) bringt einige Svezialien vor, da er bei der voraussichtlichen Enblocannahme der Verträge nachher keine Ge­legenheit mehr dazu findet. Er spricht z. B. über die Transitläger, und hofft, daß deren letzte Stunde geschlagen habe, mit Ausnahme derjenigen in Mannheim und Ludwigshafen. (Graf Posadowskh nickt, was Redner als ein zustimmendes Nicken mit Beschlag belegt.) Was der Kollege Paper vorgebracht, sei schon hundertmal widerlegt, der Niedergang der kleinen Mühlen habe andere Ursachen, als der Abg. Paver glaube. Wenn Herr Paper ein fühlendes Herz für die kleinen Mühlen habe, müste er für eine Umsatzsteuer der großen Mühlen stimmen. Redner schließt mit den Worten, daß seine Freunde für die Verträge stimmen würden, fteudigen Herzen? täten sie dies nicht, weil viele Wünsche der Landwirte unerfüllt geblieben seien. (Lachen links.) Herr Vaper habe früher das Lob der Regierung gesungen, weil sie den Getreidezoll auf 3% Mark ermäßigt habe, imb die jetzige schwer angegriffen, weil sie den Zoll wieder' auf 6 Mk. erhöhte. Wegen dieser lumpigen anderthalb Mark (Lärm links) hätte Herr Payer sich doch nicht so in Haß reden sollen. «

Abg. Gothein sfreis. Ver.) erklärr, daß seine Freunde dem Vor­schlag des Abg. Gamp, die Verträge en bloc anzunehmen, wider­sprechen würden. Die Handelsverträge haben uns in eine . sehr schwere Situation gebracht. Der Rechten wurde zugetuschelt: Stimmt dafür, sonst bleiben die alten bestehen, der Linken, tuschelte man ins Ohr: Stimmt dafür, sonst tritt der autonome Tarif in Kraft. Ange­sichts dessen hat die Negierung an die Gewissenhaftigkeit der Mge- ordneteU schwere Anforderungen gestellt. Nun muß ich noch einmal auf die Frage zurückkommen, ob Fürst Bismarck sich für den 1 Markzoll ausgesprochen hat. Lebhaftes Oho! und Aha! Rufe rechts.) Redner verbreitet sich ausführlich über diese Frage und er­wähnt auch einen Brief des Fürsten Bismarck, in dem dieser sich für diesen Zoll erklärt haben soll. Daß dieser Brief nicht bei den Akten gefunden ist, ist ganz klar. Abg. v. Kardorff meinte, das Niveau des Reichstags sei gesunken. Das mag sein als Folge, daß jetzt die Linke so schwach vertreten ist. (Lachen rechts.) Wer aber in Wahrheit das Niveau herabgedrückt hat, das ist doch nur die aararische Rechte, die einem so ohne weiteres einen Ochsen oder Esel an den Kopf schmeißt, und zwar so geschickt, daß der Präsident nicht eingreifen kann. Ferner heißt es dock, das Niveau nicht heben, wenn man so wichtige Sachen, wie die Handelsverträge so übers Knie bricht, nur damit man schnell die Beute nach Hause bringen kann.

Vom Standpunkte des Reichskanzlers mag es als ein Schweine­glück gelten, daß die Verträge zustande kommen; aber das Schweine­glück des Reichskanzlers ist nicht das de? deutschen Volkes, für das deutsche Volk sind diese Verträge ein Unglück. Ohne die Zölle auf Gerste, Weizen, Roggen und Hafer könnte das deutsche Volk jährlich eine Milliarde mehr für Butter, Käse, Milch, Obst und Gemüse ausgeben. (Lachen rechts.) Die Getreidezölle müssen fallen und werden fallen, wie sie in England gefallen sind. (Lachen rechts) Es ist nicht wahr, daß die Landwirtschaft in England zu Grund- gegangen ist. weil di- Zölle gefallen sind. Di- L-ute die das behaupten, kennen die V-rhaltmst- nicht. Ti- engli,chen Arr- swkraten sind zu vornehm, um für sich auf Kosten der Allgemeinheit, Vorteile zu verlangen (Lachen rechts), und Gott sei Dank gibt es auch bei uns noch Edelleute genug, die keine Getreidezölle wollen. Wenn die Nationalliberalen gewußt hätten, inte die Hanhelsvcr- Säge auss-hen würd-n. sie hätt-n di- Kardorsfcrei vielleicht nickt mitgemacht. Mcr auch di- Industrie ist nicht schuldlos an den Bertragen hat dock der Z-ntralverband sich an die Spitze der Schutz- Zöllner gestellt. Di- Mehrzahl meiner Freunde -st nicht in der Lage sür die Bcrträge zu itunmen. sB-ifall links.)

Staatssekretär Graf Posadowsky: Gegenüber der Behauptung des Abg. Gothein möchte ich nochmals erklären, daß ich in sämt­lichen Papieren des Reichsschatzamts, des Reichsamts des Innern, des preußischen Handelsministeriums auch nicht den Schimmer eine- Anhalts dafür gefunden habe, daß Fürst Bismarck jemals beabsich­tigt härte, oie Getreidezölle auf 1 Mark herabzusetzen. Nun hat Herr Gothein einen Gegenbeweis dadurch versucht, daß er fagte, ein Bekannter von ihm hätte einen Brief gelesen, in dem stand, daß ein anderer Herr sich über die Bemerkung des Herrn Gothein bestätigend geäußert hätte. (Große Heiterkeit rechts.) Gewiß, im Beweisverfahren kann auch die Traditton heranHezogen werden, aber doch nur dann, wenn man Material für die Richtigkett dieser Tra­dition bat. Solches Material steht aber gegenüber dem urkund­lichen Material, das in meiner Hand ist, absolut Herrn Gothein nicht zu Gebote. Im Gegenteil, die Tatsachen sprechen für mich, da Fürst Bismarck den 3,50 Mk.-Zoll auf 6 Mk. erhöht hat. Wenn der Abg. Molkenbuhr erklärte, die Sozialdemokrcttie würde ht gleicher Weise gegen die jetzigen Verträge agitieren, wie die deutsche Landwirtschaft gegen die Caprivischen Verträge agitiert hätte, so sehe ich in dieser Darstellung doch ein Körnchen Anerkennung dafür, daß die Landwirtschaft durch die früheren Verträge in eine schwierige Lage gekommen war. Nur so könnte das Wort des Herrn Molken- buhr logisch genannt werden Daß Süddeuffchland bei den ietziaen Verträgen ungünstiger behandelt wäre als Norddeuffchlano oder das übrige Deutschland ist eine Legende. Süddeutschland parti­zipiert doch an sämtlichen Getreidezöllen und ebenso an dem wich­tigen Biehzoll. Süddeutschland hat wichttge Vorzüge in Betteff auf den wichttgen Grenzverkehr mit Vieh erreicht. Wie kann man da behaupten, daß es ungünsttger gestellt sei. Die Stellung des Mg. Paper ist mir noch nicht klar. Will er gegen die Verträge sttmmen, weil Norddeutschland zu viel oder weil Süddeutschlaud zu wenig bekommen hat?

Nun wird von der linken Seite des Hauses es so dargestellt, als ob die Bundesstaaten außer Preußen an den Handelsverttags- verbandlungen gar nicht beteiligt gewesen sind. DaS ist vollkommen unrichtig. Bei den inneren Verhandlungen sind sie in allen Stadien beteiligt gewesen. Mer bei den direkten Verhandlungen mit den fremden Staaten war es nicht möglich, Kommiffare aus allen 26 Bundesstaaten (also über 100) teilnehmen zu lasten. Darauf wären die ftemden Staaten wohl schwerlich eingegangen.

In einem Zeitungsartikel wttd mir vorgeworfen: ich schiene nicht zu wisten, daß unsere Industrie im Auslande zahlreiche Filialen besitze. Mer diese Filialen sind ja zum größten Teile gerade unter der Caprivischen Verttagsära gegründet worden. Was soll also damtt bewiesen werden? Und gegenüber den jetzigen Ver- ttägen ist in Oesterreich gesagt worden: es würden nunmehr öster­reichische Industrielle Filialen in Deutschland anlegen muffen. (Heiterkeit.) Uebrigens rechnet man auch in industriellen Kreisen darauf, daß die Einfuhr nach Rußland auch unter den höheren Zollsätzen dieselbe bleiben wird wie ftüher. Das wird von Kennern durchaus anerkannt. (Zuruf links: Nur von Kennern! Groß« Heiterkeit.)

Nun sagen Sie immer (nach links): Die Politik der Regierung sei unklar, man wolle doch wisten. wohin die Reise geht, und ich habe die Frage aufwerf-n hören, wie man gleichzeitig Agrar- und Sozialpolitik treiben wolle. Ich meine, diese beiden Wege kreuzen sich nicht, sondern sie führen zu demselben Ziel. (Sehr richttgl rechts.) Wir haben in Deutschland das radikalste Wahlrecht der Welt. (Zurufe links.) Ich habe festgestellt, daß in Deutschland das unbeschränkteste und radikalste Wahlrecht besteht, das cs überhaupt gibt. (Erneute Zurufe und Unterbrechungen.) Ich erhebe keinen Vorwurf dagegen. Aber Sie wisten: jeder Preuße hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern (Heiterkeit), und ich bin auch ein Preuße. In feinem Lande besteht auch eine so starke Neigung, bei jedem, seine Lage zu verbessern, in eine höhere soziale Schicht aufzurücken, wie in Deutschland. In diesen Seiten des deuffchen Volkes liegen wichttge Momente des wirtschaftlichen und geistigen Forffchritts, und ich glaube, daß ein großer Teil des wirtschaft­lichen Aufschwunges auf dem Forffchritt der allgemeinen Bildung beruht. Mer dadurch ist in unser ganzes politisches und öffent­liches Leben eine nervöse Hast gekommen, ein Drängen und Treiben, das wiederum auch große Gefahren mit sich bringt.

Die politische und Die amtliche Maschine arbeitet mit einet Nervosität, Die unter Umständen bis zur Selbstvemichtung gehen könnte. (Lachen bei den Soz.) Bei diesem rastlosen Gang unserer polittschen Maschine bedarf es eines polittschen Gegengewichts. Wenn dieses polittsche Gegengewicht nicht bestände, würde unsere Polittk einen Gang annehmen von einer Schnelligkeit, daß auch Ihnen Angst und Bange Dabei würde. (Zuruf b. o. Soz.: Keine Sorge! Heiterkeit.) Deshalb bedürfen wir unter allen Umständen dieses politischen Gegengewichts, und das sehen wir in der deuffchen Landwttffchaft. (Lebhafter Beifall rechts.) Sie ist Der feste Anker unseres Staatsschiffes. (Erneuter lebhafter Beifall rechts.) Durch kein polizeiliches Mittel kann Die Bevölkerung auf dem Lande fest- gehalten werden, wir müsten daher Agrarpolitik treiben nach der Richtung, daß die Bevölkerung auf Dem Lande sich wohl fühlt, daß ihr Cktoerbc gedeiht und daß sie Die Scholle lieb behält. (Beifall rechts.) Dieses Gegengewicht können wir nicht finden in Dem Flug- fanD Der stäDtischen Bevölkerung, die ja kaum noch eine Heimat kennt. (Sehr wahr! rechts.) Wie viel Berliner sind denn überhaupt Ber­liner? ((Erneute Zustimmung rechts.)

Nun sagt man. Dieser ganze Zolltarif und die ganze sozial» polittsche Aftion käme überhaupt nur dem Großgrundbesitz zu gute. Ich möchte hier nur eines sagen und Darin stimme ich in gewisser Hinsicht mit der Linken überein. Wir haben im Osten zu viel Großgrundbesitz und sin Westen zu viel Zwergbesitz, und deshalb habe ich schon erklärt, ich wünschte. Daß nicht nur in den Ansiedlungs- provinzen sondern auch in den übrigen Provinzen Mittel zu haben wären, um einen Teil des Großgrundbesitzes in bäuerlichen umzu- wandeln und ich freue mich, daß jetzt diese kolonisatorische Tätigkeit wenigstens in Preußen auch auf andere Provinzen ausgedehnt wird, aber der Großgrundbesitz ist gleichwohl notirenDig für unsere hoch- entwickelte Selbstverwaltuna. (Großes Gelächter links.)

Der Großgrundbesitz ist bisher doch der Führer im landwirt» schaftlichen Fortschritt gewesen. Er kann Versuche mit neuen Dünge­methoden, neuen Maschinen machen, die sehr kostspielig sind und die der kleine Mann nicht machen kann. Besonders wird nun aber von der linken Seite losgezogen gegen den befestigten Groß-Grundbesitz. Sie mögen über die Fideikommisse denken wie Sie wollen, aber ein großes Verdienst haben sie für Deutschland, daß sie uns den deut­schen Waldbestand erhalten haben. (Sehr richtig rechts.) Wenn wir nicht den festgelegten Fideikommiß hätten, so wäre Deutschland schon längst so kahl Ivie ein Turkenkopf. Was der Wald aber für Deutsch­land bedeutet, in wirtschaftlicher, klimatischer und ethischer Bezie­hung, daö brauche ich Ihnen nicht auseinanderzusetzen.

' Neben der Agrarpolitik müssen wir nun allerdings aber auch Sozialpolitik treiben. Wir erkennen, daß mit den gesteigerten An­forderungen der Zeit auch die Massen gesteigerte Ansprüche haben sollen. Wir . wollen Sozialpolittk treiben, indem wir die Ncaffen vollständig wirffchaftlich gleichberechttgt machen, um den Arbeiten;«