Nr. 43
Mittwoch, 22. Februar 1905
155. Jcchrg.
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Grnerai-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Liehen.
'H ulametttarifche Verl'.auöinuqen.
Kachdruck ohne Vereiubarusy nicht gsstaLtet.
Deutscher Reichstag.
144. Sitzung vom 21. Februar, 1 Uhr<
Das Haus ist gut besetzt.
Am Bundesratstische: Bei Beginn der Sitzung nur Komtur s s a r e.
Auf der Tagesordnung steht zunächst die namentliche Abstimmung über den Antrag, den Toleranzantrag des Zentrums an eine Kommission von 28 Mitgliedern zu ver- weisen. Der Antrag wird mit 161 Stimmen gegen 113 Stimmen angenommen bei einer StimmenthaUung. „
Es folgen Resolutionen bezw. Initiativanträge betr. Errichtung emes Reichsarbeltsamts.
Die Abgg. Freiherr Heyl zu Herrnsheim (nl.) und Genossen beantragen:
die verbündeten Regierungen zu ersuchen, dem Reichstag baldigst einen Gesetzentwurf vorzulegen, welcher dre Errichtung eines Reichsarbeitsamts schafft, mit der Maßgabe, daß auf dasselbe die Obliegenheiten und Befugnisse der Kommission . für Arbciterstatistik übergehen, und daß ihm zu gleicher Zahl Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer als ständige Beisitzer angehören. r
Die Abgg. v. Chrzanowski (Pole) und Genossen fordern einen Gesetzentwurf, kraft dessen ein R e i ch s arb eit§ a mt, Arbeitsämter und A r b e i t s k a m m e r n geschaffen werden zwecks Erhebungen über die Lohn-, Arbeits- und Lebensverhältnisse des Arbeiterstandes, Kontrolle über die Ausführung der Arbeiterschutzbestimmungen und friedlicher Beilegung der aus dem Arbeitsverhältnis entstehenden Streitigkeiten zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
Die Sozialdemokraten Auer und Gen. haben einen vollstän- bigen Gesetzentwurf von 42 Paragraphen eingebracht, in dem Bestimmungen über Errichtung eines Reichsarbeitsamtes, von Arbeitsämtern, Arbeitskammern und Einigungsämtern vorgesehen sind.
Abg. Thiele (Soz.) befürwortet den sozialdemokratischen Gesetzentwurf. Die Forderung nach einem Reichsarbeitsamt und Arbeitskammern ist schon uralt, wir haben sie schon gestellt, als wir noch eine halbe Million Stimmen zählten. Das Zentrum hat uns nie dabei unterstützt. Daß Frhr. von Stumm sich stets dagegen ausgesprochen hat, ist wohl natürlich. Er meinte, Arbeits- kammern würden nur die sozialdemokratischen Gewerkschaften stärken und sprach die Hoffnung aus, daß die Negierung niemals dieser Forderung nachkommen würde.
So ist denn der Wunfch der Arbeiter nach einer gesetzlichen Vertretung bisher unerfüllt geblieben. Es ist eine klaffende Lücke in unserer Gesetzgebung, daß die Arbeiter noch immer keine gesetzliche Vertretung haben. Die Regierung ist mitschuldig daran. Wie segensreich hätten Arbeitskammern bei Stteiks wirken können. Der Streik im Ruhrremer hätte sicher nie diese Ausdehnung gewinnen können, wenn wir Arbeitskammern hätten. Nach Annahme unseres Gesetzentwurfs würde die Rechtslosigkeit der Arbeiter in den wirtschaftlichen Kämpfen beseitigt werden, wahrscheinlich nur aus diesem Gunde ist fre Regierung stets dagegen gewesen. In anderen Ländern hat man den Arbeitern schon eine Vertretung gegeben, u. a. in den Vereinigten Staaten, England, Frankreich, Belgien, Schweiz. Wenn alle diese Länder in der einen oder der anderen Weise den Arbettem eine Vertretung gegeben haben, sollte Deutschland, das angeblich allen voran geht, doch auch nicht länger zögern. Wir haben zwar die arbeiterstattstische Kommission, aber ihre Tätigkeit allem genügt nicht, auch ist sie als Vertretung der Arbeiter in keiner Weise anzusehen. Bescheidener als wir in unserem Gesetzentwurf sind, kann man doch nicht fein. Unsere Hauptforderung ist, daß die Einrichtungen für das ganze Reich getroffen werden. Von Preußen ist nichts zu erwarten, bie herrschende Partei dort, die Konservativen, hat bisher mehr über Kalt- und Warmblüterzucht geredet, als über Arbeiterfragen. Daß die Abeiter nicht imstande sind, sich selbst eine Vertretung zu schaffen, kann man heute doch nicht mehr sagen. Keine Klasse jft so reif dazu, wie die Arbeiterklasse. Die Unreife liegt nur auf feiten der Regierung. Hier wäre eine Gelegenheit für die Regierung, zu zeigen, daß sie nicht mehr dem Kapital untertan ist. Graf Poiadowskv fyxt sich mal über den sozialdemokratischen Staat im
Staate beschwert. Heute denkt er vielleicht anders. Heute macht der andere Staat im Staate der Regierung Kopfschmerzen. Ha: doch erst kürzlich ein Vertreter dieses Staates einen Minister heruntergekanzelt, tote dieser es nicht einem seiner Beamten gegenüber wagen würde. Heute müssen wir die Regierung an die Durchführung der kaiserlichen Erlasse erinnern. Aber die Regierung fürchtet die Arbeitslammern, weil sie glaubt, daß ihr^ eine flammende Anklage barm erstehen könnte. (Beifall b. d. Soz.)
Abg. Patzig (natl.) begründet den Antrag des Abg. Frhrn. von Heyl. Ich glaube nicht, daß der Vorredner mit seiner Begründung der Sache gedient hat, der er dienen will. Wir wünschen zwar auch, daß in Sachen eines Reichsarbeitsamts etwas mehr Dampf darangesetzt würde, aber so schwere Vorwürfe verdient die Regierung doch nicht. Die Regierung hat im Gegenteil in den letzten Jahren sehr viel für die Arbeiter getan. Auch die Tättgkeit der arbettersiatuti- schen Kommission, die in den vielen Drucksachen des Reichstags niedergelegt ist, darf nicht gering angeschlagen werden.. Wir wünschen zwar ein Reichsarbeitsamt, sehen darin aber nur eine Zentralstelle zur Bewältigung aller Arbeiten auf dem Gebiete der Sozial - polittk. Darin entscheiden wir uns sehr von dem Vorredner. Er sagt zwar, er sei sehr bescheiden, aber der Gesetzentwurf der Sozial- oemokraten enthält doch ganz ungeheuerliche Forderungen, u. a. will er das Recht,. Verordnungen zu erlassen, dem Reichsarbeitsamt überlasten, will also mit einem Wort die ganze Tätigkeit des Bundesrats auf diesem Gebiete ausschalten. Daß wir dem nicht zustimmen können, liegt doch auf der Hand. Wir wollen, ein Reichsarbeitsmnt, damit wir eine Stelle haben, bei der alle Fäden zusammenlaufen. Die arbeiterstatisttsche Kommission genügt , uns nicht, denn diese ist abhängig von dem statistischen Amt und dieses ist wieder von dem Reichsamt des Innern abhängig. Ich bitte Sie, unfern Antrag anzunehmen. (Beifall links.)
Abg. Kulerski (Pole) weist auf die ganze moderne Entwickelung hin, die uns Landwirtschaftskammern, Gewerbekammern, Handwerkerkammern gebracht habe. Es sei eine durchaus notwendige Ergänzung dieser organisatorischen Arbeit, wenn sie nicht Stückwerk bleiben solle, daß endlich auch Arbeitskamtoern errichtet würden.
Abg. Trimborn (Ztr.): Die Art, wie die Sozialdemokratie die Sozialpolitik betteibt, macht diese Partei in Wirklichkeit zu einem Bleigewicht für die sozialpolitische Arbeit. Auch der Gegenstand der vorliegenden Anträge sei nicht etwa zuerst von den Sozialdemokraten hier angeschnitten worden, sondern vom Zentrum, und es habe diesmal nur deshalb keinen eigenen Antrag eingebracht, weil es den von der Regierung schon angekündigten Gesetzentwurf ab- toarten will. Wir wünschen in den Arbeitskammern eine Vertretung der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer, und zwar aller Arbeitnehmer, auch der genügen, also der Privatbeamten, zu sehen. Den sozialdemokratischen Antrag an eine Kommission zu verweisen, hat keinen Zweck, da wir ja gelegentlich des nächstjährigen Gesetzentwurfs ohnehin eine längere Kommistionsberatung des Gegenstandes zu erwarten haben; wir behalten uns aber vor, eventuell in zweiter Lesung für motivierte Tagesordnung zu stimmen. Ein Reichsarbeitsamt haben wir von jeher für notwendig gehalten, und wenn Arbeitskammern errichtet werden, ist es als Zenttale für diese geradezu unentbehrlich. Das Reichsarbeitsamt soll das Reichsamt des Innern entlasten, aber es wird ihm untergeordnet bleiben müssen; ich denke mir seine Stellung etwa wie die des Reichsversicherungsamtes. Wir stimmen jedenfalls dem nattonal- liberalen Anträge zu. Den Antrag der Polen wird man zweckmäßiger Weife der Regierung als Material überweisen. Bei dem sozialdemokratischen Antrag ist das nicht möglich, da er einen vollständigen Gesetzentwurf bildet. .
Abg. Pauli (Tonf.) erklärt, daß feine Partei gegen alle drei Anträge fei. Wir glauben nicht, daß diefe Anttäge die Einbringung des von der Regierung versprochenen Gesetzentwurfs beschleunigen werden. Die Anträge, insbesondere der sozialdemokratische, sind überdies geeignet, unsere Produktion zu verteuern und dadurch den Absatz unserer industtiellen Erzeugnisse im Jn- lande und Auslande zu gefährden. (Lachen bei den Soz.) Endlich dient der sozialdemokraüsche Antrag noch besonders dazu, in weiterem Umfange die Arbeiter der Macht der sozialdemokrattschen Führer zu unterwerfen. Wenn der Entwurf der Regierung betr. die Errichtung von Arbeitskammern kommt, werden wir chn wohlwollend prüfen. t v v c , c.
Abg. Mugdan (frei). Vp.) wundert sich darüber, day die Sozialdemokraten Arbeitskammern wollen, in denen Arbeitgeber und Arbeiter zusammensitzen, für wett wirksamre würde er eine
Vertretung der Arbeiter allein in Arbeiterkammern halten. Er sei sowohl für diese Kammern, zur Not auch für Arbeitskammem, wie audj für ein Reichsarbeitsamt. Der sozialdemokratische Gesetzentwurf aber besitze noch erhebliche Mängel. Was fei z. B. ein Reichsarbeitsrat, sei das etwas wie ein Geheimrat? — oder sind es mehrere Personen, etwa wie der Gefundhettsrat? — Der Ausdruck komme mehrfach in dem Entwurf vor, es fehle aber an jeder Deftnitton. Wenn ein Reichsarbeitsamt gegründet werde, so müßte cs vollkommene Selbständigkeit bekommen und nicht dem Reichsamt des Inneren unterstellt werden. Die Sozialdemokr^ie werde dadurch keineswegs unterstützt, denn die meisten Arbeiter schlössen sich nur deshalb der Sozialdemokratie an, weil sie glcmb- ten, daß sie bei den anderen Parteien keine Unterstützung fand«!. Je mehr notwendige Institutionen man den Arbeitern gewahre, um so mehr grabe man daher der Sozialdemokratie das Wasser ab. Er werde heute schon für den Antrag der Nationalliberalen stimmen.
Abg. Raab (Antts.) meint, die ganze Materie schwer ja eigentlich in der Luft, Da ja eine Regierungsvorlage betr. Rectos- fähigkcit der Berufsvereine angelünbigt sei. Erfreulich sei es, daß die Sozialdemokraten heute für Arbeitskammern feien, b. h. Kammern, in denen auch Arbeitgeber vertreten wären, wahrend sie ftüher für reine Arbeiterkammern plaidiert hätten. Hoffentlich würden sich auch die letzten Radikalen auf den Boden einet gesunden Reformbewegung stellen. Er werde heute für den An- traa Hehl stimmen. Der sozialdemokratische Gesetzentwurf, der u. a. auch den Arbeitskammern bas Recht gebe, Gutachten über Gesetzentwürfe zu geben, gehe zu weit. Denn wenn soziakdemo- ttatischc Arbeiter ein Urteil über Handelsverträge geben sollten, würde was schönes herauskommen. Im übrigen seien seine Freunde für eine Weiterentwicklung unserer Sozialpolitik, denn die großen Fortschritte unserer Industrie seien nicht zum geringsten Lett unserer Sozialpolitik zuzuschreiben.
Abg. Dr. Pachnicke (freis. Vgg.) meint, man müsse streng unterscheiden, ob man eine sozial -statistische, oder eine sozial- politische Zentrale wolle. Gegen die erstere sei wohl keiner. Die zweite jedoch gebe zu Bedenken Anlaß. Man hätte für diesen Zweck bereits die Gewerbegerichte, und wenn man die Funktionen dieser Gerichte ohne weiteres einem Reichsarbeitsamt übertragen wolle, so könnte die größte Verwirrung eintreten. Redner erklärt, dem Antrag Heyl Zustimmen zu wollen und befürwortet einen An- tiag, die polnische Resolution dem Reichskanzler als Material zn überweisen. Ehe man ein Reichsarbeitsamt schasse, müße man dessen Funktionen und Kompetenz genau regeln, auch bezüglich peS Verkehrs mit den einzelstaatlichen Behörden.
Abg. Erzberger (Ztr.) sührt aus, daß die Rede des Abg. Mugdan ihn unangenehm überrascht habe. Man sollte sich über die veränderte Stellung der Sozialdemokraten freuen, anstatt ihnen Vorwürfe zu machen. Der fozialbemokratische Gesetzentwurf biete zu so vielen Bedenken Anlaß, daß man ibm nicht zustimmen könnte, auch als Material könnte man ihn nicht überweisen, da Gesetzentwürfe nicht als Material überwiesen werben könnten. Der Hauptfehler des sozialdemokrattschen Entwurfs sei, daß er alle Arbeiter in eirten Topf werfen wolle, anstatt Organisationen für die einzelnen Berufszweige zu schaffen.
Hiermtt schließt die Diskussion.
In seinem Schlußwort verteidigt Abg. Bebel nochmals den sozialdemokrattschen Entwurf. Wenn das Zentrum wirNiche Sozialpolitik wolle, müsse es für den Entwurf stimmen, der dann angenommen werde, da Zentrum und Sozialdemokraten die Majorität hätten. Unrichttg sei die Behauptung, daß die Sozialdemokraten ihre Stellung gewechselt hätten, sie hätten niemals einen Antrag gestellt, Arbeilerkammern zu errichten.
Abg. Pavig wendet sich in seinem Schlußwort gegen die Behauptung, daß Arbeitskammern den Streik im Ruhrrevier hatten verhindern können. Dies wäre nicht geschehen, da in dem sozialdemokratischen Antrag nichts davon stehe, daß vor den Arbeite tammern ein Verhandlungs zwang bestände.
Hierauf wurde der national-liberale Anttag angenommen, der der Polen als Material überwiesen.. Die zweite Lesung des sozialdemokratischen Gesetzentwurfs wird ohne Kommissionsberatung im Plenum stattfinden.
Sodann vertagt sich das Haus auf Mittwoch 1 Uhr, (Dritte Beratung der Handelsverträge.)
Schluß 6^ Uhr
Gießener MMitzealer.
Einakteraberrd.
Eine bekannte und zumeist ein bischen unbequeme Eigenschaft von uns Menschen ist es, daß wir sterben werden, und zwur ob wir wollen oder nicht. „Es kommt ein Schnitter, der heißt Tod", heißt es schon im alten Volksliede. Dieses wenig exzeptionelle Schick)al, das der alternde Marguis in Blumenthals munterem,von früherenÄluMhrungenher hier schon bekannten und auch schon besprochenen Vers- einakter „Wann wir altern", resigniert zu ahnen und leise zu furchten beginnt, behandelt in so origineller als absurder Weise der zweite, ebenfalls gereimte Einakter des gestrigen Abends. Vor 2 Jahren lernten wir auf unserer Bühne bei einer Theatervereinsvorstellung einen einaktigen Totentanz kennen, „tzevbst" von dem Stuttgarter Hofschauspieler Schwüdd-Häßler. Aehnlich ist die Aschermittwochs- dichiung „T o t e n t -a n z" von Aöarx Möller, der manchem miserer Leser bekannt sein dürfte als poetischer Mitarbeiter der vortrefflichen Velhagen und Klasrngschen Monatshefte. Ein König verblaßt seine Hauptstadt, wert dort die Pest ihren Einzug gehalten hat. Tie Königin aber bleibt zurück Sie teilt die allgemeine Ansicht dre Pest raffe nur die armen Leute dahin. Ihren Gemahl hebt sre ebensowenig wie des albernen Königs Leibpavian, und deshalb freut sie sich seiner Abreise U rw lebt trotz der furchtbar verheerenden Epidemie herrlich und in Freuden. Ber euremMasken- feste, das sie rnbt, erscheint ein gehermnisvoller Gast im Schlosse, ein Domino. Er tanzt mit der Königin, umarmt und küßt sie; es ist der Tod. .
Ties einaktige Memento morr fttso etwas wre der ^orso ^iner Tragödie, aber von einem Manne geschaf sen^von merkwürdig undramatisch , künstlerischer Begabung, ^eine niedlichen Kreimer eien irr der genannten Zeltlchvrfr zeugen meist von Geschnrack und feinem, lvenn auch engem Srnn. ’itiefe Mschermittwochi-Komödie" aber nahm sich, wenrgjtens auf unserer kleinen Bühne, höchst — nun sagen wrr mal ganz unverbindlich — seltsam aus. Auf einer großen Brrhne mag ein blendendes dekoratives Trumunddran: das Mastenfest üu Königspalaste mit Tanz, pnd Ges-Mg/. wit der Vorjpregel-
ung lukullischer Genüsse und Orgien nach Mt der nach- tiberanischen Eüsarenausschweifüngen, das gefpeniuge Erscheinen des Todes 2C. re., auf das Gruseln liebende Nerven spannend wirken. 'Die Gießener Bühne aber eignet sich zu solchen Theaterextravaganzen ebenso wenig wie unserJozels- aäßchen zum Gordon-Bennet-Rennen. Möllers Komödie mag entstanden sein unter der Einwirkung von Makarts fardenglühendem Gemälde „Die Pest inFlorenz", dem eineRe- miniszenz an das von Boceaeeio geschilderte große Sterben hi der Arnostadt zu Grunde lag. Aoer wie dieses Gemälde von der heißlodernden Lebensenergie des Rubens kauni ein Atom besitzt, so blutlos und leer ist Möllers kleine Dich^ng gegenüber der plastischen Darstellungskunst des genannteu großen italienischen 'tcovellisten. Entsetzlich ermüdend ist die ungeschickte Expositionsszene zwischen Gräfin und Arzt, und, geradezu einschläfernd die dann folgende langx Erzählung des Todes. Was dann kommt, ist teils verblüffende, künstlerisch abstoßende Mache, teils hohles Versgeklingel.
Dieses Neimspiel braucht vor allem Glanz und Farben, und zudem Maeterlincksche Bühnensprechkunst. Da ist z. B. m. E. gleich die Eingangserzählung der Gräfin vom königlichen Affen nicht mit tiefer Tragik, sondern mit gemachter, pharisäischer Kläglichkeit vorzutragen; die Rede muß tragttomisch wirken. Herr Sandors aber bot em Prachtstück der Redekunst. Das neue Frl. CHristop Herfen hat eine recht vorteilhafte Bühnenerscheinung. Ihr sehr sympathisches Aeußere hätte wohl durch eine etwas vollkommenere Schrnrnkkunsl noch gewonnen. Ihr Organ ist sehr wohllautend und biegsam. ÜHit diesen äußeren Eigenschaften scheint die Reihe ihrer Vorzüge erschöpft. Bewegungen und Blienenspiel sind noch unfertig, Temperament scheint nicht sonderlich vorhanden zu jein und vor allem vermißt man Innerlichkeit, warmes Empfinden. Indes darf man aus dieser kleinen Partie keine bindenden Schlüsse ziehen. Die Dame scheint viel Fleiß zu besitzen, und mit dem läßt sich gar vieles erreichen. Jedenfalls ist sie unter den Theaterdamen dieses Winters neben Frl. Ruf und Frl. R->ri, die seltsamerweise gar bald allzu sehr in den Hintergrund trat, die erfreulichste Erscheinung.
Das Finale des Abends wirkte nach dem „Totentanz" wie befreiend. Es war eine köstliche kleine Komödie, „Der Dieb" von Oetave Mirdeau. Unseren westlichen Nachbarn gilt der stets ein wenig anarchistisch schillernde Monsieur Mirbeau, den ich mir als einen überaus eleganten Pariser Flaneur vorstelle, als Bahnbrecher unter den Modernen. In seiner so beißenden als witzigen und geistvollen Diebes-Satire von amüsanter Frechheit ironisiert er die Theorie der Modernen vom ^Sichausleben". Eine Figur von keckem Humor ist der Gentleman-Einbrecher, der Tags in der feinen Gesellschaft lebt und Nachts in Begleitung seines fashionablen Kammerdieners die Häuser der Reichen auf dem etwas ungewöhnlichen Wege durch Fenster besucht, um der nach seiner Theorie einzig ehrlichen Arbeit in dieser schlechtesten der Welten zu huldigen, dem Diebstahl, während sein Töfftöff an der nächsten Straßenecke wartet. Dieser Meisterdieb stellt den paradoxen Satz aus und „beweist" ihn auch mit der Eleganz eines in der Dialektik der neusloischen Philosophie wohlbewanderten raffinierten Lebenskünstlers, daß der Diebstahl das Ziel jeder menschlichen Tätigkeit bleibe. Und da der Mensch, in welcher bürgerlichen Stellung er sich auch befinden möge, dem Naturgesetz „Du sollst stehlen" doch nicht entrinnen könne, so sei es doch viel anständiger, wenn er, im Gegensatz zu den Aus- übern der meisten anderen Berufe, das Stehlen „offen und ehrlich" treibe, nicht unter allerlei vor der Welt gütigen, gesetzlich geschützten Bemäntelungen, die aber doch jedem schärfer Schauenden offenbar seien. So eignet er sich denn auf dem Wege des Diebstahls an, was ihm „zur Befriedigung seiner materiellen, geistigen und Herzensbedürfnisse notwendig" dünkt; seine „Individualität mußte sich ausleben!" Und schließlich findet der Bestohlene, ein ehemaliger Börsianer, der seine Freude hat an der raffinierten Kunst- und LebenS- kennerschaft und mehr noch an den pikanten Abenteuern seines nächtlichen Gastes wider Willen, dessen Anschauungen gar nicht unübel. Er schickt den in der ersten Bestürzung herbei-^


