Ausgabe 
19.1.1905 Drittes Blatt
 
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Donnerstag, 19. Januar 1905

Gießener Anzeiger

155. Jahrg.

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General-Anzeiger, Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Sieben.

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Antrag, die

als allgemeine Interessen.

Abg. Pauli (Reichsp.): Ich bin auch manchmal vierter Klasse gefahren und babe mich dort sebr wobl befunden. So schlimm, tote sie fiter gemacht ist, ist die vierte Klaffe nicht. Zuiammengepfercht wird man mich manchmal in der zweiten Klaffe. Ich habe jedenfalls in keiner Klaffe so freundliches Publikum gefunden, tote tn der vierten, wenn z. B. ein Mitreisender einen gebrochenen Arm bat. (Große Heiterkeit.) Wenn man die vierte. Klaffe abschaffen wollte, so würde das sicher allgemeinen Widerspruch finden.

Abg. Graf Limburg-Stirnm (kons.): Ich bestreite, daß di- preußischen Bahnen nur fiskalischen Intereffen dienen. Denken Sie doch an die vielen Sekundärbahnen und Kleinbahnen, dte tn Preußen gebaut sind. Daß war erst seit der Verstaatlichung möglich. Ww können die Einnahmen aus den Eisenbahnen nicht mtfferr Denn sonst müßten wir neue Steuerguellen eröffnen. Darum müffen wir alle- vermeiden, toaS die Eisenbahneinnahmen vermindern könnte. Es ist auch nicht richtig, daß in Preußen die allgemeinen Intereffen nicht gewahrt werden. Sehen Sie sich doch nur den preußischen Eisenbahnetat an, der beweist doch das Gegenteil. Der gegen­wärtige Zustand ist jedenfalls der relativ beste und wir wollen an ihm festhalten.

Abg. Stör- ssüdd. 93p.): Wenn die bayerischen, württembergi- schen und badischen Eisenbahnverwaltungen sich zu einer süddeut­schen Gemeinschaft -usammenschließen, dann könnte allerdings Preußen trotz seines Einflusses auf die elsässischen Bahnen lahm­gelegt werden. Aber wie die augenblicklichen politischen Verhältniffe liegen, ist es mir schon lieber, unter dem Einfluß Berlin- al- unter dem von Bayecn zu stehen. (Hört, hört!)

fDTl folgt der Etat de- Rechnungshof- D e u t s ch e R e i ch.

Der Etat wird ohne Debatte bewilligt.

Nunmehr stellt ?lbg. Dr. Sattler (nat.-lib.) den

gegensatze besteht, in der alle Parteien gemeinsame Arbeit tun müffen, als die der fortschreitenden Vereinheitlichung des Etsen-1 bahnwesens. Es gilt, die Rüstung Deutschland? im internationalen Wettbewerb zu stärken, gilt, gewisse noch bestehende Ruckstandtg- keiten, eine gewisse Kraftoergeudung zu beseitigen. Man beruft sich hier oft auf Art. 22 der Reich-verfassung. Ich will mich über diesen viel zitierten Paragraphen heute nicht mehr auslassen, aber darüber kann doch kein Zweifel sein, daß, wenn es in dem Paragraphen heißt, sämtliche deutsche Bundesstaaten seien verpflichtet, die deut­schen Eisenbahnen int Interesse des Verkehrs wie ein einheitliches Netz zu gestalten, die Begründung einer Betriebsmittelgemeinschaft den größten Schritt zur Verwirklichung dieses Zieles bedeutet. Die Selbständigkeit der einzelnen Staaten leidet darunter tn keiner Weise. Es war wohlgetan von Preußen, daß es auch jeden Anschein vermieden hat, als wollte es mit diesen Dingen die anderen Staaten treiben und drängen. Wir sind uns im Süden deffen wohl bewußt, daß rein finanziell und rein fiskalisch genommen Preußen als In­haber der weitaus größten Eisenbahngemeinschaft nicht die mindeste Veranlassung hat, die anderen zu drängen. Es 'st em im besten Sinne fortschrittliche, eckst nationales Werk, das die Betriebsmittel­gemeinschaft verwirklichen soll. Hoffen wir, daß die Verhandlungen sehr bald von einem erfreulichen Gelingen gekrönt werden. (Leb­hafter Beifall.)

Präsident des Reichseisenbahnamts Schulz: Der Herr Abg. Erzberger hat mich um Auskunft gebeten über den Stand der Ver­handlungen über die Beseitigung der Ungleichheit tm Güterverkehr und über die Betriebsmittelgemeinschaft. Diese Auskunft ist ihm von dem Herrn Vorredner bereits gegeben worden lHeiterkeit), und zwar in erschöpfenderer Weise, als ich es vermocht hatte, nZch be­dauere, den einzelnen Wünschen des Abg. Erzberger nach weiterer

für da-

Pattamenlarnche Verhandtnnsten. Nachdruck oyre Vereinoarun« eicht gestattet. Deutscher Reichstag.

Auskunft nicht entsprechen zu L.......

berger geäußerten Wünsche nach Ausbau der Statistik will ich tun, was sich tun läßt, dagegen kann ich ihm auf die internationale Eisenbahnverbindung über den Fernpaß nach Italien leider keinerlei

Aussicht geben. ;

Abg. Reißhans (Soz.): Alles deutet darauf hm, daß wir noch immer nicht zu einer durchgreifenden Tarifrefvrm kommen. Ich wäre dem Herrn Präsidenten Schulz sehr dankbar, wenn er uns ausführliche Auskunft geben könnte. Bisher haben wir noch sehr wenig Erfreuliches erlebt. Im Gegenteil, man hat den Vorort­verkehr und den billigen Sonntagsverkehr eingeschränkt, sehr zum Schaden der ärmeren Bevölkerung.

Abg. Dr. Pachnicke (frei). Vgg.): In einer Wagengemeinschaft erblicken auch wir große Vorteile, wenn unsere Erwartungen auch nicht so hoch gespannt sind wie die einzelner Vorredner. An einer Betriebsmittelaemeinsck'aft haben die kleineren Staaten natürlich ein weit größeres Jntereffe als Preußen. Preußen zog 1903 aus seinen Bahnen 7,3 Proz., Bayern nur 3,33, Württemberg nur 3,03 Prozent. Preußen drängt auch deshalb nicht, sondern will gebeten sein, und das msi Recht. Dringend nötig scheint uns eine Reform der Tarife, sowohl der Personen- als auch der Güter­tarife. Alles drängt dahin, und deshalb muß dieser Wunsch er­füllt werden. Es muß eine Vereinfachung und auch eine Er­mäßigung der Tarife eintreten, selbstverständlich in den Unter­grenzen,'daß die Selbstkosten der Bahnen gedeckt werden.. Das mindeste, was gefordert werden kann, ist ein Einheitspreis, der der Hälfte der gegenwärtigen Rückfahrtkarten entspricht. Die Rückfahrtkarte ist heute nicht mehr haltbar, sie bringt Beschwerden für Reisende und Beamte, darüber sind sich alle einig, deshalb müßte man doch endlich die Konsequenzen ziehen und sie abschaffen. Keinesfalls aber darf man dabei eine Erhöhung des Fahrpreises durchdrucken, wie einen höheren Schnellzugszuschlag, der ist setzt schon hoch genug. Es ist eine längst erwiesene Tatsache, daß Er­mäßigungen keinen Ausfall in den Einnahmen, sondern eine Er­höhung bringen. Für die Tarifermäßigung spricht auch die hohe Eisenbahnrente PeußenS, die doch nichts anderes bedeutet, als eine übermäßig hohe Verkehrssteuer.

Abg. Werner (Antis.) meint, daS ReichSeisenbahnamt habe d,e Erwartungen nicht erfüllt, die man bei seiner Gründung hegte. Es könne daher ruhig eingeben. Wünschenswert wäre es, die Kilometerhefte auf den Reichseisenbahnen einzuführen.

Abg. Dr. Wolff (wirtsch. Vgg.) tritt ebenfalls für die Be- ttiebsmittelgemeinschaft ein, nickst nur aus Sparsamkeitsrücksichten, sondern auch auS nationalen Gründen.

Abg. Storz (südd. 93p.) warnt davor, die Bettiebsmittelgemein- schaft als Allheilmittel anzusehen. Der Krebsschaden der Um­leitungen werde auch nach Einfül rung der Betriebsmittelgemein- schaft nicht verschwinden, immerhin werde er aber vermindert wer­den. Die Ungleichheiten in der Turifpolitik hätten sehr leicht be­seitigt werden können, wenn man sich rechtzeitig dazu entschloffen hätte, das ganze Eisenbahnwesen zur Reichssache zu machen. Leider scheint die Zeit dazu verpaßt zu sein. Notwendig ist eine Tarifreform, die auch eine Verbilligung der Personentarife vor­sieht Redner beschwert sich noch über einen dem Verkehr un­günstigen, die Umleitungen betreffenden Erlaß der badischen Eisenbahnverwaltung. ..

Staatsrat Scherer erwidert, Baden befinde sich m dieser Hin­sicht in der guten Gesellschaft Württembergs und anderer VundeS- staaten So viel er wisse, seien übrigens auf Anregung des Reichs- eisenba'hnamts alle diese Erlasse schon wieder zurückgenommen worden.

Abg. Pichler (Ztr.) meint, daß die Erhebung des Eisenbahn­wesens zur Reichssache eine sehr wesentliche Erweiterung der Kompetenz deS Reiches zum Schaden der Einzelstaaten mit sich bringen würde. Dagegen sei eine Betriebsmittelgemeinschaft so schwerwiegenden Bedenken nicht ausgesetzt, sie fei ein Fortschritt, trenn auch vor übertriebenen Hoffnungen gewarnt werden müsse. Eine Vereinheitlichung in dem Sinne, daß etwa auch in Süd- deutschland die vierte Wagenklasse eingeführt werde, könne er nicht billigen. Er hoffe, daß Bayern und Süddeutschland überhaupt mit der vierten Wagenklaffe verschont bleiben werde. Daß die Tarif­festsetzung Sache des Reichstages wird, wünsche ich nicht. Gott bewahre uns vor dem Jnteressenkrieg der einzelnen Gruppen, der dann hier entfacht würde. Außerdem müßte sich dann der Reichs­tag in Permanenz erklären. Jedenfalls dürfte eine solche Aufgabe also wenigstens nicht eher dem.Reichstage übertragen werden, als bis er Diäten bekommt. (Heiterkeit und Zustimmung.)

Abg. von Gerlach (freif. Vgg.): Ich bin oft 4. Klaffe ge­fahren, weil mir die Passagiere dort interessant sind und man dort viel vom Volksleben lernen kann. Ich kenne also die 4. Klasse genau, und ich muß sagen: sie gereicht Preußen nickst zur Ehre! Ich wünsche, daß die Einzelstaaten in ihrem Widerstand gegen die Einführung der 4. Klasse nickst nachließen. Süddentschlan ist wirk­lich zu preisen, daß es diese Kulturerrungenschaft nicht kennt. : Die Betriebsmittelgemeinschaft halte ich natürlich für etwas ganz i außerordentlich Erfreuliches. Aber sie darf keinen Kulturrückschrftt . mit sich bringen.

weitere Beratung zu vertagen.

Der Eintrag wird gegen die Stimmen der Rechten ange» h °Präsident Graf Ballestreui Hit mit. daß die freisinnige Inter­pellation über die Schiftahrtsabgaben auf den Wafferstrahen nicht vor dem 26. Januar beantwortet ivcvbeti könnte.

Nächste Sitzung: Donnerstag, 1 Uhr. a h l Prü­fungen und P o st e t a t.)

Schluß Uhr

121. Sitzung vom 18. Ianu a r.

1 Uhr Tas Haus ist äußerst schwach besetzt.

Am Bundesiatstisch: Dr. S ch u l z u. a

Zunächst wird entsprechend dem Anträge der G e s ch a ft § «rdnungskommission die Genehmigung zur Einleitung den Strafanträgen gegen die 9bgg. S ch e i d e man n (Soz ), Gerstenberger (Ztr.), Dreesbach (Soz.). Schmidt- Frankfurt (Soz.) verweigert.

Sodann setzt das Haus die zweite Etatsberatung beim Etat h-s Reichseisenbahnamtes fort.

Abg. Erzberger (Ztt.): Ick möchte doch gern einmal wissen, wie es denn eigentlich mit unserer im Vorjahre angenommenen Reso­lution steht, die von der Einschränkung der Ungleichheiten1 berkbr handelt. Zu hoffen und zu wünschen wäre es, daß die Ver Handlungen über die deutsche Tarifgemeinschaft ^ ^ald zu emem aedeilstichen Abschluß geführt werden. Liegt diese Gemeinschaft doch so sehr im nationalen Interesse! Freilich, die Aufgabeist vor allem die: es muß ein Weg gefunden werden, der den. Interessen des Güterverkehrs nach Möglichkeit entgegenkommt dabei aber doch die Hoheitsrechte der einzelnen Bundesstaaten wahrt. Tenn daß diese irgendwie eingeschränkt oder gar beseitigtwerde' dagegen bin ich ,'Erzberger) ganz und gar. Ueber die vorzügliche Unfallsta tist i l des Reichseisenbahnamts habe ich mich sehr gefreut. Redner äußert aber noch einige Wünsche auf Ausgestaltung derselben Ferner wünscht er die Einrichtung einer internationalen Eisenbahnverbin­dung über den Fernpaß nach Italien. m

' Abg. Dr. Hieber (natl.j: Die Frage der Tarif- und BettiebS- mittelgemeinschaft stellt zur Zeit eine der wichtigsten für un er ganzes wirtschaftliches und nationales Leben dar. In den Volks­vertretungen von Württemberg, Bayern, Baden, Sachsen usto. ist diese Frage verbandelt worden. Wir hier tm Reichstage sind aber in einer gewissen Verlegenheit, wenn wir über sie sprechen wollen. Wir haben nämlich feinen Titel tm ganzen Etat, wo sie so recht hinpaßt. Wir. müssen sie ^her beim Reichs- eifenbabnamt vornehmen, obgleich wir alle s« doch recht gut wissen, daß daS Reichseisenbahnamt so gut wie machtlos ist, wenn es gut, einen Fortschritt in der Richtung der weitern Einheit unseres ftffen babnwesens zu erzielen, daß vielmehr einzig maßgebend die par­tikularen Eisenbahnverwaltungen sind.

Schon im vorigen Jahre habe ich barüber gesprochen, wie der Zersplitterung unseres Eisenbahnwesens ein Ende zu machen und dieses allmählich zu einer größeren Ernheitzufuhren sei. Ich sagte damals, das einzige Mittel merzu sei d'e Bildung emer Be­triebsmitte lgemeinschaft. Ich erwähne das nicht, um ^.r10^^' ansprüche für diesen Gedanken geltend zu machen -- keineswegs, eg ist in der fachmännischen Presse und auch tn anderen Kreisen schon aufgeworfen und zur Genüge erörtert worden. Ter Gedanke bat auch mittlerweile sehr große Fortschritte gemacht.. Aus Veran­lassung der Eisenbahnverwaltung hat sich eine Ltudienkommiftion aebifbet, die beständig alle einschlägigen Materien zu prüfen hat. In Heidelberg und Berlin haben oft Ministerkonferenzen und Kon­ferenzen der verschiedenen Eisenbahnverwaltungen stattgeftmden. Es wird mir nicht als Lokalpattiotismus angerechnet werden, wenn ich mich nicht bloß darüber freue, daß alle deutschen Bundesstaattn endlich sich zu diesem Gedanken bekannt haben, sondern auch tm Speziellen darüber, daß gerade von einem engeren Hetmatlande der Anstoß zu einer weiteren Behandlung dieser Frage gegeben worden ist In Berlin ist ja von dem Präsidenten der württembergtseyen Eisenbahnverwaltung ausdrücklich festgesteNt worden, daß der König von Württemberg den Anstoß gegeben hat in einem Schreiben an den König von Preußen. Ich bin sehr erfreut über das freund­liche Entgegenkommen, das dieses Schreiben gefunden hat. Aus die Fragen der Ungleichheiten im Güterverkehr, der Tarsireform usw. gehe ich nicht ein. Diese Fragen sind zur Zeit völlig tm Fl uff und ein Eingehen b irauf könnte die Verhandlungen eher stören als fördern Ans demselben Grunde will ich auch auf die Fragen, die mit der Betriebsmittelgemeinschaft selbst Zusammenhängen, nicht eingehen. Es finden ja hierüber fortgesetzt weitere Verhandlungen statt, die hoffentlich in der nächsten Zeit zu einem gebetbWn Ab­schluß sichren werden. Es gereicht mir zu großer Befriedigung, daß man sich in diesen Verhandlungen nicht heschränkt hat auf bie ?vrage der Guterwaaen Gemeinschaft, sondern daß man. auf die volle Be- triebsmitt-'s-Gemeinschaft gekommen ist. Aber die Sache geht noch weiter. Die Betriebsmittel-Gemeinschaft führt ganz von selbst zu einer einheitlichen Beschaffung deS gesamten Betriebs-Materials. Das erfreuliche Ergebnis der Verhandlungen war: Es gibt gar keine andere Lösung der schwebenden Fragen, als eine durchgrei­fende, systematische, einheitliche Ordnung des ganzen Eisenbahn- ^etriebswesen.

Abg. Gothein ffreif. Vgg.) meint dagegen, in Preußen stagniere alles, eS würde eine Thesaurierungspolitik befolgt. Die Klein­bahnen würden doch größtenteils vom Privatkapital gebaut. Hohe Tarife seien nur eine Verkehrssteuer, die den Verkehr hemmten. Im LandeSeisenbahnrat würden nur Sonderinereffen vertreten, nickst das allgemeine Jntereffe, es würde dort hin- und borge* schachert, um zwei Sonderintereffen auszugleichen. ES sei Pfticht des Reichstags, ständig darauf hinzuwirken, daß der verknöcherten Tarifpolitik ein Ende gemacht werde.

Die Abgg. von Gerlach und Dr. David bleiben dabei, daß die 4. Klaffe menschenunwürdige Zilstände auftoeifen.

Abg. Graf Limbnrg-Stirnm bestreitet das. Im Jntereffe der armen Leute müßte die 4. Klaffe beibehalten werden.

Abg. Dr. Müller-Sagan (freif. 93p.) bezweifelt^ daß der Mg. Pauli den Befähigungsnachweis besitze, die Zustände in der 4. Klaffe zu beurteilen. Er stehe sicher ganz allein, seine Rede sei ein Hohn auf die, die 4. Klaffe führen.

Abg. Held (nat.-lib.): Auch ich bin der Überzeugung, daß die vierte Klasse in vielen Punkten verbeffert werden könnte. Do« allen Dingen müßte die Personenzahl festgesetzt werden, damit kein lebensgefährliches Gedränge ftattfinbet. Doch das eine irept fest, daß eine große Menge Leute die vierte Klaffe nickst entbehren wollen. Vor allen Dingen sind es Landleute, die mit ihren Produkten fahren, dann die Handwerker, die Italianos mit ihren sogenannten Kunst­produkten usw. Kurz und gut, wir können die vierte Klaffe nicht entbehren. (Zuruf: Süddeutschland!) Ja, wie e8 in ?uddeutsch- land ist, das weiß ich nicht. Meine Ansicht ist, daß die vierte Klaffe verbeffert, aber nicht abgeschafft werden muß.

9lbg. Pauli-Oberbarnim (Rvt.): Man hat gesagt, ich hatte mich dahin geäußert, die bierte Klaffe sei stuft kein Wort habe ich davon gesagt. Ich bin durch Zufall vierter Klaffe gefahren, und da bin i ch sehr bequem gefahren. (Heiterkeit.) Wetter die jetzigen Reisenden vierter Klaffe betrifft, so bezweifle ich fern:, ob sie den Wunsch haben, so teuer zu fahren, wie die m Suddeutsch­sand (Sehr richtig!) Ja, wenn wir tn Zukunft einmal dazu kommen, beides zu vereinigen, Billigkeit mit Bequemlichkett . . . aber dieses Ideal werden wir noch recht lange nickst erreichen. Ito babe nut das eine sagen wollen, so lange die Leute nickst dritter Klaffe so billig fahren können, wie jetzt in der vierten Klaffe, wollen sie mit den Süddeutschen nicht tauschen.

Hiermit schließt die Diskussion.

Der Etat deS ReichSeisenbahnamtS

Daß eine solche Gemeinschaft über daS ganze Deutsche Reich sie segensreichsten Folgen haben wi<d, darüber brauche ich mich hier nicht erst ausführlich auszulaffen. Sie ermöglicht ja die volle Frei- pigigfeit aller Güter- und Versonentoagen. Sie führt zu einem »inbeitlichen Werkstätten-System, zu einer einheitlichen Koh len- 9ef(tiafrung, hat alfo in wirtschaftlicher, technischer und nationaler Einsicht die allersegensreichsten Folgen. lLebhafte Zustimmung.) E)a5 rollende Material der deutschen Eisenbahnen repräsentiert jur Zeit einen 23er; von 2 Milliarden Mark. Wenn es gelingt, )hne Antastung des Eigentumsrechts der Einzelstaaten, diesen zanzen Berr^ebsmsitelyark für die Benutzung zu einem einheitlichen su gestalten, so bringt das ungeheure Vorteile mit sich. Sachver- jänbige haben behauptet, daß in Deutschland zur Zeit infolge der Zersplitterung der Betriebsmittel-Verwaltuiig mehr als 4 Millionen llchsen im Jahre mit leeren Wagen laufen. Das würde sich bei der Vereinheitlichung ändern. Welche Ersparnisse ergibt dies nicht schon allein, und dann weiter, wieviel mühsames, kostspieliges Schreiberwerk, wieviele Verwaltungskosten werden erspart! All jas bewirft doch eine erhebliche Verbilligmig des Betriebes und so- Äiit für jeden einzelnen der beteiligten Staaten einen erheblichen Ketoinn. Be'm Zustandekommen der Betriebsmittelgemeinscs'aft vird feiner geschädigt werden, sondern alle Beteiligten werden nur Borteil davon haben. Es ist das Wort gefallen:Der ganze Bug ter Zeit geht auf wirtschaftliche Interessengemeinschaft." Kaum lin Gebiet ist d izn so geeignet, wie das der Eisenbahnen. Die Be- iriebsmittelg:meinschaft bedeutet eine Erleichterung, eine Ver- silligimg, ein*» Beschleunigung deß Verkehrs. (Lebhafte Zustim- inung.) Auch unsere Ingenieure freuen sich schon jetzt darauf. ZPenn die Konstruktion der deutschen Lokomotiven eine einheitliche Iber ganz Deutschland wird, wird auch ihre Wissenschaft davon 'inen erheblichen Vorteil haben.

Die Frage der BetriebSmittelgemeiiischaft ist eine national rlngelegenheit im besten Sinne des Wortes. (Zustimmung.) Wenn vir hoffentlich bald gute Handelsverträge haben werden, so gibt es sinin noch kaum eine wichtigere Frage für unser wirtschaftliches )eben, dazu noch eine Frage, in der keine Trennung durch Partei-

Abg. Dr. David (So;.): Ich fürchte, daß es zu einer süd­deutschen Eisenbahngemeinschaft nicht mehr kommen wird. Die preußisch-hessische Eisenbahngemeinschaft war der erste Einbruch Preußens in Süddeutschland: und nun ist wohl nichts mehr zu machen. Auch in dem Eisenbahnwesen marschiert Preußen hintenan. Vreußen ist der rückständigste deutsche Staat in Bezug auf das ganze Tarifwesen usw. Alle Fortschritte Süddeutschlands sind in feinen Augen Hemmniffe für eine einheitliche Organisation. Das Eisen­bahnwesen mit seinen Klaffen bietet ein getreues Abbild der gegen­wärtigen Gesellschaft. Die vierte Klasse ist direkt eine Tortur für den Reisenden. Weshalb stellt man sie nicht wenigstens jn die Schnellzüge ein? Das wäre um so berechtigter, als die Erträge der vierten und dritten Klaffe bekanntlich die der ersten und zweiten tragen. Wir müssen unbedingt verlangen, daß die vierte Klasse ab­geschafft wird, freilich nicht in der Art, wie Sachsen die vierte Klaffe an Sonntagen abschafft, indem es einfach an die Wagen der vierten Klaffe ein Pavier mit der Aufschrift dritte Klaffe heftet. (Heiter­keit.) Wir wollen eine Reichseisenbahngemeinschaft und hoffen, daß es zu derselben kommen wird, wenn die süddeutschen Staaten nach Abschluß der Bettiebsmittelgemeinschaft erst merken, was es heißt, unter Obhut Preußens zu stehen.

$Ibg. Dr. Schrader (freif. Vergg.): Die Eisenbahnen, die doch ym oes ; rrftcr s>xme dem Verkehr dienen sollten, sind jetzt eine vortreff!,ch-

kvnven Jn Betreff der vom Abg. Erz- für benMen Stn-t geworden. Herr Matibach

wollte Reformen und Ermäßigungen er verschwand. Herr Thielen, der ähnliches wollte, er verschwand. So sind wir denn jetzt in eine Sackgaffe geraten. Von Ermäßigungen ist ferne Rede mehr. Die allgemeinen Verkehrsintereffen müffen zu Gunsten fiskalischer Intereffen schweigen, nickst zum mindesten durch die Schuld des preußischen Abgeordnetenhauses. Das Reichseisenbahn- amt hat keinen Einfluß, sonst ist im Reich keine Instanz, die etwa- macht. Wenn etwas gemacht werden soll, so geht die Sache an den Bundesrat, und im Bundesrat haben wieder die Einzelstaaten zu entscheiden, partikulare Intereffen werden dort mehr berücksichtigt.