Ausgabe 
16.10.1905 Erstes Blatt
 
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werden den Ehrgeiz hat, aus der eigenen Tasche bezahlte Privatstunden zuschanzt, duelliert sich der junge Rommel mit vorlauten Burschen, die über seinen Vater sich ungeziemend zu äußern erlaubten. DieNadeln* aber im Kopfe des StudiosuS heften das zerrißene Band zwischen Vater und Sohn wieder zusammen. Dio Parallelgeschichte in der feudalen Etage Gimpern führt zu ähnlichem versöhnlichen Ende.

Da§ Stück ist rohe Zimmermannsarbeit, der Dialog bei volkstümlicher Derbheit frisch, frei und froh, die Handlung um so weniger spannend, als in den ersten Szenen schon der AuSgang abzusehen ist. Manche Situationen sind recht wirk­sam, manche Witze treffend, die Charakterzeichnung, wenn­gleich von einfachster Holzschüttart, ehrlich und lebendig.

Der Hofschlächter Rommel wird jedem guten Darsteller stets Erfolg bringen. Herr Lippert, der das ganze Stück mit bestem Humor trug, war ein recht gemütlicher und gemütvoller Grobian.Berlinern* kann er ja nicht sehr, dafür aber schnitt er als Podagrist die drolligsten Grimaffen. Als Pod- (bielskischer) Agrarier und väterlicher Leidensgefährte trug Herr Witt mann, der sehr geschickte und umsichtige Regisseur des Abends, den vornehmenPli* mit gar großer Steifheit zur Schau.Die Herren Söhne* vertraten die Herren Lütt- j ohann und Goll in flottester Naturwüchsigkeit, der erstere mit edlem Anstand, der andere mit lebendiger Pantomimik; aber ein bischen mehr hätte er dasHackfleischgesicht" des Korpsstudenten, von dem die Rede ist, doch zeigen können. Sehr nett ausgcarbeitet hatte wieder Herr Reimer, der Graziano des ersten Abends, die kleine komische Charge des unentwegt austragShungrigen Weinhändlers.

Diekleine Range" des Frl. Don ecker hätte vielleicht ein wenig mehr ihrem anzüglichen Namen gemäß gestaltet werden können, war aber ganz gefällig. Köstlich war Frl. Schell en berg als Schlächtersmamsell in allen drei Akten; ihre anfängliche kleine Zerstreutheit hatte sie sehr bald überwunden. Die Damen Millar und Fischer gaben die leidende und die leitende Hausfrau in rechtem Tone mit rechter Geberde.

Das Sonntagspublikum nahm das Stück als eine gute, kräftige Hausmannskost mit lebhaftem, lautem Beifall ent­gegen und zeigte sich auch sehr interessiert und dankbar für die ausdauernde und figurenreiche choreographische Kunst der Balletmeisterin Frl. Öldini. P. W.

Frankfurt a. M., 15. Okt.DerSchwurderTreue" von Oskar Blumenthal fand bei ferner gestrigen Aufführung im Schauspielhaus bei dem Publikum eine freundliche Aufnahme. Der anwesende Autor sowie die Darsteller wurden nach jedem

Akt gerufen.

Der ist im Alter dem Theater

Ein

berühmte englische Schauspieler Wash. Irving von 67 Jahren in London gestorben, als er aus zurückkehrte.

Staatsanwalt als Musikkritiker. Wir

lesen in derNeuen Musik-Ztg." (Grüninger in Stuttgarts:Der in Mainz kürzlich gestorbene Oberbürgermeister Dr. Heinrich!! Gaßner hat als hervorragender Verwaltungsbeamter gegolten, sodaß die Trauer um den Dahingeschiedenen in Mainz allgemein ist. Dr. Gaßner übte aber auch, als er noch Staatsanwalt war, in seinen Mußestunden das Amt eines Opern- und Kvnzert- kritikers aus. (Davon haben wir zu unfern Leiern schon kurz gesproäien. D. R. d.G. ?L"), und zwar ebenfalls mit sehr guten Erfolgen. Diese Tätigkeit hat der spätere Oberbürgermeister nicht vergessen und er bewahrte für die Presse stets ein warmes Herz. Speziell für die Theaterkritiker hatte er in Mainz eine Verfügung getroffen, die überall zur Nachahmung bestens em­pfohlen fei. Er, der die Launen emvsindlicher Direktoren aus Erfahrung kannte, sorgte nämlich dafür, daß in dem Vertrage der Mainzer Bürgermeisterei mit der Stadttheaterdirektion be­stimmt wurde: für die Vertreter der Presse sei ein für allemal eine bestimmte Anzahl Platze zu reservieren. Die Kritiker wurden also Gäste der Stadt, nicht des Theaterdirektors.. Offenbar in Dankbarkeit wegen solcher Verdienste hat Professor Tr. Fritz Bolbach in Mainz sein neues MännerchorwerkDer Troubadour"' dem Verstorbenen gewidmet."

Professor Dr. v. Behring weilt zur Zeit in Lyon. Er erklärte dort einem Redakteur in einer Unterredung, daß er nur die Verantwortlichkeit für diejenigen Erklänmgen übernehme, die er während des Tuberkulosekongresses in Paris gemacht habe. Nach seiner Rückkehr nach Marburg werde er sofort eine gewisse Quantität seines Heilmittels einigen französischen Professorenl zustellen, damit auch diese damit Versuche anstellen können. Ter sozialistische Wg. Gerault Richard wird in der französischen Kammer einen Antrag einbringen, einen Kredit von 100 000 Fr. zu gewähren zwecks Erleichterung desStudiumsderMittel zurBekämpfung derTuberkulose. Tiefer Antrag wird gcftellt auf Grund eines Wunsches, welchen Dr. Huchard aus dem Tuberkulosekongreß geäußert hatte. Der Betrag soll ent­weder dem Professor v. Behring oder den Gelehrten zur Verfüg­ung gestellt werden, welche mit dem Behringschen Heilmittel Ver­suche unternehmen.

Professor Ludwig Dill, der bekannte Karlsruher Maler, hat an eine größere Zahl hervorragender Künstler die Aufforderung zur Teilnahme an der Internationalen Ktunstausstellung verwandt, die von Frühjahr bis Herbst! 1907 von der Stadt Mannheim veranstaltet wird. Es ist zu erwarten, daß diese Ausstellung, die Werke der Malerei, Bild­hauerei, der zeichnenden, vervielfältigenden, dekorativen und Kleinkunst umfassen soll, nicht nur von den bedeutendsten deutschen und auÄändischen Meistem beschickt wird, sondern das Gepräge besonderer Eigenart tragen und einen Fortschritt im Ausstellungs­wesen bilden wird. Es stehen bereits jetzt im Stadium der Vor­bereitung über 300 000 Mark zur Verfügung, für die voni staatlicher, städtischer und privater Seite Ankäufe ,auf dieser Aus­stellung garantiert werden. Die Stadt Mannheim als die Ver­anstalterin des bedeutsamen und groß angelegten Unternehmens, das den Mittelpunkt der Jubiläumsfeier ihres 300 jährigen Be­stehens bildet, läßt durch Professor Hermann Billing- Karlsruhe mit namhaftem Aufwand eine Kun st Halle er­richten, d'v zunächst diese Ausstellung und späterhin die städtische Kunstsammlung aufnehmen, soll.

Infolge eines Aufrufs des Dichters Richard Voß kaufte kürzlich der bekannte Berliner Bankier v. Mendelssohn die Villa Falconieri in Frascati bei Rom. DieTribuna" meldet nun, Mendelssohn beabsichtige sie dem Kaiser zu schenken, der sie zum Sitz einer deutschen Kunstaku^ d e m i e bestimme

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Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Lietzener Kainilien- blatter viermal in der Woche beigelegt.

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Äerlag u.Exped.s^bl Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.

Erstes Blatt. 155. Jahrgang Montag 16. Oktober 1905

vezrrgSpretsr monatlich7bPs., viert el- iährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Ps.; durch die Poft Mk. 2. viertel- lährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeige« ür die TageSnumrner ns vormittags 10 Uhr^ Zeilenpreis: lokal 12Ps^ ruswärts 20 Psg.

lera.twortlich für den polit. und allgein.

Amts- Md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW

** zeigenteil: HanS Beck.

GietzenerAnzeiger

** General-Anzeiger w **

Die tzeutiqe Kummer umfaßt 10 -eiten.

Kriede auf tzrden.

Es war, wie wir von vornherein vermuteten (vergl. lmscrePolitische Wochenschau" vor acht Tagen), wieder einmal viel Lärm um nichts. TieNordd. Allg. 3tg." schreibt in ihrer Wochenrundschau bezüglich der sensa­tionellen Behauptung d"s PariserMatin":

Als wir vor acht Tagen der Auffassung Ausdruck gaben, tau die alten äfften der Marokkoangelegenheit nun für die weitesten Kreise des deutschen Volkes geschloffen seien, lagen iiltd die sensationellen Behauptungen des Pariser Matin über die Begleitumstände des Rücktrittes des früheren Ministers Dcl- c a s s 6 noch nicht im genauen Wortlaut vor. Wir hätten in­dessen auch dann, wenn dies der Fall gewesen wäre, keine andere Meinung vertreten, da es uns nicht sonderlich überrascht hat, daß die Mißvergnügten, denen die erfreuliche Ver­ständigung zwischen Deutschland und Frankreich richt in die Rechnung paßt, mit lautem Getöse die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken suchen."

Von Beginn an. stand fest, daß die maßgebenden ft1 reife in Frankreich zu denEnthüllungen" keinerlei "Beziehung hatten, eine Tatsache, die vollkommen ausreichte, um denEnthüllungen" jedeVedeutung für die in den letzten Monaten erzielte Gestaltung des deutsch-französischen Derhält- irisscS zu nehmen."

TaS Blact zitiert dann die Reutermeldung bezüglich der Behauptung desMatin" und fährt fort:

Wir können bestätigen, daß die en gl. Regierung (ine Mitteilung solchen Inhalts in spontaner Weise hat hier- I)er gelangen lassen, und daß sie deutscherseits ebenso loyal, wie sie gegeben, entgegengenommen ist. (Tin Zwischenfall in den diplomatischen Beziehungen zwischen r eutschland uno England ist durch die Behauptungen desMa­lin" nicht hervorgerufen. Midererfeits aber handelt es sich um eine von der englischen Regierung selbst als vertrau- l 1 ch bezeichnete Mitteilung, die im Sinne der Londoner Regierung richt für die Oeffentlichkeit bestimmt war. Wir stellen fest, daß

Behauptungen, nach denen die deutsche Regierung von der eriglisckien oder französischen Regierung über die Angaben der ' miet Blätter Erklärungen verlangt hätte, unzutreffend sind. Cin solcher Schritt würde angesichts der Form, in der die An- g ben gemacht sind, der diplomatischen Courtoisie nicht entsprechen. Cr würde auch mit der loyalen Gesinnung nicht im Ein- lliang sein, die wir den Absichten der französischen wie englischen Staatsmännern gern entgegen» 6 rin gen."

In ihrer Wochenrundschau kommt ferner dieNordd. Gssg. 3tg." auf die am 2. Okt. in der LondonerWestminster <8a.zette" unter der UeberschriftRußland, Deutsch­land unb toir" erschienene Betrachtung zurück, in der zunächst das Verhältnis Rußlands zu England und dann die t oii England zu den deutsch-russischen Beziehungen einzu- nehmenbe Haltung besprochen und schließlich die Ansicht

Kleines Ieuisseton.

Im Gießener Stadttheater lernten wirDie Herren Söhne" der Firma Oskar Walther und Leo Stein am Sonntag kennen, d. h. die Herren Söhne, die die betrieb- iame Volksstücksabrikanten-Firma Walther u. Stein den Pro­dukten ihrer Muse, dem kgl. preuß. Hofschlächter Rommel und dem preuß. Landtagsabgeordneten, FleischteuerungSfreunde uinb Stockagrarier Ni"'rqutsbesitzer Gimpern, verliehen hat. Die Herren Söhne" lind ein Epigonenstück au§ dem Fahr- waffer des alten ehrlichen Papa L'Arronge. ES ist eine brave Philisterweisheit, die die Herren Verfaffer in diesem ichrern vor etwa 6 Jahren, wenn ich nicht irre, entstandenen Stücke auftischen, und dieser Philisterweisheit sind sie auch in ihrem neuesten Stück,Die von Hochsattel*, das dieser Tage in Hamburg freundlichen Beifall fand, treu geblieben. AlS praktische Theatermänner wissen sie, was der Menge gefällt. Ein mit respektabler Bühnentechnik hergestellter Rührbrei aus behaglichem Witz, unverletzender CV. tirnentalität und harmlos wohliger Wehmut verfehlt auf ein unterhaltungs­bedürftiges SonntagSpublikum niemals feine Wirkung. Das wissen der frühere Redakteur und Theaterrezensent und jetzige Bromberger Theaterdirektor Leo Stein und sein mir un­bekannter Compagnon sehr wohl. Der Gedanke, der ihnen den Stoff zu ihrem ganz hübschen VolkSstücke lieferte, läßt 'ich ja auch wesentlich vertiefen. ES ist der ewige Kampf der Jungen und der Alten. Der greise Björnson hat in seinem Dagland" ein ergreifendes Charaktergemälde daraus gestaltet, das um so erfreulicher wirkt, als der Alte volles Verständnis zeigt für die Jugend, die man ihre eigenen Wege wandeln [affen soll gemäß ihrer Veranlagung. Während dort ein großer Dichter zu seiner andachtsvollen Gemeinde redet, sprechen hier ein paar wackere Durchschnittsmänner schlicht und recht zum Volke: Lasset Euren Kindern volle Freiheit in der Entfaltung ihrer Eigenart, auf daß sie zur Bewährung ihrer Gaben gelangen; geht Euer Lieblingswunsch auch da­durch in die Brüche, so traget dieses Leid, denn sie haben das volle Recht auf ihr eigenes Leben, und ihnen gehört die Zukunft, darum ist es an Euch, nicht sowohl dem Willen, c(§ vielmehr dem inneren Wesen Eurer Kinder den natur- Lichen Lauf zu lasten. Wenns aber ohne Kämpfe nicht ab­gebt, so meidet die Härte, sonst zieht Ihr am Ende den Kürzeren. Und wenn ein guter Geist in Euch und Euren Söhnen wohnt, dann geht die Liebe zwischen Eltern und Kindern nicht verloren trotz allen*äußeren Zerwürfnisses. Und nie in ernsten Situationen der hartköpfige Vater zum hartnäckigen Sohne steht, so auch umgekehrt, und koste es (klbst Blut.

Stein u. Walther machens ja ganz gelinde. Während Papa Mommrl dem aus dem Hause gewiesenen bildungsbeflissenen Films, der durchaus Nicht wie sein Vater Hofschlächter zu

ausgesprochen jvirb, es sei moty«. allmählich eine Verstän­digung mit Rußland evreichoar, und man brauche mit Deutschland nicht zu zerfallen, das sich mit vielen anderen Dingen zu beschäftigen habe, außer mit großdeutschen Bestrebungen, von denen manchmal erwartet werde, daß sie seine Aufmerksamkeit ganz in Anspruch nehmen. Hierzu bemerkt dieNordd. ALlg. ZtK":

Wir brauchen kaum besonders zu betonen, daß die letztere Vermutung irrig ist. In Deutschland gibt es keinen ernst zu nehmendenPvlitiker, der sichmit einergroß­deutschen Frage" befaßte. In diesen wie in so vielen an­deren Punkten bleiben für die deutsche Staatskunst unter Kaiser Wilhelm die großen ausgebildeten Grundsätze maßgebend, zu denen in erster Linie der gehört, daß imsere nationalen Bestreb­ungen in Europa sich in der territorialen Beschränk­ung auf das eigentliche Deutschland abzuspielen haben. Wir hielten diese Feststellung für angebracht, weil von unseren Gegnern immer toieber mit bt* Vorspiegelung operiert wird, Deutschland warte nur den geeigneten Augenblick ab, um gewisse Gebiete der Nachbarstaaten an sich zu reißen."

Das sind sehr wichtige offiziöse Erklärungen, umso wertvoller, als sie nach allen Seiten hin beruhigend wirken müssen und wieder einmal llipp und klar Kaiser Will)elms Wort von deröden Weltlolitik" einen weithin hallenden Refrain geben. Darum ist es übles Geschwiih, wenn die LondonerPreß Assoziation" behauptet, das gute Ein­vernehmen, welches zwischen England und Frankreich besteht, genüge vollständig und es unterliege keinem Zweifel, daß England im Falle eines unbegründeten unerwarteten und unverschuldeten Krieges sich dem französischen Nachbar zu moralischer Unterstütz­ung verpflichtet fühle. Von vernünftiger englischer Seite wird vielmehr betont, daß man in Loudon wegen der gegen ben König Ebuarb ausgesprochenen Veschulbigung, er habe Telcassö persönlich versprochen, Frankreich burch militärische Hilfe gegen Teutschlanb zu unterstützen, unwillig sei. In privaten Gesprächen werbe besonbers hervorgehoben, baß eine Beteiligung bes Königs cm Delcasses Machinationen ausgeschlossen sei.

Von Bebeutung bagegen ist eine Auslassung ber römi­schen ZeitungPatrie". Sie veröffentlicht einen inspirierten Artikel über ben Ausspruch Rouviers:Bous avez be­bau cf) 6 l'Jtalie!":

Hätte Rouvi« diesen Ausspruch getan, so hätte Italien eventuell direkt nach ben Gründen für bie Illusion Delcasses und bie Vorwürfe Rouviers forschen und hinsichtlich der italieni­schen Politik auf die Schritte zurückgehen müssen, die denen bes jetzigen Kabinetts vorhergingen. Zur Ehre ber italieni­schen Staatsmänner sei anzunehmen, daß sie niemals jene Illu­sion genährt haben. Jedenfalls trage die italienische Poli- tik ber letzten Zeit ben Stempel der größten Aufrichtig­keit unb Loyalität gegen ihre Freunbe, besonders gegen i hre Verbündeten. Diese Loyalität entspringe nickt nur

dem Pflichtgefühl, sondern auch dem Interesse Italiens an seinem Ruse unb an seinem Einflüsse, ber in den Dienst bcS Friebens gestellt werben müße. Wenn aber trotz ber Anstreng­ungen, ben Fricbcn aufrecht zu erhalten, die Ereignisse bics verhinderten, würbe man der Loyalität ber italienischen Regier­ung Unrecht tun, wenn man fragte, wo ihr Platz unb ihre Pflichten seien. Die Bündnisverträge mit ber Unterschrift der autori­sierten Vertreter Italiens seien eine heilige Sache. Niemand habe daher ein Recht, zu zweifeln, daß das Kabinett unter dem Vorsitz Alessandro Fortis auch nur einen einzigen Augenblick zögern würde, die freiwillig übernommenen Verpflichtungen mit derselben Energie cinzubalten, mit welcher es jetzt an dem eminent friedlichen Werke arbeitet.

Durch Vermittelung des italienischen Botschafters in Paris hat zudem Rouvter der italienischen Regierungl noch extra Mitteilen lassen, daß er niemals gegenüber Dcl- cassö die Worte gebrauchte:Sie haben Italien verführt. Aus Anfrage maßgebender Persönlichkeiten erklärt das' französische Auswärtige Amt, daß es sieh absolut nicht ver­pflichtet fühle, über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit voll­ständig aus der Luft gegriffener Angaben Erllärungen abzugeben.

Kandelsminister Delbrück.

TieKöln. Ztg. meldet in einem Telegramm aus Danzig vom 14. d. M.: Der Oberpräsident Delbrück hat daS ihm angeborene Handelsministerium angenom­men.

Dasselbe bestätigt dieTägl. Rundsch."

Ueber die Vorgeschichte des Rücktritts Möllers schreibt man uns aus Berlin folgendes:

Beim Bergarbeiterstreik halte der Reichs'kanzler Fürst Bülow den Handelsmiuistcr Moeller vor die Mcruativc gestellt, ent­weder sein Amt nicderzulegen oder die Bülowsche Politik ent­schlossen mitzumachlen. Der Minister entschied sich damals schweren Herzens für das Letztere und geriet dadurch naturgemäß bald in schärfsten Gegensatz zu seinen ftüheren Freunden, ben Schlotbaronen", wie auch zu bet den westlichen Großindustriellen sehr unbequemen, weil arbeitersreundlichen Berggcsetznovelle. Dey damalige Entschluß Moellers bedeutete sein eigenes Todes­urteil für seine ministerielle Tätigkeit. Bei den iveiteren Ver­handlungen in der Hibernia-?lngelegenheit wie bei dem Begehren des Fiskus^ in das Kohlensyndikat cinzutretcn, wurden dem ab­trünnigen Minister beim auch von seinen einstmaligen Freunden so erhÄliche und so deutlich gegen seine Person gerichtete Schwie­rigkeiten bereitet, daß Herr Moeller zu der durchaus zutreffenden Erkenntnis kam, er sei dieser übermächtigen Partei seiner Gegnev nicht gewachsen. Mittelbar aber trifft der Schlag, der den Minister wegsegt, den Reichskanzler bezw. preußischen Minister­präsidenten Fürsten von Bülow selbst, dem so llar gemacht wird, daß seine Politik den Magnaten unserer westlichen Großindustrie nach wie vor nicht genehm ist. Wenn, wie in diesem Falle, den leitende Mann zu fest sitzt, so muß eben der wenigerschuldige" Ressortminister daran glauben.