Ausgabe 
15.4.1905 Zweites Blatt
 
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Nr. Sb Zweites Blatr.

155. Jahrgang

Samstag 15. April 1808

Hrschetnl QgHQ mti Ausnahme bei Sonntags.

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Gießener Anzeiger

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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Stehen.

Votttifche Tagesschau.

Die Beschlüße der preußischen Derggeseh-Kommlssion. Hr zweiter Lesung haben die Hoffnung auf eine Verständig­ung der Negierung mit dem Parlament über grund­regende Fragen des Bergarbeiterschuhes vorläufig nicht ge­steigert. Wie dieNation alztg." hört, scheinen gerade eine Reihe von Beschlüssen zweiter Lesung der Regierung! als vollkommen unannehmbar, hierzu gehört nament­lich die Oeffentlichkeit bep Wahl zu den Är- deiterausschüssen und der auf freikonservativen An­trag gefaßte Beschluß, welcher die Verwirkung des rückständigen Arbeitslohnes bei Vertrags­brüchiger Lösung des Arbeitsverhältnisses vorsieht.

In der Kommission gab Handelsminister Möller der Hoffnung Ausdruck (worauf sich die agrarischeTagesztg." beruft), ,,daß die Beschlüsse der Kommission eine annehmbare Grundlage zur Verständigung bieten würden". Allerdings wachte der Minister den Vorbehalt, nur für seine Person, nicht im Namen des Staatsministeriums zu sprechen. Ist die Mitteilung derNationalztg." zutreffend und man darf annehmen, daß es der Fall ist, dann wäre im Speziellen Graf Bülow viel weniger zufrieden mit den Kommissionsbeschlüssen, als der Handelsminister. Daraus folgt, daß die preußische Regierung die Abänderung unannehmbarer Beschlüsse fordern wird, und daß, wenn dies nicht geschieht, die Vorlage als abgelehnt zu betrachten ist. DieNationalztg." schreibt, die Regierung scheine ent­schlossen, aus keinen Fall die ganze gesetzgeberische Aktion im Sande verlausen zu lassen. Das heißt: noch bleibt der Weg der Neichsgesetzgedung, wenn die Landesgesetz- gebung versagt. DieTagesztg." halt für angezeigt, die Regierung vor diesem Weg graulich zu machen: Die Ber­liner Regierung wisse ebensogut wie sie, dieTaaesztg.", daß, wenn die Scharfmacherei Erfolg haben sollte, eine innere Krisis von großer Tragweite und erheblicher Gefahr herausbeschworen werden würde. Deswegen werde die Re­gierung sich vernünftigerweise hüten, den Scharfmachern zu folgen. Die innere Krisis wird stets an die Wand ge­malt, wenn die Konservativen in Preußen sich im Gegen­sätze zu der Auffassung der Regierung befinden. Nachgerade verlieren solche Warnungen die Wirkungskraft. In diesem Fcüle sind dieScharfmacher" auf der anderen Seite. Aus der Regierungsvorlage, aus dem Gesetze zum Schutz der Bergarbeiter ist ein Gesetz Lum Schutze der Grubenbesitzer gemacht worden. Das versteht sich doch von selbst, daß die Negierung über eine solche Umkehrung ihrer Absichten nicht dankend quittieren kann, nur, damit überhaupt etwas zustande kommt. Dieinnere KrisiS" wird am einfachsten vermieden, wenn die Rechte im Abgeordnetenhaus die un- vnnehmbaren Besckstüsie rückgängig macht.

Marotto-Gtreiflichter.

Man meldet aus Paris vom 14. April: Nach dem gestritten Liner in der deutschen Botschaft unterhielt sich der Minister des Deußeren DelcassS sehr angelegentlich mit dem Fürsten Radolin. Das Gespräch wurde sogar während zwanzig Minuten bt beut Privatkabinett des Botschafters unter vier Augen fortgesetzt Dem Diner wohnten außer Delcasss noch zwei Minister bei, und tote die Aeu gerungen von mehreren diesen Ministern nahestehenden politischen Persönlichkeiten im* zweideutig erkennen lassen, hat DelcassS stch gestern tatsächlich entschlossen, mit dem deutschen Botschafter eine Unterhaltung Über Marokko anzu knüpfen. Näheres über den Verlauf der Unter­haltung ist vorläufig nicht zu erfahren, weil man sich aus diplo­matischer Seite vorsorglich stumm verhält. Im Ministerium des Aeußern macht stch immerhin eine bessere Stimmung geltend, als während der letzten Wochen. Man scheint auf eine baldige Beendigung der Zeitungskampagne in Frankreich und Deutschland zu rechnen. Aus Parlamentskreisen kommen In­formationen, wonach es keinem Zweifel unterliegt, daß die A u s- sprache über Marokko von französischer Seite er­öffnet ist Dazu gehört die authentische Aeußerung eines Kabinettsmitgliedes, wonach ter Ministerrat nach Entgegennahme von Mitteilungen Delcassäs der Ansicht war, daß die Jaures sche Interpellation gegenstandslos geworden und eine parlamen­tarische Diskussion über Marokko zu vermeiden fei Da Jaurös' Interpellation das Verhältnis Frankreichs zu Deutschlarch in der marokkanischen Frage zum Gegenstand hatte, beweist dieser Beschluß des Ministerrats, daß tatsächlich eine MuSfprache tott 23er Iin eingeleitet worden ist

Der Berliner Korrespondent des Standard meldet seinem Blatte, die französische Regierung habe tatsächlich den anderen Mächten, darunter Oesterreich-Ungarn, Italien, Spanien und den Vereinigten Staaten mitgeteilt, daß Delcassä die deutsche Regierung von dem Inhalt des englisch­französischen Abkommens über Marokko vor der Un­terzeichnung unterrichtet habe. Die Angelegenheit ist da­durch in eine neue Phase getreten. Die Mitteilung der ftanzö- sischen Regierung schließt in sich den Vorwurf eines Mangels an Loyalität gegen die deutsche Regierung. Die betreffenden Mächte würden selbstverständlich die deutsche Regierung von der französischen Behauptung in Kenntnis setzen. Die deutsche Re- aierung dürfte dann den deutschen Standpunkt darlegen. Jeden­falls werde es leicht sein, zu beweisen, daß die deutsche Regier­ung keine amtliche Kenntnis von dem englisch-französischen Ab­kommen hat.

Der Exchange Telegraphen-Eompanh wird aus Tanger tele­graphiert : Der Sultan sandte eine Antwort auf die Vor­schläge der franz. Regierung an dcn französischen Gesandten, worin er bezüglich der algerischen Grenze erklärt, daß er schon einen Vertrag mit dem vorigen französischen Ge­sandten unterzeichnet habe. Bezüglich der Reform-Vor­schläge erklärte der Sultan, er sei durch die Madrider Konvention gebunden.

DemEvening Standard" wird aus Tanger telegraphiert, der Sultan habe den Grafen Tattenbach eingeladen, ohne Verzug nach Fez zu kommen. In einer längeren Unter­redung mit dem Grafen Tattenbach sagte der deutsche Geschäfts­träger Folgendes: Es sei nicht nur deut sches Recht, sondern geradezu unabweisbare Pflicht, seine bedeutenden und entwiaclungsfähigen marokkanischen Interessen wahrzunehmen, in­dem sie diese unter unumwundener Anerkennung der offenen Tür für sämtliche Madrider Signatarmächte vom Jahre 1880 energisch verteidigt und mit aller Entschiedenheit für die Erhaltung der Souveränität des Sultans und die Unabhängigkeit Marokkos ein» tritt. Deutschlands Losungswort heiße: Unerschrocken vor- w Z r t s , weil nufere Sack'e b-resis im allaemeinen anerkannt ist.

Keer und Flotte.

Berlin, 14. April. Heute morgen hat das frei­willige deutsche Automobilkorps seine erste größere

UebungSsahrt angetreten. Etwa 30 Teilnehmer hatten sich in ihren Uniformen und mit ihren Chauffeuren am Platze vor dem Brandenburger Tor versammelt, an dem auch die Räumlichkeiten deS Automobilklubs liegen. Die Fahrt ging zunächst über Bergedorf nach Hamburg.

Hamburg, 14. April. Auf der ersten NebungSfahrt Berlin-Kiel traf heute nachmittag daS freiwillige Automobil- korpS in Bergedorf ein, wo die NebungSfahrt unterbrochen wurde. Prinz Heinrich von Preußen war nachmittags gegen 3 Uhr von Kiel in Bergedorf eingetrosfen und er­wartete die Teilnehmer an der Uebungsfahrt. Gegen 4 Uhr 30 Mmuten erfolgte die Abfahrt nach Hamburg, wo Prinz Heinrich an der Spitze des 30 Wagen zählenden Automobil­korps um 5 Uhr 30 Minuten eintraf und nach dem Velodrom Roter Baum" fuhr.______________________

Deutsches Reich.

Berlin, 14, April. Man meldet aus Taormina: Das Torpedoboot »©leipner* mit dem Kaiser an Bord ist heute in Giardini eingetroffen. Der Kaiser begab sich sofort an Land und wurde auf der Landungsbrücke von der Kaiserin, den Prinzen Eitel Friedrich und Oskar und den Spitzen der Behörden empfangen. Die Kaiserliche Familie begab sich daraus nach Taormina, wo der Maire und die Beigeordneten dem Kaiser am Eingänge der Stadt den Will- kommengruß der Stadt entboten. Der Kaiser und die Kaiserin gedenken morgen in Taormina zu verbleiben und Sonntag morgen sich nach SyrakuS zu begeben, wohin die »Hohenzollern" und der »Friedrich Karl" morgen von hier abgehen.

Die Generalversammlungen deS deutschen TabakvereinS und der deutschen Tabakberufsgenossenschaft sollen in diesem Jahre vom 4. bis 6. Juni in Berlin abgehalten werden. Die »Südd. Tabakztg.* teilt auS den Ergebnissen der Tabak * Berufsgenossenschast für das letzte Geschäftsjahr folgendes mit: Die Zahl der versicherten Tabakvollarbeiter ist von 143 448 iu 1903 auf 146 283 in 1904 gestiegen, der Lohnumschlag stieg von 76 994 590 Mk. in 1903 auf 80 327 152 Mk. in 1904. Die Löhne sind in sämtlichen fünf Sektionen um durchschnittlich 13 Mk. gestiegen. Rechnet man hierzu die der BerufSgenoffenschaft nicht zugehörenden HauS- und Kleinbetriebe, so beschäftigt die Tabakindustrie 200 000 Arbeiter und zahlt über 100 Millionen Mark Jahreslöhne.

Die »Verl. Korresp." berichtet: Im Kaiserlichen Statistischen Amt ist der Beirat für Arbeiterstatistik versammelt. Don Montag bis Mittwoch fanden eingehende Vernehmungen von 49 AuSkunstSpersonen aus ganz Deutsch­land über die Arbeitsverhältnisse in den Kontoren statt. ES handelt sich darum, ob auch in den Kontoren des Großhandels und in sonstigen kaufmännischen Betrieben, die nicht mit offenen Verkaufsstellen verbunden sind, eine gesetz- liche Regelung der Arbeitszeit stattfinden soll. Die Ver- nehmungen ergaben, daß nicht bloß die Vertreter der Handels­gehilfen und Hilfsarbeiter, sondern auch Prinzipale, hierunter namentlich auch die meisten Vertreter von Handelskammern, sich der gesetzlichen Regelung geneigt zeigten. Darüber, wie diese erfolgen soll, gehen die Meinungen auseinander._______

Aus Stadt und Laud.

Gießen, den 15. April 1905.

Bußtag. In diese schöne Frühlingszeit hinein ruft der morgige Tag: Tut Buße! ES gibt ja Unzählige, die sonst wohl nie an Buße denken, ja die zum Teil vergeßen haben, waS daS Wort Buße bedeutet. Der morgige Tag, der Palmsonntag, der bei uns in Heffen bekanntlich Bußtag ist, legt eS ihnen nahe, sich aufs neue darum zu bekümmern und sich zu fragen: Tut auch mir Buße not? Niemand gibt eS, der sich entschuldigen könnte, er habe nie den Ruf zur Buße gehört; wenn sonst wirklich keiner ihm zugerufen hätte, hier steht im härenen Gewände der Prediger in der Wüste, der Bußtag und spricht: Tut Buße, eS ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Wohl weiß der Christ, daß die Buße nicht das Werk eines Tages ist. Buße ist nicht ein weinerliches, rührseliges Bedauern und Beklagen der be­gangenen Sünde, dem oft die nur allzuschnelle Rückkehr zur Sünde folgt. Buße tun heißt umkehren auf dem bösen Wege, heißt brechen mit der Sünde; und wenn in dem morgigen Tage ein Bußtag ist, so will er das Volk nicht auffordern, mit der Buße für ein ganzes Jahr sich abzu­finden, sondern er will es mahnen, mit ernster, unaufhörlicher Buße zu beginnen. Und wahrlich, wie den Einzelnen sein Gewißen straft, so weist auch unser Volksgewißen mancherlei an Sünde und Unrecht auf und damit viel Anlaß zur Buße. Möchte sich morgen jeder recht besinnen auf alle Sünde, möchte jeder hören, was der Bußtag predigt und tun, was er fordert, nämlich ernste Neue und Buße.

Die Milchpreise. Man schreibt uns: Wegen der in den letzten Jahren sehr gestiegenen Preise für Milch- und Kraftfuttermittel fand am Mittwoch hier im Hotel Viktoria eine Versammlung von Landwirten und Milchhändlern statt. Es wurde ein Preisaufschlag der Milch beschlossen und die folgenden Preise festgesetzt: ein Liter Milch 20 Pfg., ein Liter Milch in Flaschen 22 Pfg., ein Liter Kindermilch 40 Pfennig, ein Liter Bäckermilch 17 Pfg.

Von der Eisenbahn. Sicherem Vernehmen nach wird mit dem 1. Mai zwischen Grünberg und Gießen ein neu eingelegter Schülerzug mit 3. und 4. Wagenklasse verkehren. Der Zug fährt vormittags 6 Uhr in Grünberg ab und trifft 6.39 in Gießen ein. Der Zug Nr. 7529, welcher Gießen 2.48 nachmittags verläßt, behält auch während des Sommerhalbjahres bis nach Grünberg Personenbeförder­ung in 3. und 4. Waaenklasse bei.

* Konzert. Gestern veranstaltete der blinde Pianist Albert Menn aus Köln im Neuen Saalbau einen Klavier-- abend. Der Künstler, der sich mit der Phantasie-Fuge G-moll von Bach-Liszt aufs vorteilhafteste einführte, wußte den guten Eindruck, den man von seinem Können gewann, während der Durchführung des ganzen Programms wach-! zuhalten. Besonders gefielen uns die Variationen von Paderewskp, die Herr Menn mit feinem Verständnis wieder» zugeben verstand. Die für die vorgerückte Saison ziemlich zahlreich erschienenen Zuhörer lohnten den Künsller mit herzlichem Beifall.

** Eine Besichtigung des städtischen Elek­trizitätswerkes durch die Stadtverordneten sand am Donnerstag nachmittag in Gegenwart des Oberbürgermeisters Mecum, des Leiters vom Tiefbauamt, Baumeister Braubach und etwa 15 Stadtverordneten statt. Der Betriebsleiter deS Werkes, Ingenieur Stol te, hatte die Führung übernommen und gab die nötigen Erklärungen über die in Betrieb gesetzten Maschinen. Das Werk, deßen Betrieb recht kompliziert ist, ist, wie man sich überzeugen konnte, ist weit über den äugen*! blicklichen Bedarf und den der nächsten Zukunft hinauf leistungsfähig. Nach Aufstellung einer zweiten 300pferdigen Gaskraftmaschine, für welche der Platz bei der Anlage deS Maschinenhauses bereits vorgesehen ist, verfügt die Stadt über die Möglichkeit, soviel Strom zu erzeugen, um nicht nur den Bedarf der Eisenbahn, den der staatlichen Anstalten und der Privaten zu decken, sondern auch noch eine elek­trische Eisenbahn in der Stadt Gießen damit in Betrieb zu nehmen.

p. Darmstadt, 14. April. Als Zeit für den in Darmstadt stattfindenden 9. Delegiertentag des Ver­bandes deutscher Journalisten- und Schrift^ stellervereine, deßen Lokalvorsitz in den bewährten Händen der Herren Oberstleutnant a. D. Gad, Redaktem Dreßler und Oberkonsistorialsetretär Sonne liegt, ist nun­mehr endgiltig der 19.22. Juni d. I. festgesetzt worden« S. R. H. der Großherzog hat daS Protektorat über die Tagung huldvollst übernommen. Der Landesfürst gedenkt das Präsidium des TageS in Audienz zu empfangen und der in Verbindung damit in Aussicht genommenen Enthüllung deS von Profeßor Habich geschaffenen Gottfried Schwab* Denkmals auf der Mathildenhöhe am Vormittag des 21. JrmL beizuwohnen.

Kunst und Wissenschaft.

Schillers Urenkel.

S. SB. St. In dielen Tagen richten sich die Micke auf de» letzten direkten Nachkommen des großen Dichters, Alexandev Freiherrn vonGleichen-Rußwurm. Wie seine Groß* mutter, Schillers jüngste Tochter Emilie, hat auch er sich die Aus­gabe gesetzt, das Andenken seines berühmten Ahnherrn pflegen. Airch er trägt fern redlich gut Teil dazu bei, daß sich das Mai-Jubiläum möglichst großartig und würdig gestalte. Am 6. Mai wird er bei ber Huldigungsfeier des Schwäbischen Schillervereins am Schill erden kmal in Marbach, am 7. Mai bet der volkstümlichen Feier des Stuttgarter Lieder kranzes und tags darauf m Köln als Festredner auftreten, nachdem er sich der* selben Pflicht schon vor Wochen bei einer Vorfeier in Rom unter* zogen hat. Früher Offizier, ist der jetzt Vierzigjährige ganz Zur Schriftstellerei übet gegangen. Er begann mit verschiedenen Schau­spielen und Lustspielen, von denenDie Komödie des, Gewissens" 1898 am Weimarer Hoftheater aufgeführt worden ist. Außer einem deutschenVergeltung" betitelten Roman schrieb der viel­seitig Gebildete auch einen in ftanzösischer Sprache:L'hmnme aime". Neuerdings hat er sich hauptsächlich der literarischer! Kritik, dem ästhetischen EssÄ und der sozialen Plauderei* gewandt und sich damit ein ihm besonders zusagendes Feld bet Tätigkeit erobert, wie sein im vorigen Jahre erschienenes geift* reiches BuchKeine Zeit und andere Betrachtungen" beweist. Bei aller Verehrung für Schiller ist er ein durchaus moderner Mensch, der von der Schönheit erwartet, daß sie den Meuschey nicht nur glücklicher, sondern auch bester mache.

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Berlin, 14. April. Schillers hunderti ä hrigev Todestag fand ehre sehr stimmungsvolle Vorfeier int Lessingtheater. Eingeleitet wurde der Abend durch ein-enj klangvollen, warm empfundenen Prolog Wildenbruchs, der inj Frau Bertens bewegter Deklamation zu Herzen ging. Es folgte) eine durchgehends ausgezeichnete Aufführung desDeme­trius^^-Fragments, die Frau Bertens zu einer hinreißenden Leistung als Marfa Gelegenheit bot. Vorzüglich war auch Herr Stieler als Demetrius, glanz-end und bestrickend. Frau Triesch als Marina. Den Beschluß bildete SchillersNänie^^.

Ernst Häckel inBerlin. In der Singakademie Berlin hielt Ernst Häckel am Freitag einen Vortrag. Der grotze Kvnzertsaal war seit einer Woche ausverkauft. Häckel begann^ daß er nur deshalb in Berlin erschienen sei,, weil eine sehr in­teressante Wendung in der Geschichte der Ent­wicklungslehre sich soeben vollziehe. Er gab nach ber, Frkf. Ztg" eine seltsame Mischrmg aus einer Geschichte feinen Wffsenschaft von Kant bis Darwin und Hnxley und einer scharfen Polemik gegen dentheologischen Wunderglauben", zu der er durch das Erscheinen eines neuen Buches angeregt worden sei. Dieses Buch heißt: Die Biologie und die moderne Entwicklungs­lehre" und rührt von dem Jesuitenpater Erich Wasmann in Luxemlmra her. Es ist bezüglich des Tierreichs im Darwinisti­schen Sinne geschrieben und nimmt nur den Menschen von der Deszendenztheorie aus. Damit setzte sich Häckel auseinander. Er sieht darin einerseits em Shmtom, nach dem man sich eine vollständige Umwälzung der heutigen offiziellen Weltanschauung und des Schulunterrichts versprechen dürfe, andererseits die Un- ausrottbarkeit des Dogmas. Im Haffe gegen dieses erwies Häckel, je mehr der Vortrag sich seinem Ende näherte, einen ebenso starken Enthusiasmus, wie in der Hoffnung, die er an das eine, vielleicht von ihm Überschätzte Buch knüpft. Er schloß mit poli­tischen Anspielungen auf das Verhältnis Deutschlands Mm Paq pismus, den er den größten Schwindel ber Welti geschickte nannte.

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