Nr. 290
Sechstes Blatt
156. Jahrgang
Samstag 9. Dezember 1905
Giehener Anzeiger
h* chetnt tigfid) mit Ausnahme des Sonntags.
frte „Wietzener LamillenblStter" werden dem ,Unzetger viermal wöchentlich beigelegt. Der .H«sftsch« CanbroUr ericheuu monatlich einmal.
Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr. K, Del. Nr. bl. Tetegr.-Mr.i Anzeiger Vietze».
RolaNotTsdruck und Verlag der Vrühl'lcd«
Unwerfttätsdruckerei. R. Lange. Dietzen.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen.
Nalitischk Taqc-isckau.
Melitta, die „Befreierin Rußlands".
Wad man sich in der Petersburger , Gesellschaft alles iqilflt, davon gibt das Schreiben einer Dame an die „Dtsch. IweBgtg.* eine Anschauung. Danach siellt man sich dort bnoierroeife die Geburt der russischen Verfassung folgender- MBtn vor:
Daß in Rußland sehr viel früher Reformen hätten eingeführt tttbcn können, ist mehr als wahrscheinlich, wenn nicht der Zar io n der sogenannten Plage der Großfürsten um - Itb i n gewesen wäre Auch dem Auslande ist nicht unbekannt, ttt Der Führer dieser bösen Geister der Onkel de? luter, der Großfürst Wladimir gewesen ist. Der Zar Ntte I fange vergebens auf den Erben der Krone gehofft und sich eivöiint, in seinem Onkel Wladimir den Vater des zukünftigen tmschers zu sehen. Wladimir scheute sich nicht, in den intimsten pmi kenangelegenheiten die GeÜihle des Zaren zu verletzeii. Diese Ml'rhtslofigkeitcn gipfelten in der Erlaubnis, die er seinem Sohne IltfC aab, die geschiedene Großherzogin Melitta zu heiraten. Doch diese Wubnis wurde Wladimir zum Verhängnis. Nicht das allgemeine lollsnnglück, nicht die revolutionären Wirren haben Wladimir ■IM ft inet Höhe gestoßen, nein, er der allen gegenüber seine Aulo- ■niiit -durchsetzte, der nicht einmal vor den Stufen des Thrones toll gi machen wußte, er fiel wegen mangelnder väterlicher mitotritfit einem irregeleiteten Sohne gegenüber. Mit dem Sturze twt Wladimir stand der Zar in der Großfürstenkligue. Ta trat ‘Bit! e auf den Plan, der Held des Friedensschlusses von PortS- nuiitf. »md unmittelbar darauf erfolgte die Unterzeichnung des 'ßainvestes vom 17. Oktober (80. Oktober neuen Stils), das als •Jtrff: • ein einer neuen Zeit in der rrlssischeu Geschichte gelten wird. :Ktit« Ursachen — große Wirklingen. Die Fesseln, in die Melitta to ’SajrtCl schlug, haben das erste Glied in der Kette gebrochen, an .ttl dc-s russische Volk so schwer schleppte, Rosenketten sind die äiißere tßiaiilassung gewesen, daß da? Werk der russischen Befreiung seinen IlnfOtr.i genommen hat.
Daß diese kindlichen Kombinationen von niemanbem wmfl (genommen werden, versteht sich wohl von selbst.
.Heer und Flotte.
— Das „Militärwochenblatt" meldet: Ernannt wurden Aticralarzt Dr. Schjerning jjnm Generalstabsarzt der Ärmc, Ches deS SanitätskorpS und der Medizinalabteilttng imKoegSministerium, sowie zum Direktor der Kaiser Wilhelm- 3Uabcmie für Militärärztliches Bildungswesen, Generaloberst Or. Jlberg zum Leibarzt deS Kaisers und Stabsarzt D. Riedner zum zweiten Leibarzt deS Kaisers.
Aas Stadt ani Laut».
Gie ßen, den 9. Dezember.
** In der Gesellschaft für Erd- und Völkcr- 11 vitbs sprach am Donnerstag abend vor einer sehr zahl- i Htichcr Zuhörerschaft Hofrat Dr. F. N oe lting auS Tübingen i «f|iT.a zweistündigem, sehr fesselndem Vortrag über Birma. ' Dr Nedner, der sieben Jahre hindurch selbst in dem hinter- imdichcm Lande, daS bedeutend größer als Deutschland ist, I l'iikbt hat, gab zunächst in großen Zügen ein Bild seiner i fsichtlichen Entwickelung, die schließlich damit endigte, daß i Brno von England annektiert wurde, um damit einen Der- i schich zu ermöglichen zwischen den kolonialpolitischen Auf- I exnbumgen Englands und Deutschlands, der ja gerade jetzt, i riMchtß der bevorstehenden kolonialpolitischen Debatten im ! Äilichen Reichstage doppelt interesiant ist. Birma gehört 1 tutf) ber Auffasiung der Engländer, die mit Lord Curzon ! $)iem für eine natürliche Festung halten, zu jenen Ländern, bwjunn Glacis dieser Festung gehören, und die Versuche der ©jlämbcr, das Land in ihre Gewalt zu bekommen, sind alt. 8hro ist nach einer sonst nicht beglaubigten Nachricht um w v.. Chr. bereits ein blühendes Reich gewesen und wurde
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zu verschiedenen Malen von mongolischen Völkern überflutet. Von seiner Geschichte wissen wir wenig, aber daß eS ju einer Zeit, wo seine jetzigen Beherrscher, die Bewohner Großbritanniens, noch ein halbbarbarisches Volk waren, bereits eine hohe Kulturstufe erreicht hatte, ist gewiß. Im 13. Jahrhundert bestand ein mächtiges Reich, das aber bald in die einzelnen Stamme zerfiel, bis im Jahre 1757 ein Emporkömmling Alaung-paja das Reich wieder vereinigte und ihm zur abermaligen Blute verhalf, die allerdings nicht lange anhielt. 1784 erfolgte der erste Zlisammenstoß mit den Engländern, a6et erst 1825 begann die ostindische Kolonie mit der Besetzung RangunS einen Krieg, der mit der Abtretung der Provinzen Arakan und Tenasierirn endigte. 1852 folgte wiederum ein Feldzug, der mit der Eroberung von Pegu und Malaban endigte. Nachdem Birnia vergeblich versucht hatte, sich an Frankreich einen Rückhalt zu sichern, traten in den 80er Jahren abermals Streitigkeiten zwischen Birma und England ein, die 1885 zur Einverleibung BirmaS führten. Aber noch 6 Jahre bedurfte cS, bis das Land völlig erobert war und die vielen Ausstänbe der Eingeborenen unterdrückt waren. Thiba, der letzte König von Birma, lebt noch heute als Staatsgefangener in Madras. 400 Millionen und 19 000 Tote hat England sich die Eroberung Birmas kosten lassen, eine gewaltige Aufwendung im Vergleich zu dem, was Deutschland eben in Südwestafrika aufzuwcnden hat. Der Redner schilderte sodann im zweiten Teile seiner interessanten Ausführungen unter Vorführung zahlreicher Lichtbilder Land und Leute von Birma, indem er sich tm Geiste auf einer Reise, die ihn von Rangun, wo besonders die meist in deutschen Händen befindlichen Reismühlen erwähnenswert find, auf einer Reise begleiten ließ, zunächst den mächtigen Jcawadi hinauf nach Jenangonq zu den intcresianten Petroleumbrnnnen, sodann in daS Land der wilden TschinS nach der alten Haupt- ftabt Manbala unb inS Laub ber SchanS. Szenen anS dem Lagerleben, interessante Völkertypen und Gebüude-Abbildungen, namentlich Pagoden, gewährten im Verein mit den gezeigten Städte- und LandschastSbildern einen höchst anschaulichen Einblick in das birmesische Leben, und dem Vortragenden wurde am Schluß reichlicher Beifall zuteil.
•• Hessische Vereinigung für Volkskunde. Für den zweiten Mitgliederadend, der nächsten Montag 8*/4 Uhr im unteren Saale des Cafe Ebel abgehalten wird, hat Pfarrer Gomdel, Reiskirchen, einen Vortrag über länd licheS Seelenleben zugesagt. Da Pfarrer Gombel in seinem Beruf täglich Gelegenheit hat, Beodachturrgen auf dem fraglichen Gebiete zu machen, so stellt unS sein Vortrag mancherlei neue Mitteilungen über Denken unb Fühlen ber Lanbbevölkerung unb von hier aus neue Ausschlüsse über länbliche Sitten und Gewohnheiten, die unS bisweilen seltsam anmuten, in Aussicht. — Gäste sind willkommen.
B. 8. Kunstausstellung. Die Bilder, die sich zur Jahrhundertausstellung zusammengefunden hatten, sind in ihre heimischen Räume und gewohnte Umgebung zurück- gekehrt und werden überall den Dank ausgerichtet haben, den ihre Herren und Herrinnen durch ihr opferwilliges Entgegenkommen sich vom Kunstoerein verdient haben. Inzwischen ist der Saal zwei Kollektivausstellungen eingeräuml worden, die sehr vieles Interessante und Bedeutende enthalten und überdies recht gut nut einander harmonieren. Es sind Landschaftsbilder und -Skizzen von Karl V innen - Osterndorf und Landschaften und Bildnisse unserer heimischen Künstlerin Frau M. Bethe-Loewe. Wir hoffen auf die
beiden Silberferien zurückzukommen unb wollen heute nur vorläufig auf die Motive auS der Umgebung Gießens Hinweisen, die, abgesehen vom künstlerischen, ein starkes Lokal- interesse haben unb wohl auch geeignet sind, die Kauflust zu reizen.
• • Bürqeroerein Gießen. Die gewiß von vielen mit großem Jnteresie erwartete, für den 11. Dezbr. 81/, Uhr im Neuen Saalbau (SteinS Garten) anberaumte allgem. Bürgerversammlung kann leider wegen Verhinderung des OberbauratS Schmick aus Darmstadt und Erkrankung deS Stadtbaumeisters Braubach, welcher seine Mitwirkung zugesagt hatte, nicht stattfinden und wird voraussichtlich in aller« nächster Zeit abgehalten werden.
• * Evangelischer Bund. Wir machen unsere evangel. Leser noch einmal auf den Familien-A benb deS hiesigen ZweigvereinS aufmerksam, der morgen abend 8 */< Uhr im Neuen Saalbau stattfinden soll. Der Vortrag deS Geh. Kirchenrats Prof. Dr. Katte n dusch«Göttingen! „AuS dem Leben der russischen Kirche' dürfte im Augenblick daS Jnteresie weitester Kreise in Anspruch nehmen, zumal ber Vortragenbe ein genauer Kenner der einschlägigen Berhällnisie ist. Auch musikalisch sind schöne Genüsie zu erwarten, da ber Kirchen-Gesangverein sowie Frl. Stammler unb Herr Violinist Schöttler ihre Mitwirkung zugesagt haben.
• • Zählkommission ober Körkommission. In einem Dorse Oberhessens sollte vor kurzem in einer Ge- meinberatssitzung eine Zählkommissio nunb eine Körkommission — auf dem Lande Ochsenkommission genannt — gewählt werden. Ein Gemcinderatsmitglied sträubte sich Mitglied der Zählkommission zu werben inbem er sprach: ,Dout maich nait bei bie Volkszehling, baut maich bei bie Ochse, do hun aich eher Verstand berzou."
DertnildXce.
• Die größte Stabt der Welt — hofft Newy ort im Jahre 1920 zu sein! Noch steht eS hinter London zurück aber die Zunahme der Bevölkerung und ber Bobenfläche berechtigen bie Newporter Bürger zu ber stolzen Erwartung, baß ihre Vaterstabt nicht immer an zweiter Stelle bleiben wirb. Nach ber Berechnung eines Newyorker Statistikers wird London im Jahre 1910 nur noch eine halbe Million Einwohner mehr als Newyork haben, und wenn die Se-' völkerung in gleichem Maße zunimmt, wird im Jahre 1920 Newyork 9 848 000 Einwohner, London aber nur 8 940 000 haben. London hat den großen Vorzug, daß alle Ortschaften und Dörfer ein Groß-London bilden, während Newyork eine Anzahl außenliegender Orte umschließt, wie Jersey-City, die zu einem anderen Staate gehören. Die Kehrseite der Medaille für den Newyorker .Größenwahn" ist aber, daß auch bie Ausgaben ber Stabt Newyork in beängstigenbem Maße anwachsen. In den nächsten vier Jahren wirb bie Stadt für Tunnel-, Brückenbauten, Wasserversorgung unb anbere stäbtische Bedürfnisse fast 1600 Millionen Mark auS- geben müsien!
* Diebstähle. In Weimar wurde wegen Beteiligung an einem Diebstahl von Goethe-Ma nuskripten aus dem Goethe-Archiv der Antiquar W. Bach verhaftet. — In Danzig hat sich die 13jährige Tochter eines Buchhalters, Schülerin der höheren Töchterschule, mit Karbolsäure vergiftet, da sie wegen verschiedener Diebstähle an Mitschülerinnen disziplinarisch bestraft werden sollte. — In Wien drangen Diebe in das große Juwelen-Geschäft von Trosnek ein und stahlen Schmucksachen und Juwelen im Werte von 30 000 Kronen. Von den Dieben fehlt jede Spur.
genau
W
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Bekanntmachung.
Der Voranschlag der Feldgemarkuug Obersteinberg Mr das Jahr 1906 Rf. liegt vom 10. b. M. an auf dem Bureau des Gemarkungsvorstehers dahier 8 Tage zur Einsicht der Interessenten offen.
Watzenborn, am 7. Dezember 1905.
Ter Gemarkungsvorsteher: Hirz. 6278
Mobilien
Donnerstag, den 14. ds. Mts. unb nötigenfalls den 15. von vormittags 9 Uhr an sollen in der Turnhalle zu Grünberg die zum Nachlasie der Elise Oe hl zu Grün«- berg gehörenden Mobilien als:
1 vollständige Salon-, Wohn-, Schlaf- und Fremdenzimmereinrichtung, Kleider- und Weißzeugschränke, Tische, Stühle und Betten, Chaiselongue, Spiegelschrank, Kommode, Porzellan, Silber-, Zinn- und Kupfergegenstände, Tee-, Kaffee- und Eßservices, Spiegel, Bilder, Bücher, Glas- und Nippsachen, Vorhänge, Weißzeug usw., sonstige Hausgeräte aller Art und eine Partie Brennmaterial freiwillig öffentlich meistbietend versteigert werden.
Sämtliche zttr Versteigerung kommenden Gegenstände sind in sehr gutem Zustande und teils noch neu. Die Besichtigung kann vom 13. ds. Mts., mittags von 1 Uhr ab erfolgen, sowie morgens vor der Versteigerung.
G r ü n b e r g, am 7. Dezember 1905. C*/n
Großhcrzoglichcs Ortsgericht Grünberg.
Zimmer.


