Ausgabe 
11.3.1905 Viertes Blatt
 
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Nr. 60

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Samstag, 11. März 1905

Gießener Anzeiger

155* Jahrg.

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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen.

Parlamentarische Verhandlungen.

UachdruL ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

160. Sitzung vom 10. März.

1 Uhr. Das Haus ist ungemein schwach besetzt.

Am Bundesratstisch: Graf Posadowsky u. a.

Die zweite Beratung des Etats des Reich samts des Innern wird beim TÜelGehalt des Staatssekretärs" fort­gesetzt.

Abg. Dr. Mugdan sfreis. 93p.): Als ich meine Ausführungen Aber das Krankenkassenwesen machte, wurde ich von der sozialdemo­kratischen Presse auf das lebhafteste beschimpft. Aber man hat nichts von dem, was ich gesagt, als unrichtig erwiesen. Der Abg. Fraßdorf hat nun den Spieß umgedreht und Vorwürfe gegen die Aerzte geschleudert. Er führte einige Fälle an, wo Acrzte Hilfe­leistung in Notfällen verweigerten. Sind diese Fälle wahr, dann verurteile ich sie aufs schärfste. Aber man kann Vergehungen ein­zelner Aerzte nicht dem gesamten Stand zur Last legen. Nun hat man mir zwei Vorwürfe gemacht: 1. daß ich, alsgelehriger Schüler des Frhrn. v. Stumm", Gegner der Selbstverwaltung der Kasten bin. Aber Sie (zu den Soz.) haben doch den Plan des Grafen Posadowsky auf Vereinheitlichung der gesamten Arbeiter­versicherung mit Zustimmung ausgenommen; und da ist doch auch vonSelbstverwaltung" in diesem Sinne nicht die Rede. Ich be­streite übrigens, Gegner der Selbstverwaltung zu sein. Aber was die Sozialdemokraten bei den Krankenkasten treiben, ist nichtSelbst­verwaltung", sondern ein Zerrbild derselben. Herr Molkenbubr hat den Abg. Dr. Hirsch gegen mich ausgespielt. Das ist so recht be­zeichnend. Gibt es einen Mann, der je so beschimpft worden ist, wie gerade Dr. Hirsch von den Sozialdemokraten? Und jetzt mit einem Mal wird er mir entgegengehalten l Die sozialdemokratische Preste läßt nie an einem Gegner em gutes Haar. Alle bürgerlichen Journalisten sind ihr ohne UnterschiedTintenkulis" undPreß- hiliS". Alle Verbrechen werden der bürgerlichen Gesellschaft zur Last gelegt. An der Untat an der Lucie Berlin soll die gesamte bürgerliche Gesellschaft schuld sein, wie der Weihnachtsartikel des Vorwärts" ausführt! Gegen eine solche Kampfesweise gibt es nur ein Mittel: man muß der Sozialdemokratie rücksichtslos nach­weifen, daß alles, was sie der bürgerlichen Gesellschaft zum Vor­wurf macht, sich bei ihr selbst ebenso findet: Korruption, Aemter- schacher, Stellenwucher, Unsittlichkeit! Das tue ich, und erst wenn bie Sozialdemokraten mit ihrerTaktik" aufhören, werde ich mit meinenFällen" aufhören.

Ich habe behauptet, daß es bei der Anstellung von Kasten­ärzten den sozialdemokratischen Vorständen mehr auf die politische Gesinnung, als auf die Qualifikation ankommt. Und von sozial­demokratischer Seite fit dieser Vorwurf nicht im mindesten ent­kräftet worden. Die Sozialdemokraten machen die wirfichaftliche Unterstützung von der politischen Stimmabgabe abhängig.. In Nürn­berg haben sie ein Flugblatt verbreitet, daß bei denjenigen Klein­händlern nichts mehr gekauft werden werde, die dem sozialdemo­kratischen Kandidaten mcht ihre Stimme geben. Herr Zubeil meinte neulich, es wäre ihm angenehm, wenn ich ihn widerlegen könnte. Nun ich bedaure, daß Herr Hubeil heute nicht anwesend ist; denn ich hoffe, ihm hn Verlaufe meiner Ausführungen soviel Annehmlich­keiten zu bereiten, tote er wohl noch nie in seinem Leben gehabt hat und wohl auch nie wieder haben wird. (Heiterkeit.) Ich werde be­weisen, daß fast jeder Satz, den er gesprochen, eine objektive Un­wahrheit enthält. (Hört! Hört!)

Herr Zubeil hat gesagt, ich hätte früher mit den Kasten­dorständen intim verkehrt, bis ich von ihnen einen Fußtritt bekom­men hätte. Ich habe demgegenüber zu erklären, ich bin noch nie mit Kastenvorständen zuiammengekommen, außer in meiner amt­lichen Eiaenschait als Vorsitzender des Vereins der Berliner Kassen­ärzte. , Ich beziehe auch aus der kastenärztlichen Praxis so gut wie gar keine Einnahmen. Ich habe überhaupt nur einmal liauidiert, und da ergab es sich, daß seit dem Jahre 1892 meine Gesamt­einnahme aus der kastenärztlichen Praris 1,98 Mk. betrug. (Heiterkeit.) Ich bin auch nie in meinem Leben fest angestellter Kassenarzt gewesen. Es ist schon aus diesem Grunde unmöglich, daß mir, um mit Herrn Zubeils bilderreicher Sprache zu sprechen, ein Fußtritt von den Kastenärzten gegeben worden Ware. Dagegen ist etwas anderes richtig, nämlich daß die Berliner Kasse dem Aerzteverein, desten Vorsitzender ich bin, den Vertrag gekündigt hat, und zwar. auSgesvrochenermaßen ans dem Grunde, weil ich im Reichstage jene, Rede gehalten habe. Es sind also ca. 1000 Aerzte Berlins politisch gemaßregelt worden. (Hört, hört!) Herr Zubeil, der neulich mich aufforderte, auch nur einen gemaßregelten Arzt «uf den Tisch des Hauses zu legen, rann nicht verlangen, daß ich ihm mehr als 1000 gemaßregelte Aerzte auf den Tisch dieses Hauses niederlege. (Heiterkeit.) Das kann ich nicht. Das würde zu viel sein.

Es tut mir überhaupt leid, daß man Hrn. Zubeil zu dieser Rolle ausgewählt hat, denn es ist offensichtlich, daß er nicht das Geringste davon versteht. Der betreffende Verein nimmt jeden Arzt auf, der den Vertrag einhält, aber ich würde mich sehr dagegen ver­wahren, daß man jeden dieser .Herren gleich als Kollegen anspricht und ihm Vorzüge anerkennt. Wir lehnen das im Gegenteil aus­drücklich ab. Unter den Mitgliedern dieses Vereins befinden sich sogar zwei Herren, die schon Zuchthausstrafen verbüßt haben. Es kann also von der Zugehörigkeit des Vereins nicht der geringste Schluß auf die Ehrenhaftigkeit eines Mitgliedes gezogen werden. Nun zu den beiden von Herrn Zubeil angeführten Fällen. Herr Zubeil hat mir einen merkwürdigen Vorwurf gemacht. Er sagte, ich hätte, wenn ich die Beschuldiguna gegen jemand erhob, daß er im Gefängnis gesessen hätte, mich doch informieren muffe, dann hätte ich erfahren, daß er diese Strafe nur für einen anderen auf sich genommen hat. Wie jemand eine Gefängnisstrafe wegen Bankrotts und Betrugs an Stelle eines anderen absitzen kann, weiß ich nicht recht. (Heiterkeit.) Ich habe mich aus demVorwärts" informiert, und da stand einfach:Wegen Betrug und Bankerott ist der Betreffende zu neun Monaten Gefängnis verurteilt worden." Herr Zubeil hat dann ferner gesagt: Daß der Betreffende nichts Ehrenrühriges begangen hat, geht daraus hervor, daß die Auf­sichtsbehörde ihn bestätigt hat. Das ist wieder ein Lapsus. Die Aufsichtsbehörde hat in der Sache garnichts zu tun, kann ihn also nicht bestätigen. Wenn Herr Zubeil aber sagen will, es liegt des­halb gegen ihn nichts vor, weil der Vorstand ihn gewählt hat, ja, du lieber Gott, wenn man diese Logik anerkennen wollte, wenn man sagen wollte, was der Vorstand getan hat, das ist gut, dann könnte ich mir freilich alle Fälle sparen. (Sehr gut! rechts.)

Nun komme ich zu dem Clou der Ausführungen des Herrn Zubeil, zu dem Fall Oswald Grauer in Lichtenberg. Ich habe gesagt, der Betreffende hat zweimal geschäftliches Unglück als Kneipwirt gehabt. Dann«»hat er eine kleine Expedientenstelle am Vorwärts" bekommen und ist schließlich, ohne irgendwelche Vor- fenntniffe zu haben, zum Rendanten der Ortskrankenkaste gewählt

um ihm alles zu übertragen, als den Leuten dies später leid wurde und sie einen Familienverein gründen wollten, mit Drohungen durch Denunziationen an ihre Vorgesetzten wegen sozialdemokratischer Gesinnungen die Gründung des Vereins zu verhindern gesucht. Als ihm dies nicht gelang, hat er versucht, durch Verschreiben ganz teuerer Rezepte den Verein zu ruinieren, und dieser Arzt ist der nationalliberale Abg. Dr. Becker. (Hört, hört! bei den Sozialdemokraten.)

Herr Mugdan bat viel über Theorie und Praxis der Sozial­demokraten gesprochen, wenn ich ebenso viel über Theorie und Praxis der Freisinnigen sprechen wollte, könnte ich 14 Tage reden. Doch das mürbe wohl zu lange dauern. (Heiterkeit.) Ich will nur darauf Hinweisen, wie die freisinnige Stadtverwaltung in Nürnberg handelt. Sie erhält nicht nur die allerreaktionärften Gesetze auf­recht, sondern hat auch sich noch stets gegen die Gründung einer Ortskrankenkaste gesträubt. Bezeichnend war es, daß der Abg. Dr. Mugdan den sächsischen Bevollmächtigten Dr. Fischer so angriff und ihn zugleich als Sozialdemokraten denunzierte. Er machte es bei­nahe so wie der Admiral Roschdjestwensky; dieser schoß auf die englischen Fischer und machte sie zu Japanern, und Dr. Mugdan schoß auf den sächsischen Fischer und machte ihn zum Sozialdemo­kraten. (Stürmische Heiterkeit.) Der Abg. Mugdan meinte, die Sozialdemokraten verallgemeinerten immer einzelne Fälle seien ungemein gehästig. Nun, Sie kennen Wohl das Organ her freisinnigen Volkspartei, die frühereFreisinnige Zeitung", jetzt Neue Freie Fresse". Gibt es ein Blatt, das eine so gehässige Sprache führt, wie dieses? Aus jeder Partei werden das Wohl schon Mitglieder an ihrer eigenen Person erfahren haben.

Abg. Büsing snatl.): Der Abg. Scheidemann hat gegen meinen Fraktionsgenoffen Abg. Tr. Becker schwere Vorwürfe er­hoben. Dr. Abg. Dr. Becker, dem in seinem Wahlkreise ba§ Leven. von den Sozialdemokraten doch wahrlich sauer genug gemacht wor­den ist (Zuruf bei den Freisinnigen:Uns ja auch!" Heiterkeit), hat vor wenigen Tagen seine Frau durch den Tod. verloren und ist durch den schweren Trauerfall verhindert, hier im Hause an­wesend zu sein. Ich glaube bestimmt annehmen zu können, daß dem 9lbg. Scheidemann, der in dem Wahlkreise des Abg. Becker wohnt, bekannt gewesen ist, daß Dr. Becker durch diesen Trauer­fall verhindert gewesen ist, hier im.Reichstage zu fein. Ich glaube, alle Mitglieder dieses Hauses, die noch nicht, jegliches Ge- ssihl (Bedauerndes, ironisches Ach, ach! bei den Sozialdemokraten, Sehr richtig! bei den Nationalliberalen) dem. Parteistandpunkt zum Opfer gebracht haben, werden wohl mit mir verurteilen, daß der Abg. Scheidemann sich diesen Zeitpunkt ausgesucht hat (Ironi­sches Oh, oh! bei den Sozialdemokraten), um gegen Dr. Becker so schwere Vorwürfe zu erheben. (Sehr wahr! bei den Nationallibe­ralen.) Ich habe zu erklären, daß Dr. Becker, sobald er wieder hier sein wird, die nötige Antwort dem Abg. Scheidemann auf seine Angriffe nicht schuldig bleiben wird. (Beifall bei den Nations liberalen.)

Staatssekretär Graf Posadowskv: Im Laufe der Debatte, sind hier unrichtige Angaben über die Zusammensetzung der Kommission für Krankenkassenstatistik gemacht worden. Ich habe mir sofort Pom reichsstatistischen Amt die Anwesenheitsliste kommen lasten, und daraus ergibt sich, daß 35 Sachverständige bei dieser Sitzung anwesend gewesen sind, unter diesen eine große Reihe von Derzten, von Vorstehern von ärztlichen Vereinen, von Drogisten, von Apo­thekern, von Vertretern der Ortskrankenkassen, der freien Kranken­kassen, der Betriebskrankenkasten und freien Hilfskrankenkasten. Es ist ja selbswerständlich, daß, wenn man darüber berät, ob die städtische Krankenkasse anders einzurichten wäre, man . nur . Sach­verständige zu dieser Beratung heranziehen kann, die mit den Krankenkasten eng verbunden sind, die die ganze Geschäftsgebarung der Krankenkassen aufs Genaueste kennen. Daß es. dabei dem Reichsversicherungsamt vollkommen fern gelegen hat, irgendwelche politische Gesichtspunkte geltend zu machen, ist natürlich. Man hat sie nur nach ihrem sachverständigen Wisten gefragt.

Es ist ferner gestern vom Abg. Kulerski behauptet worden, daß das preußische Ansiedelungsgesetz unter Verfastungsbruch. zu stände gekommen sei. Das i+ eine eigentümliche staatsrechtliche Auffassung. Die preußische Ansiedelungskommiffion ist. begründet worden durch den übereinitimmenben Beschluß der Regierung und der beiden Häuser des Landtages. Wo, wenn die beiden gesetz­gebenden Körperschaften einen Beschluß gefaßt haben, ein Ver­fastungsbruch liegen soll, weiß ich nicht. Eine Reihe von Rednern hat ferner erhöhten Bauarbeiterschutz verlangt. Ich kann ver­sichern, daß die Frage mit dem größten Nachdruck vom ReichS- versicherungsamt betrieben wird. Sie ist nicht nur eine sanitäre Frage, sie ist auch eine sehr wichtige finanzielle Frage. Es ist im letzten Jahre die Zahl der technischen Aufsichtsbeamten aus 69. ver­mehrt worden, im Laufe des Jahres werden noch sechs neue hinzu­kommen, sodaß die Zahl 75 beträgt. Ich gebe ohne weiteres zu, daß diese Zahl noch nicht ausreicht, und es wird mein ernstes Be­streben sein, auf die weitere Vermehrung der technischen Auffichts- beamten hinzuwirken.

Abg. von Böhlendorff-Kölpin (kons.) stellt fest, daß die .Hand­werkerkreise seines Wahlkreises ausnahmslos für Einführung des allgemeinen Befähigungsnachweises seien.

Abg. Kopsch sfreis. 93p.): Es ist im allgemeinen mißlich, Einzelfälle unter Namensnennung zur Sprache zu bringen. Nur: tm Notfälle entschließt sich ein Redner dazu. Es ist nicht erfreulich, wenn man, wie heute Herr Scheidemann, die Tribüne des Reichs tages dazu benutzt, um Skandalgeschichten vorzutragen. (Oho! bet den Sozialdemokraten.) Nach der heutigen Leistung beZ &w* Scheidemann begreift man es, daß die Wähler fetne§ ahlkrefi S iährelang nichts von ihm haben wisten wollen. .r , ~

Mit dem Ausgang des Solinger Streites sind alle Getilgten zufrieden gelvesen, und das ist doch das entscheidende. Das aber hat Herr Scbeidemann ganz und gar verschwiegen.

Abg. Tutzauer (Soz.) klagt über die GefangmSarbeit, du zweifellos eine Art unlauteren Wettbewerbs des (Staates gegen baS Handwerk darstelle, und über die LehrlingSzucksterei die noch immer, auch von Innungen, auSaeübt werde. So hatten die 18 Zwangs­innungen Berlins 5299 Lehrlinge.

Hierauf vertagt sich daS HauS.

Persönlich bemerkt Ä

Abg Scheidemann: Der Tod der Frau beS Dr. Becker ist nicht vor einigen Tagen, sondern schon vor drei Wochen eingetreten, denn am 18. Februar war Dr. Becker wegen dieses Todesfalles schon beurlaubt. Die letzten Worte beS Abg. Büsing waren ^^Abg! Büsing snatl.): Ich erlläre, daß ich gesagt habe, ich nähnn. an, daß dem Abg. Scheidemann der Todesfall der Frau des Abg. Dr. Becker bekannt gewesen sei. Ter Abg. Scheidemann gibt zu, daß meine Annahme richtig ist. Ich glaube mich nicht zu irren, wenn icb behaupte, daß ich gesagt habevor kurzer Zeit" und nicht vor einigen Tagen". Im übrigen halte ich gegenüber dem Abg. Scheidemann alles aufrecht, was ich gesagt habe.

Nächste Sitzung Sonnabend 1 Uhr. (Forfietzung der heutigen Beratung und kleine Vorlagen.)

Schluß 6 Uhr.

Abg. Oköbcr sZtr.) fordert eine Enquete über die Gefängnis­arbeit und befürwortet zwei Resolutionen, von denen die erste einen Gesetzentwurf verlangt, der gegen die aktive und passive Bestechung der in Privatunternehmungen angestellten Personen einschreitet, die zweite die verbündeten Regierungen ersucht, bald die Arbeiterschutz­bestimmungen der Gewerbeordnung auf die Hausindustrie insbesondere mit Ausdehnung beS Begriffs der Werkstätte durch Erlaß entsprechender Verordnungen oder im Wege der Gesetz­gebung auszudehnen und die Kranken - und Invaliden­versicherung auf die Hausgewerbetreibenden zu erstrecken. Redner verbreitet sich ausführlich über die Verhältnisse der Heimarbeiter, über die schlechte Bezahlung, über das Wohnungs­elend und die sittliche Verwahrlosung, die häufig unter ihnen herrscht. Jeder mäste angesichts solcher Zustände ein Gefühl der Trauer und Beschämung empfinden, daß so etwas noch möglich sei. Llbhilfe sei dringend nötig, der erste Schritt dazu sei die Ausdehnung der Arbeitergesetzgebung auch aus diese Arbeiter. Der Reichstag habe sich oft bereit erklärt, das Seinige zu tun, baS Hindernis liege nur bei den verbündeten Regierungen.

Abg. Froelich lAnfis.) wünscht Ausdehnung der Gewerbe-Jn- svektion auf Betriebe die mit der Landwirtschaft Zusammenhängen: Ziegeleien, Brennereien usw., wo geradezu haarsträubende Zu­stände herrschen. Er ergeht.sich in Ausführungen übergesunden" undungesunden" Kommunismus; für erstem tritt er ein, letztem verwirft er. Er macht ferner auf die Gefahr aufmerksam, die ans dem großen Vermögen der Rothschilds den Staaten erwachse. UebrigenS wolle er keineswegs gegen das jüdische Großkapital, sondern gegen das Großkapital allein auftreten; daher verlangt er eine progressive Reichs-Einkommensteuer. Der außerordentliche Gegensatz zwischen deutschen und jüdischen Kavitalisten sei aber der: bei den Deutschen erwirbt der Vater das 9ermögeu, der Sobn er­hält es, der Enkel bringt eS_ durch; bei den Juden erwirbt der Vater das Vermögen, der Sohn scharrt Hunderttcnckende dazu der Enkel zieht sich eine gerade Hose an, geht an die Börse und handelt mit Millionen . . .

Vizepräsident Dr. Paasche: Das gehört doch aber eigentlich nicht zum TitelGehalt des Staatssekretärs". (Heiterkeit.)

Abg. Froelich geht nun 'er auf das Handwerk ein und hält eme Mittelstandsrede, wobei er u. a. natürlich auch für den allge­meinen Befähigungsnachweis eintritt. Er äußert sich dahin, daß das WortFreiheit" die größte Lüge des Jahrhunderts fei.

Abg. Scheidemann (Soz.): Es ist nicht richtig, daß die Kranken­kasten Terrorismus üben, dagegen kommt eS oft vor, daß Aerzte Terrorismus gegen die Kasten üben. So in Solingen. Dort haben die Aerzte ihre Patienten gefragt, ob sich. nichts geaen die neu angestellten Aerzte unternehmen laste. Sie haben ferner durch­gesetzt, daß der bisherige Vorstand der Kasse abgesetzt wu de. Da­durch erlangten die Aerzte Oberwasser und forderten nun T terro­ristischer Weise die Entlassung der drei inzwischen ungeteilten Aerzte. Dies war nur dadurch möglich, daß diesen Aerzten eine Abfindung von 3000 Mark gezahlt wurde, für die die Kassenmit- glieber aufkommen mußten. Einen größeren Terrorismus kann es doch nicht geben, und dabei toirft Dr. Mugdan uns Terrorismus vor. flbvr Dr. Mugdan wollte sich mit seinen Reden Wohl nur bei den Konservativen in Erinnerung bringen, mit deren Hilfe er gewählt ist. (Lachen bei den Freisinnigen.) Ferner wirft uns Dr. Mugdan vor, mir übertrieben und verallgemeinerten immer, indem mir jeden Unternehmer als spottschlechten Kerl hinstellten. Dies ist niemals geschehen (Lachen bei den Freisinnigen), und dadurch, daß der Abg. Dr. Mugdan so spricht, macht er sich selbst kolossaler Uebertreibungen schuldig. Daß mir Einfluß in den Krankenkasten erlangen wollen, leugnen wir gar nicht, mir motten überall Einfluß gewinnen, in den Kommunen, den Städten, kurz und gut, wir wol­len das ganze Reich erobern. (Lachen.) Daß in den Kasten mal Fehler und Dummheiten gemacht werden, gebe ich zu, aber wo werden die nicht gemacht. Denken Sie nur an den Freisinnigen, der sich an den Abg. Träger wandte, um zu erfahren, wo der neue Bahnhof in Bant hinkäme, damit er Grundstücksspekulationen machen könnte. Auch von den Nationalliberalen kann ich einen Mann anführen, der gerne Neichstagsabgeordneter werden wollte, damit er dann für baS und das Gesetz stimmen konnte, von dem er selbst Vorteil hatte. Es war dies der Abg. Fitz, der mit Hilfe des Bundes der Landwirte gewählt ist. WaS würden Sie wohl sagen, wenn hur es wie der Abg. Dr. Mugdan machen und auf Grund solcher Vorfälle sagen wollten, die Nationalliberalen und die Frei­sinnigen taugen alle nichts. Wollte man verallgemeinern, welche Schlüsse konnte man daraus ziehen, daß Milan seine Orden versetzte, oder aus dem Fall Montignoso? Wie die Aerzte es machen, zeigt ein Fall in Sprendlingen. Dort hat ein Arzt, nach­dem er die Leute veranlaßt hat, einen Sanitätsverein aufzulösen.

worden. Ob er als solcher gut gewirtschaftet hat, weiß ich nicht. Ich weiß bloß, daß, seit er im Amte ist, die Beiträge zur Kaste haben erhöht werden müsten. Herr Zubeil hat nun behauptet, der Betreffende ist einstimmig von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern in die Verwaltung der Kaste gewählt worden. Ich habe mich in­formiert und dabei foIgenoeS erfahren: Tatsächlich haben in der betreffenden Sitzung die Arbeitgeber himmelhoch gebeten, den Un­sinn doch nicht zu machen, einen Menschen zu wählen, der absolut nicht die geringsten Kenntniffe für das Amt hat, wo doch 14 quali­fiziertere Bewerber vorhanden seien. Die Arbeitnehmer sagten aber:Das nützt nichts, wir wählen Oswald!" (Heiterkeit.) Nach­dem die Arbeitgeber nun sahen, daß ihr vernünftiger Einwand nichts nützte, haben sie unter Protest das Lokal verlassen (Hort, hort!) und sich nicht an der Wahl beteiligt. (Hört, hort!) Und da hat allerdings Herr Zubeil recht, daß nunmehr der Betreffende einstimmig gewählt worden ist. (Stürmische Heiterkeit.) Herr Zubeil hat aber noch etwas anderes gesagt. Er hat so leichthin davon gesprochen, daß der frühere Geschäftsführer der betreffenden Kaffe, eine freisinnige Große, wegen Unregelmäßigkeiten habe entlassen werden müssen. Wenn Herr Zubeil den Betreffenden _cine frei- sinnige Große nennt, so versteht es sich von selbst, daß er nicht freisinnig war. (Heiterkeit.) Er gehörte der konservativen Partei an. Wenn er ihm Unregelmäßigkeiten vorwirft, so erkläre ich, Herr Zubeck wird den Beweis dafür niemals antreten können. Hört, hört!)

Ich schließ?. Ich will mich dahin resümieren, Herr Zubeil hat offenbar von allen Dingen, die er hier vorgebracht hat, eine eigene Kenntnis nickst gehabt. Er hat sich informieren lassen, und da eS politischen Gegnern galt und die Informationen sehr ungün­stig ausfielen, so hat er das ist ia die allgemeine Methode der Sozialdemokraten diese Informationen ohne jede Prüfung für Wahrheit genommen. (Zustimmung.) Herr Zubeil hat seine Rede damit geschloffen:Herr Mugdan, Sie sind bei den Arbeitern und bei den Sozialdemokraten gerichtet!" Nun, ich hoffe, daß Herr Zubeil fortan bei den anständigen Arbeitern, mögen sie Sozial­demokraten fein ober nickt, sein Ansehen verloren hat. Einen Trost will ich chm zurufen: Ich glaube bei meiner Kenntnis der Sozial­demokratie nicht, daß er trotz dieses seines Verhaltens bei der Sozialdemokratie fein Ansehen verloren hat. (Sehr gut! und leb­hafter Beifall rechts.)