Ausgabe 
11.2.1905 Viertes Blatt
 
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Nr. 36

Samstag, 11. Febrrrar ll>05

155. Jahrg.

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Eichener Anzeiger

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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Glehen.

Reichstages nach Wien

leitender Staatsmann

wurde hier auf einen Ausspruch des Fürsten Hohenlohe angespielt, baß nur 20 Prozeyt der Landwirte von den Gefteibczöllen Vorteil hätten. Das hat er sicher von einem vortragenden Nate gehabt, der von der Landwirtschaft nichts verstand. Caprivi wenigstens habe immer sein Material von Alerander Mever und ähnlichen Leuten bekommen. (Heiterkeit.) Sobald bei uns der Getreidebau nicht mehr lohnend ist, werden nicht Hunderttausende sondern Mil­lionen Arbeiter brodlos, dann kommen wir zu derselben traurigen Entwicklung wie in Irland, wo die Bevölkerung in wenigen De­zennien von acht auf fünf Millionen herunterging. Möge unser Vaterland vor einem solchen Schicksal bewahrt bleiben. (Beifall

Pariamentarische Berhandlnnge».

Nachdruck ohar VereinbaruLy nicht gestattet.

Aentlcher Reilüstay.

138. Sitzung vom 10. Februar.

1 Uhr. Tas Haus ist gut besetzt.

Am Bundesratsüsch: Graf Posadowskp u. a.

Die erste Beratung der Handelsverträge wird fort»

Stimmung zu machen. ------ - _

Abschluß des Vertrages mit Oesterreich besonderen Lckwierigketten begegnet. Nun ist es doch gelungen, und ich muß sagen, unser

Graf Bulow hat sein Wort, das er der Landwirtschaft gegeoen, eingelöst. Er hat für die Landwirtschaft das erreicht, was überhaupt zu erreichen war, und er hat nicht bloß als Freund der Industrie, sondern auch als Freund der Landwirt­schaft gehandelt, wenn er diese Verträge abschloß und uns nicht in einen oertragslosen Zustand hineinkommen ließ, denn ivnst hätte Die Landwirtschaft noch weiter unter den Caprivlschen Handels-

(Große Heiterkeit.) Ja, das war eine schone Zeit, die Zeit der hohen Getreidepreise! (Stürmische Heiterkeit.)

Betrachten Sie ferner den statistischen Zusammenhang zwischen Abwanderung und Getreidepreisen! Je höher die Getreidepreise, desto größer die Ltbwanderung, und gerade vom Lande. Und da kommen Sie nachher und klagen über Leutenot! Dagegen besteht nicht der geringste Zusammenhang" zwisckien Getreidepreisen und Arbeiterlöhnen. Wesbalb also sollten Wohl die Landarbeiter an den Zöllen Jntereste haben? (Zuruf rechts: Und die Industrie­arbeiter?) Ja, was haben denn die Industriearbeiter davon, wenn sie auch wirklich nominell höhere Löhne bekommen: sie müssen i<r auf der anderen Seite noch entsprecheiid viel mehr.für den Lebens- unterhalt ausgeben. (Widerspruch rechts.) Es ist doch wahr, so helle wie Sie bin ick oock! (Große Heiterkeit.) Mit der Herabsetzung des Zolles für Fmtcrgerste bin ich einverstanden, bester wäre es noch, den Zoll ganz ausruheben. Der hohe,Roggenzoll nützt unseren Landwirten nichts, belastet aber dafür unsere gesamte Bevölkerung und macht die rustifche Industrie leistungsfähiger, da ihre Arbeiter das Brot billiger bekommen als unsere. Also bewahrheitet sich hier wieder das Wort Bismarcks, daß unsere Agrarzölle die russische Industrie begünstigen. Daß es der französischen Landwirtschaft unter dem hohen Zollscbutz nicht gut geht, beweisen die zahlreichen Zwangsversteigerungen in Frankreich.

Außerdem kann Frankreich sich noch eher einen hohen Zollschutz leisten als wir. weck es eine stagnierende Bevölkerung hat, während die unserige säbrlich um 1 Million zunimmt. Ein Vergleich mit England kann nur zu besten Gunsten ausfallen, denn die Lebens­haltung und Gesundheit der Arbeiter ist dort bester als in Deutsch­land. Tie Wirkung der Getreidezölle ist also geradezu masten- mörderisch. Lebhafter Widerspruch und ohvl rechts.) Daß mit diesem Zolltarif Sogenannte Handelsverträge zustande kommen werden, habe ich längst vorausgesagt, aber es kommt nicht darauf an, wie man das Kind nennt, sondern was es ist, und diese Ver­träge werden keine Handelsverträge sein, sondern Mißhandels­verträge. (Lachen und Au! reckte.) Der Reichskanzler hat Schweine­glück gehabt (Heiterkeit), daß Rußland setzt in den japanischen SMeg -verwickelt ist: trotzdem müssen wir den Vertrag noch mit 500 Mil­lionen barem Gelde bezahlen. Ter Handelsvertrag wird erkauft durch die Anlecke. Wenn Rußland nichts mehr gepumpt kriegt, dann wird es auch feine Zinsen nicht mehr bezahlen können. Uno jetzt schon sind seine Schulden ins Ungemestene gestiegen, und die inneren Verhältniste sind wahrlich auch nicht zum Besten. Als wir voraussagten, daß der Preis des Handelsvertrages eine Anleihe bilden würde, da wurden wir beschuldigt, mit vergifteten Waffen zu kämpfen. Jetzt hat sich unsere Ahnung auf das Schlimmste be­stätigt. Im einzelnen will ich Ihnen das nicht näher darlegen. (Lebhafte ironische Rufe: Ah! und: Wie schade! rechts.) Die wich-, tigsten Dinge zur Lebenshaltung werden jetzt mit erdrückenden Zöllen belastet, aber einen Trost haben wir: ein Zoll ist ermäßigt, der Zoll auf Heftpflaster. (Heiterkeit.) Aber alles Heftpflaster Der Welt wird nicht ausreichen, um die Wunden zu verkleben, die Der russische Handelsvertrag der deutschen Industrie schlaaen totrü. (Große Heiterkeit,) Ein Export nach Rumänien wird unserer Jndiistrie infolge Der hohen Zollsätze auch nicht mehr möglich sein. Was die ^Norddeutsche Allgemeine Zeitung" über den rumänischen Vertrag schreibt, ist nichts als eine Vorspiegelung falscher Tat­sachen. (Oho! rechts.) Es ist eine traurige Ernte, die Sie hier einheimsen. Ich fürchte, unsere jetziaen relativ günstigen Verhält- nisten können leicht in ihr Gegenteil umschlagen; denn wer Wind säet, wird Sturm ernten. (Beifall links, Lachen und Hu-Hu-Rufe rechts.)

Staatssekretär Graf Pofndowsky: Der Vorredner hat eint Unterhaltung des Fürsten Bismarck mit dem Fürsten Gortschakow gelegentlich mitgeteilt. Ich glaube, wenn der verewigte Fürst Bis­marck die heutige Rede des Abg. Gothein und die Nutzanwendung seiner Worte hier gehört hätte, so würde er dies außerordentlich be­dauert haben. Man muß solche diplomatischen Wendungen nicht mit dieser übermäßigen deutschen Gründlichkeit nehmen. (Heiterkeit und sehr gut rechts.) Zu der Zeit, in welcher die erwähnte Unter­haltung fiel, gingen wir daran, Rußland gegenüber unsere Getreide­zölle zu erhöhen. Tas war selbstverständlich für Rußland eine un­angenehme Veränderung der deutschen Politik, und es war ebenso selbstverständlich, dgß Fürst Bismarck, der stets in seiner außer­parlamentarischen Rede klugerweise den größten Wert darauf legte, fremde Regierungen nicht zu diskreditieren und zu beleidigen, daß Fürst Bismarck in jener Unterhaltung die Sache dem Fürsten Gort­schakow von einer etwas weniger tragischen Seite darzustellen suchte, und Fürst Bismarck hafte Recht daran, denn ftotz der erhöhten Gefteidezölle sfteg bekanntlich die Einfuhr des russischen Getreides. Glaubt nun der Aba. Gotheiri, der eigentlich seine ganze Rede auf diese Anekdote auf gebaut hat, daß Rußland, wenn Fürst Bismarck diese Unterhaltung mit Fürst Gortschakow nicht gehabt hätte, etiva seine Industrie nicht entwickelt haben würde? Die Entwicklung der russischen Jndusftie hat nicht darauf beruht, daß wir die ^ftkiue^ zölle erhöht haben, sondern daraus, daß auch in Rußland em Kul-* turfortsckritt entstanden ist, wenn auch noch lange nicht m dem Maße wie in Deutschland, weil Rußland natürliche Hulfsguellen hat und gezwungen war, diese Hülfsguellen für die Entwicklung zu einer Industrie aufzuschließen. Rußland wäre auf mbinmei* fern Gebiete schon ein gefährlicher Konkurrent für urw, toenn es das eingearbeitete und intelligente Arbeitspersonal hcftte, dessen M Deutschland erfreut. Rußland ist an natürlichen Hulf-quellen zum Teil noch viel reicher als wir. .

Der Aba. Gothein bewegt sich in Widersprüchen. (Lebhafte Zustimmung.) Aus Der einen Seite erklärt er, bie ooHe toerDen Der deutschen Landwirtschaft gar nichts nützen, weder die ^whzolle noch die Getreidezölle. Wenn das richtig wäre, dann mutzte er logischerweise hinzufügen, Dann können sie auch den deutschen Kon- fimienten Es fäaoen. (Sehr richtig!) Denn dann werden d.e Preise nicht steigen und die Konsumenten werden nickt geschädigt. Aber Der Abg Gothein befindet sich in einem zweiten ^iderfpruch. Er prophezei ich werde ihn mal an Dtejc Prophezeiung er­innern,^Daran* kann er sich verlaßen unsere ganze Aussuhr- inbuitric werde leiden, wir könnten unmöglich betben hohen Zöllen noch nach dem Auslande exportieren. Mso da gesteht , er Die Wirksamkeit von Zöllen zu. Aber pir die Landwirtschaft wuanet er sie (Sehr gut! rechts und im Zentrum.) Entweder die Zölle baVn eine Wirkung ober sie haben sie nicht. Diese Wir­kung gilt für Rußland ebenso wie für uns. Nun hat der Abg. Gothein über Die gestiegenen Preise der landwirtschaftlichen Pro­dukte gesprochen. Die gestiegenen Preise sagen gar nichts, lonDern . um die wirtscraftliche Lage der Landwirtschaft zu beweisen, mutz 1 man fragen, wie verhält sich der Reinertrag zu Den druttokosten. Das ist das allein Entscheidende. (Sehr richtig!) Die Brutto- kosten Der deutschen Landwirtschaft sind unvcrhältnismätzlg gcgcn- ' über Den Preisen gestiegen, so Daß daraus in der Tat Die Not Der Landwirtschaft folgt.

Man kann über die Agitation, Die von manchen landwirtschaft» lichen Kreisen geführt ist, denken, wie man will. Man ^ann be­haupten: sie ist in mandvi Siebung viel zu ivcitgehend. <wcr

rechts.)

Abg. Gothein (fr. Vp.): Ter Reichskanzler hat uns eine Anek­dote erzählt von dem Fürsten Bismarck, baß bieser einmal zu dem russischen Minister Giers, der sich über die hohen deutschen Agrar­zölle beklagt haben soll, gesagt hat:Meinen Sie nicht, unsere Agrarzölle schassen Ihnen eine russische Industrie." Diese Anek- bote ist ungemein charakteristisch und vielsagend. Selbst die Weser- Zeitung, die sonst dem Reichskanzler doch so wohlwollend gegenüber steht, ist geradezu entrüstet über den Cpnismus, Der sich in diesen Worten ausspricht. Und ein solcher Ausspruch wirb heute gerade­zu als Motto der jetzigen Politik des Reichskanzlers vorangestellt, nur um die Grundrente zu geben, unb um den Agrariern entgegen* zukommen. (Lachen rechts.) So also soll unsere Industrie ge­schädigt werde ., und diese? nennt man Schutz der nationalen Arbeit, und uns, bie wir stets eine solche Politik bekämpft haben, mad'r man den Vorwurf, Agenten des Auslandes zu sein! Ein höherer Grad nationaler Selbstverleugnung ist mir überhaupt noch nicht porgekommen, als er in dieser Antwort liegt. Ter Reichskanzler hat uns Damit eine Waise in die HanD gegeben, wie wir sie nicht bester brauchen. Kann man in der Tat bester das widersinnige unterer ganzen Zollpolitik kennzeichnen? Ter Reichskanzler sollte dafür zum Ehrenmitglied des Cobden-Klubs ernannt werden, (Heiterkeit), weil er dem Freihandel einen unschätzbaren Dienst er­wiesen hat. Graf Bülow hat gemeint, es wäre eine ganz unatür* liche Entwicklun,-, wenn unsere Industrie jetzt verhältnismäßig schneller wächst als unsere Landwirtschaft. O nein, das Gegenteil, ist der Fall. Ich weiß nicht, ob Graf Bülow schon einmal Gelegen­heit gehabt hat, das Wachstum eines Kindes bon der Geburt an zu sehen. Da wird er sehen, das Kind kommt mit einem verhältnis­mäßig großen Kopf zur Welt. Arme und Beine sind aber noch sehr klein. Im späteren Wachsftrm legt sich das. Der Kopf wächst dann sehr langsam. Arme und Beine viel schneller, bis schließlich der Mensch sein Ebenmaß erlangt hat. (Heiterkeit.) Genau so ist es mit der Volkswirtschaft. Der Kopf, das ist die Landwirtschaft, die ist von vornherein ziemlich groß. Arm und Beine, das sind Jndusftie und Handel, die sind anfangs ganz klein, müssen aber spater um so schneller wachsen. Graf Bülow aber meint, es sei ungesund, wenn der Kopf nicht auch schnell wachst. Er will also eine Mißgeburt, er hält eine Mißgeburt für das Ideal Der Schöpfung, und da die Naftrr ihm nicht den Gefallen tut, diese Mißgeburt zu erzeugen, so will er sie künstlich machen; der Doktor Bülow-Eisenbart schnürt Arme und Beine zu, bläst den Kopf auf und glaubt nun, ein Ideal von Schönheit erzogen zu haben. (Heiter­keit.) . . _

Soll man e8 immer und immer wieder wiederholen, daß die Zölle nur dem Großgrundbesitz zugute kommen, daß sie nur eine künstliche Entwicklung Hervorrufen? Minister von Rheinbaben sagte einmal:Wer da sagt, daß die Zölle nur den Großagrariern nütz^i. nicht auch Den Kleinbauern, kämpft mit veraifteren Waffen." Es ist unschön, den politischen Gegnern niedrige Motive unterzuichieben. und besonders bedauere ich es, wenn Derartige Aeußerungen vom RegierimaStstch fallen. Wie niedrig muß die Regierung die Intel­ligenz der Mehrbeitsvarteien im Abgeordnetenhause einfcbätzen, wenn sie ihnen mit derartigen Argumentationen zu Hilfe kommen zu müsten glaubt, klebrigen? diese vergifteten^ Waffen und nicht nur von uns gebraucht worden, auch ber. frühere Reichskanzler rvürft Hohenlohe bat sich deren bedient, freilich da hat man gesagt, das stammt nicht von ihm selbst, das hat ihm iemanb eingeblasen. Nun freilich, mancher Minister mag fick' von seinen Vortragenden Räten alles mÖoTich einblaien lasten. Fürst Hohenlohe aber war nicht solch ein Mann, er hat sich mit mir selbst darüber unterhalten, (Zurufe: Slh, ah, ah! rechts. Schallende, anhaltende Heiterkeit) und da hat es sich gezeigt, daß er in der Tat die Frage selber studiert hat. Er hat landwirffchaftlickie Engueten, die damals ver­anstaltet wurden, genau gelesen und selber seine Schlüße daraus gezogen. In der Tat: Wenn die Landwirtschaft sich in einer ge­wissen Notlage befindet, so kommt das nur von der übermäßigen Ausdehnuna des Getreidebaus, von der mangelhaften Viehzucht usw. (Unruhige Zurufe rechts.) Ja, das wollen Sie nickst hören, aber dadurch schaffen Sie es nicht aus der Welt. Eine naftonal-ökono- mische Autorität, Professor Conrad, hat selber ausgeführt, der Kleinbauer habe gar kein Interesse am Getreidezoll, unb denken Sie erst an basVotum gegen den neuen Zolltarif" bes früheren Mini­sters Schäffle. Auch eine anbere Exzellenz, ber Vizeadmiral a. D. Hoffmann, muß sich zu denKämpfern mit den vergifteten Waffen gesellen. . , ._

Zu dem gleichen Resultat gelangt aus Grund seiner wisten- schaftlichen, quellenmäßigen Untersuchungen der Astestor Hecht m feinem BuchDie badische Landwirtschaft". Ja, selbst ein Kreis­vorsitzender des Bundes der Landwirte, Herr Fliehbach-Landechow, äußert sich, wenigstens was Pommern anlangt, nicht viel anders. (Zuruf: Pommern!) Na ja, Pommern, das sage ich ja. Der Bauernstand hat nie etwas von Den Zöllen gehabt. Sehen Sie doch nur auf England! (Gelächter rechte.) Durch Ihr Lachen be­weisen Sie nur Ihre phänomenale Unkenntnis! Ter Niedergang der englischen Bauernschaft begann in Der Zeit, wo unter der Herr­schaft der Gefteidezölle Die Getreidepreise bis ins Ungemestene stiegen Unb lesen Sie doch schließlich auch das Buch von Ernst Moritz'Arndt über das Aufkommen ber Leibeigenschaft! Damals petitionierte bie mecklenburgische Ritterschaft an den König von Schweden, Vorvommern gehörte damals noch zu Schweden Ardt sollte zur Sftafe des Landes verwiesen werden. Das war aber nur eine Strafe für Höherstehende, für die Leibeigenschaft be» stand diese Strafe nicht, weil, wie die Ritterschaft sich clmisch aus­brückte bie Seibeiaenen es ja nur bester haben würden, wenn sie des Landes verwiesen würden. Damals bestand die Sitte, wenn , man einen bavongelaufenen Leibeigenen einfing, ihm 2530 auf­zuzählen, wohin, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. (Große Heiter- , test) ^arin hat sich bie mecklenburgische Ritterschaft überhauvt sehr schneibig und findig gezeigt. Eines schönen Tages entdeckte man baß bas Gesetz bloß für Erwachsene bestand, nicht für Kinder. , schloß man schleunigst die Lücke in Der Gesetzgebung. Heiterkeit.) entsinne mich noch, baß berKlabberadatsch" ein Bild brachte, das einen .Haufen Kinde"- darstellt, bie hinter einem Banner her. . ,ogen, worauf ein große? Paragraph-Zeichen abgebilbet war, unb - darunter stand das Versehen: .

Die Kleinen und die Großen, Die Männer und die Frau'n, , ' Jetzt werden auf den Bloßen

Auch wir gehau'n."

gesetzt.

Äbg Gamp (Rp.): Poliftsche Freundschaft soll man nicht durch wirtschaftliche Konzessionen erkaufen. Diesen Standpunkt hat Fürst Bismarck aufgestellt und auch stete befolgt. Ta kam Graf Caprivi, rind alles wurde anders. Man kann von ihm denken, was man will: ein Freund der Landwirtschaft war er nicht. Ms unsere Landwirtschaft bann mit ihren Forderungen kam, da hieß es: soll denn unsere Jnbusftie zu Grunde gehen? Ganz ähnlich gmgen die Verfteter Der reinen HanDels- unb inbustriellen Jnieresten auch diesmal vor. Durch das große Geschrei, das Sie gegen den Zoll­tarif anstimmien, haben Sie von vornherein^ die Lage unterer Unterhändler sehr erschwert, ist doch ein früheres Mitglied des gereist, um gegen unseren neuen Taris Da ist es denn kein Wunder, wenn Der

vertragen seufzen und leiden müsten.

Damit will ick noch nickt sagen, baß ave Wünsche^ ber Land­wirtschaft erfüllt sind. Bedauerlich ist es z. B., baß nicht ein höherer Zoll am Futteraerste erzielt worden ist. Niedrige Futter­preise brücken auch auf die Viehpreise. Mit den Pferdezöllen sind wir ganz zufriede". weniger mit der Regelung der Schweineeinfuhr. Da sind wir nickt jo günstig weggekommen. (Zuruf bei den Soz,: Nickt genügend Vorteil!) Wir sind auf den Vorteil gar nrcht so versessen (Lachen links), ton wollen rm Interesse unserer Arbeiter (Lacken bei den Soz.j, im Jntereste unserer ganzen ^Volkswirtschaft die Sckweineproduktton möglichst allein für uns haben, damit tun wir auch den deutschen Konsumenten einen Dienst. (Lachen bet hen Soz.)

Das Opferlamm bei den Handelsverträgen ist Die Forstwirt­schaft, aber schließlich, obgleick ich bei den Holzzöllen am meisten selbst interessiert bin, muß ich doch zustimmen, wenn ein Obzekt der Landwirtschaft geeignet war zu Konzessionen, so ist eS in erster Linie das Holz.

Das allergünstigste, was die Verftage für bie Landwirtschaft gebracht haben, ist aber zweifellos die Viehseuchenkonventton mtt Oesterreich. Diese ist in hohem Maße geeignet, ernste Besorgnisse zu erregen, und in diesem Punkte hat unsere Regierung das Jntereste Der heimischen Landwirtschaft ganz bestimmt nicht ge­nügend gewahrt. Es ist ja eine Seuchenkalamttat ohnegleichen, der ton jetzt preisgegeben werden. Man denke, wenn bei uns bei einem einzigen Tiere Rotlauf sich zeigt, so kommt der Tierarzt und es findet eine Sperrung statt, dagegen hat unsere Regierung Oester­reich konzediert, daß, wenn ein Ort bis zu 10 Prozent verseucht ist, bas noch nicht als Verseuchung anzusexen ist. Das ist in per Tat eine schwere Benachteiligung und schließlich: Wenn sckon ein­mal eine Sperrung der Grenze erfolgt ist, so muß diese aufgehoben werben, sobald die österreichisch-ungarische Regierimg , die Seuche amtlich für erloschen erklärt hat und eine bestinimre Frist verstrichen ist. Was heißt das anders, als daß wir ganz und gar in die Hände des Auslandes in diesem Punkte gegeben sind. Graf Bülow meinte, wir sollten uns nur auf, seinen Freund, den Landwirtschaftsminister, verlassen. Gewiß ist dessen Beistand sehr viel wert. Aber gegenüber solchen Vertragsbestimmungen wird auch Herr von Podbielskr schließlich nicht viel ausrichten können. In der Kommission werden wir eingehend die Frage erwägen müsten, ob die Viehkonvennon in so engem Zusammenhang mit dem Handels­vertrag steht, daß dieser nickt ohne jene angenommen werden kann. Sollte das der Fall sein, wir also gezwungen sein, auch die Kon­vention zu acceptieren, so werden wir die Frage prüfen, cb die Reicksregierung nickt die Verpslicktung hat, für den Schaden auf­zukommen, ber burch bie Einfuhr verseuchten Viehs ber Lanb- «virtsckaft entsteht.

Die Zölle für Holzstoff, Cellulose, Pappe unb Papier sinb auch herabgesetzt. Ich bitte bie Regierung, wenigsten? in einem Hanbels- vertrag mit Schweben unter keinen Umstänben Schweben dieselben Sätze Zuzugestehen. Denn Schweden hat noch einen zu großen Holzbestand und wird uns dann zu gefährlich.

Dem Grafen Kanitz kann ich darin nicht beistimmen, daß bas Beste für uns kurzfristige Meistbegünstigungsverträge wären. In bieser Beziehung stehe ich mehr auf bem Stanbpnnkt bes Abg. Kaempf, ber mir das hoffentlich nicht übelnchmen wird. (Heiter­keit.) Graf Kanitz hätte vielleicht recht, wenn wir ein parlamen­tarisches Regime hätten und so schneidige Minister, wie etwa Amerika. Aber daß unsere Minister bet etwaigen,Beschwerden so energisch vorgehen werden, wie etwa die amerikanischendas glauben Sic doch selber nicht, Herr Graf Kanitz. (Heiterkeit.) Herrn Kaempf mutz ick darin entgegentreten, datz man am besten die Spn- dikate durck Ermäßigung ober Aufhebung der Zölle bekämpfeii könne. Herr Kaempf vergißt dabei, daß die Arbeiter auch darunter leiden würden, denn nur durck den Zollsckuh ist es der Industrie möglich gewesen, die höheren Löhne zu zahlen. Nun wirft man der Landwirtschaft vor, daß sie ungenügende Löhne zahle, auch Herr Bernstein stellt sich auf diesen Standpunkt; aber wie kann die Land­wirtschaft höhere Löhne geben, wenn sie, wie unter den bisherigen z Handelsverträgen nicht durch Zölle geschützt ist. Unrichtig ist es, daß bie Agrarier unter allen Umstänben Zölle haben wollen, nur um sich zu bereichern. Sie wollen sie nur bann, wenn sie sie zur Erhal­tung ihrer Existenz unbedingt brauchen. 1890, zur Zeit der hohen Preise wollten die Konservativen sogar die Gcrreidezölle suspen­dieren, aber dies haben nicht die Agarier verhindert, sondern Ihr Freund Caprivi. Herr Bernstein. (Heiterkeit.) Daß die Kartoffel- Preise, wie Herr Kollege Sternberg (Große Heiterkeit) Kollege Bernstein behauptete, übermäßig hock seien, trifft absolut nicht zu. Ick bin bereit. Ihnen Den Zentner schon mit 1,20 zu liefern. (Zu­ruf von Den Soz.: Geben Sie uns mal lieber erst Das versprochene Gut! Große Heiterkeit.) Das Gut sollen Sie haben, wenn Sie Herrn Bernstein zum Verwalter einsetzen. (Erneute Heiterkeit. Zuruf von Den Soz.: Machen wir!) Eine Rcichsenquete über Die Lage der Landwirtschaft, wie sie Herr Kaempf wünscht, ist über­flüssig; wir sind mit der Landwirtschaft so verwachsest, daß wir voll­ständig orientiert sind. Herr Kaempf braucht sich nur an erfah­rne Landwirte zu wenden und er wird überall hören, daß die Landwirtschaft bei den ietziae" Greifen keine Rente abtoirft. Gestern