Ausgabe 
12.5.1905 Zweites Blatt
 
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155. Jahrg«

Freitag, 13. Mai 1905

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Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

163. Sltzungvom 11. Mai«

2 Uhr. Das HauZ ist mätzrg besetzt.

Am BunLesratstisch: Dr. St üb ei u. a.

Aus der Tagesordnung steht zunächst die erste Beratung de§ Gesetzes bete. Uebemahme einer Garantie des Reiches inbezug aus eine Eisenbahn von Duaia nach den Manengube- Bergen.

Die Bahn totrD gebaut von der Kamerun-Eisenbahn-Gesell- schaft, deren Gesellschaftskapital 17 Millionen Mark betragen soll rn 170 000 Anteilen von je 100 Mart. Die Anteile zerfallen in Reihe A, umfassend ein Kapital von 6 Millionen Mark, die mit Vorzugsrechten bei der Gewinnverteilung ausgestattet ist, aber keine Reichsgarantie genießt, und Reihe B, umfassend ein Kapital von 11 Millionen Dtark, für welche das Reich vom ersten Geschäftsjahr an für eine jährliche Verzinsung von ä Prozent garantiert und vom fünften Geschäftsjahr an für eine Rückzahlung des Ameils- kapitals rmt einem Zuschlag von 20 Prozent des Nennwertes nach einem bestimmten Tilgungsplan.

Kolonialdirettor Dr. Stübel: Wenn wir früher zur Begrün­dung von kolonialen Eisenbahn-Vorlagen auf die Erfahrungen in fremden Kolonien hingewiesen haben, so können wir heute schon auf die offenbaren Fortschrrtte Hinwersen, die die kurze Eisenbahn TangaMombo seit der kurzen Zeit ihres Bestehens auf dre wirt­schaftliche Erschließung eines Leits unseres ostafritanischen Schutz­gebietes gebracht hat. Tanga ist aus einem Fischerdorf ein auf­blühender Hafen- und Handelsort geworden. Längs der Eisen­bahn entstehen Niederlassungen, brach liegendes Land wird unter Kultur genommen, und für die Pflanzungen auf den Bergen Usam- baras ist eine bessere Zeit angebrochen. Die guten Erfahrungen, die man mit der Hanfkultur gemacht hat, lassen auch in der Ebene immer neue Sisal-Agave-Pflanzungen entstehen. Die Ausbeu­tung der reichen Holzbestände des Landes hat ihren Anfang ge­nommen. Sekundärbahnen werden gebaut und sind in Aussicht ge­nommen. Auch die üblen Prophezeiungen, wonach man dauernd mit einem Defizit arbeiten werde, erfüllen sich nicht. Schon heute ist e8 gelungen, mit der kolonialen Eisenbahnbau- und Betriebs- aesellschaft einen Vertrag abzuschließen, der diesem hohen Hause demnächst vorgelegt werden wird und den Etat von Ostafrika gegen jedes weitere Betriedsdefizit sicher stellt und für den Fiskus eine angemessene Rate des etwaigen Gewinns vorsteht. Den stutzen der Eisenbahn sehen wir auch so recht aus dem wirtschaftlichen Auftchwunge, den die deutschen Distrikte an den Ufern des Vicioria-Njanza-SeeS infolge der eng­lischen Uganda-Bahn nehmen. Die großen Dampfer der englischen Eisenbahngesellschaft halten e§ für rentabel, regelmäßig unsere Küste anzulaufen, wo sie gute Ladung finden, und der englischen Uganda-Bahn haben wir es zu danken, wenn hier zuerst eine berg­bauliche Tätigkeit sich entwickeln wird. Mein der Handel über die Binnengrenze des ostafrikanischen Schutzgebietes hat sich von 815 000 Mark im Jahre 1903 auf 1 850 000 in den ersten drei Quartalen des JahreS 1904 gehoben, wovon allein 1 524 000 Mark auf die Bezirke am Kilimandscharo und am Victoriasee, die in die Emflußzone der britischen Bahn fallen, kommen.

Der günstige Einfluß der kleinen Usambara-Dahn und der britischen Uganda-Bahn, die nicht einmal direkt durch unser Gebiet geht, auf unsere deutschen Schutzgebiete ergibt sich aus der Ent­wicklung des ostafrikanischen Außenhandels in den letzten Jahren. Von 1903 bis 1904 ist eine Steigerung des gesamten oftaftikam- schen Außenhandels in Einfuhr und Ausfuhr über die Küste und Binnengrenze von 18,2 Millionen auf rund 23 Millionen emge- treten. Allein die Ausfuhr ist auf etwa 9 Millionen Mark gestiegen. Das bedeutet in wenigen Jahren eine Steigerung auf das Doppelte.

Dieser Aufschwung ist großenteils durch die erwähnten Eisen­bahnen ermöglicht worden. Den bescheidenen Anfängen im Eisen­bahnbau verdanken wir es, daß dem drohenden Niedergang des ost- afrikanischen Handels Einhalt geboten ist und daß sich endlich er- fteuliche Perspektiven auf eine günstige Entwicklung unserer größten Kolonie eröffnen. Wenn dann Togo die Zinsen des BankapttalS für die dortige Jnlcmdsbahn selbst aufbringt, so ergibt sich schon daraus, daß es sich um keine unfruchtbare und gewagte Kapital­anlage handelt. Die reichen Produkte des Landes lassen die Bahn schon heute mehr alS Ausbeutungsbahn erscheinen, denn als cme Erschließungsbahn. . ,, ...

Nun liegt die Frage nahe, warum wir für Kamerun erst letzt mit einer Bahnvorlage kommen, da diese Kolonie doch immer als unsere reichste galt. Die Erklärung liegt Darrn, daß die Handels­interessen und auch die deutsche Verwaltung sich bis 1899 auf einen schmalen Küstengürtel beschränkt hatte und daß erst seit dieser Zeit die Verwaltung, dem als Pionier vorangehenden Kaufmann fol­gend, sich über den übrigen Teil des Landes ausgedehrck hat Der Handel beschränkte sich bis vor kurzem auf die Verwertung der im Küstengürtel wachsenden Produkte der Qelvalme und auf den Gummi und das Elfenbein, das aus dem Innern durch die Ver- mittelrmg handeltreibender Eingeborenenstamme zugesuhrt wurde. Heute, da jene Handelsbeschränkung gefallen und das seitherige Handelsmonopol der Eingeborenen durchbrochen ist, da es sich für den europäischen Kaufmann und Ansiedler darum handelt, die wirt­schaftliche Entwicklung der Kolonie selbst in die Hand zu nehme»!, erscheint sofort die Aufschließung des Landes durch eine Bahn als zwingende Notwendigkeit. Auch die Verwaltung hat an der Bahn hervorragendes Interesse. Es gilt, auf einem sehr großen Gebiete unter einer zahlreichen erst halb oder noch gar nicht untettvorsenen Bevölkerung bei einem verhältnismäßig sehr geringen Truppen- bestande Ruhe mid Ordnung zu halten. Größere Auf- stände sind zwar nicht zu befurchten, aber es lmrd n o ch lange bald hier, bald dort gekämpft werden müssen, um unbotmäßige Eingeborene im Zaume zu halten. Es liegt aus der Handsatz nichts die militärische Ausgabe der Verwal^ng besser unteritüM als eine Eisenbahn, mit der Truppen vwi der We nach dem Amern geschafft werden könnnen.Kem Land , hat Herr floinat ist reich genug, um soviel Truppen tti fernen

Tu halten' daß es damit die Möglichkeit jedes Aufstandes bfewie für hie Aufrechterhaltung von Ruhe

Ording wird Lr eine Eisenbahn bleiben; im Wettkampf qpÄfrfrrnpnaetoebr und Lokomotive kommt der letzteren unbe- Ö X? ? Die Notwendigkeit einer Bahn ist in KEeruXringeiwer als anderswo, da ^er zwischen der Miste und de^ reichen Hinterlande ein breiter ber nt^t

mir die Anlegung von Wegen sehr kostspielig, sondern auch das Reisen auf ihnen recht gesundheilsg^ahrlich wE- Eme Bahn ms Innere wird daher für viele Weiße emer gleich

kommen. Was die Rentabilität der Bahn anlangt, s» warten m dem Hinterlande von Kamerun ähnlich wie m Togo die -anbe§ produtte insbesondere die Produkte der Oelpalmen nur auf die Eilenbahn, um auf ihr in großen Mengen nach der Küste trans-

Die Wahlen der Abgg. von O c rtz e n (Rpt.) und Dr. Bruw» st ermann (Rpt.) werden ohne Debatte für gültig erklärt.

Es folgt die namentliche Abstimmung über die Wahl deL Abg. Bardeck (frei). Vpt.l, bei der sich vor einiger Zeit die B e - schlußunfähigkeit des Hauses herausstellte.

Für die Gültigkeit der Wahl stimmen 98, dagegen Abgeordnete bei 2 Stimmenhaltungen. Das Haus ist aljo bei Anwesenheit von nur 195 Abgeordneten nichtbeschlußfahig. Die Sitzung mutz abgebrochen werden.

Nächste Sitzung: Freitag 2 Uhr. NechnungSjachen mck Petitionen.

Schluß 6% Uhr.

schen Stamme zu beruhigen. Die einzelnen Abkommen, die mit der Kamerun-Gesellschaft getroften sind, müssen toir in der Kom- mission prüfen. Dort wird es sich ja zeigen, ob m dieser Beziehung sinanzi-ll das Richtige getroffen fft und ob wir noch etwas Bessers herausbekommen können. Ich persönlich glaube allerdn^S nug daran. Der einen Hoffnung möchte ich noch Ausdruck geben, daß man auch in Kamerun künftighin aus den Erfahrungen Nutzen ziehen möge. Es laßt sich ja leider nicht leugnen, daß man früh« zu sehr theoretisch gearbeitet und die praktischen Erfahrungen mcht genügend berücksichtigt hat. (Beifall.)

Abg. Schraver (freif. Vgg.): Daß die Kapitalisten kein Geld, für die geplante Bahn ausgeben wollen, kommt zum großen TeÄ daher, daß hier im Hause von der linken Seite behauptet wird, daß die Bahn völlig unrentabel sei. Bedenken Sie, der Kapiwkrst Nh nicht ein großer Mcnin, sondern daS ganae Publikum, und dieses Kapitalist wird durch nichts stärker beeinflußt, wie durch die Handlungen in diesem Hause. Der Vorlage selbst stimme ich zu.

Abg. Dr. Arendt (Rpt.): Diese Vorlage muß noch vor Pftng» sten erledigt werden. Hier gilt das Wort: bis dat, qm cito dat. Was der Abg. Kopsch in finanzieller Hinsicht gegen die Vorlime, geltend gemacht har, zeigt einen sehr beschränkten Standpunkt. EL ist gänzlich falsche Sparsamkeit, die er hier walten lassen will.

Abg. Lattmann (Antts.): Den Bau einer Kamerunbahn be* grüßen wir auch. Wir können die großen Hoffnungen der Vor­redner jedoch nicht teilen und warnen vor einer Uebereilung. Eine Uebercilung wurde es sein, wenn wir dies Gesetz schon vor Pfingstar annehmen wollten, wir können dies schon im Interesse der Kolome! nicht tun. Denn die Vorlage bietet viele Bedenken, sie ist erst vor-, gestern hier eingegangen, sodaß wir sie nicht mal ordentlich prüfen.' konnten. Bedenken erregen besonders die Landkonzessioneu ubev Ländereien so groß wie Württemberg. Eine so große Macht dürfe« wir nicht in die Hand einzelner Gesellschaften legen.

Hiermtt schließt die Diskussion.

Die Vorlage wird an die Budgetkommission vevi wiesen.

Es folgen Wahlprüfungen.

Die Kommission beantragt, die Wahl des Abg. Lehmiuw (natl.) für g ü 11 i g zu erklären .

Abg. Fischer (Soz.) beantragt, diesen Beschluß umzustoßen, da 49 Bürgermeister ein Flugblatt für Lehmann unterschrieben hätttn, was sonst immer für eine amtliche Wahlbeernflußung angesehen sei. Er bitte deshalb, die Wahl für ungültig zu erklären.

Abg. Wellstein (Ztr.) verteidigt den Beschluß der Wahl- Prüfungskommission, das Flugblatt sei zu spät vorgelegt korben.

Abg. Dr. Lucas (natl.) bittet auch darum, es bet dem Beschluß der Kommission zu belassen. Die wesenttichste Behauptung beß Wahlprotestes sei erst na ch der vorgeschriebenen zehntägigen Srgt an die Kommission gelangt, hätte daher von der Kommission nicht mehr berücksichtigt werden dürfen. Die Kommrspon ler an diese Frist gebunden, schon aus prinzipiellen Gründen müsse daher au dem Beschluß der Kommission festgehalten werden. Wenn man auch zu spät eingehende Proteste berücksichttge, setze man geradezu eme Prämie auf Verschleppung der Wahlen

Abg. Fischer polemisiert gegen den Abg. LucaS. Auf mefat rein formalen Standpunkt dürfe man sich nicht stellen, sonst müßte man eine Wahl trotz der größten Wahlfälschungen für gültig er­klären, wenn der Protest ein paar Tage später eingegangen fei

Rach kurzer weiterer Debatte wird der Anttag der Wahl- prüfungskommffsion angenommen, die Wahl toxrb für gul tig erklärt, nur die Sozialdemokraten und die Abgg. v. Ger lach (frei). Vgg.) und Schrader (fteis. Vgg.) stimmen dagegen.

Die Wahl des Abg. v. D i r k s e n (Rp.) beantragt die Kom­mission ebenfalls für gültig zu erklären.

Abg. Geyer (Soz.) beantragt, die Abstimmung auszusetzen uuv inzwischen Beweiserhebung inbetreff der im Wahlprotest behauptete« Wahlbeeinflussungen vorzunehmen. ,

Abg. Stadthagen (Soz.) äußert sich im gleichen Smue. ES seien bei der Wahl die schmutzigsten Bestechungen vorgekommen.

Llbg. Dr. MMler-Sagan lfts. Vp.) findet den Kommissions­beschluß zum mindesten sehr auffallend. Der Landrat habe gang, offen dazu aufgefordert, für den Kandidaten der Reichsparter z« stimmen. .

Nach weiterer Debatte wird der sozialdemokrattsche Antrag a b g e l e h n t und die Wahl für gültig erklärt.

Heber die Wahl des Abg. Schlüter (Rp.) werden nach dem Antrag der Kommission Beweiserbebungen beschlofleu.

Die Kommission beantragt, auch die Wahl des Abg. Pauli (Rp.) zu beanstanden und neue Beweiserhebungen zu veranstalten.

Abg. Geyer (Soz.) beantragt, die Wahl für ungültig zu erklären; aus denselben Gründen sei auch die Wahl deS Mg. Blumenthal kassiert. .

Abg. Fischer (Soz.): Bei ihrem Staudpuntt, den bte Mehr­heit bei der Prüfung der Wahl des Abg. Blumenthal ein» genommen hat, will sie nur so lange verharren, wie es ihr vaßt. Tatsache ist es, daß Flugblätter für Pauli bortiegen, die von Bürgermeistern unterschrieben sind. Die Wahl nmßte also für ungültig erklärt werden. Da sind Sie auf den Einfall ge» kommen, um die Ungültigkeitserklärung hinzuzrehen, erst Beweiserhebungen zu veranstalten, um zu prüfen, ob die Unterschriften der Bürgermeister unter dem Wahl­aufruf für den Abg. Pauli auch echt sind. (Heiterkeit.) Herr Pmür ist selbst anwesend (Heiterkeit), er muß doch wissen, ob drese. Bürgermeister es sich gefallen lassen, daß ihre Unterschrfften ge­fälscht werden, ohne sich zu melden. (Heiterkeit.) Sie (nach rechts) haben aber wieder die Majorität, die wollen Sie benutzen, nnß- braueben 1 (Große Unruhe, Glocke des Präsidenten.)

Präsident Graf Ballestrem: Herr Abgeordneter, Sie Dürfen niemandem hier vorwerfen die Majorität zu mißbrauchen.

Abg. Fischer (Soz.j: Benutzen! habe ich gesagt.

Präsident Graf Ballestrem: Sre haben auch gesagt ^miß­

brauchen".

Nach weiteren Bemerkungen der Abgg. Mertm (fteis. Vp.) und Schwarze (Ztt.) erfolgt auf Anttag des Abg. Bebel (SoA^ namentliche Absnmmung über den Antrag Geyer.

Ver der Abstimmung werden 201 Zettel abgegeben.

Die Wahl des Abg. Pauli wird mit 128 Stimmen gegen Stimmen bei 6 Stimmenthaltungen für ungültig erklärt.

portiert zu werden. Nach Ansicht der besten Kermer des Landes ift es nur eine Frage der Zett, wann die Bahn das Kapttal ver­zinst und obendrein einen Gewinn abwerfen wttd.. Daß sich die Bahn ohne Beihilfe des Reiches nicht finanzieren ließe, liegt nur in der immerhin nicht wegzuleugnenden Unsicherheit über den Zeit­punkt des Eintritts der Rentabilität. Unser Kapital ist vielleicht noch nicht so untemehmungslusttg toie das englische. Immerhin wttd ja vom Reich auch nur eine Zinsgarantte für einen Teil des Kapitals nämlich für 11 von 17 Millionen Mark verlangt. In den meisten Punkten lehnt sich die Vorlage an das Gesetz betreffend Die ostaftikanische Eisenbahn an, nur sind die Bed'.ngunHen für Den Fiskus noch gunsttger ausgefallen. (Redner legt dres im ein­zelnen Dar.)

In dem daS Reich die Verpflichtung übernimmt, vom Jahre 1910 an auf eine Reihe von Jahren Raten von je 375 000 Mark zu leisten, ermöglicht es den alsbaldigen Bau der Bahn. Sollte selbst die Rentabilität der Bahn noch auf längere Zett ausbleiben, so wttd die Bahn doch eine solche Hebung deS Handels und cme solche Steigerung der Zölle ttn Gefolge haben, daß das Reich darin schon seine Deckung für die übernommene Verpflichtung finden wird: auch der militärische Stutzen der Bahn würde den einer Kom­pagnie neuer Schutzttuppen wett übersteigen, obwohl die Kosten Dafür ungefähr dem Bettage der übernommenen Verpflichtung gleichkämen. Im Namen der Negierungen bitte ich Sie, die Vor­lage wohlwollend und ohne Vorurtett zu prüfen und ihr zuzu- sttmmen. (Beifall.)

Abg. Erzberger (Zentt.): Weshalb gerade in Kamerun jetzt zu­nächst eine Bahn gebaut werden soll, wttd in der Kommission unter­sucht werden müßen. Wir beantragen deshalb Verweisung an die Budgetkommifsion. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß die Ent­scheidung noch in der laufenden Session effolgt, sodaß eventuell dre Arbeiten noch vor Beginn der Regenperiode begonnen werden können. Es ist richttg, daß Kamerun bis jetzt unsere beste Kolonie ist. Bis jetzt hat das Reich aber noch sehr wenig dafür getan, be­sonders bezüglich der Verkehrswege.. Es fft für die Erbauung dieser Bahn angeführt, daß sie dazu bienen solle, die deutsche Herr­schaft zu festigen. Das sind Gründe, die nicht von der Hand zu weisen sind. Da wtt einmal Kolonien haben, müßen wir auch dafür sorgen, schon ttn Interesse unserer eigenen Finanzen. Dies würde uns die Zusttmmung zu der Vorlage erleichtern. Wenn sich die Bahn bewähren sollte, werden wtt natürlich keine Bedenken tragen, die Bahn noch spAer auszubauen. Wir hoffen, daß die Bahn auch das Innere erschließen wird, dessen mohamedanffche 51ultur ich viel höher einschätze als die der Hottentotten. Es^ist aber nicht einzusehen, warum dem Syndikat jetzt ganz andere Be­dingungen gestellt werden als früher. Insbesondere kann ich nicht unterlassen, darauf hinzuweffen, weshalb jetzt dem neuen ^Syndikat nicht auch Vcrgwerksgarantten erteilt sind, vielleicht hätte man dadurch doch eine geringere ZinSgarantte erwirken können. Jetzt schon definittv Stellung zu der Vorlage zu nehmen, sind wtt nicht in der Lage, wtt hoffen aber, daß in Der Kommission eine befriedi­gende Lösung gefunden wird. Jedenfalls erscheint uns das neue Projekt viel günstiger als andere frühere. (Beifall im Zentrum.)

Abg. Ledebonr (Soz.): Die Konzession für die Dahn fft schon im Jahre 1902 erteilt worden. Das Kamerun-Syndikat hat aber das nötige Geld dazu nicht aufbringen können. Deshalb soll jetzt das Reich mtt einer Zinsgarantie einspringen. Das Reich soll also das ganze Rffiko tragen. Wenn man das öfter so macht, werden die Kapitalisten sich immer mehr weigern, Geld herzugeben, pe werden bei allen Anlagen verlangen, daß das Reich das Risiko tragt. In Dem Vertrag wird für viele Tausende von Hektaren Landkonzession erteilt. Wie sich dies mit dem Besitz der Eingeborenen verttagt, weiß ich nicht. Jedenfalls werden Die Eingeborenen in ihrem Eigentum aufs schwerste geschädigt. Meine Freunde stehen natür­lich dem ganzen Projett ablehnend gegenüber. Wenn eine Bahn notwendig ist, so sind zunächst die Kapitalisten dazu da, um die Bahn zu bauen, da sie Den ganzen Vorteil davon haben. Wenn jetzt noch keine Bahn gebaut fft, so zeigt Dies Doch nur, daß eine Bahn nicht den Vorreil bringt, den man erwartet. Daß ba§ Reich das ganze Ristto übernimmt, fft zwar sehr bequem, aber wir sind ganz entschieden Dagegen. . . , ,

Abg. Kopsch (fteis. Vp.): Daß eine Bahn den Verkehr heben wttd. Darüber kann wohl kein Zweifel bestehen. Zweifelhaft ist nur, ob die Einnahmen der Bahn im Verhältnis zu Den Kosten stehen, und ob die Opfer, Die Die Steuerzahler tragen müßen, im Einklang mit Dem zu erwartenden Nutzen stehen. Meine Freunde haben gegen diese Vorlage dieselben Bedenken wie gegen ine früheren Vorlagen, Die eine Zinsgarantie Des Reiches verlangten. Denken Sie nur an Die schlechten finanziellen Verhältnisse des Reiches und an unsere wachsende Schuldenlast I

Abg. Frhr. v. Nichthofcn-DamSdorf (kons.): Wir stehen Der Vorlage im allgemeinen wohlwollend gegenüber. Wtt werden durch Den geplanten Bahnbau in Die Sage versetzt werden, einen großen Teil unserer Baumwolle aus Der Kolonie zu bekommen. Das fft sehr werwoll. Auch Die Kakaoausfuhr wird durch Die Bahn un­zweifelhaft erhöht werden. Ich hoffe, daß Den Ausgaben, Die wir jciit machen, bald entsprechende Einnahmen aus Den Zöllen gegen» überstehen. Um Die Frage zu prüfen, ob die Landvergebungen und Vergwerksprivilegien. Die das Reich vornehmen ivill, berechttgt sind, muß eine Prüfung in Der Kommission erfolgen.

Abg. Dr. Paa sch e (nl.): Wir stehen diesem Bahnprojett aus wirtschaftlichen, politischen und hygienischen Gründen günftig gegen­über. Bei Der ganzen Art und der Lage unserer Kolonie Kamerun und bei Der Unmöglichkeit, mit gewöhnlichen Mitteln vorwärts zu kommen, müßen wtt schon größere Ansttengungen machen und Die Gelder zum Bau der Bahn garantieren. Die Gegner Der Vor­lage verweisen auf die ungünstige Finanzlage des Reichs. Sie sollten doch berücksichttgen, daß wir eine wirkliche Verpflichtung in Höhe von im Maximum 375 000 Mk. erst von 1910 an über­nehmen. 1910 werden aber doch hoffentlich unsere Finanzen nicht mehr so ttaurig sein wie heute. Weiter muß man aber doch an­erkennen, daß wir auch ftüher in finanziell schwerer Zeit not­wendige Ausgaben nicht unterlaßen haben. (Widerspruch bei Den Soz.) Daß "diese Ausgabe notwendig ist, wird mir niemand be­streiten können. (Widerspruch bei Den Soz.) Wir wollen, daß eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung in Die Kolonie kommt. Dazu wird die Bahn helfen. Denn nach Den Urteilen Der SachverstänDigen müssen wir uns viel von ihr versprechen. Wir Dürfen nach Ansicht Der SachverstänDigen Darauf rechnen, einen großen Teil unserer Baumwolle in Der Kolonie Decken zu können. Aehnlich steht eS mit anderen Waren. Jedenfalls sind die Grundlagen für Diese Bahn ganz andere als früher die für Die Usarnbara-Bahn. Daß die Bahn auch sttategisch sehr wichtig ist, ist ohne wetteres klar. Wir können so gewaltige Flächen nur be­herrschen, wenn wir durch gute Verkehrsmittel in Die Lage versetzt sind, die Truppen schnell zu konzentrieren. Ich verweise hier auch auf Mexiko. Vor zwanzig Jahren war Das Land noch zerwühlt von Revoluttonen. Seitdem man Eisenbahnen geschaffen hat, sind die Regimenter, die in der Hauptstadt vorhanden sind, leicht an alle Orte zu bringen, und es fft leicht möglich gewesen, die auftühreri-

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Elchen.