Ausgabe 
10.1.1905 Zweites Blatt
 
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Nr. 8

Zweites Blatt.

155. Jahrgang

Dienstag 10. Januar 1905

IMc&etttl KgN- mti Ausnahme bet Sonntags.

Dte ^Gießener tfamilienblätter* werden dem ^Anzeige' otermal wöchentlich betgelegt Der »Helstlch« CaBOwtrF erlcbetnl monatlich einmal.

Gietzener Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Unwerfttätsdruckeret. 9L Lange, Siehe«,

Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.I.

Tel. Nr. 6L Telegr«-Adr. i Anzeiger Dieb«,

General-Anzeiger, Amts- und Anzergeblatt für den Kreis Metzen.

Volitische Tagesschau.

Ein Bund für Mutterschutz

kündigt uns seine Gründung an. Der Bund will Heimstätten schaffen, in welchen alle gesunden und arbeitswilligen un­ehelichen Mütter wtllkomrnen sind, die den ernstlichen Wunsch haben, ihre Zinder zu gesunden und nützlichen Menschen selbst zu erziehen. Tunlichst aus dem Lande oder in ländlichen Vororten der Städte sollen sie in gärtnerischer Boden­bearbeitung, 'm landwirtschaftlichen Neben­betrieben oder in gesundheitlich einwandsfreier gewerblicher Tätigkeit wirtschaftliche Selbständigkeit gewinnen, unter gleich­zeitiger Fürsorge für eine zweckmäßige Pflege und Erziehung der Zinder, Gewährung von Rechtsschutz und ärztlicher Hülse­leistung. Tie Erfahrung hat, wie der Bund meint, gezeigt, daß ein derartiges Vorgehen auch den Wünschen vieler Väter entspricht und dazu beiträgt, deren Beihülfe und Interesse für Mutter und Kind zu erhalten. Hand in Hand mit diesen Maßnahmen sollen ein umfassender gesetzlicher Mutterschutz, eine allgemeine Niederkunstsversicherung und ähnliche Ziele in Angriff genommen werden.

Der Erwerb der Mitgliedschaft erfolgt durch formlose Anmeldung bei der Geschäftsstelle unter gleichzeitiger Ueber- sendung eines von jedem einzelnen nach seiner wirtschaft­lichen Lage selbst zu bestimmenden Jahresbeitrages, dessen Quittung als Mitgliedskarte gilt. Um möglichst weiten Kreisen die Teilnahme zu ermöglichen, werden Beiträge bis zu 1 Ml. herab enlgegengenommen. Doch bittet der Bund alle besser situierten Freunde seiner Bestrebungen, diese durch Zuwendung reichlicher Mittel zu fördern. Im Hinblick auf die Kosten der ersten Propaganda sowie der ersten Einrichtung von Mutter­kolonien werden einmalige größere Beiträge mit besonderem Danke angenommen.

Ferner sind dem Bunde besonders willkommen Mel­dungen von Freunden der Sache, welche bereit sind, die (sich bereits meldenden) ledigen Mütter mit ihren Kindern aus- zunehmen, sie event. in ihrem Wirtschastsbetriebe zu beschäf- slgen oder ihnen sonst eine (sei es auch nur vorläufige) Unter­kunft und Existenz zu beschaffen, ferner dem Bunde geeignete

SiedelungsterrainS nachzuweisen, Arbeitsgelegenheit zu ver-1 Mitteln usw.

Der Aufruf des Bundes trägt die Unterschrift vieler im öffentlichen Leben stehender Personen. Es haben unter­zeichnet u. a.: Lili Braun-Berlin, Dr. M. G. Eonrad- München, Hedwig Dohm-Berlin, Henriette Fürth-Frank- fnrt a. M., Professor Dr. v. Liszt-Charlottenburg, Reichs- tags-Abg. Müller-Meiningen, Dr. Friedr. Naumann-Berlin, Dr. Franz Qppenheimer-Berlin, Gabriele Reuter-Berlin, Professor Sombart-Breslau und Dr. Bruno Wille-Friedrichs- hagen.

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Tie Deutsche Volkspartei hielt am vergangenen Freitag ihre mürttembergisch e Landesversamm­lung in Stuttgart ab. über welche unten im einzelnen berichtet wird. TerVorwärts" veröffentlicht über diesen Parteitag der württembergischen Volkspartei einen von Gehässigkeiten strotzenden Artikel. Er schreibt, daß die Landes- oersammlung unter Formen stattgefunden habe, dieberüchtigten Zentrumsparaden" nachgebildet seien. Tie Partei werde von einemStuttgarter Advolatentlüngel" geleitet. Für dieOhn­macht und Wegiosigleit" dieseskünstlichen Parteigebildes" sei bezeichnend, daß gegen denschmählichen Umfall" dieschmähliche und volksverräterische So-aUnng" der Führer in der Frage der Verfassungsrevision sich keine Stimme auf dem Parteibrg erhoben, daß auf dem Parteitag cs nicht andemagogisu)en Phrasen" gefehlt habe, aber man wisse,was von dieser Komödie zu halten" sei. Bei dem nationallweral-volksparteilichen Bünd­nis entledige sich die Deutsche Vorkspartei des letzten Ballastes demokratischer Prinzipien. Derart wird, so fügt die olcic Deutsche Presse hinzu, ganz imS a u h e r d e n t o n" vom Zentralorgan oer Sozialdemokratie eine Partei geschmäht, die seit Jahrzehnten bestrebt gewesen ist, mit der Sozialdemokratie so weit als möglich zusammen zu arbeiten.

Angestcyts de» geschilderten Auftretens der Sozialdemokratie ist es begreiflich, daß auf dem württembergischen Parteitag der Teutschen Voikspartei der Unmut über die Sozialdemokratie scharf zum Ausdruck kam. Konrad Haußmann hob hervor, daß es den Schwaben , auf die Tauer nicht gefallen könne, o.ch ihr poli­tischer Kampf durch Entstellungen und ein Uebermab von Vcr- acijlintg des Gegners geführt werde, wie es bei der So-ialiwmokratie gegenüoer der Voltspartei zur Gewohnheit geworden sei. Robert

K e r ch e r - Stuttgart erklärte, mit der Sozialdemokratie werde so lange ein Zusammengehen unmöglich sein, als diese das Wort BebelsMehr Haß, mehr Galle" befolge. Abg. Schmidt-Maul­bronn betonte, daß die jetzigen fortgesetzten Angriffe der Sozial­demokratie gegen die bürgerlichen Parteien nur der Reattion! Dienste leisteten. Abg. Paper hob hervor, die Deutsche Volks­partei sei cs gewohnt gewesen, den Anhängern der Sozialdemo­kratie noch von der Zeit des Sozialistengesetzes her außerordentlich nachsichtig durch die Finger zu sehen und ihnen durchgehen zu lassen, was die Deutsche Volkspartei anderen Parteien nicyt durch­gehen ließ. Das habe sich geändert.So wie sie seit Jahren ihre Taktik gebildet haben", erklärte Payer nach dem Bericht der Franks. Ztg.",ist ein Auskommen mit den Sozialdemokraten nicht mehr möglich. Tie Erfolge bei den Wahlen sind ihnen zu Kopfe gestiegen. Die Art, wie die Sozialdemokratie ernstliche Fortschritte gesährdet, die gehässige Weise auch da, wo Hebei ein* stimmung herrscht, die Vertreter der anderen linksstehenden Par­teien herabzuwürdigen, diese Taktik macht zurzeit ein Zusarnmen- arbeiteu mit ihnen unmöglich, soweit es sich nicht um einzelne Fragen handelt, in denen ja nach wie vor ein Zusammenhang ge­wahrt werden kann."

Das Verhältnis der linksliberalen Parteien zu der Sozial» demokratie hat sich neuerdings trotz allen verständigen Versöhn- ungsvcrsuchcn der Naumannianer verschlechtert. Oertliche_ Zu- sammeniwße haben dazu mitgewirkt, insbesondere bei den ^tadt- vcrordnetenwahlen in Frankfurt a. M. und Stuttgart, den Haupt- stützpunkten der süddeuischen Tnnoiratie; an anderen Orten hat allerdings die Sozialdemokratie mit den liberalen Parteien bei den Stadtverordneienwahlen noch r leiniame Sache gemacht, so in Mainz und der limgeonng von M-unz; dort ging es geschlossen gegen die Zentrumspartei.

Ter allgemeine Grund, welcher ein Abrücken der Demokratie von der Sozialdemokratie veranlagt hat, ist die beleidigende Sprache, welche sozialdemokratische Blätter und sozialdemokratische Führer auch "den Linksiiberalen gegenüber namentlich neuerdings zu führen belieben. Tie Sozialdemokratie macht jede Annäherung geraoezu unmöglich, wenn ein weit verbreitetes und einfluß- reiches sozialdelnorratisches Blatt den Abg. v. Ger lach als L u m P a z i it s" und alsvon der politischen Spionage lebenden deklassierten Burschen" apostrophiert.

Eugen Richter hat wieder einmal Recht behalten. Er ist bei der Zolltarifdebatte mit energischem Ruck von der Sozial- Lemotiatie abgerückt, und er hat diejenigen Linksliberalen als Jllusi.onspolititer" behandelt, welche glaubten, mit der Sozial­demo lratie Hand in Hand gehen zu können. Tie Sozialdemokratie, die noa) auf ihrem preußischen Parteitage jüngst fast ausschließlich mit altliberalen Gedanken prunkte, glaubt immer noch,' am besten für eigene Rechnung, ohne Associes zu arbeiten. Sollte sich das einmal andern, so würde der Anschluß der revisionistische^

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