Nr. 134
Zweites Blatt.
155. Jahrgang
SrschrtM kSßNch mtt VuSucchm- bei Sonntag».
Die «Siebener KmvMendNMer- werden dem ,Vnzetger viermal wöchentlich beigelegt. Der «tzespjch» UBbetrf «fchetrU «oeratUch einmal.
Giehener Anzeiger
Freitag S. Juni 1905
Rotationsdruck and Verlag der Brühl'ich« UnwerfttLtSdruckerei. 9L Lange, Siehrn,
Redaktion. Expedition n. Druckerei r Scdnlstr.I.
Del. Kr. 6L Leiegr^Ldr. * Ln-eiger Dietzen.
General-Anzeiger, Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Kin Aries aus Aevak.
Von einem Freunde unseres Blattes wird unS ein Brief aus Reval, einer rufs. Hafenstadt am finnischen Meerbusen, zur Verfügung gestellt. Wir entnehmen ihm folgende interessante Charakterisierung des russischen Militärs, russischer Schulverhältnisse, russischen Gewerbes und russischen Beamtentums:
DieOffiziere neben sich anscheinend Mühe, den als Autorität geltenden deutschen Offizi er nach zu ahmen, und und es ist ihnen das zum Teil tm Tragen der Uniform tote im Tragen des Schnurrbartes gelungen, aber auch nur in diesen Sachen. Der Soldat macht den Eindruck eines plumpen, dummen Menschen. Seine Uniform ist oft so unordentlich und schmutzig, sein Gruft gegen seine Vorgesetzten so nachlässig, daß ein Deutscher nur ein lächeln der Vertounder- uny dafür hat. Hier wird der Soldat als Mensch ztoeiter Klasse behandelt; ihm ist der Zutritt zu Restaurants untersagt, her Wirt darf ihm nichts verabfolgen. Fragt man sich, woher dieses Verbot Fommt, dann must man eine Schlägerei unter trunkenen Soldaten gesehen haben und ihre rohen Schimpfreden hören, und man hat die Antwort. Der Soldat trägt außer im Dienste keine Waffe. Als noch Kriegsschiffe in Reval lagen, begegnete man ständig angetrunkenen Matrosen. Auch Offizreren kann man, Arm in Arm, skandalierend aus der Straste oder in Kvnzertgärten begegnen, tote die Offiziere überhaupt kein Standesbewußtsein kennen., sonderit anscheinend glauben, mit Trinken Heldentaten verrichten zu können. Ich war selbst Zeuge, wie ein Offizier in einem Variöts unter dem Beifall seiner Kameraden seine Mütze nach einer Tänzerin auf die Bühne warf. Wie die Diensttüchtigkeit der Offiziere und die AuÄildung der Mannschaft ist, beantwortet sich wohl nach diesem von selbst....
Hier in Reval sind die meisten Schüler Deutsche, die aber von russischen Lehrern unterrichtet werden, und Über diese kann ich nichts Schmeichelhaftes berichten, da zu Skandalen in verschiedenen Lokalitäten zwei Lehrer in ihrer Trunkenheit die Veranlassung gaben.
Wuiidert man sich, dast in Rußland Industrie und Handwerk noch weit zurück sind, so ist nicht die Leitung, etwa geringe kaufmännische Befähigung oder dergleichen Sckmld daran, sondern der Mangel an tüchtigen und vor allen Dingen nüchternen Arbeitern. Man sehe sich die Laufbahn unzähliger Handwerker an: Der Sohn kommt in die Lehre, und bier sorgt (wie es bei uns in Deutschland vor einem halben Jahrhundert hier und da noch üblich war. D. Red.) der Lehrherr für seine vollständige Bekleidung und Verpflegung während fünf langer Jahre, weil oft die Eltern nicht dazu in der Lage sind. Kaum sind die jungen Leute mit der Lehre fertig geworden und wollen Geld verdienen, so haben sie das militärpflichtige Alter erreicht und müssen vier Jahre dienen. Kvmmen sie nachher wieder in das Handwerk zurück, so sind die Fach- renntnisse verschwunden, und wohl keiner wird hier auch nur in geringem Matze der Militärzeit einen erzieberischen Wert beimessen. Erscheint eS da noch unbegreiflich, dast die besser gestellten Väter es versuchen, ihre Söhne vom Militärdienst zu befreien (und dies mit Erfolg!), dast, es bei der Einberufung zu Gewalttätigkeiten und Widersetzlichkeiten kommt, dast die Regierung sich veranlastt sieht, während der Einberufung drei Tage lang alle Wirtschaften schließen zu lassen? Nun kommen noch die versckiedensvrachigen Völkerschaften hinzu, die sich nur ungern unter das Szepter der Romanows beugen, und man must sich sagen, dast Patriotismus hier eine seltene Erscheinung sein must.
Spricht man stier in Reval mit Erstaunen über solche Verhält- nisse, so beißt es immer: „Ach,- hier ist ja Deutschland, aber kommen Sie erst mal ins Innere, nach Rußland, da können Sie was erleben!" Hier wird das eig-entliche Russische durch die Beamten vertreten, und unter diesen ist die Polizei der eigenartigste Zweig. Ungeheuer weitreichende Befugnisse sind mit den höheren Aemtern verbunden und die Schutzleute der Straße sind ob ihrer schlechten Bezahlung und Behandlung zu bedauern. Sie sind daher ftir Geld sehr empfänglich, und ich mache oft durch ein Geschenk von 10 Kopeken den Schutzmann, ber vor meinem Hause steht, überglücklich. Wie die durchaus nicht hoch besoldeten Beamten es anfaugen, so leben zu können, tote sie tatsächlich leben, auf diese Frage antwortet jeder hier mit einem Lächeln innigen Verständnisses. Wie es ferner möglich ist, dast Matrosen der zurückkehrenden Kriegsschiffe Zigarren, Ananas, Straußenfedern usw. hier zu einem so niedrigien Preise verkaufen können, als ob gar kein russischer Zoll bestehe, das beantworte sich jeder selbst. — Als Zeugnis, tote stark die Moral unter den Beamten entwickelt ist, mag noch die Erzählung eines hiesigen Stadtverordneten dienen. Er sagte mir, daß er einige Verwaltungsstreit'gkeiten der Geliebten eines der höchsten Beamten (die Frau eines Beamten) mitgeteilt habe und dadurch auf für seine Partei günstige Erledigung hoffe. Kann man eben so etwas durch Geldstücken nicht erreichen, so benutzt der untere Beamte Geheimnisse dazu, diese der Geliebten bezto. Frau seines Vorgesetzten mftzuteilen. damit diese einen Druck ausübt.
Daß alle diese Verhältnisse eine starke Rückwirkung auf das Volk und somit auch auf das Heer haben müssen, liegt klar auf der Hand, und eben diese Mißwirtschaft, sowie der von allen Schichten der Bevölkerung in Neberntast genoffene Bräunt- wein sind die best''n Band esa«'noss''n Japans."
DalMsche Tagesschau.
Die Flucht der Industrie aus Deutschland infolge des bevorstehenden Inkrafttretens deS neuen deutschen Zo lltariss wird durch folgende Fälle belegt, die der ^Voff. gfg/ aus dem Königreiche Sachsen mitgeteilt werden: . , . , . . „
Aus Buchholz im Erzgebirge wird gemeldet, daß der dortige Großindustrielle Kommerzienrat Kunze demnächst in der böhmischen Grenzstadt Weipert eine Zweigniederlassung seiner Fabrik für Papo-Präaeartikel errichten wird, weil die neue Zollgesetzgebung eine weitere Ausfuhr nach Oesterreich kaum noch möglich erscheinen läßt. Auch die Prägefabriken von F. O. Brauer und von H W Gutberlet wandern von Buchholz mit einem Teil ihres Betriebes nach Oesterreich aus. So wird jetzt v o n Sachsen ein neuer Industriezweig nach Böhmen verpflanzt, weil ihm int Jndustriestaate Sachsen infolge der verfehlten Zollgesetzgebung der Nährboden entzogen wurde. Waren können die Prägefabriken nicht mehr ausfuhren und deshalb führen sie jetzt ihrKapital und ihreArbetter aus!
Keine Abberufung des deutschen Boffchafters in Paris.
Der Meldung, daß der deutsche Botschafter Fürst ^adolin abberufen werde, entzieht die „N. A. Ztg." den Boden durch die Mitteilung, daß der Botschafter heute abend, nach längeren Besprechungen mit dem Reichskanzler, auf »einen Posten zurückkehrte. Die Besprechungen haben jedenfalls in der Hauptsache der Marokkofrage gegolten.
Mr können hinzufügen, daß man in Berlin R o uvier, dem neuen französischen Minister des Auswärtigen, Vertrauen entgegenbringt.
Die Ermordnnq des Vfarrers Dhöbes kn Heldenbergen vor dem Schwurgericht.
(Unberechtigt. Nachdr. verboten.) H. F. Gießen, 8. Juni. Vierter Tag der Verhandlung.
Er wußte, daß sein Komplize Walter inzwischen verhaftet imb wegen zweier mtt tbm gemeinschaftlich ausgeführter Ein- bruchsdiebstähle Wn der Strafkammer zu Wipperfürth. ab^e- urteilt worden war. Hudde sah sich daher genötigt, die vier Einbruchsdiebstähle, die er mtt Walter gemeinsam begangen, zuzugeben: er befürchtete and Zufalls, von Walter ber Taten beschuldigt zu werden. Der Einbruchsdieb stahl in Klein-Schwalbacb, den er allein ausgeführt hat und die Tat tn Heldenbergen bestritt er. Er behauptete: er fei hn Monat November 1904 in Luxemburg gewesen, das Dorf Heldenbergen kenne er nicht einmal dem Namen nach. Allein sehr bald wurde festgestellt, daß Hudde niemals in Luxemburg war, sondern sich in Deutschland umhevgetrieben, sich andere Komplizen gesucht und mit diesen seine Tätigkeit, in katholische Pfarrhäuser einzubrechen, fortgesetzt hatte. Es wurde weiter ermittelt, daß Hudde die dem Pfarrer Thöbes geraubte Uhr bei einer Althändlerin in Köln versetzt hatte. Angesichts dieses Vorganges konnte Hudde bet seinem Veugiten nicht weiter beharren. ES war kein Zweifel, derjenige, der die Uhr des ermordeten Pfarrers besaß, war nicht nur der Räuber, sondern auch der Mörder. Das' leuchtete Hudde ein. Er befürchtete, wegen des Mordes bestraft zu werden. Da trat er mit dem Geständnis hervor: ich gebe zu, tch bin tn das Pfarrhaus zu Heldenbergen eingestiegen, aber nicht allein. Ich habe auf der Hanauer Chaussee einen Handwerks burschen, N amens Willy, kennen gelernt. Diesem habe ich den Vorschlag gemacht, mit mir in kath olifche Pfarrhäuser einzubrechen. Willy machte mir den Vorschlag, zunächst dem Pfarrhause in Heldenbergen einen Besuch abzustatten. Wir wanderten sofort, die Hanauer Chaussee entlang, nach Heldenbergen und kamen abends gegen 7Vs Uhr in Heldenoergen an. Wir sind nun nachts in daS Pfarrhaus eingestiegen und schließlich in das Schlafzimmer des Pfarrers ein* gedrungen. Ich öffnete das Pult, in dem ich einige hundert Mark fand. Plötzlich erwachte der Pfarrer und schrie „Au!" Ich wollte hinzusprlngen, um den Pfarrer zurückzudrücken. Willy, der sich mit dem Meffer vor das Bett deS schlafenden Pfarrers gestellt hatte, um, wenn der Pfarrer aufwache, ihn mit dem Messer bange zu machen, rief mir zu:
Öl ist schon vorbei, eS ist MlrS vorüber.
Sie werden mir xugrben, m. H. Geschworenen, cs ist ausgeschlossen, daß innerhalb dieser kurzen Zett ein solch furchtbarer Mord auSgeführt sein kann. Allein die ganze Erzählung von dem Han dw er kSbu r scheu Willy ist eine freche Lüge. ES ist ja eine altbekannte Geschichte: trenn man einen Dieb im Besitz der gestohlenen Sachen ertappt, bann sagt er gewöhnlich: ich habe die Sachen von einem Mann gekauft, dessen Name mir nicht bekannt ist. Es war ein großer Mann mit schwarzem Schnurrbart oder ein Heiner Mann mit blondem Vollbart. (Heiterkeit im Zuhör erraum.) „Der große Unbekannte" spielt ja in den meisten «Strafprozessen eine Rolle. Allein, Sie haben gehört, daß mehrer? vollständig einwandsfteie Zeugen unter ihrem Eide bekundet haben: Sie haben Hudde am Nachmittag des 11. stiovember allein auf der Chaussee nach Heldenbergen wandern, am 11. November abends zwischen 6 bils 7 Uhr in Heldenbergen in der Gastwirffchaft „Zur Krone" gesehen. Der Stationsvorsteher und ein Bahnsteigschaffner in Heldenbergen haben den Angellagten wenige Minuten vor 9 Uhr abends etwa zwei Stunden lang allein im Wartesaal des Bahnhofes gesehen. Hudde ist den Bewohnern von Heldenbergen durch seine seine Kleidung aufgefallen. Schon' deshalb war er in der Wirtschaft „Zur Krone" Gegenstand vollster Aufmerksamkeit. Er hat das auch gemerkt, und suchte fein Gesicht mit einem Zeitungsblatt zu verdecken. Hätte der Angeklagte einen Genossen gehabt, dann wäre letzterer zweifellos von den Bewohnern Heldenbergens gesehen worden. Kurz vor 11 Uhr nachts war Hudde aus dem Wartesaal deS Bahnhofs gekommen. Es war totenstill im Dorfe. Die Bewohner Heldenbergens hatten sich zur Ruhe begeben. Es war der geeignete Äugend, .ck yur Arbeit zu schreiten, d. h. in das friedlich doÜtegende Pfarrhaus einzusteigen. Hier suchte er, er konnte aber kein Geld finden. Ich gebe zu, der Ange- flagte hatte auch in Heldenbergen einen Genossen, das war sein böser Geist. Der böse Geist des Hudde war der Willy. Der böse Geist fagte ihm: Ich bin eigens nach Heldenbergen gekommen, um zu stehlen. Ich habe stundenlang auf der Lauer gelegen. Ich gehe nicht eher raus, bis ich Geld habe. Arbeiten will ich nicht, ich will mich aber fein kleiden, fein leben und die Genüsse des Lebens durchkosten. Der Angeklagte holte sich ans der Küche ein großes Tranchiermesser und drang in das Zimmer des schlafenden Pfarrers ein. Er erbrach das Pult. In diesem Augenblick wachte der Pfarrer auf. Da sagte sich Hudde: Ich lasse mich nicht mehr stören,, ich will rauben um jeden Preis, koste es was es wolle, ohne Geld gehe ich nicht mehr hinaus. Er sprang seinem Opfer an die K«ehle, drückte es zurück und versetzte ihm einen Stich in den Hals. Es ist möglich, daß dabet ber Pfarrer einen Schret ausgestoßen hat. In diesem Augenblick vernahm der Mörder ein Geräusch. Die im ersten Stock schlafende Haushälterin war erwacht, aus dem Bett gesprungen, und hatte TÜr und Fenster geöffnet. Der Mörder stutzte, aber bald versetzte er feinem Opfer Weitere Stiche in die Brust, ins Herz, in die Lunge. Im Zimmer war es finster. Der Mordbube wollte Gewißheit haben, ob er feine Arbeit volleicket habe, ob der Pfarrer t tot fei. Er zündete die Lampe an. Angesichts des von ihm hingemordeten, vom Lampenschein beleuchteten im Blute schwimmenden Opfers erbrach« er alle Kästen, entleerte die Schubladen, ging in dte Küche, trank dort eine Flasche Wein, und verzehrte die daselbst aufbewahrten Speisen. So verließ er, gesättigt, und seine Taschen gefüllt, das Pfarrhaus und das Dorf Heldenberaen. Er ftrhr nach Köln und schon am folgenden Abend belustigte er sich dort auf dem Tanzboden, nächtigte bei Dirnen und gab das geraubte Geld mit vollen Händen aus. Daß dem Angellagten eine solch furchtbare Tat zuzutrauen ist, hat die Betoeisanfnahme zweifellos bargetan. Er ist von Jugend auf ein verlogener Mensch gewesen, und eS ist ein altes Sprichwort: Wer lügt, der stiehlt! D«er Angeklagte hat bei fast allen seinen Meistern Unredlichkeiten begangen, er ist als blutjunger Mensch wegen vorsätzlicher Körperverletzung mittelst gefährlichen Werkzeugs mit drei Monaten Gefängnis bestraft worden. Er ist beim Militär wegen schweren Diebstahls gegen einen Kameraden mit fünf Monaten Gefängnis und Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes bestraft worden. Er hat lange Zeit das Land durchzogen^ um in katholische Pfarrhäuser und Kirchen einzubrechen. Der Angellagte ist ein Mensch, dem jede Scheu vor dem Allerheiligsten fehlt. Ich habe in meiner Eigenschaft als Staatsanwalt wiahrgenommen, daß seM alte Verbrecher, auch
wenn sie mit aller Religion gebrochen haben, hoch noch eine gewisse Scheu vor dem haben, was anderen Leuten noch bellig ist, ja daß sie immer noch ein gewisses Pietätsgefühl besitzen. Aber der Angellagte, der selbst Katholik ist, scheute sich nicht, in katholische Kirchen einzubrechen und in diesen den Opferkasten seines Inhalts zu berauben, der, für die Aerrnsten der Annen bestimmt ist. Er erbrach sogar die Sakristei, raubte den Abend- nmhlskelch Und verkaufte ihn für ein paar Pfennige bei dem ersten besten Trödler. Vezügilich eines anderen Einhnichsdieb- stahls soll der Angellagte geäußert haben: „Wäre der Pfarrer aufgewacht, dann hätte ich ihm den HalS abgeschnitten." Man könnte sagen, das ist Renommisteret. 9lber selbst, wenn dies der Fall ist, so zeuat dies" Redensart von einer bodenlosen GemütSroheit und Brutalität. Und wie benahm sich der Angellagte seinen Komplizen gegenüber? Dem Walter, mit dem er in Streit geraten, setzte er den geladenen Revolver auf die Brust. Hudde sagte: „Ich habe dem Walter nur bau ge machen wollen." Meine Herren Geschworenen, diese Aeußerung ist ungemein charakteristisch. Dieselbe Aeußerung soll auch Willy getan haben, als er mit dem Mordmesser daS Schlafzimmer des Pfarrers Thöbes betrat. Seinem Komplizen Fricke gab er eine große eiserne Zange mit den Worten: Wenn Dir beim Einsteigen Hindernisse in den Weg treten, dann schlägst Du das Hindernis mit der Zange einfach nieder. M. H. Gesck)worenen! Der Mord in Heldew- bergen war eben die letzte Konsegnenz eines arbeitsscheuen, vollständig moralisch gesunkenen, gänzlich verkommenen Menschen, der vor keinem Verbrechen zurückschreckte, der um jeden Preis« Geld haben wollte, nm auf Tanzböden und mit luderlichen Dirnen schwelgen zu können. M. H. Geschworenen, es ist Ihnen eine Anzahl Schuldfragen zur Beantworttlng vorgelegt worden. Bezüglich der zur Anklage stehenden Einbrnchsdiebstähle habe ich Wohl fmtm nötig, noch ein Wort zu verlieren, der Angellagte hat diese Taten eingestanden. Ich beantrage aber, auch aus voller Ueberzengung die Schuldfrage wegen Mordes ohne jede Einschränkung zubejahen. Ich bin mir dabei der großen Verantwortlichkeit bewußt, ich habe aber die volle Ueberzmgung, daß der Angellagte den Pfarrer Thöbes vorsätzlich und mit LleberTcgirng getötet hat. M. H. Geschworenen! bejahen Sie die Schuldfrage wegen Mordes und Sie werden sich die Anerkennung des Volkes verdienen und der Sache des Rechts einen großen Dienst lei st en. (Halblautes Bravo im Zuhörerraum.l Der Oberstaatsanwalt ersucht im Weiteren, die Schuldfragen betreffs des Angellagten Walter zu bejahen und diesem die Zubilligung mildernder Umstände zu versagen. — Danach tritt eine kurze Pause ein.
Nach Wiederaufnahme ber B ^ndlung nimmt daS Wort
Verteidiger, NechtSanwalt Dr. Jung (Gießen) für Hndder
M. H. Geschworenen! Der Herr Oberstaatsanwalt hat bent ylbscheu und der Trauer Ausdruck gegeben, die die furchtbare Tat im Pfarrhause zu Heldmbergen hervorgerufen hat. Ich habe wohl kaum nöffa, mis^usprechen. daß ich dies Gefühl vollständig teile. Ebenso schließe ich mich der Ausführung des Herrn Oberstaatsanwalts in jeder Beziehung an, daß die Tat weit über die Grenzen unseres engeren Vaterlandes Abscheu und Entsetzen erregt hat. Ich bin auch überzeugt, daß der Herr Oberstaatsanwalt diese Aeußerungen nicht getan hat, nm Ihr Urteil beeinflussen. Ich habe nicht nötig, Ihnen zu sagen, daß in diesem Saale das Gefiihl der Trauer, des Haffes oder der Rache vollständig fern bleiben muß. Ihre Pflicht ist eS. die Schuldfragen zu beantworten lediglich vom Standpunkt des falttrt Verstandes. Die Tat hat nicht nur großes Auffehen erregt, wegen der Art der Ausführung, sondern auch wegen der damit verbundenen Folgeerscheinung. Cs ist ein Verbrechen begangen worden, hinter dem das entsetzliche Bild der Guillotine steht. Wenn Sie den Angellagten des Mordes schuldig sprechen, bann droht dem Angellagten eine Strafe, die noch ein Ueberb'tdbfel aus dem Mittelalter ist, ans einer Zeit, in der der alte kriminalistische Grundsatz galt: „Auge um Ange, Zahn um Zahn". „Sobald Mut geffossen, muß wieder Blut fließen". Zn einigen Mturftaaten, wie z. B. der Schweiz, hat man die Todesstrafe längst abgeschafst, weil sie in unser fortgeschrittenes Zeitalter nicht mehr hineingehört. Die Todesstrafe ist ganz besonders schrecklich wegen der damit verbundenen Jrrepara- bilität. Wenn der Scbarftichter seines Amtes gewaltet hat und der Kvpf in den Sand gerollt ist, kann man niemals mehr einen etwa begangenen Justizirrtum wieder gut machen. Und wer will bestreiten, daß trotz sorgfältigster Erwägung Irrtümer Vorkommen, daß Angeklagte unschuldig oder in weiterem Maße verurteilt werden, ate sie sich wirklich schuldig gemacht haben. Und auch angesichts des furchtbarsten Verbrechens muß der Richter kalt erwägen: ist dem Angeklagten seine Tat bewiesen? Ich bestreite, daß der unwiderlegliche Beweis geführt worden ist. Die Erzählung deS Hudde: er habe in Gemeinschaft mit Willv den Einbruch im Pfarrhause zu Heldenbergen und den Mord habe Willy allein begangen, ist Lüge. Ist es denn ausgeschlossen, daß nach Jahr und Tag sich der Willy einmal meldet oder auf dem Sterbebett ein Geständnis ablegt? Würden nicht in einem solchen Falle die Ausführungen des Herrn Oberstaatsanwalts wie Seifenblasen zerschellen? Der Verteidiger führt alsdann des Längeren aus: Es Jet jedem Ktimincklistm bekannt, daß ein Verbrecher selten allein arbeitet, weil bei einer WeintHfcit die Gefahr des Erwischtwerdens zu groß sei. Auch Hudde hatte fast immer mit einem Komplizen zusammen gearbeitet. Er erinnere an den vorjährigen Raubmord in Frankfurt a. M., an die Ermordung des Justizrats Herz in Berlin. Stets und überall verbinden sich zwei Leute zu einem Verbrechen. Diese Leute treffen sich allerdings nickt im Salon oder in einem feinen Hotel, sondern in einer obskuren KNekpe oder auf der Landstraße. Hudde habe den Fricke auf der Landstraße kennen gelernt und nachdem sie sich gegenseitig mit den Vornamen vorgestellt, haben Jie schon an demselben Mend einen gemeinsamen Einbrnchsdiebstahl begangen. Der Umstand, daß Hudde seinen Komplizen Willy nur mit dem Vornamen gekannt habe, sei doch nichts Auffälliges. Die Beweisaufnahme habe bargetan, daß die Verbrecher sich alle nur mit dem Vornamen kennen. Die Zeugen, die den Angeklagten auf der Chaussee und in Heldenbergen gesehen, seien doch zu wenig bestimmt gemeßen. Er halte eS auch kaum für möglich, daß jenckrnd, der einen Menschen ein einziges Mal gesehen, ihn nach längerer Zeit bestimmt wiedererkennen könne. Um übrigen sei durch den Umstand, daß Willv in Heldenbergen in der Gastwirtschaft „Zur Krcme^^ und im Wartesaal des Bahnhofes nickst gesehen worden sei, die Be- haupttlng von der Mitwirkung des Willy nicht ividerlegt. AuS vorgefimdenen Fußspuren lasse sich gar nichts folgern. ES sei möglich, daß Willy zufällig auf festen B"den getreten sei, mithin Fußspuren nicht hinterlassen habe. Auch die Fingerabdrücksprechen nicht dafür, daß Hudde der Mörder sei. Die Kleider des Hudde enthielten keine Blutfiecken. Es sei nicht anzunehmen, daß Hudde, der sich, so oft er nur konnte, neue Wäsche kaufte, ein altes, abgetragenes, blutiges „Iägerhemt/^ vom 12. November 1904 bis 9. Januar 1905 aufbewahrt habe. Die Möglichkeit, daß die Haudeabdrück' von c;ner anderen Person herrühren, fei gar nicht gering. Die Feststellungen der Sachverständigen spreck>en nur für eine Wahrscheinlichkeit, daß Hudde den Mord allein auSgcfÜhrt hab-', auf Grund von Wahr-


