Ausgabe 
27.2.1904 Drittes Blatt
 
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Nr. 49 Drittes Blatt.

154. Jahrgang

Samstag 27. Februar 1904

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGiehener Zamillendlätter" werden dem ,Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der Reifliche Landwirt"' erscheint monackich einmal.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitälsdruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.7.

Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr. r Anzeiger Dreßen.

Eeneral-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Eiehen.

Politische Tagesschau.

Velerinarurztliches.

Tie Zentralvertretung der Tierärztlichen Vereine Preu­ßens hat in ihrer Plenarversammlung folgende Beschlüsse gefaßt:

1. Tie Bestimmungen des Reichs-Fleischbeschau» gesetzeS und des dazu in Preußen erlassenen Ausführ- unasgesctzes haben sich in der Praxis im allgemeinen be- währt. Tic Ausdehnung der Schlachtvieh- und Fleisch­beschau auf die sogenannten Haus schlack tun gen ist im Interesse der öffentliclsen Gesundheitspflege und ins­besondere der Tierseuchentilgung erwünscht. Ohne die weit- gehendste Mitwirkung der Tierärzte ist eine ordnungs- mäßige Turchsührung dec Schlachtvieh- und Fleischbeschau nicht möglich. Infolgedessen ist es dringend geboten, die Gebühren so zu bemessen, daß auch für die Folge aus diese Mitarbeit der Tierärzte gerechnet werden kann. Gegen das unbeschränkte Inkrafttreten des § 5 des Gesetzes vom 28. Juni 1902, bete, tue Ausführung des Schlachtvieh- und Flcischbeschaugesetzes, sind hygienische Bedenken nicht zu erheben.

2. Ter Verkehr mit Milch ist einheitlich nach Grund­sätzen zu regeln, welche von einer gemischten, aus Milch- vioduzenten, Vorstehern milchwirtschaftlicher Institute, Aerzten unb Tierärzten bestehenden Kommission ausgestellt werden. Diese Grundsätze fino für den Verkehr mit Vor­zugsmilch, mit gewöhnlicher Markt milch und deren Abfällen, sowie mit Milck, aus Sammelmeiereien und Schlachthöfen gesondert aufzustellen. Tie Bildung einer Komutisjivn für die Regelung des Milchverkehrs wird vom Minister erbeten.

3. Tie Zentcalvertretung dankt dem Minister für seine Absicht, Tierürztekammern einzurichten, hält die Be­schleunigung dieser Maßregel für dringend erwünscht, be­fürwortet daher die Errichtung der Kammern auf Grund Allerhöck)ster Berordnung unter vorläufigem Verzicht auf Ehrengerichte und BesteunungSrecht, jeboch unbeschadet der Anerkennung der Zweckmäßigkeit oieser Einrichtungen und beauftragt eine Kommission mit der Ausarbeitung der näheren Vorschläge.

Tem preuß. Abgeordnetenhaus ist der Entwurf eines Gesetzes über die Dienstbezüge der Kreistierärzte zugcgangen. Bisher erhielten die Kreistierärzte, deren Zahl in der Monarchie einschließlich Hohenzollerns 498 beträgt, eine jährliche Besoldung von 600 Mk., die sich in 34 Grenz- strichen auf 900 Mk. erhöhte, und außerdem Fuhrkosten- vcrgütung und Gebühren- oder Tagegelder. Alsnicht voll- beschäftigte" Beamte sind sie auch nicht pensionsberechtigt, erhalten keinen Wohnungsgeldzuschuß und keine Witwen- und Waisenulttersiützung. Tie gesteigerte Entwicklung des Betcrinärwesens, der Jieisd-beschau, Der Markt- und Stall­revisionen usw. hat die amtliche Tätigkeit der Kreistier­ärzte, namentlich in Seuchenzeiten so erhöht, daß ihre Privatpraxis darunter leidet und vielfach Privattierärzte sich neben ihnen niedergelassen haben. Um unter diesen Verhältnissen sich tüchtige Kreistierärzte zu erhalten, muß der Staat ihre Besoldung erhöhen und ihnen Pensionsberech- gung gewähren. Tie Gehaltserhöhung wird im näcksten Etat verlangt werden. Tie Pensionsberechtigung wird in dem vorliegenden Gesetzentwurf ausgesprochen. Eine be­sondere Vorlage war nötig, weil nicht beabsichtigt wird, oie KreisUerärzte zu voltbesoldeten Staatsbeamten zu machen. Sie sollen ihre Privatpraxis möglichst behalten, um den Fortschritten der Tierheilkunde auf allen Gebieten folgen zu tonnen unb um der Landwirtschaft in einzelnen Gegenden die Erlangung tierärztlicher Hilfe nicht übermäßig zu erschweren. Für das Gehalt werden mehrere Tiensl-

alterSstufcn eingerichtet, auch aus einem besonderen Fonds Zulagen auf ausnehmend schwierigen Stellen gewährt. End­lich soll eine Amtsunkostenenlschodigung e ngesührt werden Kreistierärzte, die das 65. Lebensjahr vollendet haben oder arbeitsunfähig geworden sind, können in der Zeit von der Verkündigung bis zum Inkrafttreten des Gesetzes unter Gewährung einer Pension, die ohne Rücksicht auf die Dauer der Tienstzcit 1200 Mk. beträgt, pensioniert werden.

Keer und Atolle.

Offiziers man ko. Bei der deutschen Infanterie fehlen nach einer Zusammenstellung derDeutschen Stim­men" 1183 Leutnants, indem statt der etatsmäßig vorhanden sein sollenden 8783 nur 7600 vorhanden sind, und zwar wird von diesem Mangel nur die Infanterie betroffen. Tie Artillerie hat sogar über ihren Etat Leutnants, und die Kavallerie ist, mit Ausnahme einiger Regimenter, die in schlechten Grenzgarnisonen, wie St. Avotd, liegen, voll­zählig. Allerdings ist auch bei der Kavallerie seit einigen Jahren ein Rückgang zu verzeichnen, indem die Zahl der zu Leutnants Beförderten von 190 im Jahre 1900 auf 146 im Jahre 1901 und sogar auf 119 im Jahre 1902 zurück- aegangen ist; ebenso ist die Zahl der Leutnants im Train Beförderten in denselben Jahren von 18 auf 16 und bann auf 13 zurückgegangen. Bei ber Infanterie fehlen bei ben 167 Regimentern zu brei Bataillonen durchschnittlich sechs im Regiment, bei den 39 zu zwei Bataillonen und den Jägerbataillonen »wei bis drei im Regiment oder Bataillon. Besonders bemerkbar sind die Lücken in ben 22 Regimentern mit verstärktem Etat beim 15. unb 16. Armeekorps, wo sie bis zu 16 Leutnants beim Regiment betragen.

Woher kommt das Wort Katzbalgerei. Gras Ballestrem rügte in der Sitzung vom 20. Februar den Aus­druck ^Katzbalgerei* mit den Worten:Hier sind doch keine Katzen.* Lider Katzcnbalgerei hat, wie derPost* geschrieben wirb, mit den Streitigkeiten von Katzen nichts zu tun. Katz- balger waren zur Zeil der Landsknechte Söldner, die, mit zweihändigen, langen Schwertern bewaffnet, vor der Lanzen­linie des Hellen Haufens kämpften und die Aufgabe hatten, ihren nachfolgenden Leuten in der geschlossenen Lanzenwehr des Feindes Platz zu machen. Ebenso verfuhr natürlich auch der Gegner. So kam es vor dem allgemeinen Kampfe zu Einzelkämpfen, die durch das Wort Katzbalgerei bezeichnet werden. Der Katzbalger ist ein Mensch, dec seinen Balg, d. h. seine Haut billig wie ein Katzenfell verkauft hat. Da fein Geschäft der Zweikampf war, so ist sich herumhauen übertragenerweise Katzbalgen oder auch balgen genannt ivorben.

* Ein Tickterfest in Japan schildert die Halb'- monatsschristAu s fremden Zungen" (Deutsche Ver­lags-Anstalt, Stuttgart). Sie schreibt: Judith Gautier er­innert imGaulois" daran, dag am 10. Januar in Japan dasFest der Poesie" im kaiserlichen Palast unter großen Zeremonien gefeiert wird. Aus allen Teilen des Reiches werben bazu Geb ich te über ein gegebenes Thema in den kaiserlichen Palast gesanbt, unter denen der Großmeister der Poesie eine engere Auswahl trifft und sie dem Kaiser überreicht. In einer außerordentlichen Versammlung int Goscho «Palast) beginnt nun ein poetischer Wettkampf in Gegenwart der kaiserlichen Familie. Tie Residenz heißt noch heute Garten des springenden Wassers; nur wenige dürfen sie betreten, nur ganz Bevorzugte aber werden zum Saal des großen Pavillons zugclasten, wo sich unter Tapetenbehängen aus violettem Krepp, die mit riesigen symbolischen Ehrysanlhemen bestreut sind, die eingeladenen Adligen versammeln. Hier offenbart sich der alte Glanz des feudalen Japans. Ter Kaiser führt den Vorsitz. Zu seiner Linken sitzt die Kaiserin, umgeben von ihren Hofdamen, und zu seiner Rechten der Erbprinz mit feiner Gemahlin. Tie Prinzess'innen gruppieren sich zu Füßen der Kaiserin. Anwesend sind ferner alle Minister und hohen Palast­beamten. 9tun sieht man unter den Klängen einer sanften Musik auf entfernter Estrade zierliche Tänzerinnen sich drehen, während jeder Preisbewerber sein Gedicht auf einem weißen Fächer wieder abschreibt. Bei dem letzten Wettbewerb lautete das Thema:Tie Blüte des Pflaumen­baumes zum neuen Jahr". Er hatte ganz reizende Gedichte zur Folge, deren Duft wiederzugeben fast unmöglich ij£ Da er sich bei ber Uebertragung in beutsche Worte ver­flüchtigt. Tie Verse bes Kaisers lauten etwa:Das Jahr erhebt sich bunte!; ber Schnee verschleiert bie Morgenröte. Gib uns, Himmel, ben Azur toieber, beim ber Pslaumen- baum hat seine Blüten erschlossen, unb sein süßer Tust fleht bich an!" Als treffliche Dichterin gilt bie Kaiserin ^aron-ko (bereu NameFrühling" bebeutet). Sie sang: In bem ganz weißen Park zu Tschjjoba (ber kaiserlichen Resibenz), was lächelt am ersten Tage bes Jahres von Der büftem Morgenröte an? Tie Blume bes rosigen Pflaumenbaumes . . ." Einen Monat später wirb bas Er­gebnis bieses Wettbewerbs der Oefsentlichkeit übergeben. Ter Kaiser ist ein sehr a nfgeklärter Mann; er hat viele ber bebcutungslosern japanischen Festlichkeiten abgeschafft. Toch neben bem Fest, mit bem bie Thronbesteigung seines ältesten Ahnherrn gefeiert wirb unb bas seit 2500 Jahren ohne Unterbrechung in Japan begangen worben ist, ferner neben bem Feste seiner eigenen Geburt, hat er das Fest Der Poesie beibehalten, ba es ein sinniges, anmutsvolles unb zugleich ein geistvolles Fest ish.

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