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26.3.1904 Fünftes Blatt
 
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ir. 73

Fünftes Blatt

154. Jahrgang

Samstag 26. März 1904

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

^nffcheim täglich mit Ausnahme des Sonntags.

TteEiehener Samtlienblätter werden dem «Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, Der «itzeffifche LandwirT' erscheint monaUich einmal.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulsir.7.

Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.

Das Kammerreferat derDarmst. Ztg."

über die Sitzang der 2. hessischen Kammer am 23. d. M. läßt Herrn Abg. Köhler folgende Sätze der Reihe nach sprechen:

»Namentlich in seinem (Köhlers) Heimatkreise stehe das Kreis­blatt im offenbaren Widerspruch mit der Mehrheit der Bevölkerung. Es sei im Besitze eines Pommern, der Redakteur stamme aus Tilsit, habe eine Jüdin aus Frankfurt zur Frau und noch dazu die Vertretung der Firma Mosse in Berlin; das sei doch ein Unfug. Er selbst werde von dem Blatte in unschöner Weise bekämpft. Ein­mal habe es ihm gelegentlich eines Prozesses, in dem er Zeuge war, geradem den Vorwurf des Meineides, allerdings in ver­blümter Weise, gemacht."

Soviel Behauptungen, sovie l Unwahr­heiten.

1. Das Kreisblatt des Kreises Gießen steht nicht im Widersvruch mit der Mehrheit der Bevölkerung, sondern vielmehr im besten Einklänge mit ihr, was uns außer unserer großen Verbreitung im Kreise zahlreiche Zuschriften aus allen Ständen beweisen, sowie die Aufnahme, die unser Blatt und seine Ungeteilten allenthalben finden.

2. Dek Besitzer desGieß. Anz." ist nicht Pommer, son­dern Mecklenburger.

3. Der (erste) Redakteur stammt nicht aus Tilsit, sondern aus Ragnit in Ostpreußen.

4. Er hat keine Jüdin, sondern eine Christin aus;Frank- furt zur Frau.

5. Ter Redakteur bat nichtnoch dazu", (also zu seiner Frau) die Vertretung der Firma Mosse, sondern diese Ver­tretung hat die Brühl'sche Druckerei in Gießen.

6. Das alles ist doch kein Unfug (!??), Unfug laber ist diese Fülle von Unwahrheiten.

7. Herr KAler wird von demGieß. Anz" nicht in unschöner Weise bekämpft, sondern in sehr schöner Meise, nämlich, ganz im Gegensatz zu seiner Kamps es art, unter Vermeidung ockles Persönlichen.

8. DerGieß. Anz." hat Herrn Köhler niemals, auch nicht verblümt, den Vorwurf des Meineids gemacht, sondern einmal eine vor Gericht getane Aeußerung unfreiwilliger Komik des allzu redseligen und dadurch sich selber bisweilen widersprechenden Herrn Köhler kurz erwähnt.

Wer noch der Ueberzeugung ist, daß Herr Köhler mit der Wahrheit es sehr genau nehme, der melde sich

Aus Stadt mlö Kauü.

Gießen, 26. März 1904.

** Ihre silberne Hochzeit feiern am Montag den 28. d. Mts. Küfer Kümmel und Frau hier, Stein­straße 86.

** Hessen-Glocke. Se. Kgl. Hoheit der Großherzog empfingen am Samstag die Vorstandsmitglieder des hessi­schen Landesverbandes, des deutschen Flottenvereins zur Entgegennahme eines Berichtes über oen Fortgang der Sammlung für dieHessen-Glocke", deren Ueberschuß be­kanntlich zu einer Stiftung zu Gunsten hilfsbedürftiger Fa­milien unserer in der deutschen Kriegsflotte dienenden hessi­schen Landsleute und der Besatzung des Linienschiffes Hessen" verwendet werden soll. Der Landesherr nahm mit großer Befriedigung Kenntnis von der sympathischen Aufnahme, welche der Aufruf in den weitesten Kreisen oe- funden hat, und gab seiner besonderen Freude darüber Ausdruck, daß, wie aus den bis jetzt schon zurückgesandten Listen zu entnehmen ist, in zahlreichen Gemeinden, wie in Langgöns, Undenheim, Bleichenbach und Mald-Uelversheim, die außerordentlich starke Beteiligung der Bewohner be­kundet, daß der patriotische und humanitäre Zweck der Sammlung überall richtig erkannt wird.

§ Burkhards, 25. März. Gestern vernahm ein Untersuchungsrichter aus Gießen in der schon gemel-

Politische Tagesschau.

Rasche Erkaltung.

Aus Berlin, 23. März, wird uns geschrieben:

Es ist wenige Wochen her, daß in Petersburg, wie überall in Rußland, die Freund schaftfürDeuts ch- | la mb groß war. Es konnte beinahe von einer Be- | ac i sterung gesprochen werden, die an Lebhaftigkeit kaum | enigcn etwas nachgab, die einst im ersten Rausch dem I verbündeten Frankreich entgegengebracht wurde. Der Zar [ vergoß Tränen beim Empfang eines Handschrei- I bems unseres Kaisers; russische Beamte und Militärs | wetteiferten in Aufmerksamkeiten für deutsche Besucher und die russische Preise erkannte einmütigen Lobes an, wie vorteilhaft sich Deutschlands aufrichtig wohlwollende Halt­ung unterscheide von der vorsichtigen Kühle des Ver­bündeten, dessen unverhülltes Bestreben sei, um keinen I $rei:§ in den Krieg verwickelt zu werden. Iiußland könne niiimls Deutschland die Beweise der Anteilnahme ver­gessen.

Taß das Blatt sobald schon sich wenden würde, haben N>M selbst diejenigen kaum erwartet, die von vorn­herein der nationalen Ueberschwünglichkeit nicht recht H traiten. Wie immer in Rußland, treten die ersten An- icid en der Stimmungs- und Gesinnungsänd erung in der bor Ingen Presse auf Tie PetersburgerWjedomosti", die I Mw oje Wremja" sind nacv und nach in den Ton zu- iMpefallen, den sie seit Jahren gegen Deutschland an- gcsct lagen haben: den Ton des Mißtrauens. Alter haß rostet so wenig tote alte Liebe. Aber inan würde die Andeutungen, als ob Teutschland den russisch-japani­scher Krieg zu eigennützigen Zwecken wahrnehmen wolle, mi. verdienter Nichtbeachtung ab tun können, wenn nicht ine Haltung der russischen Behörden auffällig lüäct:. Oder ist es nicht auffällig, daß zwar, wie die uzztg." mitteilt, die Obervreßverwaltung den lllssf ischen Zeitungen und I o urn alen unter- jagtt hat, gegen England gerichtete Artikel auf- Wilihmen ein Befehl, dem natürlich bei der strengen -chiuung von Zuwiderhandlungen sofort Folge gegeben toiri; daß aber von einer Unterlassung deutsch- :: üblicher Aeuß erungen keine Rede ist. Ent- Mt'.Ln sind die letzteren Angriffe der sehr aufmerksamen mi rdjen Zensur sicherlich nicht.

Was ist nun geschehen, um in so auffällig ku^er Zeit einen Umschwung, herbeizuführen? Man kann einst- veillm nur Vermutungen hegen. Vielleicht hat der in niutarcr Zeit gestiegene Einfluß des Herrn v. Witte die Ly'Hpathieen für Teutschland zum Sinken gebracht. Viel- Wd)i sind unsere Feinde im Ausland an der Arbeit ge- icer. obwohl dieser Annahme widerspricht, daß der :, omatische Verkehr zwischen Petersburg und Berlin jid) :i!ad) wie vor in den angenehmsten Formen vollzieht. JeimfalU mag zu der Ernüchterung beigetragen haben, H innan in Rußland, nicht nur in der Bevölkerung, sich jiivitl l versprochen hat von Teutschlandswohlwollender Äuiccalität". Wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt, Hif «eine Steigerung der Sympat^iebeweise, und da diese Li ierung ausblieb, macht sich die Enttäuschung geltend. ü: e auswärtige Politik hat aber sehr Wohl daran getan, i. i ahige Bahnen zurückzulenken und dadurch der Gefahr üd,riete man in Rußland aus eine Fortsetzung, womöglich eines Konfliktes mit Japan oder England vorzubeugen. §r> Anfang war ein etwas zu großer Eifer enttviüelt Buben, Rußland des Mitgefühls zu versichern, z. B. durch > Hin in russischer Sprache abgesaßten Brief einer Klasse i:: ..a betten ko rps. Ties Zuviel konnte Deutschland in eine jjijie Lage gegenüber den anderen Mächten bringen.

beten Affäre gegen 10 Zeugen. Der Schwerverletzte befindet sich auf dem Wege der Besserung.

t Herbstern, 24. März. Der Vogelsberger Sängerbund hat beschlossen, sein Bun des fest int Juli in Herbstein abzuhalten: zum Präsidenten wurde Lehrer Heldmann-Bannerod gewählt. In diesem Monat sind es 25 Jahre, seit der hiesige Rendant Waitz Kirchenrech - ner von Lanzenhain, Dirlammen, Engelrod und Hopf­mannsfeld ist.

w. Wetzlar, 24. März. Nachdem durch Verfügung des Ministers der geistlichen, Unterrichts- mit) Medizmal- angelegenheiten vom 11. Mai 190.3 der Vertrag zwischen!! dem preußischen F-iskus und der Stadtgemeinde Wetzlar betr. Erbauung und VermictungeinesLehrersemi- nars genehmigt worden ist und das eingereichte Projekt inzwischen die Genehmigung erfahren hat, ist in diesen Tagen mit den Ausschachtungsarbeiten begonnen worden. Tie Fertigstellung des Baues soll bis zum 1. April 1905 erfolgt sein. Auch die Errichtung einer Präparanden- anstalt hat die Genehmigung des Ministers erfahren; doch sind die Ausführungsarbeiten für dieses Jahr noch, nicht vorgesehen worden.

Arbeiterbewegung.

Marseille, 35. März. Heute Nachmittag kam es auf den Quais zu einem Zusammen st zwischen Polizei und einer Anzahl von Arbeitern, welche die auf zwei Dampfern arbei­tenden Arbeiter zur Niederlegung der Arbeit veranlassen wollten. Es wurden mehrere Schüsse abgegeben. Einige Polizisten und etwa zwanzig Arbeiter wurden verletzt.

KeriHtssaal.

Wien, 25. März. Frau Professor Laura Beer, die den Regierungsrat Sieger mit der Reitpeitsche attakierte, wurde heute voin Volizeigerichte des Straßener­ze ss e s schuldig gesprochen und zu 100 Kronen Geld strafe öeritretü, die sie sofort erlegte.

Meteorologische Beobachtungen

der Station Gießen.

Wetter

Sonnenschein

1 Heller Himmel

2 Sonnenschein

747,0

747,0

746,4

März 1904.

+10,6 + 7,9 + 4,8

SE.

NNE.

N.

Höchste Temperatur am 24.-25. März + 10,9 °C.

Niedrigste , , 24.-25. = + 0,8 VC.

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