Nr. 197
Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme beS Sonntags.
Die „Gießener FamMenblatter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der «tzesfischr Landwirt*' erscheint monatlich einmal.
154. Jahrgang
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sehen Universitätsdruckeret. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition «.Druckerei: Schulstr.7.
Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr. r Llnzeiger Gießen.
w Dienstag 23. August 1904
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Giehen.
Der Kaiser in Mainz vnd Kronberg.
Mainz, 22. August.
Nachdem der Kaiser miJb der Großherzog die Fahnen und die Standarten nach dem Großh. Schloß geführt hatten, wurde der Kaiser int Bestttül des Schlosses von dem Oberbürgermeister Dr. Gaßner im Namen der Stadt begrüßt. Dierauf fand bei dem Gr oßherzo g eirre Frühstück t a f el statt, an der außer dem Kaiser und dem Groß- her^og, die Prinzessin Friedrich, Kars, der Kronprinz von Griechensarld, die Generale und mehrere höhere Offiziere, darunter ein Schweizer Offizier, der einem hiesigen Regiment zuerteilt ist, teilnahmen. Ausgetragen wurden:
Kernerbsensuppe, Kleine Pasteten, .Hummer in Gelee, Rehrücken, Kapaun mit Ganseleber, Feldhühner mit Salat, Artischockenböden. Gefrorenes und Frücbte, Chesterbrötchen.
Edle Weine und perlender Seit würzten das Mahl, bei dem die Kapelle des Infanterie-Regiments 9ir. 117 die Tafelmusik aus führte. Die Stimmun g bei dem Mahl war vorzüglich, und in heiterer Unterhaltung sah man die Fürstlichkeiten mit den Gästen bei der Tafelrunde. Nach der Tafel hielten der Kaiser und der Großherzog Cercle ab. Um 3 Uhr 20 Min. nachmittags erfolgte die Abreise des Kaisers nach Cronberg. Der Großherzog geleitete den Kaiser zum Bahnhof, wo der Oberbürgermeister Dr. Gaßner und der kommandierende General v. Eichhorn sich zur Verabschiedung eingefunden hatten. S. K. H. der Gro ß- h erzog bleibt noch Dis morgen hier. Er nahm heute abend bei dem Oberbürgermeister Dr. Gaßner den Tee ein.
EronbeÄg i. Taunus, 22. Ang.
Der Kaiser ist mittels Sonderzuges mit dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich'Karl von Hessen und mit dein Kronprinzen von Griechenland um 4 Uhr 45 Min. nachmittags hier eingetroffen und nach Schloß Friedrichshof gefahren. Am Bahnhofe unterhielt sich der Kaiser, einige Minuten mit dem Oberbürgermeister Ritter von Marx von Homburg und mit dem Bürgermeister von Cronberg, die zum Empfange erschienen waren. Am Portale des Schlosses Friedrichshof wurde der Kaiser von der Kronprinzessin von Griechenland bewillkommnet. Auf Schloß Friedrichshof sand um 8 Uhr Ubend- tafel zu 16 Gedeon statt, an der außer dem Kaiser, den hessischen und griechischen Fürstlichkeiten das Gefolge, die Offiziere, das Wachtkommando mtib Leibarzt Dr. Spielhagen teilnahmen. Nach aufgehobener Tafel wurde Bier gereicht. — Als der Kaiser heute nachmittag von der Dahn zum Schlosse fuhr, versuchte eine Frau in den kaiserlichen Wagen einen B rief zu wevfen, in welchem sie um Strafaufschub für ihre Schwester, eine Hebamme in Rieder- Reifenberg, nachsuchte. Sie wurde von dem anwesenden Kriminalbeamten an der Ausübung ihres Vorhabens gehindert, und der Brief wurde der Post übergeben.
Der Kaiser wird am Dienstag nachmittag von Friedrichshof zu Wagen nach der Saalburg fahren, wo er vom Geheimrat Jtacobi empfangen wird. Um 4Vs Uhr begibt sich der Monarch, mittels Sonderzuges von Homburg über Friedberg-Gießen nach Wilhelmshöhe.
"KoMMe Tagesschau.
Die Völker und ihre Justiz.
Man hat behauptet, die Völker hätten die Justiz, die sie verdienten. Man wird das vielleicht von den Italienern gelten lassen, die einen Banditen, wie Palizzvlo, als Justizmärthrer feiern und für die Durchlöcherung der Gerechtigkeit ins Parlament wählen. Man wird es aber sicher nicht für Russen und Finnen, für Marokkaner rntb Armenier zugeben. Das Wort ist übrigens schon widerlegt gewesen, ehe es geschrieben wurde, und zwar von Montesquieu durch einen seiner weisen Perser, die so gut verstanden die Nationalfehler oer Franzosen aufzudecken und ein Regime zu verspotten, unter bem die Justiz mit der Politik fcklechtweg verheiratet war. Noch heute befinden sich in der Binde, welche auch bei den Franzosen die Justiz vor den Augen haben soll, ganz niedliche politische Gucklöcher. M o l i ö r e t&st einen Richter seine Köchin fragen, was sie von einem schwierigen Falle denkt. In Frankreich werden
noch heute die „guten" Richter danach bestimmt, die den armen Dieb frei sprechen, .den Mörder ans Leidenschaft als edlen Dulder gehen lassen. In E n g l a n d erwartet das Volk Würde und Humor und sicheren Takt von seinem Richter. Der Richt erst and ist der höchste im Lande und noch mit königlicher Freiheit und Selbständigkeit ausgeftattet. Bevor das Gerichtsverfahren beginnt, erteilt der Richter freien Rechtsrat an die Armen: wenn er erscheint und geht, erhebt sich die Versammlung von den Sitzen. Es ist immer ein alter Herr, mit den Erfahrungen eines langen Lebens Äs freier Jurist hinter sich. Es ist bewundernswürdig, mit welchem Zutrauen zur Charakterfestigkeit unb Menschenkenntnis das Volk auf seine Richter sieht. Englische Verbrecher bekennen sich fast immer auf die erste Frage des Richters schuldig. Der Richter selbst ^ühlt sich als Führer des Volks, in sozialen Dingen, in religiösen und gesellschaftlichen. Dem Einftusse des Richters ist die Bewegung für die Einbringung eines Fremderr- geseßes 'zuzuschreiben. Die englische Gesetzgebung läßt viel zu wünschen übrig, .aber ihre Justiz ist im Großen und Ganzen besser. Äs die Engländer sie verdienen.
Dem deutschen Richter sind namentlich im Strafprozeß die Hände zu sehr gebunden. Unsere Richter sind meist überlastet, zu schlecht dotiert, und ihre Carriöre könnte freier sein. Die alte Generation aufrechter, .freigesinnter, scharfblickender und von keinerlei Vorurteil befangener Richter geht leider numerisch immer mehr zurück. Wann kommt es noch vor, wie anfangs der 80 er Jahre beim Berliner Landgericht, daß der Richter erklärt: „Ten Kerl kann ich nicht arisstehen: den kann ich nicht aburteilen!" Nirgends so sehr als unter unseren Juristen selbst, wird die Wahrheit empfunden, daß Volk und Richter st and für eine durchgreifende Juftizreform reif sind, daß wir eine bessere Justiz verdienen.
Kirche «nd Schule.
Hf. Flonheim, 19. Ang. Nur wenige Tage noch trennen uns von dem Jahresfest, das der hessische Hauptverein des Evangelischen Bundes am 24. und 25. d. M. in unserer Gemeinde feiern wird. Der evang. Kirchenvorstand und die evang. Kirchengemeindevertretung haben beschlossen^, den Wunsch auszusprechen, daß der Hauptfesttag, 25. Aug., als ein Feiertag gehalten werden möge. Aus allen Teilen Hessens sind bereits Anmeldungen ein- getaufen. In altbewährter Gastlichkeit sind zahlreiche Frei- guartiere von hiesigen Familien zur Verfügung gestellt. Auch sonstige Vorarbeiten werden von Gemeindegliedern mit großer Bereitwilligkeit übernommen. Nicht nur Mitglieder des Evang. Bundes, sondern alle Evangelischen haben zu den Versammlungen rc. freien Zutritt.
Regensburg, 22. Aug. Den Katholikentag eröffnete ein feierliches Pontifikalamt im Dom, zelebriert vom Erzbischof von München. Der Dom war überfüllt. Die katholischen Stüdenten-Korporationen mit Fahnen hielten vom Dom aus eine Rundfahrt. Um 10 Uhr fand die erste geschlossene Versammlung statt. Anwesend waren der Bischof von Siebenbürgen, der Regensburger Weihbischof, .Fürst Löwenstein und eine sehr große Zahl aus dem Adel Bayerns. Der Präsident des Lokalkomitees, Pustet, eröffnete die Versammlung und verlas ein Schreiben des Papstes, das mit rühmenden Worten von den musterhaften deutschen Katholikentagen sprach. Die Versammlung brachte ein Hoch auf den Papst aus. Die Festrede hielt Oberlehrer Link über die Notwendigkeit des Kampfes gegen den Unglauben und Egoismus. Bei der Wahl des Präsidiums wurde Llbg. Dr. Porsch znm Präsidenten, .Graf Droste zum ersten und Freiherr v. Pfetten zum zweiten Vizepräsidenten gewählt. Unter stürmischen Zustimmungen wurden Huldigungs-Telegramme an den Papst, den Kaiser und den Prinzregenten abzusenden beschlossen. Hierauf begann die Beratung der Anträge. Die Resolution über die römische Frage pmrde durch den 9lbg. Bachem begründet und einstinrmig angenommen, ebenso die Resolution über den Rafael- Verein, die Llbg. Cahenslv befürwortete. In der Mend-Ver- sammlung sprachen Professor Esser-Vonn über die Erneuerung der Welt in Christi, Abg. 9toeren über Papsttum und Mtramonta- nismus.
pas neue Hemeinde-Hebetbuch für die Evangelische Kirche im Kroßyerzogtum Kessen.
Das verflossene Jahr hat der evangelischen Kirche unseres Landes eine sehr bedeutsame Gabe gebracht. An Stelle der „Hessischen Agenda" vorn Jahre 1574, die längst
fast ganz außer Gebrauch gekommen war und den heutigen' Bedürfnissen nicht mehr entsprach, ist das neue hessische Kirchenbuch" getreten, das nun wiederum auf lange Jahrzehnte hinaus dem gottesdienstlichen Leben unserer Gemeinden nach Allen Richtungen hin seinen Stempel aus-- drücken wird. Im Zusammenhang mit diesem zunächst für die Hand des Geistlichen bestimmten Buch ist nun das neuei Gemeinde-Gebetbuch erschienen. Es verdankt: seine Entstehung dem un mittelbar en Auftrag unseres Großherzogs, der damit ein schönes Zeug-, nis seiner Frömmigkeit und feines lebendigen Interesses- für seine Kirche abgelegt hat. Ihm, dem Sohne einer eng-, lischen Mutter, schwebte dabei das englische „Eommonl Prayer-Book" vor. Der englische Protestant rst ja ohne feilt „Eonrrnon Prayer-Book" sd. h. „Gemeinde-Gebäbuch^) gar. nicht zu denken. Es begleitet ihn in die Kirche, es bietet ihm die Grundlage zu seiner häuslichen Erbauung und Mlt so die so nötige Fühlung zwischen Kirche und Haus Heu- Ganz denselben Dienst soll nun den Evangelischen unseres! Landes dieses „Gemeinde-Gebetbuch" leisten.
Zn dem Zwecke führt es in die Ordnung des sonn- und festtäglichen Gottesdienstes, des hl. Abendmahls und der Beichte,! sowie derjenigen kirchlichen Handlungen ein, mit welchen dis Kirche den Höhepunkten des häuslichen Lebens die höchste Weihe; verleiht (Taufe, Konfirmation, Trauung, Begräbnis). Damit er^ möglicht es dem einfachen Gemeindeostiede, dem Gottesdienst! und den kirchlichen Handlungen mit vollem Verständnis zu folgens und in solchen Fällen, da Krankheit oder sonstige Umstände die persönliche Teilnahme unmöglich machen, die Feier wenigstens im Geiste mitzubegehen. Außerdem gibt es in bündiger Kürze Anweisung zur häuÄichen Andacht und ausgewählte Gebete für dieselbe, insbesondere für die wichtigsten Vorkommnisse des Lebens. Es eignet sich daher $u einer Festgabe für jedes Gemeindeglied, besonders^ für Konfirmanden, für Brautleute, Söhne und Töchter, die in die Fremde ziehen und mit der Hennat-i t'irche verbunden bleiben möchten. Sofern es die wichttgstens Handlungen der Gemeinde in genauer Uebereinstimmmrg mit dems neuen hessischen Kirchenbuch darbietet, dürfte es den Geistlichen; den Dienst einer Art von Not-Agende leisten und, .sofern es üt der Einleitung grundlegende Aussührmraen über Gottesdienste Hausandacht, Gebet uff. enthält, den Geistlichen und Lehrern für die Einführung der Schüler in das Verständnis des gottes-- dienstlichen Lebens willkommen sein. So erscheint das Buch, in dem sich der evangelische Landes^rr mit seinen evangelischen. Landeskindem im Tiefsten und Heiligsten zusammenschließt, aV eine bedeutungsvolle Festgabe zu dem 400 jährigen Jubiläum,' Philipps des Großmütigen, des erlauchiten Ahnherrn unferss, Fürstenhauses, dessen mit unserem evangelischen Hefienvolk mitz dankbarer Pietät zu gedenken das ganze evangelische Deutschs land im Blick auf die Zeichen der Zett alle Ursache hat.
Wir begrüßen dies Buch mit aufrichtigem Dank gegen: unseren Landesherrn, der den Gedanken dazrr gafaßt bat,1. und gegen den Mann, der diesen Gedanken so fein undj verständnisvoll ausgeführt hat, Herrn Geh. Krrchenrut' Dr. Köstlin. Er hat sich dadurch, wie durch das neue^ Kirchenbuch, das fm wesentlichen auch fein SSerF ist, eins unvergängliches Denkmal in der Geschichte unserer hessischen; Landeskirche und unserer deutschen evangelischen Kirche über--: Haupt gesetzt. Wir begrüßen das schöne Buch in der Hoffnung und mit dem Wunsch, daß es nun auch wirklich das: werden möge, als was es gedacht ist, ein Gemeinde- Gebetbuch, daß es in die Hände aller Gemeindegliedett kommen und, wozu es sich in seiner handlichen Gestalt sehr eignet, in jedem Gottesdienst darin sein möge. Einer der hervorragendsten Ketrner der evangelischen Kirche unserer Zett, Professor Dr. Sell in Bonjn hat es als die Hauptaufgabe, die unsere Kirche zu losen berufen sei, die Vertiefung unseres gottesdienstlichen Lebens bezeichnet. Dazu kann und wird Dieses Büchlein, so hoffen wir, einen sehr wertvollen Beitrag leisten.Dr. Schlosser.
Ans Srtadt nnii Land.
Gießen, den 23. August 1904.
Se. Majestät der Kaiser wird heute nachnnttag von Cronberg nach Wilhelmshöhe zurückreisen, unsere Stadt Gießen nachnnttags 5.30 Uhr ohne Aufenthalt passieren und in Wilhelmshöhe abends 8 Uhr eintreffen.
„Klänge vom Whein"
nennt sich eine kürzlich im Verlage von Eduard Trewendt in Berlin erschienene Gedichtsammlung von August Ammann. Diese Gedichte sind Ausflüffe eines durchaus vornehmen und fein gebildeten Geistes. Ekstasen des Gefühls und Superlative des Gedankens liegen ihnen fern. Sie bewegen sich in der schönen Sphäre des künstlerisch Abgetönten und Maßvollen. Nur da, wo der Dichter gegen die Auswüchse des Naturalismus in der Kunst um die Wende deS 8. und 9. Jahrzehntes des verflossenen Jahrhunderts kräftige Worte edlen Grimmes findet, ist seine Form zwar von untadliger Reinheit und Glätte, aber sein Tadel ist allzu hart und allzu bitter und seine Tonart wird von äußerster Schroffheit und Schärfe. Größere Milde und der bedachtsame Ernst eines unerregbaren Kunstrichters hätten auch hier dem Dichter beffer zu Gesichte gestanden, um so mehr, als wir ja jetzt längst jener rvahrlich nicht durchweg erfreulichen Periode eines mit Gewalt nach neuen Stoffen suchenden Kunstschaffens entronnen sind und mit der Ruhe des kühl wägenden Historikers auf jene Zeit zurückblicken können, die uns so überaus nötig war als Reaktion auf die ihr vorhergehende klägliche Periode übler Zlickerwasserlyrik. —- Was die Gebiete betrifft, die die Gedichte Prof. Aug. Ammanns, eines in Wiesbaden lebenden Freundes des verstorbenen Mirza Schaffy-Bodenstedt, beschreiten, so überwiegt bei weitem die reine Lyrik von Natur, Rhein und Wein, Liebe und Freundschaft. Aber auch Gebilde einer meist heiteren, weltfreudigen Reflektion reihen sich an solche lustiger Phantasie. Wir können uns nicht versagen, eines seiner Scherzgedichte in Scheffels Geiste hierher zu setzen:
Die Kur im Olymp.
Einst saß ZeuS, des Kronos Sohn, Gramgebeugt auf seinem Thvon, Denn er hatte Kopfweh.
Endlich rief er voll Verdruß Doktor Aeskulapius: „Laß mir mal zur Ader^ Aderlaß ist eine Kur, Die bei Meirschen rettet nur: ZeuS war sie nichts nütze. Wieder sprach er voll Verdruß Zu Vulkan: ,Komm, Jntimils, Sollst den Kopf mir spaltend Und das Götterpublikmn Blieb darob vor Schrecken stumm. Aber Zeus sprach: bald ¥*
Schnell ein Schlag — ein lauter Schrei — Und die Schmerzen sind vorbei, Da geschah ein Wmwer.
Denn au§ des Olympiers Stirn Sprang hervor 'ne schone Dirn': Dieses war Athene.
Itnb darauf in einem Nu War die Götterwunde zu Ohne Naht und Salbe. Die Moral, vergiß sie nie: Quält ein Weib dich, mußt du sie Ans dem Kopf dir schlagen.
Die Ammann'sche Muse hat einen leichten, anmutigen, frohen Gang, und lebensvolle Bildwirkung, sowohl im Landschafts-, wie im Eharakterbilde, kennzeichnet sie. Das ergreifende Po6m „Edle Menschen^ ist insonderheit ein leuchtendes Beispiel von des Dichters plastischer Kraft, wie auch von seiner reinen und reisen Menschenliebe, feinem tiefen, edlen, keuschen Gemüt. Aeußcrlich weisen Ammanns Gedichte einen schönen Wohllaut klingender Strophik und Rhythmik auf. Sonette und Siguidillen, das Versmaß Homers und das Anakreons sind mit der gleichen natürlichen Grazie geformt, und gar oft gelingt ihm das schlichte, sangbare Lied, das mehrere Musiker bereits zu Kompositionen lockte. Be
sondere Feinheiten und Spitzfindigkeiten findet man rricht. Das Buch bringt nichts Neberraschendes, weder in Form, noch in Gedanken. Es ist geschaffen auS einer harmonischen, weltfreudigen Lebensauffassung, aus der einheitlich glücklichen Stimmung eines krystallreinen mib himmelsheiteren Herzens heraus, bas die Erinnerung an eine köstliche Zeit als baS beste im Leben, als daS stets imb unbedingt an da§ Leben mit Rosenranken Fesselnde schätzt.
»Es sprosset eine zarte Blüte Alls jeder Freude, die uns naht, Und hellt dem sinnenden Gemüte Auch später noch den Lebenspfab.
So wirb, was einstens un8 erfreut, Durch der Erinn'rung Kraft erneut*
P. W
*
Immer nur ein Iagesschriftllcler.
Hofrat Pros. Dr. Eduard HanSttch, der berühmte Musik rezensent der Mener feuert Fr. Pr", hat an seinem Grabe eine sehr gute Presse gehabt. Sein geistfmrkelndes Auge, seine wundersamen sprachlichen Gebilde pries Dr. Julius v. Ludassy. Eines aber gilt ihm als das Herrlichste: die Be scheidenhcit, mit der Hannsttck trotz seiner Größe usw. hoch, immer nur ein TageSsckwiftstellcr sein wollte. Jnrmer nur ein Tagesschnststeller! Das sagt jemand, der selbst ttrges- schrifffteNert.
Rich. Nordhausen bemerkt dazu sehr hübsch im „Tag":
Wenn Hanslick nickt alS To.^ssckn-iftstcllcr «zewuckt, sondern seine musikalisckcn Glossen ausscklicsüick in dick!eckigen Wülsten niedevgclegt Wtc. was wüsste dann die Welt von ihm? Wann, lvären dann seine Angriffe aus Waqner Mannt gewol-dcn? Der Tagesscluiftsteller ist wäcktiger, alS sedcr Bückersckrecker. Statt tausend Leser hören zehn- über hunderttausend auf ihn Daraus mrMfi ihm in statt - Verantwortlickkcitögefnhl, bar auS erwächst für ihn der Zwang, immer anregend rntb Icbentng AuSliffer neuer Ideen Verbrecher alter Tafeln zu fein. Auf eme halbe Spalte drängt der Taoe^chriftftelltt, .der feines Äuttr^


