Ausgabe 
19.7.1904 Zweites Blatt
 
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Nr. 167

Zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Zamttienblötter" werden dem .Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt Der hessische Landwirt" erscheint monatlich einmat

w 154. Jahrgang

Grehener Anzeiger

Dienstag 19. Juli 1904

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche« Unwersitätsdruckeret. R. Lange, Gieße«.

Redaktton,Expedition ».Druckerei: Schulstr.

TeU Nr. 5L Telegr.-Adr. i Anzeiger Gieße«.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Kandelsvertragsvtrhandlungen.

Daß in die HandelsvertragsverHandlungen mit Ruß­land mehr Leben gekommen ist, darf man aus der Reise des Präsidenten des russischen Ministerkomitees Witte zum deutschen Reichskanzler mit einiger Sicherheit schließen. Die Verhandlungen mit Rußland dauern nun bereits rund anderthalb Jahre; denn sie wurden alsbald nach der Ver­abschiedung des neuen Zolltariss im Deutschen Reichstage im Dezember 1902 eingeleitet. Sie sind um so wichtiger, als bei ihnen unser Minimaltaris die Feuerprobe zu be­stehen hat Man darf wohl als richtig annebmen, daß die wiederholte Unterbrechung und Vertagung dieser Ver­handlungen dadurch verarüaßt wurde, daß über die end- giltige Festsetzung der vouDeut sch land zuerhebe n- den Zölle auf gewerbliche Erzeugnisse eine Einigung nicht erzielt werden konnte.

Niemand in Deutschland ist so töricht, zu bestreiten, daß wir ein großes Interesse au dem Zustandekommen eines Handelsvertrages mit Rußland haben, besonders im Hinblick auf die Ausfuhr unserer großgcwcrblichen Er­zeugnisse; aber die Entwickelung dar G-ütererzeugung und des Güterabsatzes in beiden Landern zeigt unwiderleglich, daß Rußlands Interesse an einem deutjch-rusjr- schen Handelsvertrag doch größer ist, als das Deutsch­lands. Tas folgt schon aus Rußlands Eigenschaft als A ck e . austaat ersten Ranges und aus seiner geo- graphischen ^age ^u Deutschland, das zur Deckung seines Getreioebedarss ausländischer Ware nicht entbehren kann. Dabei ist aber zu beachten, daß es dabei nicht gerade auf die Einfuhr aus Rußland an­gewiesen ist. Karmen wir doch unseren Bedarf an Ge­treide zur Genüge aus den Vereinigten Staaten von Ame- ka, Argentinien, Indien, Australien, Oesterreich-Ungarn, Rumänien und Klein-Asien decken, wobei wir die Wahl haben, je nach dem Ausfall des Ernteergebnisses in diesem oder jenem Lande. Dagegen führte Rußland im Jahre 1903, nach seinen eigenen, jreit ich nicht sehr zuverlässigen, amtlichen Aufzeichnungerc, Getreide im Werte von über 1000 000 000 Mart aus; davon gingen rund 40 Prozent, also Getreide für rund 400 000 000 Mk., nach Deutsch­land, darunter Gerste für 105 600 000 Mk., Hafer für 37 800 000 Mark, Kleie für 38600 000 Mark, Mais für 40 000 000 Mk. Käme nun ein deutsch-russischer Han­delsvertrag nicht zustande, so nrüßte das Zarenreich für

alle diese gewaltigen Getreidemengen einen andern Markt sich suchen; wer glaubt, daß dies auch nur in Jahren möglrch wäre? Deutschland dagegen wäre, wie wir sahen, um die Deckung seines Bedarfes an ausländischem Getreide nicht verlegen, abgesehen davon, daß unsere eigene Getreidegewinnung sich ausdehnen und damit jenen Bedarf verringern würde, wenn die Einfuhr fremden Getreides erschwert werden und damit der hei­mische Getreidebau lohnender gestaltet würde.

Wie steht es nun aber mit unserer Ausfuhr nach Rußland? Sie betrifft im wesentlichen Erzeug­nisse des Montan-, Webstosf- und chemischen Großgewerbes, deren Ausfuhr nach Rußland dem Werte nach folgerrden Umfang hatte: 1898 409 600 000 Mk., 1899 396 600 000 Mk., 1900 325 00 0000 Mark, 1901 318 6l0 000 Mark, 1902 343 700 000 Mark, 1903 378 600 000 Ätark. Diese Ausfuhr würde nun auch im Falle des Scheiterns der deutsch- russischen Handelsvertragsverhandlungen nicht völlig- zum Stillstand kommen, weil Rußland in Bezug gewisser Waren auf Deutschland altgewiesen ist, sondern nur eine, wenn auch bedeutende Beschränkung erfahren, wofür wir aber leichter Ersatz beschaffen könnten, als Rußland für den Ausfall in seiner Getreideausfuhr nach Deutschland. Für den gegenseitigen Austausch von Waren kommt schließlich doch nicht die Handelsbilanz allein in Betracht, soirdern noch andere, gewichtige Tinge: die Verkehrseinrichtungen, Eisenbahiren und Handelsflotte, welche für diesen Verkehr geschajsen worden sind. Die Zinsen der in Deutschland, in gewaltigem Umfang, unter­gebrachten russischen Anleihen müssen im wesent­lichen aus dem Handelsverkehr aufgebracht werden.

Für Rußland müßte also em Zollkrieg m i t Deutschland mehr Schrecken haben, als für uns, und die deutscher: Unterhändler befinden sich daher Rußland gegenüber in bevorzugter Lage. Hoffentlich lassen sie nicht dazu sich herbei, eutzuräumen, daß für wichtige oeutsche Ausjuhrwaren von Rußland lediglich der Grund­satz der Meistbegünstigung zur Anwendung gelangen j'otl, wie das im letzten deutsch-russischen Handelsvertrag geschehen ist. Vielmehr ist es eine gerechte und billige Forderung, daß für die Dauer des Vertrages bestimmt ver- eülbarte Zollsätze f e ft g e l e g t werden, natürlich mit dem Vorbehalte, daß sie entsprechend ermäßigt werden, wenn einem anderen Lande ein Ermäßigung unter den für Deutschland giltigen Satz bewilligt wird.

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Der Aufstand io Aeutsch-SüdwestafriLa.

Koblenz, 18. Juli. Von dem hiesigen Telegrap Herr- bataillon sind heute früh 42 Mann zur MitbÜbung der neuen Telegraphenabteilung nach Südwestafrita ab­gereist. Auf dem Bahnhofe waren die Ossiziere der zusammen­gesetzten Kompanie, viele Angehörige und eine große Menschen­menge versammelt. Der Bataillonskommandeur brachte ein Hurra aus die Scheidenden aus. Die Musik spielte die Nationalhymne und Abschiedsliedec.

7. Sitzung der Großh. Handelskammer Gieße«, für die kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach.

Protokoll-Auszug.

Gießen, 15. Juli 1904.

Anwesend die Herren: Kommerzienrat Koch, Vorsitzender, Kommerzienrat Heichelheim, Jhring,Katz, Ramspeck, Röhr, Schirmer, Sch mall, Zurbuch, sowie der Syn­dikus Tr. Knipp er.

1. Aus dem Geschäftsbericht ist folgendes müzuteilen

a) Der KvNigl. Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. hat die Kammer u. a. folgende Anträge der Interessenten zur Be- rücksiclztigung im Winterfahrplau 19 04/05 über­mittelt :

Verbesser ung des Schnellzugsverkehrs auf der S.recke Berlin Cassel Gießen Coblenz- Trier Metz;

Beibehaltung der in diesem Sommer erfolgten Früherlegung des Schnellzuges 81 Gießen. Cöln Hagen (Gießen ab 8.22 vorm) im Wiuter- fahrplan;

Einlegung neuer Schnellzüge Gieße« Frankfurt a. M.;

Anschluß des Zuges 776 Cassel Fra nkfurt a. M.

(Gießen an 2.12 nachm? an den Zug 510 Gießen

Nidda (Gießen ab 2.09 nachm.):

Späterlegung des Zuges 501 Büdingen Gießen (Gießen an 7.20 vorm);

Anschluß des Zuges 528 FuldaGießen (Fulda ab 2.46 nachm. an den Schnellzug 83 HamburgBebra Frankfurt a. M.;

Verbesserung der Anschlüsse in Burg - und Nieder- geniünden zwischen mehreren Zügen der Strecke Gießen Fulda und der Ohmtalbahn;

Verbesserung der Anschlüsse in Mücke zwischen den Zügen der Strecke M ü cke L a u b a ch Hungen und den

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