Ausgabe 
19.3.1904 Fünftes Blatt
 
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Nr. 67

Samstag, 19. März 1904

154. Jahrg.

Erscheint tSgNch mit Ausnahme deS Sonntags.

DieGießener ZamUienblStter" werden betr ^Anzeiac otennc wöchentlich beigelegt. De wQe|ft|xz/. Land tu * erschein monatlich einmal

Gießener Anzeiger

Rotati onSdrmf unb Verlag her Brüh lachen UnwerMLtSbruckeret. St. Sangt, Gtetzen

Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr.7.

Tel. Nr. 6L Lelegr^Adr. i Anzeiger Giehat-

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eietzen.

ite roezahlimg tn Den Privat- ür deren Aufbefferung inS Zeug .. . ______ _____ , ar tunst tun. Doch btn ich nicht

Wüt, daß man den T'iel zur Belohnung besonderer Leistungen lyii'ur verwendet. Diese Belohnung ist durchaus notwendig, soll ein stiimuhis zu weiteren Fortschritten nicht fehlen.

Abg. Stockmann (Rp.) tritt dem Abg. Ledebour entgegen, unser Heer habe seine glorreichen Siege unter einem noch strengeren Strafgesetzbuch erfochten.

Abg. Gröber nimmt die Budgetkommission gegen die Vorwürfe des Abg. Mommsen in Schutz und empfiehlt nochmals seine Reso­lution.

Staatssekretär von Tirpitz bemerkt, es seien bezüglich des § 18 der Kriegsartikel keine neue Kabinettsordre und keine neuen In­formationen ergangen.

Abg. Ledebour entgegnet dem Abg. Stockmann, wenn er die Mangel unseres Militärstrafgesehbuches nicht anerkennen wolle, sei er blind mit sehenden Augen und taub mit hörenden Ohren. Der § 13 der Kricgsartikcl gebe zu fortgesetzten Konflikten Anlatz zwischen Offizieren und Mannschaften. Er bitte daher den Staats­sekretär nochmals um authentische Auskunft darüber, ob der Offi­zier zu der Waffe greifen dürfe, nur in dem Falle, wo die Dis­ziplin gefährdet sei.

Staatssekretär v. Tirpitz: WaS den ständigen Konflikt mibe- trifft, in dem sieb die Vorgesetzten und Untergebenen bezüglich deS Artikels 13 befinden sollen, so möchte ich konstatieren, daß mir per­sönlich und auch den anderen Admiralen, die ich gefragt habe, kein einziger derartiger Fall in der Marine bekannt ist, wo ein tat­sächlicher Konflikt entstanden wäre. Die Tatsache charakterisiert am besten die Bedeutung, die vom Herrn Vorredner dem Artikel bei- gtlegt wird. Was nun den Vorschlag anbelangt, daß wir den Vor­gesetzten eine generelle juristische Instruktion geben sollen, so ist daS unmöglich und wäre auch unrichtig. In jedem einzelnen Falle ist eine andere Situation, sodaß man keine generelle Auslegung geben kann. ES gibt Fälle, wo das Leben der Leute und die Existenz des Schiffes bei schwerem Wetter von striktem Gehorsam abhängt, da können natürlich solche Fälle eintreten. Dabei muß die ganze militärische ErziehuiH in Aktion treten und Nicht einzelne Para­graphen und Sätze, und darnach ist verfahren worden in unserer Marine.

Abg. Mommsen ffreif. Vgg.) hält gegenüber dem Abg. Gröber seinen Standprntk aufrecht.

Abg. Hue («äogj hält gegenüber den Ausführungen der Abgg. Tr. Beumer und Stötzel seine Darstellung der Kruppschen Ver­hältnisse voll aufrecht. Er erinnert des weiteren daran, daß der Abg. Stötzel seinerzeit nur mit Hilfe der Sozialdemokraten in den Reichstag gekommen ist, und meint, die Arbeiter seien vom Auftreten StötzelS im Reichstage sehr enttäuscht.

Tas Gehalt des Staatssekretärs wird bewilligt.

Die Resolution Gröber wird an eine besondere Kom­mission von 7 Mitgliedern erwiesen.

£>m KapitelGeldverpflegung der Marineteile" hat die Kom­mission gestrichen u. a. Die Besoldungen für 1 Admiral (3, statt 4 Admirales, für 1 Kontre-Admiral (11 statt 12), für 11 Ober­leutnants zur See (386 statt 397) und für 29 Leutnants zur See (346 statt 3751, dagegen hmzugefugt die Besoldungen für 1 Vize­admiral (6 statt 5) und für 65 Fähnriche zur See (433 statt 368).

Ein Antrag v. Kardorff (Rp.), v. Normann (kons.j, Graf O r i o l a (nat.-lib.) u. Gen. will in erster Linie Wieder­herstellung der Reg ter ungs Vorlage, eventuell die Bewilliaung von 4 Admiralen, 5 Vizeadmiralen, 11 Kontte- admiralen, 411 Oberleutnants zur See, 386 Leutnants zur See und 868 Fähnrichen zur See.

Staatssekretär v. Tirpitz macht darauf aufmerksam, daß ein großes Bedürfnis für die Vermehrung der Marine vor­handen fei. Die Marine ist viele Jahre deshalb nicht fortgekommen, weil eS an Offizieren fehlte. Auch Graf Taprivi hat zugegeben, daß eS an dem nötigen Ersatz fehle. In dem Flottengesetz konnte nicht zum Ausdruck gebracht werden, wie viele Offiziere wir brauchten. Wir müssen einen Ueberschutz an Offizieren haben, damit sie auS der Front heraus- genommen werden und zu anderen Zwecken, Vermessungs­arbeiten u. s. w. kommandiert werden können. Dieser lieber» schuß fehlt unS aber nicht nut, sondern eS fehlt sogar so an Offi- zieren, daß Posten, die von Stabsoffizieren besetzt sein sollen, von Kapitänleutnants miSgefüllt werden. Ich kann Sie daher nur dringend bitten, die Regierungsvorlage anzunehmen. Sollte daS hohe Haus dies nicht wollen, jo bietet der Antrag Kardorff-Oriola wenigstens einige Erleichterung.

Abg. Dr. Paasche (nat.-lib.) begründet den Antrag Kardorff- Oriola. Wenn der Staatssekretär seine Mitteikungen aus­führlich in der Kommission gemacht hätte, würde viel­leicht mancher ein freundlicheres Gesicht gemacht haben. Es sei tatsächlich ein solcher Mangel an Offizieren, daß man nur dw größte Hochachtung vor den Offizieren haben könnte und sich wundern wüßte, daß die Offiziere alles bewältigen könnten. Davon, daß mit der Vermehrung der Offiziere einer Flottenvermehrung vorgearbeitet werde, sei keine Rede. Es handle sich nur um etwa 26 000 Mk.; diese geringe Summe sollte der Reichstag doch nickt verweigern.

Abg. Frhr. von Richthofcn (lonf.) tritt für die RegienmgS» borlage ein. Der Offiziermangel fei groß, sodaß selbst wenn alles bewilligt werde, noch 70 Vakanzen seien.

Abg. Müller-Fulda (Zentr., fast unverständlich) führt au8, datz daS Programm des Flottengesetzes eingehalten sei, ja eS seien noch mehr Oifiziere bewilligt worden. Man könne also dem Reichstag keinen Vorwurf machen. Anstatt 60 Offiziere mehr jährlich seien 75 bewilligt, nun aber verlange die Regierung auf einmal -^0 m^hr. In dem Etat selbst sei für diese große Mehrforderung nur eine sehr schwache Begründung ange­geben. Das Zenttum werde daS bewilligen, waS das Flotten­gesetz fordere, aber nicht mehr. ES müßte sonst daS dringende Bedürfnis nachgewiesen werden, daS sei hier aber nicht geschehen.

Staatssekretär von Tirpitz: Wenn der Vorredner die Be­gründung für unsere Forderung mangelhaft findet, so will ich ihm bemerken, daß auf eben dieselbe Begründung hin die Mehr- bewllligungen in den vorigen Jahren erfolgt sind.

Abg. Graf Oriola (natl.): Die Regierung hat sich auf eine bestimmte Anzahl von Offizieren nicht fefigelegk DaS will ich nur feststellen. Die Regierung ist ihrem Programm treu geblieben. 2Bu haben keinen Anlaß, ihr einen Vorwurf zu machen.

Die Abgg. Ledebour (Soz.) und Müller (Zentt.) machen noch einige Bemerkungen, worauf die A b st i m m u n g er­folgt. In derselben wird zunächst die Regierungsforde­rung abgelehnt. Dasselbe Schicksal teilt der Dnttag Kardorff-Oriola, sodaß e5 bei der Fassung der Korn» Mission bleibt.

DaS Kapitel wird bewilligt.

Hierauf vertagt daS Haus die weitere Beratung aus Sonnabend 11 Uhr. Vorher schleuniger Anttag auf Auf­hebung eines SttafverfahrenS gegen den Abg. Jessen (Däne), dritte Beratung deS Etats-Notgesetzes und «weite Be­ratung des NachtragSetatS für Südwestafrika.

Schluß 7N. Uhr.

reichen.

Staatssekretär v. Tirpitz: Die Marineverwaltung hat grund­sätzlich, so lange ich Staatssekretär bin, an dem Prinzip festge- Sailtcn, nur das tatsächlich Notwendige in den Etat einzustellen, llrrb daran wird sie auch festhalten. Was Wilhelmshaven betrifft, nvjufj es sich noch gedulden, bis die notwendigen Hafenarbeiten fertig firrb. Dann wird es schon an die Reihe kommen. In Bezug auf biet Gehälter der technischen Beamten stimme ich Herrn Mommsen u.t, zumal im Hinblick auf die opulente Bezahlung in den Privat­betrieben. Ich habe mich ,JC £ v <*--«* -

«Hegt und werde bie8 am

Die vom Abg. Gröber angekündigte Resolution ist inzwischen eingelaufen.

Abg. HuS (Soz) fragt den Staatssekretär, ob die Herabsetzung der Preise für Eisen- und Stahlfabrikate auch in den Marine­lieferungen zum Ausdruck komme. Ferner lentt er die Aufmerk­samkeit des Hauses und deS Staatssekretärs auf die Verhältnisse der Firma Krupp, die eine Monopolstellung für gewisse Liefe­rungen einnehme. Sie zahle aber an ihre Arbeiter niedrigere Turchschnittslöhne, als die Marinewerkstätten. Soll bas Reich einer Firma Millionen zu verdienen geben, die ihre Arbeiter nicht genügend entlohne? Bei der Firma Krupp hat sich zwischen der Verwaltung und der Arbeiterschaft eine immer größere Kluft aufgetan. Mit dem altenguten" Verhältnis ist es längst vorbei. Die alten, tüchtigen Arbeiter, die den Ruhm der Firma Krupp mit aufgerichtet haben, müssen sich jetzt von jungen, kaum der Schule entwachsenen Herren kommandieren lassen. Man hat wahre Potemkinsche Dörfer aufgebaut, um die Firma Krupp als die Wohlfahrtsfirma par excellence hinzustellen.

Jederzeit kann man konstatieren, welch eine Menge schwerer Unfälle bei Krupp vorkommt. Die Krankenziffer bei Krupp ist eine unglaubliche. Wo solche Ziffern vorkommen, da ist zweifellos sehr vieles faul im Staate Dänemark. Sehen Sie sich die hageren Ge­stalten dort an, wie auSgemergclt sie dastehen, mit zitternden Knochen, wie sie zwölf bis fünfzehn Stunden in der Gluthitze ar­beiten muffen I Sogar am Sonntag müssen die Aermsten häufig arbeiten, nichts haben sie, keine freie Minute! Die Marinever­waltung muß eS sich ernstlich überlegen, ob sie diese Firma nach wie vor mit ihren Lieferungen betraut! Herr Tr. Beumer hat kürzlich, am 29. Januar, hier behauptet, im rheinisch-westfälischen Bezirk würde die Sonntagsarbeit doppelt bezahlt. Das ist aber einfach nicht der Fall. Wollten die Arbeiter unter Berufung auf Herrn Beumer am Sonntag doppelten Lohn verlangen, sie erregten nur Heiter­keit! In einer Fabrik haben die Arbeiter dies tatsächlich getan. Da wurde ihnen der Bescheid:Kerls, macht Euch doch nicht lächer­lich! Wenn Ihr doppelte Sonntagsschichten haben wollt, so geht doch zu Herrn Beumer!" (Heiterkeit.) Mit den vielgerühmlen sozialen Einrichtungen in der Firma Krupp ist es gleichfalls sehr übel bestellt. Die Stadt Essen hat ihre Kommunallasten erhöhen müssen, um den ständig steigenden Ansprüchen des Armenetats ge­nügen zu können. Und die sozialen Verhältnisse Essens sind doch im wesentlichen abhängig von Krupp. Ich wiederhole: die Krupp­schen Löhne sind nicht hoch. Viele Berliner Elektrizitäts- und an­dere Firmen zahlen viel höhere Löhne. Und von den «Wohlfahrts­einrichtungen" sollte man doch wahrhaftig nicht so viel Aufhebens machen! Die Firma Krupp sollte wahrhaftig nicht immer wieder und wieder mit ihrenWohlfahrtseinrichtungen" großtun! Dazu liegt wahrhaftig kein Anlaß vor. Wir sollten hier im Reichstag die Verhältnisse der Firma Krupp etwas unter die Lupe nehmen! Wir haben dazu ein Recht, denn nur dem Reich verdankt die Firma ihre Stellung! (Beifall bei den Sozialdemokraten.)

Abg. Dr. Stockmann (Rp.): Die Resolution Gröber tritt so überraschend an uns heran, daß tmr, die wir die Bestimmungen des Militärsttafgesetzbuches nicht auswendig können, unmöglich einer so weittragenden Resolution beistimmen können.

Abg. Dr. Benmer (nat.-lib.) nimmt die Firma Krupp in Schutz. Die Arbeitslöhne richten sich nach der Konfiinktur. Die Preise der von Krupp produzierten Waren sind gefallen, also müssen es die Lohne auch. WaS die Preise für die Marine betrifft, so zahlt das Deutsche Reich von allen Flotten die niedrigsten Panzerplatten­preise, wenn man die Quantität, Qualität und die Konstruktion in Betracht zieht. Tie amerikanischen Firmen haben sich zu einer Er­mäßigung erst entschlossen, als sie 87 000 To., sage und schreibe 37 000 To. auf einmal in Auftrag bekamen. Solche Aufttäge hat Krupp nie auf einmal bekommen. Dabei sind die deutschen Panzer­platten in der Konstruktion bedeutend komplizierter, als die ameri­kanischen. Unsere Marineverwaltung stellt an die Kruppschen Platten eben enorme Anforderungen. Die Marine würde pro Tonne in Amerika rund 416 Mark teurer zahlen, als sie bei Krupp bezahlt.

Auf die Kruppschen Wohlfahrtseinrichtungen gehe ich nicht ein, weil sie nicht im Zusammenhang stehen mit dem Marineetat. Nur muß ich entschieden in Abrede stellen, daß der Geist in der Krupp­schen Verwaltung ein anderer geworden ist. Zugenommen hat nur die Hetzerei unter den Arbeitern, hauptsächlich in dem traurigen Jahr, da der alte Besitzer starb. Der Zudrang tüchtiger Arbeiter zu Krupp ist ein enorm großer. Dadurch werden die Angaben des Abg. Hue am besten widerlegt. Herr Hue hat von hageren Ge- stälten gesprochen. Ich habe diese in Esten nicht bemerkt. Im Gegenteil: die Kruppschen Arbeiter sehen alle sehr gut genährt aus. Was die Sonntagsarbeit betrifft, so war mir die Tatsache der dop­pelten Bezahlung der Sonntags-Reparaturarbeiten noch in Erinne­rung seit der Zett, da die Sonntagsruhe eingeführt wurde. Damals befürchtete man, man würde am Sonntag keine Arbeiter finden. Mittlerweile ist aber der Andrang ein so großer, daß es dieser dop­pelten Bezahlung nicht bedarf (Lachen bei den Sozialdemokraten. Zuruf: Na also!) Ich weiß, daß die Arbeiter bei Krupp sehr zu­frieden sind. (Gelachter bet den Sozialdemokraten.)

Abg. v. Normann skons.) erklärt, feine Fraktion fei für alle Zeiten außer stände, der Resolution Gröber zuzustimmen, da diese die Disziplin gefährde. *

Abg. Tr. Paasche (natlj gesteht offen, daß die DuSsührungen Gräbers, ihm sehr sympathisch gewesen seien. Der Tendenz der­selben stimme er zu, ohne zu befürchten, daß dadurch die Diszi­plin gefährdet werde. Es fei durchaus berechtigt, hier eine Reform zu suchen, um allzu große Härten auS dem Militärstrafgesetzbuch zu entfernen. Er würde gern den von Herrn Gröber gezeichneten Weg beschreiten; der Wortlmtt der Resolution mache ihn aber stutzig. Er könne daher, so sehr er auch mit dem Grundgedanken derselben übereinstimme, doch ihr nicht zustimmen.

Die besagte Resolution, die inzwischen im Druck vorliegt, hat nämlich folgenden Wortlaut:

Der Reichstag wolle beschließen: die verbündeten Regierun­gen um Vorlegung eines Gesetzentwurfs zu ersuchen, welcher das heutige Mißverhältnis der Bestimmungen des Militär- strasgesetzbuches über Verfehlungen der Untergebenen gegen Vorgesetzte im Vergleich zu besten Bestimmungen über Verfehlungen der Vorgesetzten gegen Unteraebene beseitigt."

Abg. Ledebour (Soz.) tritt für die Resolution ein. Das gegenwärtige Militärsttafgesetzbuch erzeuge bei den Mannschaften daS Gefühl der Rechtslosigkeit. Eine authentische Jliterpretation deö Artikels 18 der Kriegsartikel (Notwehr) fehle noch immer.

Staatssekretär von Tirpitz erwidert, die KriegSarttkel feien nur eine Abschrift dcS Militärsttafgesetzbuches. Eine Auslegung derselben sei daher Sache dcS Reichsmilitärgerichts, er könne eine Interpretation nicht geben.

Abg. Stötzel (Ztr.) polemisiert als Vertreter (Bffen« gegen den Abg. HuL.

Abg. Richter (fteff. Dp.) bittet, die Resolution an eine Kom­mission von 7 Mitgliedern zu überweisen, um einen befferen Wort­laut festzustellen.

Parlamentarische rierhanvlnnqen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutlcher Reichstag.

61. Sitzung vom 18. März.

1 Uhr. Das Haus ist mäßig beseht.

Am BundeSratstisch: o. Tirpitz, Frhr. v. Stengel u. a.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die erste Beratung des Etats-Notgesetzes (sowohl für den Neichshaushalt, wie für die Kolonien), das bekanntlich zwei provisorische Zwölftel für Die Monate April und Mai verlangt.

Schatzsekrelär Frhr. v. Stengel: Der vorliegende Gesetzentwurf hat bereits Vorgänger gehabt in den Jahren 1877 und 1878. Damals war der Tatbestand ganz der gleiche. Nur hatten wir damals noch keine Schutzgebiete, weshalb sich auch ein EtcttS-Not- gefetz für die Schutzgebiete erübrigte. Ferner unterscheidet sich dies ^Gesetz von dem 78er dadurch, daß auch die Punkte betr. die Vete­ranenbeihilfe hier Aufnahme gefunden haben. Ich glaube, daß in Idieser Beziehung die Empfindungen der Regierung ganz mit denen ! dieses hohen Hauses übereinstimmen. Jeder wird das Gefühl lhaben, daß wir unter der Verzögerung unsere Kriegsinvaliden nicht Heiden lassen dürfen.

Im übrigen bitte ich Sie recht herzlich, sobald als möglich den 6(Etat fertigstellen zu wollen. Kommen hierbei doch auch wesentliche Interessen persönlicher Natur irt Frage. Denken Sie beispielsweise atm die armen Landbriefträger! Dte warten mit Schmerzen auf ichre sehnlichst erwartete Gehaltsaufbesserung. Ebenso warten ttausende von Beamten darauf, daß sie endlich in die höheren ^Stellen aufrüden. Ich denke, bei einigem guten Willen können Sie Sen Etat sehr gut Ende April (skeptisches Lächeln im Hause) oder lnfang Mai fertigstellen. Und dann noch eins: In dem Notgesetz (konnte eine Reihe von einmaligen Ausgaben nicht vorgesehen werden, rtoid-tige Ausgaben für Bauten und ähnliche Zwecke. Bei den be­treffenden Verträgen sind aber die Gegenkontrahenten nur gebunden öis zum Anfang des Etatsjahres. Sie können jetzt zurücktteten mter höhere Forderungen stellen. ES heißt also jetzt für Sie: .ideant consules, ne quid detrimenti capiat res publica! (Leb­fiafter Beifall.)

Hiermit schließt die erste Beratung. In der. gleich darauf fol­genden zweiten Beratung wird der Entwurf unverändert an » genommen.

Es folgt die Fortsetzung der zweiten Beratung desMarine - E t a t 5 beim TitelStaatssekretär".

Abg. Gröber (Zentt.): Ter Fall Hüssener nötigt auch mich zu einigen Bemerkungen. Der Unterschied zwischen dem ersten und »wetten Urteil ist doch befremdend. Das erste Gericht verurteilte nüffener zu vier Jahren Gefängnis, das zweite erkannte nur auf nine custodia honesta, auf zwei Jahre Festung. DaS ist doch ein grauenhafter Kontrast! Ich meine daher, wir müßten die Re» c lerung auffordern, dieses Mißverhältnis zu beseitigen. Ich habe pfion eine entsprechende Resolution formuliert und werde sie ein« hangen, wenn ich die nötige Unterstützung finde.

Staatssekretär v. Tirpitz: Der angelünbigten Resolution gegenüber bin ich nicht zuständig, dieselbe fallt in das Ressort beS ^liistizamts. Zum Fall Hüssener erinnere ich nochmals an den ? enor des Urteils. Alle Instanzen stimmen darin überein, daß Hie Waffe in gesetzwidriger Weise gebraucht wurde. Das Kriegs- wricht hat jedoch angenommen, daß eine Bedrohung und Gehor­samsverweigerung vorhergegangen ist. Ich war nicht bei der Ge- r ttsfibung zugegen und kann mich über boS Urteil nicht äußern, t'^ das Waffenttagen anbelangt, so sollte man doch auS einem e nzelnen Fall keine Schlüsse zieyen. Man kann doch erwachsenen jungen Männern nicht verbieten, Waffen zu tragen, in einem 5!ande, in dem jeder Waffen tragen darf.

Abg. Mommien ffreif. 93g.): Meine Freunde werden der Reso- Itufion Grober zustimmen. Ich will den Fall Hüssener nicht gene- r ilifieren, ober eS ist doch unsere Pflicht, dafür zu sorgen, daß solche Fälle nicht mehr Vorkommen. Um die Frage des Waffen- t-ngenS ist der Staatssekretär herumgegangen. Herr Grober tjat riiefjt ein Verbot beS Wafsenttagens verlangt, sondern nur eine weniger gefährliche Waffe als den Dolch verlangt. Und hierin stimme ich ihm bei. Tie Kommission hat mich an dem Marine- C tat Abstriche gemacht. Gewiß müssen wir sparsam fein, aber ich bin im Zweifel, ob die Sparsamkeit hier angebracht ist. Ich weiß wicht, ob diese Art Ersparnisse sich überhaupt rechtfertigen läßt. Die kann man eS hier beurteilen, ob in dieser ober jener Verwal­tung ein Beamter mehr notwendig ist? Damit begibt sich die T'udgetkommission auf ein Gebiet, das die Verantwortung für die Führung der Reichsgeschäfte auf eine falsche Stelle schiebt. Man fann wohl generell einmal dem immer steigenden Apparat ein Halt zurufen. Aber so im einzelnen Personalabstriche vornehmen, dcis beweist nur, daß wir die Regierung zwingen, einen falschen IF'eg einzuschlagen: sie sieht sich vielleicht veranlaßt, mehr einzu- itrfien, als sie braucht, beamt nach ben erwarteten Abstrichen immer noch genügenb übrig bleibt. Unb so fahren wir in Zukunft eher schlechter als besser mit biefer ,.Sparsamkeits"politik.

Interessant ist bic Frage beS staatlichen WerftbettiebeS. Es heißt, er soll um 50 Proz. teurer als der private fein. Nun muß Zweifellos der Staatsbetrieb immer teurer fein alS der private, illuch bat der Staat Pflichten zu erfüllen, denen der Private nicht irochkommt: z. B. kann er bei Arbeiterentlastungen nicht so leicht­herzig vorgehen. Ich hätte hierbei noch den Wunsch, daß bei not» rtmbtgen Entlastungen nicht die jüngeren behalten werden wenn ite auch leistungsfähiger sind sondern gerade die älteren. Ferner ritte ich dringend um Gehaltsaufbesserung für die technischen Be- "-if.-n, die im Verhältnis zu den VerwaltimaSbeamten viel zu idtfedjt bezahlt find. Könnte man diese Aufbesserung nicht aus btm bis jetzt unbeanstandeten Titel45 000 SRI. zu Vergünstt- pirnaen für außerordentliche Leistungen auf dem Gebiet des Sbiffs- und Werftbaus" bestreiten?

Die Abstriche, die die Kommission an dem Schiffsbau borge» ficmimen hat, halte ich für ganz unbillig, verfehlt, unberechtigt, un­zweckmäßig und unangebracht. Sie (zum Ztr.) haben die Schiffe ja doch selbst bewilligt Unb wenn Sie jetzt Abstriche machen, so be­te ittet daS nur eine Verlangsamung beS Tempos. Daburch machen -iie nur Arbeiter entlassungen notwendig, ohne sonst etwas zu er-