Ausgabe 
18.1.1904 Erstes Blatt
 
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Erne im preuß. Herren h au se eingebrachte Inter­pellation fragt an, ob der Staatsregierung bekannt ist, daß die Landbank große Rittergüter zwecks Zer­schlagung ankauft. Dem preuß. Abgeordneten­hause ist ein Gesetzentwurf betreffend die Kosten zur Prüf- ung und Neberwachung von elektrischen Anlagen, Dampf- fassern, Aufzügen und anderen gefährlichen Einrichtungen zugegangen. Ferner erhielt das Abgeordnetenhaus einen Gesetzentwurf betreffend dre Verpflichtung zum Be­suche ländlicher Fortbildungsschulen in der Provinz Hessen-Nassau.

Ter jüdischen Le hrerbildungsanstalt in Berlin ist vom Reichskanzler die sonst lediglich den staat­lichen Schullehrerseminaren zustehende Befugnis einge­räumt worden, Zeugnisse über die wissensckMftliche Be­fähigung für den einjährig-freiwilligen Militärdienst auszustellen.

Dresden, 16. Ian. Eine vom Ortsverein der Ge­sellschaft für soziale Reform einberufene, stark be­suchte Versammlung beschloß auf Antrag des Geheimrats Döhmert, die sächsisch? Regierung zu ersuchen, beim Bundes­rat die schleunige Einführung der zehnstündigen Ar­beitszeit für Fabrikarbeiterinnen zu bean­tragen und zirr raschen Schlichtung des Streits in Crimmitschau eine Untersuchunaskommission ein, izusetzen, welche die Ursachen des Streits feststellen und untersuchen soll, was das Eingreifen des Gewerbegerichts ^verhinderte, und ElniMinasvm-kfbsä'-'e machen soll.

Kirche nnb Schule.

Herr Isidor Schneider, katholischer Pfarrer in dem lothringischen Städtchen Sierck, wurde kürzlich von dem dortigen Schöffengericht zu 20 Mark Geldstrafe verurteilt, weil er die liberale ,Lothr. Bur- gerztg." saus gone eineSchweinszeitung" genannt hatte, überhaupt scheint dieser Pfarrer ein sehr streitbarer Gottesmaün und jedenfalls eine recht originelle Persön­lichkeit zu sein. Im Nebenberufe ist er als Weinhändler, Geschäftsmann, Industrieller, Versicherunasdirektor, Bau­meister ujw. tätig. Seine rastlose Tätiakeit kennt keine Grenzen. Es ist kein seltenes Bild, ihn Steine schlagen, Kalk und Mörtel mischen zu sehen. Er verladet Fässer, kutschiert eigenhändig Lastwagen usw. Häufig sieht man ihn barhäuptig hoch zu Roß in fliegender Soutane über Land reiten, ferne mannigfachen Geschäfte zu versehen. Eberriv wie im Leben, tritt Pfarrer Schneider auf der Kanzel auf. Einmal nahm er Bezug auf das Evangelium vom verlorenen Schaf und sagte weiter: Wenn Ar nicht wißt, was Sozia ld emo kr a t en sind, so will ich es Euch sagen. Erstens: Tie wollen keine 'Polizei, keine Regierung und fernen Kaiser, in zwanzig tJahren sind sie Meister in Deutschland; ich bin froh, daß ich dann nicht mehr lebe, denn da kriegt mancher den ;Kopf ab geh au en. Zweitens kennen die Sozialisten ferne Religion und fernen Gott. Toittens: Familie ^wollen sie auch keine, paßt dem Manne die Frau nicht, fo jagt er sie einfach in die Welt hinein. Für die Kinder wird eine Anstalt gebaut, und dort werden dieselben zu- lsammengepsercht wie eine Herde Schafe, und keinem steht Imehr das Recht zu, zu sagen: das ist mein Kind. Tie -Sozialisten wollen geteilt haben, weil sie sämtlich voller Schulden sind, Faulerer und Verschwenver, damit sie ihre Schulden los würden. Nickel, du mußt dein Schwein her­ausgeben, du, Matz, mußt dein Rind bringen, und du, Mees, mußt dein Pferd geben. Tie Sozialisten leben gerade wie die Wildschweine, sie laufen diesem ms Kartoffelstück, jenem ins Kornstück, dem andern ins !Haserstück, dem vierten ins Weizenstück und fressen sich iuneingeschränkt durch alles. Sie sind weiter herunterge- [tonrmen als das unvernünftige Vieh." Wenn Pfarrer ^Isidor Schneider auch besser täte, auf der Kanzel von Mmmel, Fegfeuer und Hölle zu erzählen, statt von den sSozialdemokraten, so muß man ihm doch das lassen, !daß er Sinn für einen eigenartigen Humor hat.

Ausland.

Christiania, 17. Ian. Tas Odelsthing hat mit allen gegen 3 Stimmen eine Gesetzesvorlage angenommen, wonach Frauen unter denselben Bedingungen wie Männer die Befugnis erhalten können, als Rechtsan­wälte bei allen Gerichtshöfen, selbst bei dem höchsten Gericht, zu praktizieren.

London, 17. Jan. Ein amtliches Telegramm berichtet, daß die Engländer im Kampfe mit den Leuten des Mullah 250 Gefangene machten, und 360 Gewehre erbeuteten. Es sino 680 Leichen von Ter- wischen in der Nähe der Stellung von T^id Dalli entdeckt woroen. Tie Zahl der Toten auf Seiten des Mullah wird auf 1200 geschätzt. Aussagen von Gefangenen und Fahnenflüchtiger zufolge beläuft sich die Zahl der Ter- wische auf 6000. Ter Führer derselben konnte entfliehen. Ter Mullah befindet sich in der Umgebung des Kampf­platzes mit bedeutenden Streitkräften.

Paris, 17. Ian. Gestern abend fand unter dem Vorsitz des ehemaligen Deputierten Keller, eirw Protest­versammlung gegen die Ausweisung des deutschen Reichstagsabg. Pfarrers Telsor statt. Strenge Maß­regeln zur Aufrechterhaltung der Orbmmg waren getroffen, die Versammlung verlief jedoch ruhig. Es wurde eine Tagesordnung angenommen, in der btc antiklerikale Po­litik ber Negierung mißbilligt wirb nnb die Gsaß-Loth- ringer gebeten werben, an Frankreich nicht zu zweifeln. Ten Blättern zufolge bcfinbet sich gegenwärtig ein Prä­fekturbeamter aus bem Departement Mosel in Straßburg, um bort Nachforschungen über die Persönlichkeit T e l s v r s anzustellen.

Petersburg, 16. Ian. Ter erste große HofbaN, ber am 25. Januar im Winterpala-'s stattfinden sollte, ist heute infolge Erkrankung der Kaiserin Alexandraan Pleuritis zunächst auf den 2. Februar verschoben worden.

Avßland urd Japan.

Nach einer Tepesche aus Paris erwartet man in dieser Woche ein Nundschre bm des Grasen Lamsdorff an die russischen Vertreter im Auslande, welches die Bedingungen enthalten soll, unter denen Rußland im Einvernehmen mit China einen Teil der Mandschurei den in Ostasien rnter- effierien Nationen er f-neu w ll Weiter wird euS L ndrm gemeldet, die Zeit bis znm tzpintresftn der russischen Ant­wort in Tokio, wird nach Depeschen, die, von dort ein- «eaanaen sind, zu emsige» LriegSvorbereitungen benutzt.

In Soeul stehen derDaily Mail" »ufvLge 3000, in ?mz Korea 30 000 Mann für den Kriegsfall bereit. Russische ruppen schicken sich nach einem englischen Konsulnrbericht an, die Bahnlinie Niutschwang Sch-anhaikwan zu besetzen. Die PetersburgerNow-Wrcm." berichtet aus Kronstädter Marmelreiieu. öccu hütete unb J.^euieure melden sich

freiwillig zur Abreise nach Ostasien. Aus London wird noch berichtet, unter den englischen Friedensfreunden und Parlamentsmitaliedern werden gegenwärtig Unterschriften gesammelt für Telegramme an den Zaren und den Mikado, die russisch-iapanischen (Streitfragen dem Haager Tribunal zu unterbreiten.

Statthalter Alexejew sagte den japanischen Einwoh­nern von Port Arthur auf Ersuchen im Falle des Aus­bruches des Krieges vollkommenen Schutz zu. Die japanische Regierung rechnet nicht darauf, die Antwort Rußlands vor einer Woche zu erhalten, indessen ist sie vollständig für den Krieg gerüstet, den sie mit Ruhe erwartet. Ganz Japan ist patriotisch geeinigt. Tas Volk, obwohl geneigt, einen ehrenvollen Frieden anzu­nehmen, ist entschlossen, eher zu kämpfen, als seine im absoluten Vertrauen auf die Armee und die Marine ein* genommene Smltunq anfzugeben.

A«s Stadt und Land.

Gießen, 18. Januar 1904.

Empfänge. S. K. H. der Großherzog empfingen am 16. Januar den ProfesiorDr. Buchhold von Gießen, den RechnungSrat Brücher, den Zahnarzt Koch von Gießen, den LandgerichtSbirektor Dr. Meisel, den Lehrer Alb ach von der Realschule G ie ß en, den Lehrer Schneid er von der Taubstummenanstalt Friedaerg, den Rentner Stein- häußer von Friedberg, den Lehrer Rumpf von der Real- chule Butzbach, den Pfarrer Heinebach von Groß- Linden, den Rendant Kreutzer von Schotten und den Pfarrer Kehr von Romrod.

Ein Geschenk des Zaren. Wie verlautet, hat der Zar denjenigen Eisenbahnbeamten der heffisch- preußischen Eisenbahngemeinschaft, welche den kaiserlich russischen Sonderzug zwischen Darmstadt und der rustischen Grenze ge­leiteten, den Betrag von 3000 Mk. zur Verteilung über­weisen lasten.

* Erledigte Stelle. Im Geschäftsbereich deS Großh. Ministeriums der Justiz ist die Stelle eines Oekonomen am Landeszuchthaus Marienschloß erledigt. Zur Be­werbung berechtigt insbesondere auch die bestandene Gerichts­chreiberprüfung.

- Fräulein Irene Triesch hat sich in hochherziger Weise bereit erklärt, zur Förderung unseres Theater-ReubaueS einen ihrer berühmten Rezitationsabenden zu veran- talten. Sie wird am Mittwoch den 27. dss. Mts., 7 Uhr, in der großen Aula der Universität zunächst Stellen aus dem alten Testament wie sie schon in einer Reihe großer Städte, z. B. Berlin, Hamburg, Köln, mit außerordentlichem Erfolge getan hat sodann einige Ge - dichte vortragen. Wir freuen unS, unseren Lesern diese erfteuliche Mitteilung machen zu können und geben der Hoff­nung Ausdruck, daß die Aussicht, die berühmte Darstellerin auch als Rezitatorin kennen zu lernen, und der gute Zweck ihrer Veranstaltung den Saal bis auf den letzten Platz füllen möge. Die Preise der Plätze sind auf 3 Mk. und 2 Mk. estgesetzt.

* Au8 bem Bureau des Stadtiheaterd. Auf vierseitigen Wunsch ist für die morgige Tienstag-Abonne- mentsvorsteNung Fulda? liebenswürdiges LustspielTie wilbe Jagd", baS Freitag überaus fteundlich aufgenom- men wurde, angesetzt warben. Zu bem am 21. Januar tattfinbenben einmaligen Gastspiel ber Gustav Linbemann- Taurnee wird geschrieben: Direktor Gustav Sinbemann wird uns mit einem neu entdeckten nordischen Dramatiker bekannt machen. Johann Bo j e r heißt dieser neue Dichter, auf den ganz Skandinavien mit Stolz blickt. Das neueste Werk dieses vielversprechenden Poeten, das Schauspiel Theodors hat Lindemann für ganz Deutschland er* worben, rat mit einer auserlesenen Künstlerschar zur Aufführung zu bringen. Lindemann hat ein Ensemble von ettener Vollendung bereinigt Die besten Namen deutscher Bühnenkünstlerinnen und Künstler sind vertreten. Wir nennen nur Luise Dumont vom Deutschen Theater in Berlin, Emil Wittig, Asta Hiller vom Neuen Theater in Berlin, Clara Selka vom Schauspielhaus in Frank- irrt a. M., Tr. Albert Fisher vom Züricher Stadttheater, einen Darsteller, ber zu ben alkergrößten Hoffnungen be­rechtigt, Theodor Kigler ixm München, und andere erst­klassige Kräfte. Einen Hauptvvrzug des Lindemann- Ensemble, bildet wohl auch nicht zuletzt ber Umstcmb, daß auch die weniger hervortret en ben Nollen, von durchaus ersten, bewährten Künstlern bargestellt werben. Ms Re­gisseur für bies neue norbische Drama, ist Herr Richard Vallentin vomNeuen" unbKleinen" Theater in Berlin gewonnen, ein äußerst feinsinniger StimmungS- Mnstler, ber bereits bie herrlichsten Proben seines Ta­lents gezeigt hat. Unferm kunstsinnigen Publikum wird also ein selten eigenartiger Genuß bevorstehen, so baß man biesem neuen Gastspiel ber Linbemannffchen Tournee mit großer Spannung entgegensehen barf.

* Das Stadttheater spielte gestern, Sonntagabend, die erste Poffe der Saison. Die Menge der in diesem Tagen veranstalteten Unterhaltungen hatte zur Folge, daß das Theater weniger gut besucht war, als an sonstigen Sonn­tagen.Kyritz-Pyritz", die alte Poffe von Wilken und JustinuS erwies die auftretenden Personen so tatkräftig und von so mancherlei Verwicklungen umbrängt, daß man beim Ansehen der vielen, kunterbunten Ereigniffe beinahe nach Luft schnappen mußte. Die komischen Kostümierungen und Auftritte hatten viel Heiterkeitserfolg. Die Kyritzer Männer und Frauen waren gewitzigte Leute und wußten sich schließlich trotz verkehrter Verhältnisse aus der Klemme zu helfen. Der Bäckermeister mit seinem »Elementartroher", der »August seines häuslichen Zirkus", feine besonnene, leicht gekränkte aber schnell beschwichtigte Frau U(riefe sind Musterexemplare, für die Herr Conradi und Fischer die richtigen Farben sanden. Die Pyritzer standen nicht zurück. Die Musik der Poffe wurde von unserer Militärkapelle flott gesvielt, die auch die Gesänge, besonders deS Sekundaners Thülecke, dem da? stimmbegabte Frl. Lembach eine gute Erscheinung verlieh, ausreichend taktvoll begleitete. Die Beleuchtungsanlage be8 Saales funktionierte nicht so orompt, wie es wünschenswert gewesen wäre.

* Ter L»fomotiv"Beamten-Verein Gießen ,eierte a*n Samstagabend im Casß Leib fein ft. Stift- « ngsfest. Nach ben .Klängen des Barussia-MarjcheS wurde ein Prolog, welcher in Prosa die Berufsfreuden» mb -Leiben behandelte, von Frl. Dotzenrobt gut unb verständnisvoll vor-jetragen. Hieraus hielt ber Vereins- oorsltzende, Lrfomotivführer H. Totzenbvbt eine Fr st­rebe. Von echt pcckrü-tzjMm i^cijre n>aren die Worte burch-

weht, womit er bes Kaisers unb bes Grotzherzogs gevacyte, wonachHeil Dir im Siegerkranz" stehenb gesungen würbe. Tas abwechslunsSreiche Programm brachte unter verschie- benen Stücken bas LustspielDie beiben Freier, ober ber blasierte Vetter". Es würbe von ben Darstellern flott unb gut gespielt unb erntete reichen Beifal; ebenso bie Vor­träge zweier kleinen Mäbchen:Vollbamps voraus" unb bes Vaters Heimkehr", sowie bie Eculplets des Herrn Straub. Schallenbe Heiterkeit erregte ein Zwischenfall während des Theaterstückes: auf offener Bühne erschien plötzlich ein kleines Hündchen, betrachtete sich staunend das lachende Publikum und verließ stumm, mic er gekommen, wieder bie Bühne. Ein Ausflug nur ben Felsenkeller vereinigte SonntaaS noch Hnrrn s{ ^e^teflnelnner.

Der GießenerSchützenverein hatte am Sams­tag im Reuen Saalbau seine Mitglieber unb eine große Anzahl Gäste zu einem Winterfeste geladen. Aus dem äußerst reichhaltigen Programm von musikalischen Darbietcmgen, humoristischen Vorträgen usw. seien vor allem erwähntEin Mann der Politik^ und »From Amerika", zwei humoristische Vorträge, von denen der zuletzt genannte den lebhaftesten Beifall fand. Durch Solos und Couplets war außerdem reichlich für Abwechslung gesorgt; alle Nummern waren aus­nahmslos gelungen und wurden jedeLmal mit starkem App­laus belohnt. So sah man sich nicht nur durch die Mit­glieder des Vereins von längst bekannter Originalität unter­halten, sondern der Vorstand hatte ailch durch Gewinnung von Künstlern und auswärtigen Kräften die Wirkung bes Abends zu erhöhen gesucht. Gegen 11 Uhr fand mit einem Galopp von Strauß dieser erste Teil de§ Festes seinen. Ab­schluß und Jung und Alt bereitete sich in einer längeren Pause auf den kommenden Tanz vor. Juwelier Brück nahm Gelegenheit, dem langjährigen Mitglied unb Begründer deS Schützenvereins, Herrn Müller, im Namen be§ Vorstandes ein Diplom zu überreichen, im Anschluß an seine vor wenigen Tagen erfolgte Ernennung zum Ehrenmitglied des Vereins.

* Im gestrigen Vortragabend des evange­lischen Arbeitervereins sprach Dr. Heuser über Deutsch - Sübwest - Afrika. Unter Verwendung einer großen Landkarte machte der Vortragende mit dem Land, seinen Bewohnern, Handel- und Verkehrsverhältniffen bekannt. Schon vor 30 Jahren, also lange vor der deutschen Besitz­ergreifung, ist ein Kulturfaktor, die rheinische Missionsgesell- schaft dort in erfolgreiche Arbeit eingetreten. Die deutsche Negierung hat namentlich durch Anlage des Landungsplatzes Swakopmund durch Erbauung der Eisenbahn von hier aus Windhoek die weitere Entwickellmg deS Landes eingeleitet. Die Inbetriebsetzung von Kupfergruben steht in Aussicht; die Anlage von Talsperren und Stauweihern ist begonnen worben. Späterhin wirb mit Aufforstung größerer Flächen vorzugehen sein. Die vor einigen Jahren eingeschleppte Rinderpest brachte großen Schaden, jedoch hat man die Seuche mit Erfolg bekämpft, sodaß im letzten Jahre für 1 Million Mark lebendes Vieh nach den englischen Kolonien ausgeführt werden konnte. Die mittlere Höhenlage des gebirgigen Landes ist 1300 Meter, so hoch wie der Brocken, daher ist das Klima gemäßigt und für europäische Ansiedler geeignet. Reicher Beifall dankte dem Redner für seinen interessanten Vortrag.

SanitatS-Kolonne. Die vom Deutschen Verein vom roten Kreuz gleich wie in anderen Städten in Gießen inS Leben gerufene Sanitäts-Kolonne hielt gestern nach­mittag in der Turnhalle der Stadt-Mädchenschule ihre Schluß- und Prüfungsübung vor Vertretern des KreiSamtS, der Stadt und des Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm ab. Die Mit­glieder der Kolonne wurden in 12ma( 2 Stunden von Stabs­arzt Dr. Ehrlich in den hauptsächlichsten Fächern der Ana­tomie, der Behandlung Erkrankter unb im Kriege ober bei Unglücksfällen Verwundeter unterrichtet, im Anlegen von Rot- verbänden und in der Herstellung primitiver Transportmittel und Verbandsgegenständen unterwiesen. Der Transport Ver­wundeter wurde mittelst der vom Verein angeschafften Tragen, sowie mit solchen, die die Mitglieder aus Zaunlatten und Stroh gefertigt hatten, geübt. In kurzer Zeit konnten die die Verwundeten darstellenden Personen kunstgerecht verbunden und, auf Tragen gelagert, vorgeführt und von den Trägern die Art der Verwundung angegeben, sowie Auskunft über bie erste Behandlung erteilt werden. Am Schluffe der Hebung sprach ber Vorsitzenbe beS Zweigvereins Gießen, AmtSgerichts- rat Wiener, den Mitgliedern der Kolonne seine Anerkennung für daS während der Unterrichtszeit betätigte Interesse, sowie dem Stabsarzt Dr. Ehrlich den Dank des Vereins vom roten Kreuz für seine Mühewaltung bei Erteilung des Unterrichts auS, worauf die Ernennung der Führer bekannt gegeben wurde. Die Kolonne wird in nächster Zeit statutarisch organi­siert und erhält Abzeichen (Mütze, Binde, Legitimationskarten). Am nächsten Sonntag findet auf dem Bahnhof eine Hebung an bem von ber Eisenbahnverwaltung zur Verfügung gestellten Sanitätszuge statt.

Der Geflügel- unb Vogelzucht-Verein füt Gieß en und Hmgegenb hielt gestern nachmittag seine ordentliche Generalversammlung ab, die von den Mitgliedern allerdings schwach besucht war AuS dem vom Vorstand er­statteten Geschäftsbericht für daS abgelaufene Jahr ist zu be­richten, daß der Verein über 184 Mitglieder verfugt (148 in Gießen und 36 außerhalb). Die Tätigkett deS Vereins im Jahre 1905 wird im allgemeinen als ersprießlich bezeichnet. Die Zuchtstation auf der Bichlerschen Hardt war am JahreS- schluß besetzt mit 16 rebhuhnfarbigen Italienern, 1.9 schwarzen Minorka, 2.6 Wyandottes, 1.5 Truthühnern und 10 Kreuzungs­hühnern, welch letztere für Brutzwecke verwendet wurden. Von der Zuchtstation wurden im abgelaufenen Jahre abgegeben ca. 1000 Eier für Brutzwecke und ca. 1500 Eier zum Ver­brauch als Nahrungsmittel. Die Zuchtstation ist in der Lage, abgesehen von einem Zuschuß m Höhe von Mk. 200 des landwirtschaftl. ProvinzialvereinS, aus ihren eigenen Ein­nahmen ihre Bedürfnisse zu decken. Der Verein verfügt über em Vermögen von ea. 5000 Mk., welches teils in ber Zucht­statton, in AuVstellungK-Jnventar und m Effekten und in bar vorhanden tfi. Die v-rgenommene Auslosung der Schuld- verschreibunge« auf die Zuchtstation erbrachte folgende Nummern: 1, 6, 8, 13, 30, 92, 42, 45, 48 und 56, welche noch dem 1. April d. I. vom Bankbause A. Heichelheim ober bei ber DereinSkasse zur Auszahlung kommen. Die Wahlen zum Vorstand und zum Verwaltungsausschuß, zur Zncht- stationSkommission, sowie die ber Revisoren brachte feine wesentlichen Veränderungen mit sich. Es wurde dem Vor-