Ausgabe 
14.11.1904 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Stadtverordneten-Wahl

Mitbürger!

Irr letzter Stunde mahnen wir Euch nochmals dringend, die Euch gemachten vielfachen Wahlvorschläge einer sorgfältigen unparteiischen Prüfung zu unterziehen. Zahlreiche Kandidatenlisten aus Burgerkreisen liegen vor, alle mit der Versicherung, daß nur sachliche Gründe durchschlagen, nur das allgemeine Interesse berücksichtigt werden dürfe und keine persönlichen Wünsche maßgebend sein sollten.

Wie aber ist das Resultat, wenn man, ausgenommen den nachahmungswerten Aufruf der Wähler der Neustadt und aus dem Ostend, die Vorschläge mit dieser Begründung vergleicht.

Da kommt zunächst eine von der ersten Bürger- und Wählerversammlung eingesetzte Kommission, welche angeblich, um nutzlose Stimmenzersplitterung zu vermeiden, gerade zu dieser Zersplitterung auffordert, indem sie von dem Wahlzettel der beiden liberalen Parteien rin Dienste der Öffentlichkeit bewährte Männer streicht, um an deren Stelle Leute aufzustellen, von deren Wirken im Interesse der Allgemeinheit bis jetzt nicht allzuviel wahrzunehmen war, die jedenfalls vor den von dieser Kommission gestrichenen Herren sich nicht hervorgetan haben.

Es folgt ein sog. Bürgervereiu Ceutrum, wohlausschlietzlichfürdiediesjährigeWahioderrichtiger für rue Durchsetzung einzelner Personen bei derselben von diesen und wenigen anderen, meist auch au der ersten Bürger- und Wählerversammlung Beteiligten, gegründet, und behauptet mit gradezu verblüffender Kühnheit, der Wahlaufruf der vereinigten liberalen Parteien habe bei der überwiegenden Mehrzahl der Wähler das denkbar.größte Befremden hervorgerufen, man habe viel zu wenig auf die allgemeine Stimmung der Stadt Rücksicht genommen. Auch dieser Verein schlägt aber im direkten Wider­spruch mit dieser Begründung 13 von den 16 Kandidaten des befremdenden Vorschlags seinerseits zur Wahl vor.

Im übrigen will der Bürgervereiu Ce itnun im angeblichen Gegensatz zu dein Wahlaufruf der vereinigten Parteien nur solche Männer gewählt wissen, welche bisher schon im Interesse unserer Stadt wirklich tätig gewesen sind.

Es werden de . halb drei Kandidaten vorgeschlagen, von welchem neben der Tatsache, daß zwei derselben ihre , eignen ^Interessen gegen Stadt und Staat mit vom Privatrech sstandpnntc aus, hochanerkennenswert r Energie zu vertreten pflegen, als wirkliches Verdienst um die Stadt bekannt ist, daß der eine in einer Kaudidatenrede veriprvchcn hat, für die Lahnkanalimtion und für die Eingemeindung von Vororten zu wirken, daß der andere vor Jahren Mitglied des Vorstandes einer politischen Partei war, während der dritte im diesem Jahr als Festpräsident ein von einem Verein veranlaßtes Sängerfest nicht ohne Geschick geleitet hat.

Neben dem Bürgerverein Centrum marschieren mit demselben Ziel und von denselben Hintermännern geleitet angebliche Wähler des Wahl» bezirks Seltersberg und Niegtlpfad.

In dritter Linie folgt der Vezirksverein Nordost.

Der Voruand dieses Vereins hatte, na.idem von sich aus die liberalen Parteien aus sachlichen Gründen den Vorsitzenden des Vereins als Kandidaten aufgestellt hatten, die feste Absicht, sich nicht von den politischen Parteien zu trennen. In der geradezu tumultuarisch verlaufenen Generalversammlung des Vereins war aber der Vorstand dem stürmischen Andrang unentwegter Kandidaten und deren Helfern gegenüber nicht gewachsen, er mußte es vielmehr über sich ergehen lassen, daß zwei Kandidaten der Sitte der unterzei mieten Vereine gestrichen, wurden.

Mitbürger! Wem könnten derartige Vorschläge, wenn sie beachtet werden sollten, nur zu gut kommen?!

Nur einzig und allein der Soziäldemokiatie! Ob damit aber nach den Vorgängen in Offenbach und nach dem erschienenen Flugblatt und Wahlvorschlag der

hiesigen sozialdemokratisel en Partei unserer Stadt und deren Zukunft wesentlich gedient ist, das mögen sich diejenigen Wähler fragen, welche ohne Rücksicht auf die

sorgfältigste Prüfung der Kaudidatcnfrage diu eh die Vorstände und Generalversammlungen der beiden unterzeichneten Vereine ihren eigenen Weg gehen und unter

allen Umständen solche Leute wählen wollen, welche sich einmal ui den Kopf gesetzt haben, daß sie die geeignetsten Leute zum ^tadtvorstand seien und in Selbst­person oder durch ihre wenigen Anhänger in den verschiedensten Wir shäusern aller Stadtteile diese Ueberzeugung auch anderen beizubringen versuchen.

Mitbürger! Unsere Vereine haben sich bemüht, fohtje Kandidaten aufznstellen, welche vor Allem Gewähr dafür bieten, daß sie auch in der Lage und befähigt siud, in den za.tlreraien Kommissionen unserer Sta^tveiordn.tenversammlung, welche teilweise sehr große Anforderungen an die Leistung der Einzelnen stellen, regelmäßig und beharrlich m tzuarbetten. N'cht aus programmatische Versprechungen, teils außer dem Machtberecht- bereich der städtischen Venvaltung teils auf dem Gebiet ferner Zukunftsmusik gelegen, kann es ankommen, sondern darauf, daß die dringlich notwen­digen Aufgaben der städtischen Verwaltung m praktischer Weise gelöst werden, ohne den jetzt schon von Jahr zu Jahr wachsenden Stenerzettel der einzelnen Gemeindeglieder aUznjehr zu belasten. t

Wir haben, um nochmals das Wesentlichste hervorzuheben, geglaubt, dieses Ziel in erster Sinic dadurch zu erreichen, daß wir die alten seiner Zeit bis auf eine Ausnahme sämtlich von uns präsentierten Stadtverordneten wieder vorgeschlagen haben. Daß wir damit das Richtige getroffen haben, zeigt die Tat­sache, daß dieser Vorschlag überall Beifall gefunden hat. , , M

Sollte man nun nicht auch zu den unterzeichneten Vereinen, die früher den richtigen Blick für das Wohl der Stadt hatten, einiges Vertrauen bezuglrch der neu vorgeschlagenen Kandidaten haben können?! , . ,

Ist es etwa nicht richtig, daß sich unsere sämtlichen Kandidaten ganz abgesehen von ihrer persönlichen und beruflichen Tätigkeit bereits durch wirkliche Tätigkeit in öffentlichen Angelegenheiten bewährt haben?! .

Neben ganz hervorragender Aibeitsleistung einzelner unserer neuvorgeschlagenen Kandidaten auf dem politischen Gebiet und bei öffentlichen Wahlen aller Art waren dieselben sämtlich in der Armenpflege, im Vorstand des Gießener Volksbades, auf hhgienifchem Gebiet und im Verkehrsintereffe andauernd und in uneigennützigster, selbstlosester Weise für die Allgemeinheit tätig.

Em ordentlicher Professor unserer Landesuniversität findet sich unter ihnen, wie ein solcher seit langen Jahren stets der Stadtverordnetenversammlung

Soll die Universität etwa gerade jetzt unvertreten sein, wo im Jahre 1907 das Drei hundertjährige Jubelfest unserer Hochschule von dieser und der Stadt gleich würdig begangen werden sott, sodaß eine unmittelbare Verbindung zwischen der Stadt und Universität düngender erwünscht ist wie jemals?!

Mitbürger! Prüft diese E wägungen in letzter Stunde vor der Wahl nochmals mit Ruhe und Unbefangenheit und Ihr werdet das Wohl und bu gedeihliche Entwickelung unserer lieben Vaterstadt fördern, indem Ihr Äkann für Mann an die Urne tretet und Niemandem Eure Stimme gebt als den von uns voigeschlog neu Herten:

Carl Aug. Faber, Stöfitnrhtltr Wjnt Dr. Outfleisch, Theodor Haubach, Ksmikrzikmt Heichelheim, H. E. Jughardt, Jean Kirch, Ed. Krumm, Carl Loos,

Louis Petre II., SUifitnriitttr Will). Wallenfels, Hermann Eichenauer, Mikail Max Friedberger, Kaasmm Mcd.-Nat Dr. Haberkorn, Kreisarzt Friede« Habenicht, Kaasmaaa, WestmlU

Friede. Helm, $tii|iükr

Dr. Wimmenauer, llaiacrjitättzrascisar.

Gießen, den 14. November 1904.

Acr sltislmge Kmin.

Arr iiationulliliitnlc Urrcin.