Ausgabe 
12.8.1904 Erstes Blatt
 
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Nr. 188 rltielnt täglich auf;er Sonntags.

Dem Greßener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siebener Familien* Glätter viermal bi der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brü h l'schen Unwers.-Buch-u. Stein­druckerei. 81 Lange.

Redaktion, Erveditü» und Druckerei:

Schutstratze 7.

Adresse fih Depeschen: Anzeiger Giehen.

FerosprechanlchlußNr 51.

Erstes Matt.

184. Jahrgang

Freitag 12. August 1904

GießenerAnzeiger

M General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

verngspreis, monatltch75Ps., viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- il Zwergstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk. 2.viertel- jährl. auöschl. Bestellg. Annahme von Anzeige« für die Tagesnummer bis vormrltagS 10 Uhr. ZeilenpreiS: lokal 12 P^ auSwärtS 20 Pfg.

verantwortlich Hhi den polit. und allgem. Teil: P. Wittko: für ^Stadt und ßaiür und .Gerichtsfaal": August Goetz; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

?>ic öeullge Kummer umfaßt 10 Seiten-

Die Frage: ,.Was ift Kriegskonlrcvande" im englischen Hberßaus.

Staatssekretär Lansdowne hat int englischen Oberhaus den Russen eine sehr energische Lehre erteilt über die Frage der Kriegs- kontrebande. Er erklärte am 11. d. M. folgendes: Ich bin ge­fragt worden, erstens betreffs der Durchfahrt von Schiffen der Freiwilligen flotte durch die Dardanellen, z-weiteus hat Ripon aus die Art und Weife hingewiesen, in welcher die russische Regierung jüngst die Frage hinsichtlich der Kriegskonttebnrde behandelt hat, drittens berührte Ripon die Art und Weise, in welcher gewisse neutrale Schiffe, besonders der ,,Knight Commander" von der russischen Regierung behandelt wurden. Was die Freiwilligenflotte betrifft und die Durchfahrt durch die Dardanellen, so weiß das Haus, wie diese Frage von der Regierung bettachtet wird. Wir haben auseinandergesetzt, daß unserer Ansicht nach Schiffe dieser Flotte nicht berechtigt sind, die Dardanellen als Kriegsschiffe zu passieren, und da sie als friedliche Schiffe passierten, waren sie nickt berechtigt, saft unmittelbar nachher in Gestalt von kriege- rifdjen Schiffen zu erscheinen und in den neutralen Handel ein- zuAreifen. Soweit die aus der Durchfahrt desPetersburg" und ,,Smolensk entstandenen Zwischenfälle in Betracht kommen, glaube ich wir können sagen, daß diese Angelegenheit das akute Stadium verlassen hat. Diese beiden Schiffe sind aus dem Roten Meer zurückgezogen worden. Wir Horen jetzt, daß die ihnen gesandten Weisungen, von ähnlichen Wegnahmen abzusehen, ihren Besttmm- ungSort erreicht haben und nahmen daher an, daß keine weiteren Wegnahmen stattfirrden werden. Hinsichtlich der Durchfahrt anderer 'Schiffe der Freiwilligen flotte durch die Dardanellen, glaube ich, daß die Zeitungsberichte darüber im wesentlichen korrekt sind. Tie Darstellung der Bedingungen, auf welche die türkische Re­gierung bestanden hat, entspricht den Tatsachen. Die türkische Regierung scheint von der russischen Regierung eine amtliche Er­klärung erlangt zu haben, daß diese Schssfe während ihrer ganzen Reise die Handelsflagge führen, weder Munition noch Armierung an Bord haben und daß sie nid# in Kreuzer verwandelt werden.

Betreffend die zweite und ernstere Anfrage über die Art, in welcher die russische Regierung die Angelegenheit der Kriegskontrebande behandelte, so hat die russische Ro-- gierung bei Beginn des Krieges Reglements über die Frage erlassen, und ohne Zweifel haben diese Reglements die bisher von England und den meisten anderen Landern akzeptierte Tefini- tion der Kontrebande in sehr großem Maße erweitert. Tie russische Definierung umfaßt eine Anzahl Artikel, die wir natürlich prima facie als unbedenklich ohne Hinblick auf 4hre schließliche Bestimmung betrachteten und erweiterten. Tie Defi­nierung war von einer amtlichen Erklärung begleitet, daß die genannten, im Reglement 6 aufgezählten Artikel nicht nur als Kontrebande, sondern als bedingungslose Kontrebande zu be­trachten sind. Tie Arttkel, die uns besonders berühren, sind die .in den Unterabschnitten 8 und 10 aufgeführten. Ter Unter- abschnitt 8 nennt jede Art Feuerungsmaterial, wie Kohle, Naphta, Spiritus usw., Unterabschnitt 10 führt im allgemeinen alles, was zur Führung eines See- oder Landkrieges bestimmt ift, .auf, wie aud* Reis, Mundv orr äte Last­tiere, Pferde und andere Tiere, die für Kriegszwecke gebraucht werden wenn diese Tinge für Rechnung des Feindes befördert werden oder für ihn bestimmt finb. Tiefes Reglement an und für fick), ohne Angabe, daß alle diese Arttkel als bedingungslose Kontrebande betrachtet werden, würde keine so ernste Sache gewesen sein. Aber indem wir das Reglement zusammen mit der amtlichen Erklärung in Bettacht zogen, schien es uns eine Sache von solcher Wichtigkeit, daß wir es als unsere Pflicht ansehen, die Auf­merksamkeit der russischen Regierung auf die Schwere der Frage zu lenken. Wir mieten besonders auf die Einführung der Mundvorräte in dem Arttkel über bedingungslose.Kontre­bande hin, wobei England sehr bedeutend intereffiert ist, und hoben hervor, .daß die Einbeziehung allen Proviants in diese Kategorie eine sehr ernfte Neuerung, sei. Wir fügten unserer Depesche als Erklärung hinzu, daß wir uns verpflichtet fühlen, .und unsere Rechte vorzubehalten.indem wir sofort gegen die Lehre Einspruch erhoben.daß per kriegführenden Macht die Enttcheiduug darüber zuftehe, daß gewisse Artikel ohne weiteres und ohne Rücksicht auf die guten Rechte der Neutralen als Kriegs- konttebande zu betrachten sind. Mir führten ferner aus, daß wir uns nicht gebunden erachten könn ten, die Ent­scheidung irgend eines P r i s e n g e r i cht e s als gil- tig anzuerkennen, die jene Rechte oder die anderweittg anerkannten Grundsätze des Völkerrechts verletze.

Lord Lansdowne geht bann auf die Frage der ruffifdjen Maßregeln zur Verhinderung der Ankunft von Konttebande in japanischen Häfen über und erklärt: Es ist zu verstehen gegeben worden, daß es nach Ansicht der ruflischen Regierung »innerhalb des Rechts des Kriegsfubrenden liegt, ein weggenommenes neu­trales Schiff zu zerstören, wenn es Kontrebande an Bord hat. Das ist eine Ansicht, die die e n g l i s ch e Re­gie r u n g nie akzeptierte. (Beifall.) Sie ist sicherlich aud) nicht voll den Vereinigten Staaten angenommen worden, daher sind wir überhaupt außer Stande zuzugeben, daß das Versenken desK n i g h t Commander" im Hinblick aus das Völkerrecht zu rechtfertigen ist. DerKnight Commander" erwartet jetzt noch die Verurteilung durch das Prisen­gericht in Wladiwostok und die Verhandlung des Berufungsgerichts in Petersburg ab. Wenn diese die Entscheidung jenes Gerichts umstoßt, würde man sich dessen freuen können. Aber ob dem so ist, oder nicht, wir sind jedenfalls a u ß e r S t a n d e, z u z u g e b e n, daß das Vorgehen jener Prisengerichte irgend- rv e l ch e Giltigkeit hat, soweit der' besoildere Fall des Knight Commander" in Betracht konlmt. Ter Minister geht bann des weitern auf die Bedeutung der von Rußland aufflcftedten neuen, bisher beispiellosen Kontrebandedoktrin ein und führt dabei ans: Die Maßregel, neutrale Schiffe in den Grund zu bohren, kann nicht verfehlen, auf unseren Handel höchst nachteilige Wirkung anszuüben. (Beifall.- Ich habe aber den Eindruck, daß irotz dieser unliebsamen Zwischenfälle, beide Regierungen wirklick) bemüht sein werden, ein billiges Al cttel zur Losung der Schwierigkeiten zu entdecken. Ick) freue mich, erklären zu können, daß, obwohl der Schriftwechsel noch fortbauert, und obwohl ich außer Stande bin, irgend etwas müteilen zu können, was als eine entsd-iedene Lösung der Frage angesehen werden kann, bie S pra eh e der russischen Regierung uns zu hoffen b c r e d) t it, das; diese and ungen, d i e Z e r st ö r u n g neutraler Prisen w a h r s ch e i n l i ch nicht wiederholt w e r b en (Beifalls Obwohl ich nid)t bezweifle, daß ihr im Prinzip solches Recht zustehe, hoffe id) doch, daß wenn wir diese Frage gründlicher von allen Gesichtsvunkten au- erörtert haben, finden dürften, daß sich auch hinsichtlich der die Kontrebande betreffenden

Frage ein billiges freundlichesAbkommen erzielen läßt. Inzwischen wollen wir uns ernstlich die Schwere der von Hipon erwähnten Fragen vor Augen halten, und wir werden es als unsere Pflicht erachten, fest auf den Rechten zu bestehen, die ein Land als neutrale Macht besitzt und auf den Rechten, die es infolge seiner überwiegenden Handelsinteressen, im fernen Osten mehr für sich in Anspruch nehmen darf als irgend eine andere Macht.

Diese Erklärung wurde mit Beifall ausgenommen und der Gegenstand sodann verlaffen.

2>er Krieg zwischen Japan und Jnßland.

liebet den Ausfall der russischen Flotte aus dem Hafen von

Port Arthur

und den Ausgcrng einer Seeschlacht, von der wir berichteten, sind noch keine weiteren Meldungen zu verzeichnen. Ob ein großer Teil der russischen Schiffe wirklich entwischt ist, steht noch nicht fest. Heute meldet Reuters Bureau aus Tschifu, d- die russischen Kreuzer Askold und No- vik mit 2 Torpedobootszerstörern in den Hafen von Tsingtau eingelaufen seien.

Admiral Togo berichtet, nach einer fragwürdigen Meld­ung aus Tokio, daß der Kampf mit der russischen Flotte den ganzen Tag bis spat in die Nacht dauerte, worauf sich die japanische Flotte zurüchog und ein Wachtschiff zurück­ließ, welches beobachtet haben will, daß die russischen Kriegs­schiffe Netwijan und Povjeda in den Hafen von Port Arthur wieder eingelaufen sind.

Nack- einer Depesche aus Tokio war der Ring imt Port Arthur täglich enger geschlossen worden und die japa­nischen Belagerungsgeschütze waren so gut aufgestellt, daß alle russischen Befestigungen, die Stadt und die Kriegs­schiffe im Hafen durch hochwinkliges Feuer und einen an­dauernden Geschoßhagel bedeckt werden. So wurde der fernere Aufenthalt der Kriegsschiffe im Hafen auf die Dauer unmöglich Daher versuchten diese, aus dem Hafen zu ent­kommen, aber Togos Wachsamkeit verhinderte die Flucht.

Em rufftfdjer Torpedobootzerstörer von den Japanern genommen.

Tas Reuterfche Bureau meldet aus Tschifu vom 11. b. M.: Zwei japanifckie Torpedobootszerstörer liefen in bet Nacht ohne Lichter in den Hafen ein unb legten eine Viertelmeile von bem russischen TorpebobootszerstöretRes chtschitel- ni" an. Um 4 Uhr früh bestiegen Landungsabteil- ungen ber Japaner das russische Schiff unter Gewehrfeuer, wobei ein Russe tiemnmbet i * de. Einige Rufs en sck) Wammen ans Ufer. Bei Tagesanbruch sah man drei japanische Zerstöret mit dem russischen Schiff im Schlepptan den Hasen verlassen, während anbere Torpebobootszerftörer folgten. Ter japanische Konsul versichert, .Paß die Japaner nichts bavon gewußt hätten, baß betRescht- fchitelni" entwaffnet war.

Die Verteidigung Port Arthurs.

Ein von bet Belagerungsarmee von Port Arthur nach Tokio zurückgekehrter Offizier teilte mit, baß die Rusfen mit großem Eifer daran gearbeitet hatten, den vorrückenbcn japcinifd!en Trup­pen burd) Errichtung von Drabtzännen 2c. Hinbetnisse zu bereiten. In mifgewotfenen Gräben werben Glassplittet gestreut, vor ben Gräben ift bet 93 o b en mit flüssigem Leim übergossen. Tie japanischen Offiziere unb Mannschaften sprechen ihre Bewuirberung aus über die Kühnheit unb Tapferkeit bet Belaaetten. Währenb bet Nacht seien ihre Vorposten häufig bis an tne japanischen Vorposten herangekommen.

Eia neuer russischer Feldzngspluu?

TemExpreß" wirb aus St. Petersburg berichtet, baß man sich in ben offiziellen Kttisen vollauf bewußt sei, baß die Japaner sich in einet unangreifbaren strategischen Position be- fänben unb baß ein Vorbringen von russischer Seite, ivcnn es auch anfangs von Erfolg begleitet fein sollte, dock verhängnis­voll abschließen würbe. .Es sei barum ein neuer Felbzugs- plan in Erwägung gezogen worben, bet in ein ober zwei Tagen dem Oberbefehlshaber, Gerrctal Kuropatkin, telegraphisch übermittelt werben würbe. Er würbe bann angewiesen werben, die jetzt von ihm eingenommenen Stellungen so lange als möglich zu behaupten, Port Arthur seinem Sdnissal zu überlassen, unb sich für ben Winter langsam auf Charbin zurückzu- ziehen, wo die Vorbereitungen für den neuen Felbzug getroffen werben sollen. Tie besten europäischen Truppen werben wahrerrb des Winters nachgefd^oben werben, um im Frühjahr bispo- nibcl zu sein. Zeit wirb als Bunbesgenofse benutzt,um Japans Mittel an Gelb unb Menschen zu erschöpfen. Japans Reserven werben, wie man berechnet, nach einem weiteren KriegSjahre erschöpft fein. Rußland wirb seinen Reservisten bas Dienen baburch angenehm machen, baß sie nad- einen; Jahre Dienst vor bem Feinde beur» laubt werben. Rußland wirb so sein Heer von bm Millionen Soldaten voll ausnutzen unb jebes Jahr im Frühjahr frisd>e Truppen im Felde stehen haben unb bies so lange, bis Japans Gelbmittel unb Truppenmaterial erschöpft sinb. Dieser Plan, ben Feind burch bie Forlfchleppung ber Feinbseligkeiten zu erschöpfen unb sein Geschick unb seinen Enthusiasmus an ber Zeit scheitern zu lassen, erfordert auf der Seite Rußlands ungeheure Opfer an Geld imb an Blut. Aber Menfchenmatcrial bat1 man in überreichem Maße und Geld kann und wird man sich durch die Erfdfließung ber ungeheuren Mineralschätze des Landes vet- fdxtffcn. Konzessionen zum ?ll>ban werden erteilt werden, unb es können auf b-iefe Weise leicht im Verlaufe einiget Jahre Millionen man rechnet auf Grund amerikanischer Anträge auf 2000 Millionen Rubel erhoben unb durch eine ^Steuer (Anteil an den geförderten Edelmetallen) eine sichere Staats­einnahme geschaffen nterben. Die Erschließung so vieler Berg werke wird zugleid) für Hundetttausende von Arbeitern lohnende Befchäftigung fchaffen und so die staatsgefäl-rliche Unzufriedenheit unter den Massen beheben.

Aus Kurokis Hauptquartier

nahe dem Motieupaß _ vom 9. August lvird derDaily Mail" telegraphiert, daß die nffsisd)e Armee fortgesetzt beträchtliche Bet ftärkungen etl-alte unb emsig an der Befestigung ihrer Stell­ungen nach Mukdeu arbeite. Die in Mnkden selbst konzentrierte russische Streitmndü ist einer Depesche ans Sinmingttng zufolge in letzter Zeit sehr stark verstärkt worden. Im japanisärru wie im russischen Heere räumen nach einem Telegramm aus Niutschwang Krankheiten aller Art füEerlid) auf. .Seitdem imcrhägliebc Hitze die schweren Negensälle abgelöst bat, wirkt namentlich die Malaria verl-eerend auf beiden Seiten.

Neue Angriffe der Japaner.

Tie Japaner griffen mit großer Uebermacht am 6. unb 7. August den linken Flügel ber Ostfront bei Hudsiadsh an. Die russischen Positionen uwrden behauptet. Auch bei Anschaut- schan fteht ein Angriff bet Armee Okus bevor. Tie Japaner bauen 60 Kilometer von Mukben und 40 Kilometer von Santai acht Brücken über den Taissiho unb unternahmen mit Tschunchuserr den Versuch, die Bahnbrücke zwischen Mukden unb Telirr zu sprengen. JE-ie Tfchunchusen besAveren sich, baß bie Japaner schlecht zahlen.

Granfamkeitev.

Das Amtsblatt in Tokio veröfferrtlicht einen ärzt­lichen Berich, t der 1. Armee, in dem 5 Fälle von Lerchenverstümmelungen durch russische Sol­daten beschrieben werden.

Die strenge russische Zensur.

DieTribuna" meldet aus Mukden : Der Be richt- er ftatter derTribuna", Pardo, wurde wegen der Kriegs­berichte an dieTribuna" von den russischen Behörden aufgefordert, den Kriegsschauplatz zu ver­lassen.

Russische Deserteure.

Me das LembergerSlowo Polskie" meldet^ desertier­ten von den nächst der galizischen Grenze dislo­zierten russischen Garnisonen Soldnten zu Hun­derten nach Galizien, da sich dus Gerücht verbreitet hat, daß ein Teil dieser Garnisonen demnächst nach Dst- asien abrücken soll. Die galizischen Landwirte nehmen die russischen Deserteure mit offenen Armen auf, und verwenden sie zu Ernte arbeiten. In den letzten Tagen hat eine Abteil­ung von 27 Soldaten mit zwer Offizieren an der Spitze die galizische Grenze überschritten. Alle Deserteure sagen, daß sie nichtin die M andschurei geh en wollen, da die Truppen daselbst hungern unb ben schrecklichsten Krankheiten ausgesetzt sind.

Die Audienz der südweftafrikanischeu Depvlatio« beim Kaiser.

Gestern, Totmetstag mittag, wurde die AnZtedlerabotbnnng aus Südweftafrika im Beisein des Reichskanzlers vom Kaiser in Audienz icwrpfangen. Nachdem der Sprecher ber Abordnung für bie Gewährung der Audienz gedankt und bet Hoffnung Aus­druck gegeben hatte, daß die geschädigten Ansiedler für ihre un- versd)uldeten Verluste volle Entschädigung erhallen würden, er­griff ber Kaiser bas Wort zu einer längeren Erwiber- u n g, in welcher er zunächst bie Opfer bes AufftanbeS seiner tiefften Teilnahme versicherte. Was bie Entschäbigungsfrage be­treffe, so stehe er an ber Spitze eines konstitutionellen (Staats* wesens, wo diese Frage eine verfafsmrgsmäßige Sache der Legislative fei. Ter Reichskanzler werde aber in vollem Einvernehmen mit ihm sich bemühen, vom Reichstage weitete Mittel zur Entschädigung bet Ansiebler zu erlangen. Wenn balb nach dem Ausbruch bes Aufstcmbes unter ben Farmern, nachdem ihre Existenz vielfach vernichtet fei unb nicht austeichenbe MittÄ Sunt W'eberausbau ber Farmen bewilligt feien, sich bie Bewegung zeigte, bas Lanb zu verlassen, so hoffe er, baß bie Farmer siw ein Beispiel an ihren Vorfahren ht ber alten Heimat, bie auch viele unb schwere Kampfe um ihre Existenz burcbznhalten hatten, ohne sich entmutigen zu lassen, zum Vorbild nehmen unb als Pioniere beutscher Kultur auf bem vorgeschobenen Poften aus- harten werden .In ber großen militärifcfcn Machtentfaltung, die zur Niederwerfung des Aufstandes aufgeboten fei, könnten bie Ansiedler eine Gewähr erblicken, baß Teutichlanb biefe Kolonie, von deren sehr großem Wert er voll überzeugt sei, für alle Zeiten feschalten .unb dafür sorgen wolle, .baß ähnliche Vorkommnisse wie dieser Aufstand für alle Zukunft unmöglich sein sollen. Er würde einen Fortzu^ der Ansiebler seht bebauet», weil bann bie ganzen Kosten ber jetzigen MilitärexpHitton, vor allem die bellagenswerten .Opfer an fHenfchenleben umsonst ge­bracht wären. Er würde alles tun, was in seinen Kräften stehe, um den Ansiedlern zu ihre-n Rechte zu verhelfen. .Hierauf übet- reid)te der Sprechet dem Kaifcr ein Exemplar der von ber Ab­ordnung hetausgegebenen Denkschrift und sprach bie Uebetzeugung aus, baß jetzt von ben Ansieblern nientanb mehr baS Land ver­laffen würde, nachdem sie nunmehr wüßten, baß ihr Kaiser hinter- ihnen stehe. Mit dem Wrmfd>e für eine glückliche Heimreise vetcck- schiebete fid) ber Kaiser mit Hänbebruck von jebem einzelnen Mitc,*.lede ber Abotbnung.

Valilische Tagesschau.

Die Geheimhaltung der Handelsverträge.

Gras Bülow hat dem Vernehmen nach angeordnet, daß die schärfsten Vorsich-tsmaßrogeln getroffen werben, um einerVerhökerung" des HandelsvertragSmaterials vorzubeugen. Vor zwei Jahren wurde bekaimtlich ber beutsche Zolltarifentwurf durch Skmlpell'osigkeit eines Ber­liner Journalisten und Bestechlichkeit eines Kanzleidieners einer Londoner Zeitschrift verkauft; es war der Regier­ung mrr durcb unverzügliche Bekanntgabe deö Entwurfs möglich, der Londoner Veröffentlichung zuvorzukommen. So überraschte damals in hochsommerlicher Stille das Erscheinen des Zolltarifentwurfs die Oeffentlickkeit, setzte tausende von Federm in Bewegung und machte Ilittn-esseu- ton und Juteressentenverbände mobil, soweit sie sich uiciNt genügend berücksichtigt glaubten. Noch lebhafter als die Auseinandersetzungen mit der Regierung gestaltete sich der Kampf zwischen verluandten Jndustrieen über die Zweck Mäßigkeit der vorgeschlagcuen Zollsätze. Ja, in ein unb derselben Industrie kam eS zu en-egten MeinungSver schiedenheiten über die gruudsätzlick-c F-ruge, ob Schu^zoll oder Zollftciheit der bettessendeu Jrchustrie Mttagltcher sei. Den Höhepunkt diesesKampfes Aller gegen Alle", wie die damalige Situation zutreffend bezeichnet wurde, bildeten die Proteste gegen die Steigerung landwirtschast licher Zölle.

Genug, eS bedarf n der Eriimcrung an das Tohu­wabohu, da flau. land in ein Heerlager verwan­delte, um, abgesehen von der Notwendigkeit, die unter­handelnden Staaten nicht in unsere Karten jehen zu lassen,