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10.11.1904 Drittes Blatt
 
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Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulstr.7. Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr. r Anzeiger Gießen,

. Rotationsdruck und Verlag der BrQhl'schen vv Universitätsdrucker ei. R. Lange, Gießen.

Nr« £65 Drittes Blatt. 154. Jahrgang Donnerstag 16. November 1964

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. 2 Z&A

DieGlehener ZamMenhlStter" werden dem AMI WS W BE W B ztl 11 A t M | ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der W M W M, W 'S M SL

«hessische Landwirt' erscheint monatlich einmal. WM v V ® M W

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen.

Ta er aber dem allzu ahnungsvollen Kinde den entsetzlichen Schlag auf die zarteste Weise Leibringen will, da waren's Worte, nichts als flügellose Worte, die Herr Livvert dem Kastengeiste nachsprach. Tas Schwerste war gestern abend Herrn Lüttjohann aufge- üürdet. Er spielte den Fritz zwar mit verhaltenem Atem und der vom Dichter gewollten sentimentalen Schwäche, aber seinem Spiel fehlten doch neben der Triesch alle feineren Schattierungen, und die Versuche, Uebergänge von Dunklem zu Lichtem zu finden, blieben eben nur Versuche. Und schließlich war's Stein statt Brot, was er gab; man spürte zu wenig von innerlichem Miterleben. Ter Theodor des Herrn Andreas war so leichtlebig und humor­voll, als er sein sollte, daher von dem liebenswürdigen, un­gezwungenen Selbstbewußtsein und der leicht überlegenen Ironie! des eleganten Flaneurs. Am frischesten von allen aber war Frl. Ruf, so keck und fesch und resolut als WienerFratz", wie sie auf der Ringstraße und im Prater zu Dutzenden herumlaufen, daß eine angenehmere Ueberraschung nach ihrer verfehlten Lydia imTraumulus" nickt möglich war. Tie alte Binder ist wohl immer noch etwas kokett, trotz der ehrbaren Maske, die sie trägt. Frau Fischer zeigte nichts davon, und leider auch keinen Humor. Ein Herr" hat nur eine einzige kurze Szene und kaum, ein Tutzend Worte zu sprechen, und doch erfordert diese Rolle einen ersten Tarsteller, weil sie das Stück am Rande des AbgrundK vorüberführen muß. Herr S a n d o r f zeigte ^vielleicht allzu große Erregung, als hätte er soeben erst, vor der Schwelle, den Bubew- streick erfahren. Doch seine Worte wirkten wie Donnerschläge.

Ernst ist das Leben, heiter die Kunst nach diesem Schiller* scheu Worte schienen die beiden Gaben des gestrigen Theatervereins­abends zusammengestellt.

Vor zwei Jahren versuchte Schnitzler in vier Einaktern, die er unter dem Titel ..Lebendige Stunden" zusammeufaßte, die Frage nach dem Verhältnis der Künstlernatur zu ihren Erleb­nissen anzuschneiden. Der erfolgreichste, wenn auch nicht der, gleich demEinsamen Wege", an unsere tiefsten Stimmungen rührende das tat in diesen: vierblättrigen Kleeblattdie Frau mit dem Dolche" warLiteratu r". Hier verflieg sich Schnitzler zu einer Parodie des Literatentums und lieferte damit eine Selbstkarikatur seiner ersten glücklichen Schritte auf dem nichts weniger als einsamen Wege zum noch unerreichten Parnaß, .eilte Selbstkarikatur aus jener Zeit, da er noch seine subjektiven Empfindungen aussprach, statt, wie er es heute tut, die Welt sich anzueignen eine. Selbstkarikatur von so brillantem Wurf, von so kecker Schalkhaftigkeit und geist- sprühendem Witz, daß man im Reiche der d e u tsche n Dramatik nach einem Seitenstück vergebens suchen dürfte. Ter Schotte Shaw soll neulich, wie man unlängst aus London erfuhr, zur größten Verblüffung des britischen Publikums dasselbe jetmr haben, doch niemand dachte daran, daß Schnitzler diesen scherz in köstlicher Weise ihm vorgemacht batte. Wohl nie aber sind die Insassen eines literarischen ScheuueuviertelS, die int Eaf6 halbe und ganze Rächte mit ihrer seelischen Schimlosigkeit ko­kettieren und jede, wenn auch noch so unbedeutende OK'mütS- aufwallung zu einem lyrischen Erguß, jeden auch noch so faden­scheinigen Gedanken zu einem Romanbande ausblähen, so über-

*

per Aufstand in Aeutsch-Südwestafrika.

DieKöln. Ztg." meldet aus Berlin Dorn' 9. ds.: Aus zeitlichen Gründen wird eine einheitliche Verrechn n u n g d e r K o st e n f ü r d i e ll n t e r w e r f u n g der auf­rührerischen Bewegung in Deutsch-Südwestafrika nicht er­folgen können. Sie würde auch nicht den Grundsätzen der finanziellen Verwaltung entsprechen. Die Kosten werden, zum Teil im Nachtragsetat, zum Teil in dem ordentlichen Etat für 1905 erscheinen. In den bisherigen, bereits ge­nehmigten Nachtragsetats für 1903 und 1904 sind die Kosten des Krieges gegen die Bondelzwarts und die der ersten Monate des Kampfes. gegen die Hereros sowie die Ent­schädigung von 2 Mill. MarE für die Ansiedler ent­halten. Für die seit dem fortlaufenden Etatsjahr 1904 ent­stehenden Kosten wird zunächst ein weiterer noch zu geneh­migender Nachtragsetat für 1904 in der Höhe von rund 8 O M i l l i o n e n vorgelegt werden. Alsdann werden in den ordentlichen Etat für 1905 die vorauszusehenden Kosten für größere Unternehmungen und Truppenmengen unter der Rubrikeinmalige Ausgaben" eingestellt worden.

Wie in der neuesten Nummer der Teutscb-Südwestafr. Ztg." mitgeteilt wird, hat, verläßlichen Nachrichten zufolge, Salatiel, ein Sohn des Waterberger Kapitäns Kambe- zembi, mit 60 Bewaffneten sich bedingungslos ergeben. Salatiel ist derjenige Großmann, von dem zu wiederholten Malen behauptet wurde, daß er so weit wie möglich Ruhe gehalten und sich nur gezwungen dem Aufstande ange­schlossen habe.

Wie erinnerlich, wurde vor Monaten bekannt, daß der Bastard David July, der des Mordes des Farmver- "wa'lters Loutsch auf Spitzkoppjes dringend verdächtig ist, sich nach Walfischbai geflüchtet hätte und dort aufhielte. Bon deutscher Seite wurde von den englischen Behörden die Auslieferung des Mörders beantragt, und es er­folgte die Einleitung des durch den Auslieferungsantrag bedingten Verfahrens. Seitdem sind Monate verflossen, ohne daß man von einer Aburteilung des David Jnly gehört hätte. Es muß deshalb angenoimnen werden ent­weder, daß das Verfahren mit einer sehr geringen Eile betrieben wird, oder daß die Auslieferung etwa gar ab­gelehnt sist. Man will in Swakopmund wissen, daß das letzte der Fall sei. Das erscheint indessen nach Lage der Umstände so unglaublich, daß eine authentische, Mitteilung über den Stand der Angelegenheit im allgemeinen Inter­esse wünschenswert wäre.

Für die Unterbringung der

Kranken und Verwundeten der Schutztruppe scheint genügend gesorgt zu sein. Von neun Feldlazaretten waren Mitte vorigen Monats fünf etabliert. Sämtliche 9 Feldlazarette bilden einen großen Halbkreis, der sich dicht an die Stellungen unserer Truppen anschlietzt. Es ist daher überall die Möglichkeit vorhanden, der Lazarettpstege be­dürftige Kranke sofort dieser zuzuführen. Da außer den jetzt bereits errichteten Lazaretten zwei vollkommen ver­wendungsbereite Feldlazarette vorhanden sind, von denen eins, Feldlazarett 5, in Karibib, das andere, Feldlazarett 6, in Okahandja steht, so ist auch dafür gesorgt, daß bei wei­terem Vorrücken der Truppen Lazarette an die Gefechts­linie herangezogen werden können.

Am Typhus sind neuerdings gestorben: Reiter Wietz- kawek und Seesoldat Ulrich. Der Reiter Jordans ist an Blutvergiftung gestorben, der Kriegsfreiwillige Bur Swadt bei Sechikamelbaum gefallen.

Durch kaiserliche Kabinettsordre sind einer großen An­zahl Mitglieder des südafrikanischen Offizierkorps Auszeich­nungen verliehen worden. So erhielt der Führer des Ma­rine-Expeditionskorps, Major v. Gl a s en a p p , den Roten Adler-Orden 3. Klasse mit der Schleife und Schwertern.

UMische Tagesschau.

Die Wahlen in Italien.

Der Stern der Sozialdeniokratie beginnt zu er­blassen. Das zeigen die in neuerer Zeit stattgehabten po­litischen Wahlen aller Länder, soeben wieder die Wahlen zur Deputiertenkammer in Italien. In ihren Hochburgen, den großen Städten, hat die Sozialdemokratie Niederlagen erlitten, die nicht wett gemacht werden durch Erfolge in anderen Be­zirken, weil hervorragende Führer der Partei geschlagen sind. Noch empfindlicher freilich wurden die Radikalen und Repu­blikaner betroffen, sodaß alles in allem eine Schwächung der extremen Partei vorliegt. Eine bedeutungsvolle Erscheinung, in der auch bei dem durch scharfe soziale Gegen­sätze zerklüfteten Volke Italiens das Bestreben sich ankündet, mit der Regierung aus einem Boden sich zusammenzusinden, auf dem das Mögliche der sozialen Reform erreicht werden kann. Denn sie ist die brennendste Frage der inneren Politik des savoyischen Königreichs. Der leitende Staatsmann, Giolitti aus Piemont, hat jetzt ein Parlament zur Seite, mit dessen Unterstützung er die Versprechungen zur Tat werden lassen kann, die er wiederholt gegeben hat und die einzulösen ihm ebensowenig möglich gewesen ist in seiner früheren Eigen­schaft als Kabinetschef, wie als Minister des Jnnnern unter Zarnadelli. Mit der sozialen hängt die Steuer -Refornt zu- fanunen, die ebenfalls seit Jahren der Verwirklichung harrt. Nicht unterschätzt werden darf in Zukunft die Unterstützung des Kabinets Giolitti seitens der Klerikalen. Der Vatikan hat den strenggläubigen Katholiken nicht nur die Teilnahme an der Wahl gestattet, es ist auch in Mailand, einer Hochburg der Sozialdemokratie, zum erstenmal ein klerikal- konservativer Kandidat aufgestellt und glatt gewählt worden. Bereits rechnet man mit der Konstituierung einer klerikalen Kammergruppe oder mit dem Erscheinen einer ka­tholischen Partei im Parlament. Unstreitbar ist jedenfalls, daß einerseits der Eintritt eines Klerikalen in der Teputierten- kammer auf die sozialpolitische Initiative der Regierung an­regend wirken wird und daß andererseits die Möglichkeit der Annäherung zwischen Vatikan und Quirinal durch Vermitt­lung des parlamentarischenMediums" sich eröffnet. PiusX ist sowenig ein Eiferer wie der König Viktor Emanuel. Beide gaben Beweise zarter Rücksichtnahme auf die gegen­seitige besondere Stellung, und wenn auch an eine völlige Aussöhnung in absehbarer Zeit nicht zu denken sein mag, so dürfte doch ein Modus der Verträglichkeit sich finden lassen. Von welchem Gesichtspunkt aus man also das Er­gebnis der italienischen Kammerwahlen betrachten mag die Absicht der Negierung, die politische Situation zu klären, erscheint erreicht. Da Italien zudem auf dem Gebiete der auswärtigen und kolonialen Politik sich nicht vor kostspielige Ausgaben gestellt sieht, kann es bei gesunder Finanzpolitik, für die die neuen Handelsverträge wertvoll sein dürften, auch an den Mitteln nicht fehlen, die zur Lösung der wichtigen

innerpolitischen Aufgaben erforderlich sind. Zu dem Unter­nehmen der italienischen Nentenkonversion hat bekanntlich Deutschland seine Unterstützung zugesagt. Die politische Kon- 'tellation ist nach alledem dem Ministerpräsidenten Giolitti in jeder Beziehung günstig. Weiß er sie zum Wohle besonders der unteren Volksklassen zu nutzen, dann ist seinem Kabinet der Bestand auf längere Zeit gesichert.

*

Anläßlich der Wahlen kam es, wie nachträglich bekannt wird, mehrfach zu Zusammenstößen. In einem Wahlbezirk versuchten die Republikaner, deren Kandidat durchgefallen war, die Wahlurne zu z e r t r ü m in e r n. Es kam zu einem Zusammenstoß mit Militär, wobei 6 Soldaten durch Steinwürfe und 14 Personen durch Bajonettstiche verwundet wurden. Zirka 200 Personen hatten die Porta Eapuana in Rom verbarrikadiert, das Militär zerstörte die Barrikaden, wobei viele Personen verletzt wurden. Als der radikale Kandidat von Ealtavuturo, Pietro Giuffre, im Wahl­kampfe unterlag, nahm sich sein Bruder die.Niederlage derart zu Herzen, daß er sich eine Kugel ins Herz jagte.

Aus Midi und KMÄ.

Gießen, den 10. November 1904.

* Empfänge. S. K. H. der Großherzog empfingen am 9. November u. a. den Universitäts-Professor Kaiser von Gießen und den Hoflieferanten Griebel von Bad- Nauheim.

'"Kirchliche Personalien. S. K. H. der Groß» Herzog haben den von S. Durcht. dem Prinzen Friedrich zu Solms-Braunfels als Vormund des minderjährigen Fürsten Georg Friedrich zu Solms-Braunfels auf die evangelische Pfarrstelle zu Villingen, Dekanat Hungen, präsentierten Pfarrer Schäfer zu Stadecken und den von S. Erl. dem Grafen von Schlitz genannt von Görtz auf die evangelische Pfarrstelle zu Staden mit Stammheim, Dekanat Büdingen, präsentierten Pfarrverwalter Vogel zu Staden für diese Stellen bestätigt.

* * Ein Gedenktag. Heute vor 299 Jahren, am 10. Oktober 1605, vollzog sich die Stiftung des Gym­nasiums zu Gießen, aus dem nachher, 1607, die Uni­versität hervorging.

* * Winterfest des Turnvereins. 'Wie alljährlich findet auch m diesem Jahre und zwar am Samstag, dem 12. 9100., in den Räumen der Turnhalle am Oswaldsgarten das Winterfest des Turnvereins statt. Die sorgfältigen Vor­bereitungen zu diesem beliebten Feste lassen auf einen genuß­reichen Abend schließen, zumal für den musikalischen Teil unsere Regimentsmusik unter Leitung des Musikdirektors Krauße gewonnen ist.

** Symphonie ko nzert des Konzertv er eins". Wie aus dem gestrigen Inserat ersichtlich ist, veranstaltet der Konzertverein Sonntag den 13. November sein erstes Symphonie-Konzert, vermutlich aus wohl erwogenen Gründen nicht als erstes, sondern als zweites Konzert. Ein Blick auf das Programm deutet darauf hin, baß der Leiter des Konzerts, Universitäts-Musikdirektor Traut­man n, beabsichtigt, uns in historischem Rahmen einen kurzen Ueberblick über die Entwicklung der Symphonie von Haydn zu Beethoven zu geben. Jedenfalls dürfen wir nach der Auswahl der Symphonien uns auf einen genußreichen Abend gefaßt machen. Haydns G-dur-Symphonie, die sg.mit dem Paukenschlage" (The surprise", wie die Eng-

Arthur Schnitzler und Irene Nresch.

Gießen, 10. November 1904.

Vor einem Jahrzehnt sah ich in Berlin die Uraufführung derLiebelei". Arthur Schnißler stellte fick dem Puburum in seiner blonden Jugendlocken wohlgeordneter Fülle vor. Jungn bei der Aufführung seinesEinsamen Weges" in Fraukmrt SIgte er, daß daß er heute nickt mehr der Tickter der sog.füBeii Madeln von der Weanerstadt" ist und sein will. Dock sein ernit gewordener männlicher Eharakterkopf mißfiel den outen Fraut- furtern. Sie waren enttäuscht; sie hatten wohl den luve- seeligen Jüngling wieder zu sehen gehofft, und sahen einen muo gewordenen Weltschmerzler, dessen feiner balladenhaster Kiagefang den immer wiederkehrenden Rundreim vom Verzichten oraaue. Daß er auch schon in seiner Jugendrosenzeit den gleiten Heroen Ton angeschlagen, daß das entzückende Liebesrdvll aus seiner Jugend Tagen mit den gleichen wehmütigen Akcorden ?iw- geklungen hatte, daß es schondiese enge Welt einer nabti- schen Erotik verließ, um ins Menschliche zu dringen , wie Herm. Babr in seinenRezensionen" iVerlin, S. Fischer) -sehr richtig sagt, schien man vergessen zu haben. Und überdies gabder Einsame Weg" keinem Tarsteller sonderlich Gelegenheit zum Erwecke außergewöhnlicher Kunst. Bei der Berliner Premiere derLiebelei dagegen hatte die Sorma die Christine gegeben, und ich erinnere mich ihres großen Erfolges. Eine fast weihevolle L-tnnmung hor^'E den Abend über in dem Theater an der Schumannstraße. Sput t nahm sich Adele Sandrock, die große Wienerin, ans ihren Retten der Rolle an, und seit Jahren gehört die ChriMne auch zu Den liebsten dramatischen Mädchen gestalten der Triesch.

Wir kennen und verehren Frau Irene Tri e s ch seit Jahren als diejenige deutsche Bühnenkünstlerin, die der Galerie Jbsewcher Frauenporträts Blut und Leben zu leihen vermag wie reine zweite. Bis in die geheimsten Herzfältchen fühlt sie die ungewohu- liehen nordischen Frauengestalten nach mit einem ganz seltsamen psychologischen Spürsinn. Sahen wir ihre Hedda oder ihre ^ora, so fonnten wir uns nie des Eindruckes entziehen, daß in ihr jclD|t vieles von diesen Frauen stecken müsse. Wie sie das,geradezu un­heimliche Bewußtsein ihrer eigenen Individualität mit den klügsten darstellerischen Mitteln zu offenbaren weiß, das vermag ihr me- maud ganz abzugucken; aber man hatte zugleich das Gesiihl, daß dieses ihr Jndividualitätsbewußtsein sich zu steigern vermag bis zum krassesten, absurden Eigeiiwillen, und daß dabei der aus- gleichende Sinn für wahr und falsch, gut und böse zu kurz kommt. Dem ethischen Kampfe Ibsens für die Wahrheit und imder die Lüge steht die Triesch fern. Ihr ist es immer nur um den Sieg der Frau zu tun, um das unterliegende Schicksal des Mannes. Sie kämpft mit Ibsen für das Recht der Frau auf Persönlichkeit. Von den Frauentypen Ibsens ist ihr der dämonisch-destruktive Typus der Typus der Hilde, Rebecca und namentlich der Hedda, der anziehendste. Diesen Rollen vermag sie ihre stärkste Kunst, ihre leidenschaftlichsten Töne abzugewinuen, diese Rollen schemen geradezu für sie geschaffen zu sein. ,

Und nun spielte sie bei uns die Ehrlstlne, die Heine, schwär­merische Musikantentochter, diese Enkelin von Schillers Luise

Milleriu, nächst Hauptmanns Hanncle die poetischste Mädchen­gestalt der deutschen Modernen. Würde ihr statt des wilden der milde Typus des hiugebendeu kleinen Mädchens gelingen?

Seien wir ehrlich: die Erscheinung der Triesch entspricht im Aussehen nicht unserer Vorstellung von der süßen kleinen Christine, diesem lieblichen, zarten Pstänzlein, das uns an Goethe's wunder- holdes Lied vomVeilchen auf der Wiese" erinnert. Und in den ersten Szenen hätte sie vielleicht wie Goethe's Schäferinmit leichtem Schritt und munterm Sinn" das Heim ihres Geliebten betreten können. Schon in diesen Szenen deutete sie leise den Gleichklaug mit Goethe's Liedlein und dessen Llusgang an:

Und nicht in acht das Veilchen nahm, Ertrat das arme Veilchen!"

Und noch eins: d i e Jugend, die diese intime Wiener Dichtung verlangt, hat Irene Triesch wohl nie besessen.

Und doch hat mir durch sie die dramatische Elegie Schnitzlers gestern Gestalt erhalten. Und selbst in ihren ersten Szenen hatte sie Recht. Ist es nicht natürlich, daß dieses sunge Kind voll banger Scheu das Zimmer ihres Freundes betritt? Zumal es das erste Mal ist, daß sie in eleganten Räumen sich befindet, noch dazu bei einem Manne. Mizis leichter Sinn ist obendrein wahrlich nicht der ihre; ihr Empfinden ist bei aller Zärtlichkeit doch von herber Keuschheit, und in ihrem Herzen ist nicht nur die schlichte Schwer­mut der ersten jungen Liebe, sondern der Todestrübsinn aufgegangen, das dämmernde Bewußtsein, daß sie zu denen zählt,welche sterben, wenn sie lieben". Ihrem Herzchen war von Jugend auf das frohlebigeCarpe dieum der Mizi, dieses eu-tout-eas-Atädels, etwas Fremdes. Unmittelbar nach den Momenten höchster Selig­keit steht ihr die bange Frage vor Augen: Ist er mir morgen noch treu? Wie Holzamersarmer Lukas" ist auch sie ein Mensch, der Freuden nicht ertragen kann, der im Hellen immer an das Dunkle denken muß.

Aus tiefster Empfindung, mit einer solchen Natürlichkeit ver­körperte Frau Triesch das Schicksal Christinens, daß uns bald schon der Atem stockte. Jedes Wort, das leise und schwer und warm- zitternd von ihren Lippen guoll, war ein Stück Seele, jeder Blick ihrer tiefen dunklen Augen von unsäglicher Wehmut. Uud welche herzzermalmende Kraft hatten die großen tragischen Momente der seelischen Vernichtung Christinens im letzten Sitte! Das ist das Leben da sind wir, die Lebendigen! und das ist der Tod, und da sind die Toten! Wie das nebeneinander liegt! Nie hat uns von der Bühne herab dieses schaudervolle Nebeneinander so im tiefsten aufgewühlt. Nie ist von der Bühne herab ein solcher Schmerz in die Herzen der Hörer eingekehrt.

Unsere tzeiiuischen Künstler gaben sich die größte Mühe, neben einer Triesch nicht gar zu klein zu scheinen. Und doch klang das meiste, was von ihren Lippen kam, seelenlos auswendig gelentt -- sobald die Triesch unter ihnen weilte. Fanden sic sic» unter sich, dann gings ganz flott und leicht und echt. Tas war vornehmlich beim irtlten Weirick des Herrn Lippert der Fall. Wie er sich mit der Madame Binder unterhielt, da hatte er etwas Rührendes, da fühlte mau guten Alten Herz von einfacher Größe, der die Anschauung einer Künstlerseele vom Leben hat und feiner Tochter das bißchen Liebelri in ihren kurzen Blütentagen gern gönnt.