Dienstag, 9. Februar 1904
154* Jahrg.
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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehe».
oßen Bedenken, daß er
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oeleot. Dieser Entwurf begegnete dock so großen Bedenken, daß er zurückgezogen und ein anderer Entwurf in Arbeit genonnnen tourte Wieweit tiefer gediehen ist, vermag ich noch nicht zu sagen. Be. Mlich des praktischen Jahres ist jetzt schon m Meten Fallen D^- pensation erteilt und eine müde Praxis beobachtet worden. Ob d« Bundesrat sich herbeilassen wird, allgemeine Bestimmungen über die Dispensation zu erlassen, erscheint mir fraglich.
In Sachen der Akademien werde ich Mich Mit dem preußischen Kultusministerium in Verbindung setzen.
Eine allgemeine Reform der Krankenpflege scheint, auch nur wünschenswert. Es schweben darüber Erwägungen ob eme obligatorische Prüfung der Krankenpfleger und eine weitere Prüfung für Oberwärter angeordnet werden soll.
Präsident im Reichsgesundheitsamt Köhltt weist den DorwMf Dr. MugdanS, daß die Organisation des ReichSgesundhertsam^ eine falsche sei, als unbegründet zurück. Das Reichsgesundheitsamt wende allen wissenschaftlichen Forschungen. auf hv.gienisck m Gewet seine größte Aufmerksamkeit zu und habe iM speziellen ftirdie Erforschung der Tuberkulose einen besonderen Ausschuß gebildet, dem hervorragende Gelehrte, wie seinerzeit Virchow, angehörten.
Abg. Dr. Becker-Hessen (nat.-lib.) erklärt, daß die Erregung über das Borsäureverbot geschwunden sei und man sich fthr gut damU abgefunden habe. Ueber die Schädlichkeit °der Nichflchadsichkeit der Borsäure sind in Fachkreisen, tote ick als Arzt weiß, die Ansichten nicht geklärt. Für mich als praktischen Menschen steht es aber ftst, daß eine Anzahl Fälle vorgekommen sind, in denen, die Borsaure chädlich auf den menschlichen Organismus etngehnrn hat. I Bezug auf das Krankenuflegertiim halte auch ich eme bessere Ausbildung auf reichsgesetzlicher Grundlage für notwendig. Ich Ahe da ganz auf dem Standpunkt meines Kollegen Dr. Mugdan.Den Standpunkt des Grafen Posadowsky hinsichtlich des praktischen Jahres halte ich nicht für bedenklich. H,er darf das persönliche Moment nicht mitsprecken. Das führt zu leicht zu ungerechten Bevorzugungen. Hier darf nicht eine milde oder strenge Praxis entscheiden, fonbr i müssen gesetzliche Bestimmungen geschaffen werden. Vor einer (sh- 'de habe ich den Brief meines Assistenten erhalten, der mir mitteilt, daß die hessische Regierung auf sem Gesuch hin ihn von dem praktischen Jahr dispensiert habe. DaS ist ja sehr liebenstoürdig von der hessischen Regierung, aber von dieser Liebenswürdigkeit darf der junge Arzt nicht abhängen. Erne ^allgemeine Regelung notwendig. Nicht einverstanden b'N ich damit, daß das vrakttsche Jahr unbedingt in einem Krankenhause absolviert werden muß. Ich toü de es für besser halten, wenn es auch bet einem prakttichen Arzte ab) rfoiert werden konnte. Bei dieser Gelegenhett will ich noch eine Sach.- mehr persönlicher Art emschalten. In einem sozialdemokratischen Blatte stand neulich zwar ohne Nennung meines Namens aber doch in deutlicher Beziehung.auf mich zu 1lesen,. daß es heute schon Aerzte gibt, die tn großkapitalistischer Weise ihren Beruf ausüben, indem sie sich in den Reichstag waMen lassen und den Bettieb durch Assistenten fortführen lassen. Ich hange dieses Elaborat tiefet und will nur folgendes bemerken: Ich reise mindestens einmal in der Woche nach Hause, um nach dem Rechten zu sehen, und im übrigen ist mein Assistent eine Person, auf die ich mich ganz verlassen kann. Ick würde es, tote hier gesagt, besonders gut halten, wenn das praktische Jahr gerade bet einem praktischen Arzte absolviert würde, und besonders bei einem Arzte mtt großer Kassenpraris. Gerade in der Kassenpraris lernt der junge Mediziner verschiedenes, was er nirgends anderswo lernen kann, z. B. daS billige Rezeptieren usw. Daß ich persönlich die Einführung des praktischen Jahres begrüßt habe, brauche ich nickt hervorzu heben. In Bezug auf die Akademiegründungen glaube ich, daß das eine schwierige Sache ist, die unter Uuständen für einen runden Mediziner eine unheilvolle Wirkung ausüben kann. Schon Istzt hcwen wir zuweilen den Widerspruch in der Auflassung der UniverfltätS- Professoren und der Leiter von Krankenhäusern. In der Pr<^tS wird manches ganz anders gemacht, als eS in den Hörsälen gelehrt wird. Wenn so ein junger Mediziner in die Akademie kommt, so wird ihm vielleicht in diesem ober jenem Falle gesagt: Sie haben diese Behandlung zwar so auf der Universität gelernt, wir machen daS aber anders. Dadurch kommt über den jungen Mediziner eine allgemeine
Sitzungen in den Zeitungen.
Direktor int Reichsgeftmdheitsamt Köhler bestreitet, daß irgendwelcher Bureaukratismus in der biologischen Abteilung herrsche. C herrsche im Gegenteil das Bestreben, der freien Forschung den weitesten Spielraum zu gewähren. Im Beirat der biologischen Abteilung sei eine Klage nicht laut geworden. Die Tagesordnungen in den Zeitungen zu veröffentlichen, gehe freilich nicht an Jeder, der sich dafür interessiere, erhalte aber so viel Material und so viel Einblick, als er wünsche.
Mg. Schcidemann (Soz.) plattiert für die Oeffnung der Grenzen gegenüber der Fleischetnfuhr. Die.letz'gen Erfahrungen genügen den Konsumenten und Importeuren völlig. Das Schlimme beim Fleischbeschaugesetz sei gewesen, daß es aus entern
Gesetz — das die ursprüngliche Vorlage gewesen sei, weshalb Die Sozialdemokratie auch mit ihr einverstanden gewesen sei -- zu einem Gesetz im Interesse der Agrarier geworden set, um ihnen wirtschaftliche Vorteile zu beschaffen. Jeder., der nicht mtt den Agrariern verwandt oder verschwägert sei, müsse ihm bestimmen. Geradezu lächerlich sei die Art, wie das Borsaureverbot gehandhabt werde. Ausländisches Fleisch, das 0,004 Proz.. Borsaure enthalt^ werde nicht hineingelasfen, wahrend man tn "jlandischem Fletsch zuweilen 1,07 Proz. Borsäure antreffe. Die Schuld an der verkehrten Ausbeutung des Fleischbeschaugesetzes treffe nicht den Staatssekretär Grafen Posadowsky; der meine es sicher ganz gut und wuroe auch im Zukunftsstaat einen fähigen Beamten abgeben. (Heiterkeit.) Lediglich dem Drangen der Agrarier sei jene traurige Praxis zu danken. In den Berichten der Hamburger und Bremer Handelskammer fänden sich Auslassungen, die deutlich zeigten, wie das ganze Gesetz im agrarischen Interesse gehandhabt werde. Ein staatserhaltendes Hamburger Organ habe die Ausführung des Fley ckbeschau- gesetzes als einen Hohn auf die ganze moderne Wirflchaftspolttil
werden. Die Verhältnisse ändern sich beständig. EineListe könne keinesfalls durch Gesetz statuiert werden, sondern lediglich durch den Bundesrat. An sich sei die Bekämpfung der Geheimmittel notwendig, da mit ihnen ein unerhörter Schwindel getrieben und dem gutgläubigen Publikum das Geld aus der Tasche gezogen werde.
Abg. Gothein (freif. Vgg.) findet diese Bevormundung überflüssig. Die ganze Verordnung sei vom heiligen Bureaukratismus gemacht worden. Wenn der Staatssekretär erimbere, er sei nur einer Anregung bes Reichstags gefolgt, so sei es bedauerlich, baß et in anbeten Fällen nicht immer bas gleiche Erttgegeukommen zeige^ Daß aus bem Reichstage zuweilen auch recht unpraktische Anregungen kämen, sei begreiflich, ba tiefer aus so vielen Mitgliedern bestehe
Rebnet befürwortet sobann eine reichsgesetzliche Regelung bet Flußverseuchungsftage. Landesgesetzliche Bestimmungen nutzen hier nichts, da die Flüsie den Einzelstaaten nicht den Gefallen taten, ihren Schmutz an den Landesgrenzen anZuhaltem Man könne fteilich nicht zu viel verlangen: em Fluß, der tie Abwasser der Industrie aufnehmen soll, brauche schließlich nicht Forellen zu beherbergen.
Aba. Dr. Müller-Sagan (freif. Vp.j ist von der Tätigkeit der biologischen Abteilung des Reichsgesundheitsamtes enttäuscht. Auch dort überwiege das, was man gemeinhin Bureaukratismus nenne. Man laste die Untersuchungen zu tpemg m tie Oesfentlichkeit bringen. Redner verlangt eine Veröflentlichung der Tagesordnungen de
die Fleischbeschau em. , __ ,yi r. .
Vizepräsident Graf Stolberg: Ich kann Sie zwar nicht hindern, auf den Inhalt der Resolutionen einzugeben, ich mochte Sie ?edock bitten, die Resolutionen als solche nicht zu behandeln. (Hetterkett.)
Abg. Scheibemann (fotflahtend) befürwortet sobann eine Reform bes Fleischbeschau-Gesetzes, aber im Sinneeiner Verschärfung der Bestimmungen über die Hnusschlachtungen. Er schließt mit dem Hinweise darauf, daß die Sozialdemokratie durch ihren Kampf gegen das Fleischbeschaugefetz erhebliche pofitive Arbeit geleistet Hecke.
Abg. Dr. Mugdan (freif. Vp.) hält die jetzige Organisation des Reichsgesundheitsamtes fiir falsch. Wenn es cmch 'n wistenschaft- licher Beziehung viel geleistet habe, so habe ihm doch zede Initiative in Bezug auf Reformen gefehlt. So sei z B. noch nichts in der Frage der Verbesterung des Krankenpflegepersonals geschehen, ebenso habe e§ auf dem so wichtigen Gebiete der Apotheken-Resorm nichts getan. Ferner verlangt Redner, daß bezüglich des neu erngeführten praktischen Jahres für die Mediziner wahrend der Uebergcmgszett Erleichterungen geschafft würden und kündigt cm, test er sich E enflprechende Resolution Vorbehalte. Die Absicht der preußischen Regierung, Akademien für dieses praktische Jahr einzurichten, sei nicht zu billigen.
Staatssekretär Graf Posadowsky: Der Bundesrat war, als er tie Gebühren für die Fleischbeschau festsetzte, sich vollkommen Nar darüber, daß dies nur eine vorläufige Festsetzung fern könne. Nur die baren Auslagen sollten m Form von Gebühren zurückverlangt werden. Wir haben sofort beschlossen, nach emem Jahre m eine Neuprüfung der Gebühren einzutreten und sind wir auch di^et- halben mit den Einzelregierungen in Verbindung getreten. . Erne Reform flt um so notiger, als eme Anzahl von Gebühren rn der Tat zu hoch sind. Wir haben schon eme ganze Reihe von Abcmde- rungsverfügungen erlassen und dürfen Hoflew.mtt der Zeit alle Schwierigkcnten zu heben. Das preußische Ministerium hat vor einiger Zett schon den Entwurf eines Reichsapothekengesetzes vor-
(BeisallZ BefIagt ficf) die Ausführung des
Fleischbeschaugesetzes. Seine Freunde bedauern es, daß eme Novelle ?u diesem Gesetz nicht an den Reichstag gekommen sei. Er verlangt em vollständiges Verbot der Einfuhr von Pöckelfleisch. „ Es konnten doch keine Erfahrungen darüber gemacht fein, die dartäten, daß em solches Verbot nicht notwendig sei. .
Staatssekretär Graf Posadowsky erwidert: Eben weil keine Erfahrungen auf diesem Gebiete gemacht seien, hätte der Bundesrat von einer neuen Vorlage abgesehen. Man müste ber Regierung Zett lasten, sich in diesen großen Organismus einzuarbeiten.
Abg. Dr. Müller-Meiningen (freif. Vp.) wiederholt ferne vor- jahrigen Klagen über das Verbot der Geheimmittel. Man habe eme Lisw aufgestellt und wahllos die beliebtesten Hausmittelchen verboten. Da seien u. a. auch zwei reichspatentamtlich geschützte Mittel verboten. Das sei doch geradezu unbegreiflich. Auch Brands Schweizerpillen habe man auf den Inder gesetzt. Er mochte doch an die Mitglieder des Bundesrats, soweit sie anwesend seien, die große Gewistensfrage richten, ob sie diese Schweizerpillen lemals ohne Erfolg angewendet hätten. (Große Heiterkeit. Besonders der sächsische Bevollmächtigte Fischer schüttelt sich vor Lachen.) Die Presse werde ckikaniert, wenn sie Inserate über Geheimmttttl aus- siehme. Es müste eine reichsgesetzliche Regelung dieser Mathie stattfinden und eine authentische Interpretation des Begriffs Geheimmittel gegeben werden. ,
Staatssekretär Graf Posadowsky erwidert, daß der Dundesrctt bei der Aufstellung der Liste gerade einer Anregung des Reichstag» gefolgt sei. Auf gesetzlichem Wege könne diese Frage nicht gelost
Unsicherheit. t r
Ich will mich noch dahin resummieren, daß ich zwar die Ein» führung des praktischen Jahres billige, aber auch tote Herr Kollege Dr. Mugdan der Ansicht bin, daß für alle die, welche vor dem 20. Mai 1901 ihr Studium begonnen haben, eine Dispensation davon stattfinden müßte, da diese unter anderen Voraussetzungen dieses Studium ergriffen haben. v
Abg. Dr. Müller-Meiningen tritt nochmals für eine reichsgesetzliche Regelung des Gebeimmittel-Wesens ein Ehe man Geheimmittel verbiete, solle man sich wenigstens imt dem Fabrikanten verständigen. Aber jetzt würden die Mittel einfach verboten, oft erhielten die Fabrikanten nickst einmal eine Antwort vom Reichs- gesundheitsamt. In solcher Weise Dürfte man die pharmazeutische Industrie doch nicht zum Versuchskaninchen machen.
Präsident Köhler legt Verwahrung dagegen ein, daß DaS Reichsgesundheitsamt schikanös gegen Fabrikanten voraehe. Das Gesundhettsamt hätte überhaupt nichts zu erlauben, sondern sich nur gutachtlich zu äußern. Bei jedem Verbot gehe der Bundesrat mit der größten Schonung vor und jedem Fabrikanten werde es vorher mitgeteilt, wenn seine Mittel auf die Liste gesetzt wurden. Eine Revisionsinstanz könne man allerdings nicht schaffen, denn die würde doch nur zur Reklame von den Fabrikanten benutzt werden.
Mg Dr. Burckhardt (wirtschaftl. Vgg.) wendet sich geyen die Ausführungen des Abg. Dr. Müller-Meiningen und ist für eine energische Bekämpfung der Geheimmittel. Das Verbot der Brandt- scheu Schweizervillen sei ganz gerechtfertigt. Diese Pillen bestehen fast ganz aus Aloe und sind um mindestens 80 Proz. zu teuer. Derselbe Schwindel wird mtt dem Pain-Expeller getrieben. Nur em Verbot kann gegen dieses Unwesen etwas nützen.
In Sacken des Fleischbesckaugesetzes polemisiert Redner heftig gegen die Sozialdemokraten. Durch die Kosten, die die Bauern von der Fleischbeschau haben, sei die allgemeine Unzufriedenheit m Nassau erregt worden. Die Sozialdemokraten berufen sich auf Die Wissenschaft. Ja, welche Wissenschaft steht Denn auf sozialdemokratischem Standpunkte? Nicht ein einziger Profestor bekennt sich zur Sozialdemokratie (Lachen bei den Soz ) Die Leute, die Urteil haben, wollen von Ihrer Partei (zu den Soz.) nichts wissen. Herr Dr. David sagte vorgestern, in der Sozialdemokratie qerriaje Meinungsfreiheit. Jawohl, in Nebenfragen. In Hauptfragen müste doch die Partei einig sein ...
Präsident Graf Ballestrem (unterbrechend): Die Du-fluhrunaen stehen mit dem Reichsgesundheitsamt nur m einem äußerst losen Zusammenhang. (Hetterkett.) .. ..
Abg. Dr. Burckhardt l fortfahrend) mochte wünschen, daß die Sozialdemokratie, die in der Kritik sehr stark sei, sieber angebe» solle, wie man z. B. die Wurmkrankheit aus der Welt schafft.
Die Weiterberatung wird hierauf auf Dienstag, 1 Uhr, vertagt.
Schluß: nach 6 Uhr.
Parlamentarische Berhanvlungen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
2 7.^Sitzung vom 8. Februar«
1 Uhr. Das Haus ist s e h r s ch w a ch besetzt.
Am Bundesratstisch: Graf Posadowsky XL a.
Zu Ehren des verstorbenen Abg. R o s e n o w (Soz.) erheben sich die Mitglieder des Hauses von ihren Plätzen.
Die zweite Beratung des Etats deS Reichsamts des Innern wird fortgesetzt. ,
Zunächst stehen zur Debatte die zum Titel Staatssekretär gestellten Resolutionen, etwa 50 an der Zahl.
Präsident Graf Ballestrem: In der vorigen Schung ist die Generaldebatte geschlosten und der Titel „Gehalt deS Staatsiette- tärs" bewilligt worden. Nach den früheren Beschlüsten des Reichstages hätten wir jetzt in die Debatte und die Beschlußfastung über tie Resolutionen treten müssen, die zu diesem Titel gestellt sind.
Ich habe nun die Absicht, diese Resolutionen, nachdem der Etat verabschiedet ist, zur Debatte im Hause gu stellen, und zwar mit kurzen Unterbrechungen für andere wichtige BeratimgsgegenstanDe, die uns zugegangen sind und noch zugehen werden, m to^auernDer Folge. Aber erst mutz der Etat erledigt sein. Deshalb stelle ich den Antrag, für heute die Resolutionen von der Tagesordnung abzusetzen. _
Abg. Dr. Spahn (Ztt.) führt aus, daß eme Besprechung unter den Parteien über diesen Vorschlag stattgefunden habe, und „daß nttgends ein Widerspruch Taut geworden fei. Seine Partei tourDe daher auch keinen Widerspruch erheben. ,
Abg. Bebel (Soz.) erklärt ebenfalls, fernen Widerspruch erheben zu wollen. u ,
Abg Dr. Sattler (nat.-lib.) meint, daß unter Den gegenwärtigen Verhältnissen Der Reichstag dem Vorschläge des Presidenten Folge leisten müste, da sonst feine Möglichkeit sei, den Etat rechtzeitig fertigzustellen. Seine Freunde würden daher auch für eine Vertagung der Resolutionen stimmen.
Abg von Normann (kons.) erklärt gleichfalls die Zustimmung seiner Freunde zum Vorschläge des Präsidenten, da eine andere Möglichkeit, den Etat fertigzustellen, nicht vorhanden sei.
Abg Dr. Müller-Sagan (freif. Vp.) äußert sich m gleichem Sinne. , . „ .,r
Präsident Graf Ballestrem erklärt, daß gegen feinen Vorschlag ein Widersvruch sich nicht rehoben habe, daß er infolgedessen dem
gemäß verfahren werde. . . ,
Die Resolutionen sind somtt zimackst abgefeyr.
Man fährt in der zweiten Beratung des Etats des R eich 8- amts des Innern fort. Eine Reihe von Kapiteln wird ohne Debatte erledigt. „
Beim Kapitel „Reichsgesundheitsamtt wünscht „
Abg Scheidemann (Soz.) eine energischere Bekämpfung der Flußverseuchung. Der Regierungspräsident von. Lüneburg, Herr von Oertzen, habe gesagt: „Genau, wie man tie erbest bekämpft, mub man Die Sozialdemokratie bekämpfen. ,g,..tnyl',e richtiger beißen: „Genau, wie man die Sozialdemokratie bekämpft, muß man tie Wassern-stt bekämpfen " (CVtierMt.) 'fr’.^er 5Tat lalle letzteres mebr als zu wünschen übrig. Ein energisches Vorgehen von ReickSwegen fei dringend notwendig. Die jetzigen «öe= ftinumtugen sieben lediglich auf dem Papier. Jetzt sei es traurig bestellt. So schleppe die Wupper jetzt täglich 150 Tonnen Schmutz mtt sich. (Hörr! hört!) Seit Jahrzehnten könne nicht em einziges Fischchen in der Wupper mehr fein Leben fristen. Die einzigen Lebewesen, die dort fortfamen, seien Wasserratten. Die Wupper sei so schwarz, daß, wer dort als National-Liberaler untertauchte, als Zentrumsmann wieder herauskäme. (Große Heiterkeit.) Das ginge doch nicht an, daß die Industrie — für die er gewiß alle Svmpathien habe — so verheerend auf das Leben in unseren Flüllen wirke. Auch auf dem Main liegen die Verbaltniste bedrohlich. Der Main wechfle häufig seine Farbe. Große Oel- schichten schwimmen dort herum. Der Macht des Kapitalismus müste auf tiefem Gebiete eine Grenze gesetzt werden. (Beifall.)
Staatssekretär Graf Pofadowöky: Das Reichsgesundheitsamt hat sich mit dieser Frage beschäftigt und bereits m 4 Fallen eingehende Gutachten abverlcmgt, von den Behörden m beim, Dresden und Mainz. Wir haben die Sache mttematisch begonnen am Rhein. Am 4. und 5. Januar hat eme Beratung statt- gefimden. Man flt überettigekommen, daß mindestens achtmal im Jahre eine Untersuchung stattfinden müste. Zu diesem Zwecke ist der ganze Rhein von der deuflchen Grenze bis , nach Koblenz tn Sektionen eingeteilt worden. Abgesehen von diesen allgemeinen Untersuchungen sollen noch besondere lokale Untersuchungen stattfinden, worntt auch beretts der Anfang gemacht tooroen ist.
Die systematische Untersuchung, die hier am Rhein an gestellt ist, soll eine Grundlage bilden, in derselben Weise ähnliche Untersuchungen an anderen deuflchen Strömen vorzunehmen. Daß, wenn es so wettergeht wie bisher, die deuflchen (Ströme kem nennenswertes (STement mehr für die Fische bieten und ferner eme große Gefahr für die Gesundheit bilden, unterliegt keinem gtuetfel. xtie Frage für uns ist nur die, wie man die Interessen der Landeskultur mit den Interessen der Industrie in Einklang bringen tonn. Damit beschäftigen wir uns jetzt, und es ist schon immerhin em erfreulicher Anfang gemacht worden. Ich bin fest entschlosseu-tieser ernsten ■ Frage fortgesetzt meine Aufmerksamkeit zu schenken.
genannt. beutfdfc Schwein ist stets gesund.
Das fremde bringt uns auf den Hund!
das ist Der Refrain Ihrer (nach rechts) Anschauungen Das nationale Schwein ist das einzig anständige Schwern. . Meisich: wir von der Linken sollen ja in landwirtschaftlichen Dingen nicht maßgebend sein. Wir verstehen ja angeblich nichts davon. Nun, ich glaube behaupten zu können: Auch von Ihnen, auch vom Bund der Landwirte selber, haben sehr viele, die als Sachverständige Den Mund groß auftim, keine andere Landwirtschaft kennen gelernt, als die im Berliner Tiergarten. (Große Heiterkeit.) Was verstehen Denn die meisten Großgrun.Dbesitzer von Der Landwirtschaft, wenn sie ihre Studien in einem hochfeudccken Kavallerieregiment gemacht haben? (Sehr gut! und Heiterkeit links.) ES könnte manchem von Ihnen garnichis schaden, wenn Sie zur Bereicherung Ihrer Kenntnisie z. B. das Buch meines Freundes David studieren wurden. (Sehr gut! bei den Soz. und Zuruf im Zentrum: Scbivpel!) Nun, auch Schivvel ist nickt von Pappe. (Heiterkeit.) Dessen Kenntniße könnten Ihnen auch nichts schaden. Die Liebesgaben- und Schutzzollpolitik sind das schlechteste Mittel, um Sie zu veranlassen, Ihre Produktion zu Verbellern. Lesen Sie doch einmal im Buch meine» Freundes David nach, was die Zölle der Landwirflchaft gebracht haben, daß sie nur gedient hcckm, die Großen künstlich aufzupappem und die Intensivierung Der Landwirflchaft zu ruckzuhalten. Nur Schaden hat die deuflche Landwirflchaft von der verfluchten Zollpolitik. (Große Unruhe rechts. Rufe: Zur Ordnung! Vizepra,ident Graf (Stolberg springt von seinem Sitz auf und legt tie eine Hand an die Glocke, die andere ans Ohr, ohne irgend etwas Rügens- Wertes weiter zu vernehmen. Ein Schriffliihrer scheint ihn über den Vorfall zu informieren; Vizepräsident Graf Stolberg setzt sich aber schließlich, ohne daß es zu einem Ordnungsruf gekommen ist.) Redner geht hierauf auf die Resolutionen betreffend
Giehener Anzeiger


