Nr. 25(S
Gr-Hein- täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem kjesfische» Landwirt die Grehener Familien» blätter viermal in der Woche beigelegt.
Äotattonßbrud n. Vertag der Brüh l'schen tlntvech-Buch- u. Stein- d rackere» (Pcetich Erben)
KedaMon. LrpedMoa und Druckeretr «cholftratze 7.
Adrefs« für Depeschen, Anzeiger Gtetze«. ßernsprrchanschluß 9tr. 6L
Viertes Matt.
153. Jahrgang
Smostag 31. Oktober 1303
Bezugspreis»
ZietzenerAnzeiger
w General-Anzeiger w
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
monatlich 75 Pl^ viertel-« jährlich Mk. 2L0; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pj.; durch die Post Mk. 2.— viertele jährt. auSschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen sür dir DageLnumrner bis vormittags 10 Uhr. ZetlenprrtSr lokal UlP^ atdtaxlrtfl 80 Pig.
DiP«ai00itHdL ttlr den poltt. and allgem, Teil: P. ötttto: für .Stadt und tZanb" und ,Gerichtesaaf» August Götz: für den Anzeigenteil: HanS Beck.
Kaufhavsdieomneu.
„MagaAinitis" ist eine Kultuvkra nkhieit, von der sicherlich erst die Wenigsten gehört haben werden. So jung sie ist, so gefährlich und gefürchtet ist sie aber auch schon. In dem Werk „Die Warenhausdiebinnen" von Dr. Paul Dubuisson rückt sie zum ersten M-ale in volle Beleuchtung. Die Warenhaus-Kleptomanie, diese eigentümliche Art von Diebstählen, zu denen in den großen Magazinen der Weltstadt wesentlich Frauen verlockt werden, behandelt Dr. Duduisson, der Gerichtspsychiater von Paris, als eines der jüngsten und interessantesten Gebiete der Psychiatrie. Dubuisson ist eine Art Psychologe der Warenhäuser und geht dem Problem mit dem ganzen psychiiatri- scheu Rüstzeug zu Leibe. Im ersten Kapitel des Dubuisson- schen Werkes heißt es:
„Von allen verbrecherischen Handlungen, die zurzeit die Aufmerksamkeit des Kriminalisten, des Psychologen und des Arztes auf sich lenken, ist kaum eine, die durch ihre Häufig- keit und durch die sonderbaren Umstände, die sie umgeben, eine eingehendere Betrachtung verdient als die Diebstähle in den großen Warenhäusern. Kaum vergeht ein Tag, daß nicht Die eine oder die andere der Strafkammern des Gerichts irgend eine des Diebstahls angeklagte Frau zu verurtellen hat. Wenn man ferner die große Zahl von Fällen dieser Art in Betracht zieht, deren Verfolgung aus den verschiedensten Ursachen, ehe sie zur Verhandlung gelangen, eingestellt wird, andererseits bedenkt, wie viele Diebstahle Vorkommen, deren Urheber nicht entdeckt werden, so ist man wohl zu der Annahme berechtigt, daß diese Art der Vergehen ganz außerordentlich häufig vorkommt.
Was das Interesse an diesen Vorfällen ganz besonders erhöht, ist die Qualität einer großen Zahl dieser Missetäter. Allerdings findet man unter ihnen auch berufsmäßige Diebe oder Diebinnen, die an den Hehler verkaufen, arnre Teufel, die in Versuchung geraten und einen Diebstahl begehen, um sich den notwendigsten Lebensunterhalt zu verschaffen, aber im Gesamtbilde ist diese Art von Missetätern sehr gering. Ter Warenhausdieb oder vielmehr die Warenhausdiebln — denn es handelt sich hier in der Hauptsache um Frauen — gehört sehr oft zu den wohlhabenden, ja manchpral sogar zu den reichen Gesellschaftsschichten. In vielen Fällen ist es eure gut erzogene Frau, deren Leben außerhalb des Warenhauses völlig einwandfrei ist, die ihre Bedürfnisse im umfangreichsten Maße zu erfüllen vermag und die zur Begehung eures Diebstahls weder durch das Elend noch durch die Triebfeder des Lasters veranlaßt wird. Die Beanrten, die der Beruf mit jener Kategorie von Missetätern in Berührung bringt, finden manchmal nicht Worte, um ihre lleberraschrmg und, manchen Fällen gegenüber, ihre völlige Verblüfftheit ausdrücken zu können.
Diese Fälle sind tatsächlich so eigentümlich, daß diejenigen Menschen, die durch Temperament oder Beruf am wenigsten dazu geeignet sind, in jedem Individuum, das das Strafgesetz verletzt, einen Kranken zu erblicken, sich doch, die Frage vorlegen müssen, ob Personen dieser Art wirllich die volle Selbstbeherrschung beschen. Ihre Erziehung, ihre Stellung in der Welt, dieser Widersinn einer Handlung, die durchaus unerllärlich ist, da sich die Be-
trefienden fast immer auf andere Weise befriedigen können, alles sollte darauf hirrwirken, sie davon Mrückzrchalten, und doch zeigt die Erfahrung ganz klar, oaß dies nicht der Fall ist.
Für die so schwer erklärlichen. Diebstähle dieser Art hat man vor dreiviertel Jahrhundert das Wort Kleptomanie oder Diebstahls-Monomanie geschaffen.
Es ist bekannt, was Esquirvl und seine Schiller unter Monomanie verstanden, nämlich ein dem Allgemeinen Irresein gegenüberstehendes partielles Irresein. „Der außerhalb des regulären Zustandes befindliche Kranke wird zu Handlungen hingerissen, die von Vernunft und Bewußtsein nicht beeinflußt werden, die das Gewissen zwar verwirft, der Wille aber nicht mehr zu unterdrücken vermag; diese Handlungen sind unfreiwillig, instinktiv und unwrdersteh- lich" Zu dieser Art von Monomanie, der instinktiven Monomanie, gehört die Klaptomanie.
Esquirvl, der den Säuserwahn, die Pyromanie und den Mordwahn gelten ließ und beschrieb, bewahrte über die Monomanie des Diebstahls völliges Stillschlveigen. Es ist kaum anzunehmen, daß es sich, hier um ein Vergessen handelt, da man in seiner Umgebung dieses Thema vielfach behandelte, und ich bin daher der Ansicht, daß er an die Monomanie des Diebstahls nicht glaubte. Seine Schüler jedoch die kühner oder logischer als er waren, zögerten nicht, die Manie des Diebstahls oder Kleptomanie an den Rahmen der instinktiven Monomanie einzufügen und ihr alle weiter oben angeführten Charaktermerkmale beizulegen.
Marc widmet in seinem, an Tatsachien so reichen und in vieler anderer Hinsicht so interessanten Werke der Kleptomanie ein wichtiges Kapitel. Nachdem er den Diebstahl bei den in chrem Geistesvermögen beeinträchtigten Individuen studiert hatte, kommt er zu den eigenllichen Kleptomanen.
„Es wäre ein törichtes Unterfangen, sich über diese seltsame Neigung auf theoretische Erörterungen einzulassen, da uns die Grenze der menschlichen Erkenntnis ohne jeden Nutzen für die Wissenschaft bald im Stich lassen würde. Meine Aufgabe wird sich demnach darauf beschränken, das tatsächliche Vorhandensein einer Diebstahls-Monomanie rrachzuweisen, und dieser Nachweis wird sich einzig und allein auf die Anführung mehrerer zutreffender Fälle stützen."
Hier folgen nun vierzehn Beobachtungen, von denen sechs einem Werke Matthevs entnommen sind. Alle diese Beobachtungen zeigen uns Männer oder Frauen, die in der Gesellschaft eine Stellung eiimehmen, einen ausgezeichneten Ruf genießen, in der Lage sind, ihre Bedürfnisse, ja sogar ihre Launen zu beftiedigen, und sich dennoch nicht des Stehlens enthalten können.
Da ist ein junges Vtädchen, Tochter reicher Eltern, von vornehmer Herkunft, die einen guten Charakter und gesunden Verstand besitzt, die alles an sich nimmt, was ihr in die Hände fällt: Taschentücher, Fingerhüte, Halstücher, Strümpfe, Handschuhe, die sie ihren Freundinnen wegnimmt.
Da ist ein Regierungsbeamter, der die seltsame Manie besitzt, Wirtschaftsutensilien zu stehlen, hier ein gebildeter Arzt, der in den Häusern, wo er als Gast erscheint, lediglich, Tischgeräte mit sich nimmt und niemals etwas anderes.;
Da ist wieder die Gattin eines berühmten Mannes, dü niemals etwas in einem Magazin. kauft, ohne nicht gleich zeitig auch irgend etwas zu entwenden. Da ist ein un gebeuer reicher Mann, der sich seine Suppe in der Rege dadurch verschafft, daß er sie mittelst einer Keinen Sprrtz aus dem Topf seines Nachbars herauszieht rc. rc.
Da Marc nicht ohne Grund fürchtet, daß es nur leicht sei, aus einem gewöhnlichen Dieb einen Kleptomaner zu machen, lenkt er die Aufmerksamkeit auf gewisse Eigen« tümlichkellen, die jede Verwechslung vermeiden lassen. (& empfiehlt ganz besonders, vor allen Dingen die soziall Stellung des Beschuldigten, seine gewöhnliche Moralität und den Wert der entwendeten Gegenstände in Betracht zr ziehen. Sobald der geringe Wert der entwendeten Gegen stände im Vergleich mit dem Vermögen des Diebes oder das Komische in der Auswahl dieser Gegenstände die Hand» lung unerklärlich erscheinet: lassen, so muß man, sagt er auf dem Wege der Exklusion dahin kommen, den Einfluß einer geistigen Verirrung und ganz besonders einer Klepto manie anzunehmcn, namentlich dann, wenn die Vernunß sonst völlig intakt ist."
Nach> kritischer Beleuchtung einer großen Anzahl tun Einzelfällen plardiert der Verfasser für mildere Beurtellunj und Behandlung dieser Erscheinung. Er sagt:
„Cs ist besser vorzubeugen, als zu strafen, sagt bi Weisheit der Völker, und die Organisation der Warew Häuser müßte danach trachten, die Diebstähle eher zu veo hindern, als sie zur Bestrafung zu bringen. Hier genügt» es, daß der Aufsichtsdienst zahlreicher und vor alle, Dingen sichtbarer, daß er sogar an besonderen Abzeichen erkennbar wäre. Wie viele Frauen würden davon ab« stehen, zu stehlen, oder würden die Gegenstände im Augen» blicke der Entwendung wieder zurücklegen, wenn sie selbsl nur von ferne die Silhouette des Aussehms erblicken würden Viele Diebe sind im Augenblicke der Tat in einem solche. Zustande der Ueberreiztheit — ich spreche hier von de. Kranken — daß irgend eine Erwägung moralischer Natui keinen Einfluß auf sie nehmen kann. Sobald aber plötzlich irgend eine materielle, wenn auch nur symbolische Er« scheinung auf sie einwirken würde, würden, meiner An» sicht nach, sicherlich viele an die Wirklichkeit erinnert werden.
Es gibt unter den herrschenden Gebräuchen noch einen dessen Notwendigkeit ich nicyt verstehe. Möge das Warerv Haus dafür sorgen, daß so toenig wie möglich gestöhle^ werde — es gibt sicher nichts, was gerechtfertigter toäre -j aber ist es notwetldig, ebenso häufig den Arm der Ge« rechtigkeit in Bewegung zu setzen? Es scheint doch, daß man weniger das Augeitmerk darauf lenrt, einen Schade, zu verhindern, als die Missetäter zu verfolgen. Was wart schlimmes dabei, wenn der Auffeher, der eine Diebin en wischt fyat, diese auffordern würde, zur Kasse zu geheil und den ientwetldeten Gegenstand zu bezahlen, anstatt sü aufzusordcrn, ihm zum Polizeitommisjar zu folgen? Wat würde das Warenhaus dabei verlieren? Man lvird sagen daß das den Diebstahl ermutigen hieße. Aber steht ei denn nicht fest, daß die BerufsDiebe, die einzig tvirklick gefährlichen Missetäter, dadurch gar nicht getroffen werdend
Sektbercitung. (Fortsetzung.)
Die Kellerbehandlung des Weines bei der Firma Chr. Adt. Kupferberg & Co., Mainz, erfolgt in dem großen Faßweinkeller, worin etwa 12 000 Hektoliter Wein in Fässern
verschiedener Größe ausgenommen werden. Hier wird der ^Verschnitt" (Cuväe) zusamrnengestellt, eine der wichtigsten Arbeiten der Sektindustrie, da in dem Verschnitt schon alle
jene Eigenschaften vorhanden sein müssen, welche später die betreffende Sektmarke auszeichnen. Für jede Sektmarke muß eine besondere Wllschung verschiedenartiger Weine hergestellt werden, und es gehört sichere Probe, sowie reiche Erfahrung dazu, das Rechte bei diesen Verschnitten zu treffen. Aus ,der harmonffchen Vereinigung sorgfältig ausgewählter eigengearteter Weine entsteht die Marke ^Kupferberg Gold". Diese Mischung wird nun auf denjenigen Zuckergehalt gebracht, der nötig ist, um die im fertigen Sekt perlende Kohlensäure zu erzeugen. Dies geschieht in dem Riesenfaß „100 000 'Liter Kupserberg Gold", das sür den Jahresbedarf nicht weniger als fünfzehnmal mit einem ' Ergebnis von 2 000000 Flaschen ge- „
füllt werden muß. Füllen der Flaschen.
Sobald der Verschnitt absüllfertig ist, heißt es sich rühren, denn der m genau bestimmter Menge vorhandene Zucker soll erst in der Flasche vergären, um die verlangte Kohlensäure zu erzeugen und zu bewahren. Von Anfang April bis August jeden Jahres werden die Flaschen abgefüllt, und zwar durchschnittlich 12 000 Flaschen pro Tag (die größte Tagesleistung aller deutschen Sektkellereien). Die vollen, mit guten Korken und eisernen Bügeln fest verschlossenen Flaschen wandern dann in die Gärräume, wo sie in großen Stößen ausgestapelt werden. Hier beginnt nun die überaus wichtige
Rüttler Dei oer 'Arbeit.
Flaschengärung; aus dem Zucker entsteht dabei Alkohol und Kohlensäure, letztere in reichlicher Menge. Der Drrlck in den Flaschen steigt bei dieser Gärung bis zu 6 Atmosphären; Flaschen „mit schwacher Brust" vermögen diesen Druck nicht auszuhalten; sie zerspringen und ihr Inhalt ist unrettbar verloren. Die Flaschengärung muß deshalb sehr sorgfältig überwacht werden, damit nicht zu viel Bruch entsteht.
Wahrend der Gärung hat die Hefe in der horizontal liegenden Flasche sich vermehrt, allmählich abgesetzt und soll nun auf den Stopfen gesammelt werden. Zu diesem Zwecke werden die Flaschen auf durchlöcherte, schrägstehende Pulte gebracht, woselbst sie von geschickten Arbeitern in eine rasche zitternde Bewegung versetzt werden. Diese Manipulation wiederholt sich täglich so lange, bis alle trüben Bestandteile auf dem Korke angelangt sind. Immer den Stopfen nach unten gekehrt, gelangt die Flasche zur Entkorkung. Der eiserne, den Kork auf der Atündung festhaltende Bügel wird gelöst, und mit lautem Knall schleudert der Druck der Kohlensäure den Pfropfen nebst der daran hastenden Hefe aus der Flasche heraus. Was dabei an Flüjsigkeck in einer Flasche verloren |
gegangen ist, wird durch Auffüllen aus einer anderen Flascht gleichen Inhalts ersetzt. Darauf wird die sogenannte Dosierung vorgenommen, d. h. der Sekt wird mittels einer Lösung des feinsten und reinsten Rohrzuckers in Wein auf den gewünschten Süssigkeitsgrad (süß, trocken und sehr trocken) gebracht. Schließlich wird die Flasche mit dem Versandt-Stopfen von bei denkbar besten Qualität verschloffen und dieser mittels eines Stahlhelmes maschinell festgepreßt.
Roch aber fft das Ziel nicht erreicht. Es bedarf noch einiger Monate Ruhe, um den Sekt versandtfähig zu gestalten. Auch diese Zeit geht vorüber, und, von schönen Gewändern und schützenden Hüllen umschlossen,
betreten die Flaschen nun die Welt, dazü
■I
1
■
'S
kredenzen.
trunk zu
und
bestimmt, bei Festlichkeiten jeder Art oder im Kreise fröhlicher Zecher den schönsten Labe-
Elektrischer Auszug, durch wie viele Hände sie
Nur ausge» reister, abgelagerter Sekt kommt aus dem Hause Kupserberg in den Handel.
Nahezu 200 Leute müssen sich täglich regen mit Kopf und Hand, damit die große Arbeit bewältigt werde. Man sieht es der fertigen Flasche
Kupferberg Gold, wenn sie so schmuck dasteht, nicht an, wie unendlich viel ' Mühe sie erforderte
den der deutsche Sekt sich jetzt und für alle Zecken erobert hat, insbesondere aber „Kupferberg Gold". 7937
wandern mußte, bis sie schließlich jenen Ehrenplatz auf der Tafel einnehmen kann,


