Ausgabe 
28.10.1903 Zweites Blatt
 
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Nr. 5853

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Zweites Blatt.

Mittwoch

153. Jahrgang

28. Oktober 1V03

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e General-Anzeiger

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Amts- und Anzeigeblatt für den Meis Gietzen MWZ Ty *ir zeigenteilr Han« Deck.

Die Heutige Kummer umfaßt 10 Seiten

Rußland, Arankreich und Deutschland.

Aus Darmstadt schreibt unser sd.-Korrespondent: Graf La ms dar ff ist Dienstag mittag nach Paris abgereist, wo jetzt auch Baron F r e e d r i ck s, der General- adjutant des Zaren, weilt, und wird Samstag abend wieder nach Darmstadt zurück kehr en. Doch soll alsbald seine Rück­reise nach Petersburg erfolgen. Eingeweihte wollen wissen, daß der deutsche Kaiser nach der Zusammen­kunft mit demZaren und dem Großherzog auch, einen Besuch auf Schloß Wolfsgarten machen wird."

Das PariserJournal des Debats" schreibt, es sei ganz natürlich, daß Gras Lamsdorff, welcher sich in der Nähe der französischen Grenze befinde, auf einige Tage nach Paris komme, umsomehr, als wichtige inter­nationale Fragen vorliegen, wie die Ereignisse im 'Orient und in Ostasien, welche große Aufmerksamkeit beanspruchen, ferner die französisch-englische und die französisch-italienische Annäherung, die für Rußland kein Gegenstand der Beunruhigung, ja sogar erfreulich seien. Die Unterlassung der Reise Lamsdorffs wäre auffallend gewesen, besonders mit Rück­sicht auf die Meldung, daß Kaiser Wilhelm und Kaiser Nikolaus in Wiesbaden zusammentresfen sollen. Die Gerüchie, daß die Festigkeit des französisch- russischen B ü n d n i ss e s erschüttert sei, feien durch­aus unbegründet. Rußland könnte sich vielleicht durch die gegen seine innere und äußere Politik gerichteten Trei­bereien gewisser französischer revolutionärer Kreise beun­ruhigt fühlen, aber die russische Negierung wisse, daß die große Masse des französischen Volkes dies Treiben ver­urteilt. Gras Lamsdorff wird heute (Mittwoch) nachmittag vom Präsidenten Loubet empfangen. Minister Delcasse wird dieser Audienz wahrscheinlich beiwohnen.

Man hat Grund, diese optimistische Auffassung des französischen Regierungsorgans in Zweifel zu ziehen. Einen vollen Tag wird Graf Lamsdorff den Besprechungen mit Minister Delcasso widmen; Versailles ist als Ort dieser Konferenz in Aussicht genommen. Rußlands Abgesandter wünscht also möglichst ungestört und durch keine Aufmerk­samkeit abgelenkt, Deleasso ins Gewissen reden zu können. Es ist keine Frage, daß seit dem Zeitpunkt, da die Unruhen auf dem Balkan ausgebrochen sind, russischerseits sich, ein Groll gegen die politische Haltung Frank­reichs angesammelt hat. In keiner Hinsicht hat Deleassö im Einverständnis mit den russischen Wünschen gehandelt. Die Mazedonier wurden insgeheim zum Ausharren er­mutigt, Fürst Ferdinand und die bulgarische Regierung er­freuten sich einer weitgehenden Unterstützung. Gelangten von Rußland kategorische Aufforderungen an den Fürsten, die Hand von den Aufständischen abzuziehen, so folgte als­bald eine milde Tröstung von französischer Seite, und es soll sogar die Unvorsichtigkeit und die Quertrei­berei gegen Rußland so weit getrieben worden sein, daß dem Bulgarenfursten dieEinmisä-ung einer Groß­macht", d. h. Frankreichs, im Interesse der Macedonier, in sichere Aussicht gestellt wurde. Genug, die russische Re­gierung scheint die Zeit benutzt zu haben, em erschöpfendes Material zu sammeln, um die Bombe au s f l i e g e n zu lassen, Deleassö in einer Generalabrechnung zu überfuhren, daß er beharrlich und allen Warnungen zum Trotz den In­tentionen des Verbündeten zuwider gehandelt hat. In Bulgarien hat man ein gesehen, daß es geraten ist, sich mit Rußland zu halten, und man ist demgemäß auf den Pfad der Tugend- zurückgekehrt; die Umkehr wurde den Herren in Sofia um so leichter, als sich herausstellte, daß Deleasse nur Illusionen erweckt hatte, im Ernst aber nicht daran dachte, den Macedoniern mehr als eine stille Unter­stützung zu gewähren. Dank dieser starken Enttäuschung und der dadurch hervorgerufenen Erbitterung gegen die Unzuverlässigkeit des Beraters durfte Nutzland rn den Besitz von mancherlei urkundlichen Beweisen gelangt sein, die Delcasses Spiel aufzudecken geeignet sind.

Noch ergrimmter aber dürfte man russi cherseits über dieRückversicherungsvertrage sem die wiederum auf Betreiben Deleasies mit England abge­schlossen worden sind, Vertrage, oie Rußland des Beistandes seines Verbündeten berauben, toemt es mit England in Ostasien aneinander gerat, eine Auseinandersetzung mit den Waffen, die sür unvermeidlich gilt. Die Abmachungenmit England, ebenso diejenigen mit Italien, sollen ohne l.edes vorherige Benehmen mit Rußland getroffen sem, die rustl.che Regierung soll einfach vor die vollzogene Tatsache gestellt ivorbext v^l behauptet, wenn

KMKkMSr tn einen Rausch des Entzückens versetzt haben.

Die Monarchen-Zusammentunft rn Wies- , < T* das B T." aus Petersburg erfahrt, auf

eine persönliche Anregung d es Kais ers i ko- r\ / riirückzufülren der in einem. Telegramm an Kaiser Wilhelm den Wunsch ausgedrückt habe, ni^

w verlassen, ohne den Kaiser gesehen und gesprochen §u vaben Kaiser Wilhelm habe bieje Anregung mit herzlicher S-W-S-MSMW i-°nlsdorsf aus Paris werde es sich entscheiden, ob der «ar von seurem Minister des Auswärtigen m Wiesbaden

Lüt werde. Für diesen Fall erwartet man in

Petersburg, daß auch Graf Bülow in Wiesbadeu an­wesend sein wird. Eine weitere Depesche aus Wiesbaden besagt, oaß der Aufenthalt des Kaisers daselbst aus drei bis vier Tage berechnet sei.

Aus Anlaß der Monarchen-Zusammenkunft sind in Wiesbaden umfassende Absperrungen für den 4. Novbr. vorgesehen. Auf dem Bahnhose findet militärischer Empfang des Zaren statt. Die Garnison bildet Spaller. Eine aus Paderborn eintrefsende Schwadron des Husaren-Regiments Kaiser Nikolaus II. von Rußland, 1. Wests. Nr. 8, wird die beiden Kaiser eskortieren.

Völkische Tagesschau.

Gegen da8 indirekte Landtagswahlsystem.

Eine sächsische W a h l r e ch t s k o n f e r e n z hat am Montag in Dresden getagt. Teilgenommen haben etwa 40 Herren, Mitglieder der Ersten und Zweiten Ständekammer, Präsidenten der 'Handelskammern, Oberbürgermeister der ersten Städte usw. Ueber den Verlauf her Konferenz ist nichts Sicheres bekannt geworden. Ein bestimmtes Ergebnis konnte überhaupt nicht erwartet werden, da die Konferenz nur informatorisch sein sollte. In der Presse tauchen hie und da Mitteilungen aus, die nur von bedingtem Werte sein können, weil sie unkontrollierbar bleiben müssen. Bon diesen Gerüchten verdient das eine hervorgehoben zu wer­den, daß in der Denkschrift, die der Konferenz vorgelegt worden ist, der Vorschlag enthalten sein soll, alle die­jenigen Wähler, welche den Berechtigungsschein zum ein­jährig-freiwilligen Militärdienste erworben haben, ohne Rücksicht aus ihr Einkommen der 2. Wählerklasse und alle diejenigen, welche eine aka­demische Prüfung abgelegt haben, der 1. Wähler­klasse zuzuweisen. Angesichts dieser Gerüchte scheint cs geboten, die Denkschrift oder wenigstens die etwaigen posi­tiven Vorschläge möglichst bald zu veröffentlichen.

Die Ungeheuerlichkeiten des Dreiklassen­wahlsystems erhalten eine neue Grundlage durch die Veröffentlichung der Uebersicht der Urwahlbezirte Ber­lins. Danach gibt es Urwahlbezirke, wo ein Wähler der ersten Abteilung mindestens 216000 Mark, ein Wähler der zweiten Abteilung mindestens 18000 Mark Steu­ern zahlen muß. In andern Wahlbezirken gehören Wähler, die einige wenige Mark Steuern zahlen, schon der ersten Wählerktasse an. Es ist sonach möglich, daß ein Minister in der dritten Wählerklasse zu wählen hat, während ein einigermaßen besser gestellter Ar b e iter der ersten Klasse angehören kann. Trotz des plutokrati- schen Wahlsystems kann et> also Vorkommen, daß ein Ar­beiter dreimal mehr politische Rechte hat, als ein Minister. Das sächsische Landtagswahlrecht hat festgesetzt, daß Wähler, die Steuern in bestimmter Höhe zahlen, unbedingt der ersten oder zweiten Wählerklasse angehören müßten. __________________________

Deutsches Keich.

Berlin, 27. Okt. Der Kaiser hörte heute den Vor­trag des Chefs des MilitärkabinettS von Hülsen-Häseler.

Ms künftiger Oberpräsident von Ostpreu­ßen wird denMünch. N. N." der frühere wildkonservative Reichstagsabg. Graf Dönhoff-Friedrichstein ge­nannt, dem der Kaiser nach der Annahme des russischen Handelsvertrags im Jahre 1894 telegraphierte:Bravo, recht wie ein Edelmann gehandelt."

" Zur Duellsrage hat die 5. Kommission der preuß. Generalsynode folgenden Antrag vorbereitet: Unter Bezugnahme aus die Verhandlungen der vierten ordentlichen Generalsynode und unter Anerkenn­ung der Bestrebungen sür einen vermehrten Schutz der persönlichen Ehre, legt die fünfte ordentliche General­synode von neuem Zeugnis dafür ab, daß das Duell Sünde ist. Seine gänzlicve Beseitigung auf dem Wege der Verbreitung und Vertiefung christlicher Erkenntnis und der Schärfung des christlichen Gewissens zu erstreben, bleibt nach wie vor unserer Kirche heilige Pflicht."

Die Berichterstattung hat Graf von Wintzingerode-Bo­denstein übernommen. c e ,r, .

Der verantwortliche Redakteur der freisinnigen Pankower Ztg." Friedrich"Salis, dem angedroht worden war, daß bei nochmaliger Verweigerung des Zeugnisses die Zwangs ha ft angewendet werde, hat im gestrigen Termin in fast einstündigem Verhör seinen Gewährsmann abermals nicht namhaft gemacht. Das Gericht beschloß zur Klarstellung der Angelegenheit die Akten an das zu­ständige Landratsamt zurückgehen zu lassen mit dem An­heimstellen, dem Pankower Amtsvorsteher aufzugeben, sämt­liche Gemeindebeamte amtlich darüber zu vernehmen, wer von ihnen die beanstandete Notiz in diePankower Ztg." gebracht habe. Redakteur Salis wurde entlassen.

Ueber einen Gesetzentwurf über Erwerb und Verlust der deutsch«en Staatsangehörigkeit teilt Professor Hasse in denLeipz. N. N." mit, er habe in Erfahrung gebracht, daß das Neichsamt des Innern und das Reichsjustizamt über den seit Jahren fertiggestell­ten Entwurf des Gesetzes einig sind.Wenn ich recht unterrichtet bin, auch das Auswärtige Amt. Dagegen machen das preußische Kriegsministerium und das Reichs- marrneamt unerwartete Schwierigkeiten in Bezug auf die Sicherstellung der Wehrpflicht der Deutschen im Aus- ^^^'ueber grobe Mißstände in sozialdemokratischen Be­trieben führen die Metzger bittere Klage. In der letzten öffentlichen Versammlung der Berliner Metzgergesellen wurde sestgestellr, daß in den Metzgereien, die der sozial- demokratiicye Rabatt-SparvereinSüdoft" kürzlich emge-

richtet hat, Zustände herrschen, die jeder Beschreibung spotten. Ungesunde Schlaf- und Arbeitsräume' sind vorhanden, sodaß man fidj genötigt gesehen hat, bei der Polizei Anzeige zu machen; weil die v r g a n i s i e r t e w Gesellen sich weigerten, 16 und 17 Stunden zu arbeiten/ wurden sie entlassen und unorganisierte ein­gestellt.

Danzig, 27. Okt. Minister Budde empfing hiev eine Deputation der Eisenb ahnarb eiter. Er äußerte sich sehr wohlwollend den Wünschen der Arbeiterschaft gegenüber und versicherte, daß bei der gegenwärtigen Umformung der Abteilung B. der Eisenbahn-Pen-, sionskasse besonders auf die Arbeiter Bedacht genom­men werden solle. Er werde auch einer Ausbesserungj der Löhne näher treten. Dann warnte der Minister dringend vor der Sozialdemokratie und bezeichn nete es als Pflicht jedes Eisenbahners, seinen Vorgesetzten von jeder s o z i a l i st i s ch e n A g i t a t i o n sofort Anzeige zu machen. Schließlich entbot er allen Arbeitern seinem Gruß mit dem Versprechen, was geschehen könne, für das; Arbeiterwohl zu tun.

Keer und Motte.

Berlin, 27. Okt. DerFigaro" läßt sich aus Metz schreiben, die nächstjährigen K a i s e r ma n ö v e r wür­den zwischen Saarburg und Saarunion stattfinden. Das kaiserliche Hauptquartier tarne nach Bonnefontaine, einem Schlosse Schlumbergers. Tie Manöver würden vier Armee­korps umfassen, das 14., 15., 16. und 2. bayerische Korps. Ter Korrespondent desFigaro" in Metz hat sich eine Ente ausgejagt. Wenn er den Herbst 1904 erlebt, wird er sehen,- daß die Kaisermanöver in Mecklenburg abgehalten wer­den und daß nur zwei Armeekorps daran teilnehmen.

Ausland.

Liverpool, 28. Okt. Von einer gewaltigen Men^ schenmenge bei seiner Ankunft stürmisch begrüßt, hielt! Chamberlain gestern abend in einer von etwa 5000s Personen besuchten Versammlung eine Rede, in welcher ec wiederum von der Einigung auf dem Gebiete des Handels als der notwendigen Vorbedingung für die Reichs ein he.it j sprach. Chamberlain apvellierte namentlich an die ar-« beitenden Klassen, indem er sein Wort darauf gab, berg; sich durch seine Vorschläge, welche auch der Schiffahrt unö der Industrie zu gute kommen würden, die Lebens-« Mittelpreise nichterhöhen würden. Auf das Aus­land übergehend meinte Chamberlain, man müsse einen, Weg sinden, sich mit diesen Ausländern zu einigen, um! die Beschränkungen des Handels los zu werden.

London, 27. Okt. Segatel Sagouni, Vorsitzen­der der Vereinigung armenischer Flüchtlinge in London, ist vergangene Nacht in der Londoner Vorstadt! Nunhead ermordet worden. Der Mörder ist entkommen.«

Petersburg, 27. Okt. Der Zar begnadigte den> Domprobst Wallin, Führer der Finnlander, der 1901^ dem Kaiser die sogenannte Volksadrefse gegen die Russi-! fizierung überreichen wollte, und gestattete ihm seine kehr in die Heimat.

Der makedonische R'formplan.

Es' hat lange gedauert, bis das Ergebnis der in Mür^- sieg zwisckM dem Zaren und Kaiser Franz Josef und ihren StaaL-smännern gepflogenen Beratungen der Pforte übermittelt und der Oesfentlichkeit verbreitet werben; konnte. Die Reise des Zaren nach Darmstadt, sowie- eine taktvolle Rücksichtnahme auf den Sultan, der seinen! dritten Sohn verloren hat, mögen die Verzögerung erllären.

Die jetzt bekanntgegebenen Vereinbarungen Mischen! Rnßland und Oesterreich wollen in erster Linie die Aus-- sührung des Februar-Reformprogramms sicher stellen. Eine Erweiterung hat dieses Programm lediglich in der Richt-^ ung erfahren, daß in die Instruktionen der Botschafter jene Bestimmungen ausgenommen wurden, welche zur Heilung! der durch die Jusurrelliou und ihre Bekämpfung verur-» sachten Schäden im Aufstandsgebiete erforderlich geworden waren. Was die Durchführung der Reformen auf dem Gebiete der Verwaltung anbelangt, so werden dem türki­schen Generalinspektor besondere Assistenten der beiden' Kaisermächie beigegeben, welche als Vermittler zwischen ihm und den christlichen Bewohnern der Vilajets fungieren untf sich bei ihrem Vermittler amte entsprechender Hilsskräfts bedienen können. Ueberall werden neben den türkisches Beamten österreichf-ungarische und russische Ueberwachungs- organe tätig sein, um auf diese Weise das Vertrauen der Bevölkerung in die Resormtätigkeit zu stärken und die Her­stellung einer geordneten und befriedigenden Verwaltung zu sichern. Dag dieser Ueberwachungsdienst nur für die Dauer von zwei Jahren in Aussicht genommen ist, be­weist den provisorischen Charakter dieser Maßnahme. Was endlich die Umgestaltung der Gendarmerie anbetrifft, so wird dieser Teil des Resormprogramms ebenso wie die militärische Ueberwachung der türkischen Truppen in ihrem Verhalten gegen die Bevölkerung den Charakter einer internationalen Kontrolle erhalten, da für diese Aufgabe militärische Funkttonäre aller Großmächte herangezogen werden sollen. Daneben wird auch stlr die Zurückbeförder­ung der geflüchteten Dvrfbewolmer und für den Wieder­aufbau ihrer verwüsteten Heimstätten Sorge getragen.

Aus Ituöl und Sani).

Gießen, den 28. Oktober 1903.

*" Personalien. S. K. H. der Großherzog haben am 24. Oktober d. I. den evangeilscheu Dekan des Dekanats-,