Nr. 148
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Drittes Blatt.
153. Jahrgang
Samstag Ä7.JNM1S03
GiehenerAnzeiger
General-Anzeiger w
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Verantwortlich für den poltL und öligem. Teil: P. Wiltko. für .Stadt und tiantr und .Gerrchtssaal*: August Götz, für den Anzeigenteil: Han- Beck.
Die Anti-Fkust-^liga.
Unter dem Einfluß der letzten Machenschaften der deutschen Vertreter des Trusts, unter dem Eindruck, den die Bildung einer Gesellschaft für den Import von Havanna-Zigarren hervorrief, — einer Gesellschaft, deren Aufgabe es ist, den Handel in vertrusteten Havanna- Zigarren-Marken, selbstverständlich zum Nachteil der bisher in diesem Handelszweige engagierten deutschen Händler, in ihren Händen zu zentralisieren, — wurde es möglich, die Einigung unter den deut sch en Interessenten, in die Wege zu leiten. Die größten Fach.- verbänoe Deutschlands, der „Zentralverband deutscher Zigarren- und Tab akladen-Jnhab er (Sitz Hamburg)", der Veranstalter des gegenwärtig in Köln tagenden Berbandstages, der große „Deutsche Tabak- Verein", — die einflußreichste Fachvereinigung, — der „Verband deutscher Zigaretten- Fabriken in Dresden", haben Mittel und Wege in Beratung gezogen, um den Trust in praktischer Weise zu bekämpfen. Zu diesem Behufe, und wenn auch nicht der Form und dem Namen, aber dem Wesen der Sache nach, hat sich eine Liga gebildet, welche der Hydra des Trusts ein siebenköpfiges Komitee entgegenstellt, zu dessen Mitgliedern die tonangebendsten Vertreter dieser Industrie gehören. Dieser, der Anti-Trust- Liga in den Vereinigten Staaten parallele Verband, führt den Titel des „Trustausschusses". Die Aufgabe der Kommission besteht darin, praktische Maßregeln zu treffen, den Fachvereinen mit Rat und Tat au die Hand zu gehen, statistisches Material zu kompilieren, die Maßnahmen der „AmericanTobaccoC o." hüben wie drüben zu ü b e r- wachen, Propositionen in Beratung zu ziehen, welche die Möglichkeit zu bieten scheinen, den Trust energisch bekämpfen zu können. Ter Trustausschuß, dessen immittelbare Leitung ,ür den Händen einer bewährten Kraft, des uns Gießenern wohlbekannten Syndikus des Deutschen Tabakvereins, I. Schloßmacher in Offenbach, liegt, kommt einem dringenden Bedürfnis der Fachkreise nach und es ist zu hoffen, daß die auf diese Weise geschaffene Spezialorganisation in der Lage sein wird, selbst unb durch ihre Hilfsorgane fachgemäße Aufklärung über die Gefahren zu erteilen, die das Umsichgreifen des Trusts in sich schließt, über bte brutale Rücksichtslosigkeit, die er in den Vereinigten Staaten an den Tag gelegt hat, der Tausende von Existenzen zumOpfer gefallen: über die Politik einer Handelsgesellschaft, die über Tausende und Tausende von Vermögensleichen hinweg, ein Handels-Gebiet an sich zu reißen auf bem besten Wege ist, welches bisher Tausenden Brot gegeben und eine auskömmliche Lebensunterhaltung ermöglichte: — auf deren Machenschaften es zurückzuführen ist, daß Tau sen d e au s bescheidener Selbständigkeit herausgerissen und ins Proletariat gestoßen wurden, deren Vorgangsweise in England zu einem Aufschrei der damals hilflosen Detaillisten des Zigarren- und Zigarrettengewer- bes geführt. %
In Verbindung mit der Antitrustbekämpsung ist es von Interesse, daß ,c5 dem Tabakgewerbe in Berlin endlich gelungen, eine selbständige Vertretung an der Berliner Handelskammer zu erringen. Bisher hatte dieser wichtige Produktionszweig keine Alleinvertretung. In dem durch die letzten Wahlen für die Berliner Handelskammer normierten Delegierten, Gustav Kaphun, dessen Tätigkeit in Fachausschüssen, insbesondere als Präsident des Vereins aller Tabakinteressenten für Berlin und Umgegend und als Sachverständiger für das Tabakgewerbe allgemein Anerkennung ' gefunden, hat das Tabakgewerbe die er- sel)nte sachkundige Vertretung an der Berliner Handelskammer gefunden.
Volttische Tagesschau.
Verband deutscher Cigarren, und Tabakladeninhaber.
Dr. Max Vosberg-Reckow hielt am 24. d. M. in Köln einen Vortrag über die Bekämpfung der Trusts. Das rauchende Publikum müsse durch die Presse darüber aufgeklärt werden, was Trustware sei. Längere Zeit beschäftigte man sich mit einem Anträge, an den Reichskanzler, Eisenbahnminister usw. zu petitionieren um Erlaß eines Verbotes des 93erfa ufes von Zigarren, Zigaretten und Tabak in Beamtenkonsumvereinen. In der Diskussion wurde hervorgehoben, daß man mit einer derartigen Eingabe wenig Glück haben werde. Eine größere Gefahr für die Ziaarrenhändler bilde der von vielen Beamten, Polizeikommissaren, städtischen Sekretären usw. in großem Umfange betriebene geheime Handel mit Zigarren. Andere empfahlen, dahrn zu wirken, daß alle Konsumvereine zur Steuer herangezogen würden. Der Antrag wurde schließlich dem Zentralvorstand als Material überwiesen. lieber Filialunwefen referierte Hr. Volkmuth.aus Köln. Derselbe trat für eine progressiv steigende Besteuerung der Filialen ein. Vielfach wurde dieser Ansicht zugestimmt; andere meinten, man dürfe den Zigarrenhändlern nicht die Gelegenheit nehmen, sich zu vergrößern. Die besondere Besteuerung der auswärtigen Filialen sei dagegen zu empfehlen. Von anderer Seite wurde betont, daß die Filialbesteuerung von Reichs wegen geregelt werden müsse. In Preußen werde Gewerbesteuer von jedem Geschäft erhoben, keine Filiale sei steuerfrei; aber es empfehle sich, die Gewerbesteuer zu beseitigen und dafür eine progressiv steigende Umsatzsteuer einzuführen. Allerdings werde man hiermit sobald nicht durchkommen. Weiter wurde empfohlen, um diejenigen Fabrikanten, welche den Filialbesitzern größere Konzessionen machen, besser zu treffen« Einkaufsgenossenschaften zu gründen. Es wurden verschiedene Anträge eingereicht, jedoch kein bestimmter Beschluß gefaßt. Bezüglich der Errichtung von Kaufmannsgerichten analog den Gewerbegerichten lag ein Antrag der Ortsgruppe Hamburg vor. In der Diskussion empfahl man zwar die Angliederung der Kaufmannsgerichte an die Gewerbegerichte, war aber der Ansicht, daß sich dieses in absehbarer Zeit noch nicht erreichen lasse. Immerhin sollen die einzelnen Ortsgruppen diese Frage nicht aus dem Auge lassen. Der geschäftsführende Ausschuß wurde wiedergewählt, als Vorort wieder Hamburg uild als Ort für den nächsten Verbandstag München bestimmt. Es gelangte noch eine Resolution der Ortsgruppen Breslau, Erfurt und Halle zur Annahme betreffend Eingabe an Reichs- und Landtag bezüglich der Besteuerung der Beaniten-Konsum- b er eine. Die Eisenbahn-, Polizei- und Postbehörden usw. sollen ersucht werden, den Verkauf von Zigarren durch Beamte zu verbieten.
Eisenbahn Zeitung.
Stuttgart, 25. Jrmi. Nach einer zweitägigen, teilweise sehr lebhaften Debatte, in welcher gegen Baden, Bauern und die Schweiz, sowie gegen Preußen schwere Vorwurfe erhoben wurden, dahingehend, daß diese Staaten die württeinbergischen Eisenbahnen durch Umleitung 8es Verkehrs konkurrenzieren würden, ist heute einstimmig ein von den verschiedenen Parteien eingebrachter Antrag angenommen worden, in dem die Kammer die Regierung ersucht, das Interesse Württembergs an der gleichartigen Enrwickelung des Eisenbahn-Verkehrs den anderen Eisenbahn-Verwaltungen gegenüber mit aller Entschiedenheit zu verfolgen und auf eine Beseitigung des der- zeitigen sowohl dem Sinn und Zweck des Artikels 42 der Rerchsversassuny als dem Grundsätze einer einheitlichen deutschen Wirtschaftspolitik wie dem Anspruch aller Bundesmitglieder auf Schutz gegen künstliche Unterbindungen ihres Verkehrs durch
andere Bundesstaaten widersprechenden Zustandes hinzuwirken. Sodann wurde noch mit 51 gegen 18 Stimmen ein Antrag auf Einführung der Kilometerhefte angenommen.
Mteratur.
Marcel Prevost, Die kleine Venezolanerin, Novellen. Umschlagzeichnung von Franz Christophe. Geh. Mk. 1.—, Verlag von Albert Langen in München. (Kl. Bibl. Nr. 60.) Vielleicht noch mehr Erfolg als mit seinen berühmten großen Romanen hat Marcel Prevost von Anfapg an mit den kleinen Novellen gehabt, in denen er nach Mau- pajsant wohl der erste ftanzösische Meister ist. In diese gleichsam komprimierte Form versteht er immer einen Inhalt zn gießen, der originell, geistreich, witzig Pointiert ist. Sein Stil ist fein, knapp und echt künstlerisch. Seine Menschen sind mit der feinsten Seelenknnde geschildert, namentlich die moderne Franenpsyche liegt wie ein aufgeschlagenes Buch vor ihm. Darin kommt ihm kein anderer gleich.
Kirchliche Nachrichten.
Katholische Gemeinde.
Samstag, den 27. Juni 1903.
Nachmittags um 5 Uhr und abends um 8 Uhr: Gelegenheit zur hl. Beichte.
Sonntag, den 2 8. Juni.
4. Sonntag nach Pfingsten.
Firmung.
Vormittags von 6 V, Uhr an: Gelegenheit zur heil. Beicht.
„ um 6 Uhr: Die erste heil. Messe, vor und in derselben Austeilung der heil. Kommunion.
, um 7 Uhr: Messe des Hochwürdigsten Herrn Bischoss, in derselben Kommunion der Firmlinge.
„ um 8 Uhr: Heilige Messe.
Militärgottesdienst.
Vormittags um 9 Uhr versammeln sich die Firmlinge in der Kirche. (
, um 91/* Uhr: Einzug des Hochwürdigsten Herrn Bischofs.
Vormittags um 9 >/, Uhr: Hochamt mit Predigt.
Nach dem Hochamt
Firmung.
Nachmittags um 3 Uhr: Andacht mit Segen.
, um 4'/, Uhr: Versammlung der Gemeinde in der Kirche.
w um 5‘/< Uhr: Abreise des Hochwürdigsten Herrn Bischofs nach Alsfeld.
Ein Plaid und eine Schachtel
ftg sollte man immer mit aus die Reise nehmen--nämlich
S eine Schachtel Fays echte Sodener Mineralpastilleu. Ge- Ä rade auf Reisen ist man nie vor Erkältung sicher und da ist's gut, wenn mau gleich etwas zur Hand hat, den Erkältungs- 2 erscheinungen zu begegnen. Und dazu sind die Pastillen vor- W tressllich geeignet. Sie lassen sich bequem in der Tasche mi— Ak führen und sind überdies in allen Apotheken, Drogerien, T* Mineralwasserhandlungen für 85 Pfennig per Schachtel zu haben. 5046
aber nur in Flaschen, wo Plakate aushängen.
Plaudereien aus der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Berlin als Gartenstadt. — Der Humboldthain und wie er seinem Namen Ehre macht. — Eine Zauberinsel im Tegeler See.
Der Berliner Garten steht im Reiche nicht gerade in hohem Ansehen, und wenn man seine Kenntnisse auf diesem Gebiete ans sommerlichen Bierreisen bezieht und alle jene „Gartenlokale" in der Metropole Revue passieren lä&t, die optimistische Wirte aus drei Epheutasten und zwei Lorbeerbäumen in Kübeln hergestellt haben, wenn sie nicht gar nur ein Bohnenspalier an einer grauen Giebelwand als „Garten" ausgeben, dann kann man wirklich keine allzu große Meinung von Berlin als Gartenstadt gewinnen. Aber ich rede hier nicht von den Biergärten, die hier und dort in Wahrheit mit schattigen Bäumen und blühendem Strauchwerk ja auch noch vorhanden sind, sondern von den öffentlichen, durch Stadt und Staat gepflegten grünen Oaseil in dem großen steinernen Meere. Denn neben dem allbekannten Tiergarten weist Berlin jetzt eine große Reihe herrlich geschmückter Plätze und Parks auf, und die zumal in den letzten Jahrzehnten entstandenen Straßen sind vielfach mit prächtigen Alleen versehen. In erster Linie verdankt ba» die Reichshauptstadt ihrem einstigen Gartendirektor Gustav Meyer, einem Schüler des bekannten Sans- souci-Lenns, dessen System noch heute in Ehren steht. Und von deil ca. 50000 Bäumen, die im Innern Berlins zu finden sind, kommt der größte Deil noch auf sein Arbeits- lvnto Was in kleinen Städten als unwesentlich ober überflüssig erschemt, hat er mit liebevoller Ausdauer betont und durchgesnhrk, und noch heute wird keine neue Schule gebaut, deren Mauern man nicht mit einem hübschen Schlinggewächs umkleidet, deren Hof man nicht zu einem schmucken Garten ansgestaltet, soweit der Raum das nur gestatteli will. Auch die Rasenflächen und Bosketts, die
erfrischenden Springbrunnen auf unseren öffentlichen Plätzen sind vielfach seinen Anregungen zu tierbauten; der Treptower Park, ein Quisifana für den sonst stiefmütterlich bedachter: Osten, ist sein Werk; vor allem aber predigt der Humboldthain das Lob dieses wackeren Florafreundes. Der Humboldthain, im Norden der Stadt, dicht am Gesundbrunnen gelegen, ist allerdings nur klein im Vergleich zu dem sechsmal so großen Tiergarten; aber er ist trotzdem von einer Mannigfaltigkeit, die zu dem großen Namen paßt, den er trägt. Er wurde 1869, im Säkularjahre Alexanders von Humboldts, angelegt und nach siebenjähriger Ausgestaltung dem Publikum überlassen. Man kann ihn mit vollem Recht einen kleinen botanischen Volksgarten nennen; denn man findet in ihm alle vorhandenen Gehölze nach ihrem geographischen Vorkommen in Vegetations- gebicte und Zonen geordnet und mit ihren botanischen Namen versehen, und allwöchentlich werden aus ihm unzählige Pflanzenbündel als Anschauungsmaterial für den naturgeschichtlichen Unterricht in alle städtischen Schulen Berlins. Daß wir in diesem riesigen Rauch und Dunstkreis auch noch eine große 9JZenge Privatgärten haben, zumal bei den Ministerhotels der Wilhelmstraßc und in der weiteren Nachbarschaft des Tiergartens, ist von nicht zu unterschätzendem Einfluß; aber auch an schwebenden Gärten fehlt es uns nicht. Und manch ein nüchternes Geschäftshaus, das in allen Etagen rechnende Jünglinge sitzen hat, während in den Hinterräumen lärmende Werkstätten aufgeschlagen sind, zeigt oben auf seinem flachen Dache ein überraschendes Naturidhll mit lustig blühendem Strauchwerk und allerlei Blumenzierrat; für poetisch veranlagte Nachbarskinder manchmal so recht ein Schauplatz zur Pflege der zarten Sehnsucht und des ßen Hoffens. Und bic- keinen können hier oben ui i so rci jer in Seligkeit schwelgen, als der Hinttnel, den das Auge dabei offen sehn soll, ihn ja vier, fünf Etagen näher ist als unten auf d m profanen Asphalt der Leipziger Straße. Für Leute,
die eine Liebhaberei für die Kinder Floras hegen, birgt übrigens die nächste Umgebung Berlins ein ganz wundervolles Stückchen Erde. Das ist die Zauberinfel „Scharfenberg" im Tegeler See. Und wer hinausfährt in den stillen Park von Tegel, in denen die Gebrüder Humboldt ihren stimmungsvollen, von unendlich köstlichem Frieden umwehten Ruheplatz gefunden haben, der ist ein Tor, wenn er sich nicht auch nach der unscheinbaren Insel hinüberfahren läßt. Wie eine Fatcunorgana taucht es vor uns auf, wenn wir durch Schilf und Buschwerk durch das Innere des Eilands, zum scharfen Berg hinan bringen. Ein köstliches Waldesleben umfängt uns. Graue Findlinge lagern zwischen Stecheiche und Taxusstämmen, und durch die Zweige her schimmert der silberöurchfurchte blaue See von Tegel. Wachholderbüsche umsäumen den Weg, der uns bergab fuhrt in eine ferne Wunderwelt. Da grüßt uns Kaliforniens» riesiger Lebensbaum, dort strahlt das Helle Laub der Magnolien, hier wispert ein Windhauch in den seltsam abgestumpften Blättern des Tulpenbaumes. Bambus streckt sich empor mit feinen schlanken Stengeln; Chrisantemen breiten ihre leuchtenden Blüten ans; allerlei Würzehauch von südländischen Pflanzen umschmeichelt die Nase. Weiterhin zeigen sich kanadische Eichen. Prächtige Pcrlmenlilien wiegen kokett die Schellenbäumchen ihrer weißen Glocken blüten. Douglastannen, japanische Tannen, sibirisches Nadelholz, Maulbeerbäume — alle Länder, alle Zonen sind vertreten auf dem kleinen Zaubereiland, das der Wille eines Menschen in langer Arbeit zu dem geschaffen, was es heute ist. Es ist das Eigentum eines wohlbekannten Botanikers, der die Bäume und Blumen zu seinen Kindern gemacht hat, da das Leben ihn einsam ließ. lind auch als märkischer Lyriker ist der Name des Schöps. »on Scharfenberg wohl dem und jenem bekannt, lvenn auep die Berliner Popularität dieses Namens auf einem gen:., anderen Gebiete erzielt wurde. Er hei'l nämlich Dr. Marl Bolle. A. ui.


