Nr-. 17Ä
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Hernsprechanschluß Nr. 5L
Drittes Blatt.
153. Jahrgang
Samstag 25. Juli 1903
Eichener Anzeiger
** General-Anzeiger v
Amts- und Anzeigeblatt für den Meis Gießen
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Acht oder nie.
Man schreibt uns aus Berlin, 23. Juli:
„Jetzt oder nie", muß sich die preußische Regierung sagen und schleunigst die schicksalsreiche Mrnalvorlage aus dem Aktenschrank hervorholen. Viel Staub dürfte sich auf diesen Entwürfen abgelagert haben; wir glaubten nicht so recht an die tröstenden Notizen, die von Zeit zu Zeit verbreitet wurden; daß immer noch an der „Vervollkommnung" der Vorlage gearbeitet werde. Als Herr v. Thielen ging, der unermüdliche Kanalvorkämpfer, da wird man Sie dicken Bände voll Studien, Gutachten, Kostenberechnungen als „lästigen Mahner" kurzer Hand beiseite getan haben. Graf Bülow vertrat, wie die Politiker sich erzählen, die Auffassung, Zolltarif und Kanalvortage vertragen sich nicht miteinander. Wolle die Regierung im Reichstag den ersteren durchbringen, dann müsse ftir gut Wetter im preußischen Landtag gesorgt werden. Der offizielle Grund für die Nicht-Verquickung — wie der schöne Ausdruck lautete — der beiden Vorlagen gestaltete sich etwas anders: die ganze Kraft der Parlamentarier sei auf den Zolltarif zu konzentrieren. Dann aber, nachdem dies Werk erlediigt, werde unverzüglich, nachdrücklich, mnrit größter Entschiedenheit die Kanalvorlage wieder ausgenommen werden.
Unter den Ankündigungen der Arbeiten, die den neuen preußisch<en Landtag beschäftigen sollen, soweit diese Ankündigungen einen beglaubigten Charakter besaßen, hat aber noch keines Menschen Auge das „eminente Kültur- werk" erblickt. Es war verschwunden, wie andere Ideale der Wirklichkeit entrückt. Tie Hochwasser-Katastrophe in Schlesien hat es zu neuem Leben erweckt Für Schlesien ist es eine unbedingte Notwendigkeit, daß mit der Verbesserung der Flußverhältnisse, und zwar in großem Stile, nicht mit Flickerei, sondern durchgreifend, begonnen wird. Nicht minder drängend sind ähnliche Vorkehrungen und Wasserbauten gegen Ueberschwemmungen in der Mark. Da ist die beste Gelegenheit, ganze Arbeit zu machen. Die agrarische „Deutsche Tagesztg." wittert denn auch Morgenluft, sie schreibt: „Die nächste Ausgabe der Regierung auf wasserwirtschaftlichem Gebiete darf nicht heißen Kanalvorlage, sondern Schutz der preußischen Bevölkerung vor Wasserschäden". Die Worte „darf nicht" klingen kategorisch genug, sie erinnern an den Kommando-Ton, den die bei den Wahlen verunglückten Bundeshäuptlinge im Reichstag anschlugen, wenn sie den 'Männern ihres Vertrauens das Gewissen schärften. Aber die Regierung wird sich hoffentlich nicht von dem rauhen Zurück ins Bockshorn jagen lassen. Sie' darf nicht nur, sie muß jetzt den langsich^igen Wechsel auf die Kanalvorlage einlösen. Zu keiner Zeit waren die Aussichten, sie durchzubringen, günstiger. Der Druck liegt in den Verhältnissen. Wir möchten einmal sehen, wie die Neuwahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus ausfielen, wenn die Regierung es sich zur Aufgabe machte, ohne Rücksicht von jedem konservativen und freikonservativen Kandidaten die Hand abznziehen, der sich als Gegner der Wasserstraßen bekennt. Da würde wohl'manche Lichtung in den Rechen der Rechten entstehen. Auch das Zentrum kann nicht länger sich spalten in Bezug auf die Kanalpläne; seine Abgeordneten in Schlesien wie in den Industriegebieten des Westens werden im eigenen Interesse für die Geschlossenheit der Partei sorgen müssen. Es gibt für die Regierung nur eine gute Parole bei den Neuwahlen in Preußen, und das ist die Kanalvorlage. Wird auch jetzt wieder die Gelegenheit versmrmt, dann kann man nur annehmen: Es soll nicht sein!
Ktteratur.
Im Verlage von B. G. Teubner in Leipzig erschien soeben: Der deutsche Buchhandel und die Miss en - schäft. Denkschrift, im Auftrage des Akademischen Schutzvereins verfaßt von Dr. Karl Bücher, ord. Profesior der Nationalökonomie an der Universität Leipzig. (IV und 251 S.). 8. geh. Mk. 1.60. — In diesem Buche wird, nach den Worten des Verfassers, r$u zeigen versucht, wie sehr die Ringbildung im Buchhandel das deutsche Geistesleben berührt und in wie hohem Grade die zu Gunsten eines einzelnen Standes ergriffenen Maßnahmen die ganze Nation gefährden. Kein Zweifel, der stehende deutsche Buchhandel ist n i cht jene vollkommene Organisation, als welche man uns ihn so lange angepriesen hat. Er erfüllt seine Aufgabe im Wirtschaftsleben unseres Volkes nur ungenügend, und auch dies nicht in der billigsten, sondern in der denkbar teuer st en Weife. Er fordert von der Nation Opfer, wie sie der angeblich viel unvollkommenere Buchhandel anderer Kulturländer nicht beansprucht, und er stellt die Geistesarbeit, der er alle seine Erfolge verdankt, schlechter, als daß ein Volk, in dem jeder auf Grund staatlicher Anordnung lesen und schreiben lernt, dies länger ertragen könne. Weitere Opfer können zu Gunsten einer in ihren Grundlagen veralteten, in quietistischer Selbstgenügsamkeit erstarrten Organisation nicht gebracht werden. In Wirklichkeit sollen völlig veraltete, den heutigen Bedürfnissen nicht mehr genügende Zustände konserviert werden, über welche die tatsächlich vollzogene Entwicklung bereits zur Tagesordnung über- gegaitgett ist. Auf der einen Seite an sich schon ungesunde, durch künstliche Steigerung des Handelsgewinns noch beförderte Vermehrung der Sortimentsbuchhandlungen, auf der andern die stetig weilerschreitende Entwicklung des Wanderbuchhandels und des direkten Vertriebs der Verleger, und damit das offene Eingeständnis, daß das Sortiment zur Erfüllung seiner Funktion untauglich geworden ist; in letzterem stark pathologische Erscheinungen, wie Unzufriedenheit der Gehilfen, eine rasch wachsende Inanspruchnahme der Frauenarbeit, zunehmendeVer- schuldung,Sinken des d ur ch s ch n i t t l i ch e n Bildungs- Niveaus, Mangel an Regsamkeit und Initiative; im ganzen aber dre Tatsache, daß bei unerhört hohem Handelsgewinn das Einkommen der einzelnen ungenügend ist und daß im Buchhandel mehr Kräfte festgehalten und vom ganzen Volke bezahlt werden, als bei einer rationellen Ordnung der Dinge nötig wären. Befferungsvorschläge sind in den letzten Jahren genug hervorgegangen; aber jeder derartige Plan erfordert Initiative, freie Bewegung, Energie, und diese Eigenschaften können unter dem Druck des Kartells nicht zur Geltung kommen. Der Ring, der die gebundenen Kräfte solange schon umschließt, muß erst gebrochen sein; der Buchhandel muß sich der Mittel, die dem deutschen Handel auf anderen Gebieten zu so hohem Ruhme verholfen haben, erst bewußt werden und frei bebienen können, dann wird er auch aus eigener Kraft die Keime und Ansätze hoffmmgsreicher Neubildungen, die jetzt der Verkümmerung anhennfallen, zur Entwickelung und Blüte bringen."
Landwirtschaft.
— Saaten st and in Preußen um die Mitte des Monats Juli 1903. (1 sehr gut, 2 gut, 3 mittel, 4 gering, 5 sehr gering.) Winterweizen 2,8 (Juni 1903 2,9), Sommerweizen 2,6 (Juni 2,5), Winterspelz 2,1 (2,2), Winterrogen 2,6 (2,6), Sommerrogen 2,8 (2,8), Sommergerste 2,6 (2,6), Hafer 2,7 (2,6), Kartoffeln 2,8 (2,8), Klee 2,6 (2,4), Luzerne 3,0 (2,7), Wiesen 2,6 (2,5). In den Bemerkungen der statistischen Korrespondenz heißt es, die Gesamtlage habe sich gegen den Vormonat nicht wesentlich geändert. Ueber schädliche Tiere wird im allgemeinen wenig berichtet. Von schädlichen Pflanzen sind in den meisten Berichten Hederich und Unkraut im allgemeinen erwähnt. Es wird berichtet, daß das Unkraut wegen großer Nässe im Mai, teilweise auch wegen Leutemangels nicht zu rechter Zeit ausgejätet werden konnte und nun ein kaum noch zu bewältigendes Nebel geworden ist. lieber die einzelnen Fruchtarten ist folgendes zu bemerken: Winterweizen behielt meist dünnen Bestand bei, das heißt, eine wesentliche Besserung im Berichtsmonate ist nicht erreicht. Wo er unter der Nässe zu leiden hatte, ist Rostbildung nicht ausgeblieben. Der Stand des WinterroggevS ist während des Berichtsmonates im allgemeinen dem des VormonatZ
gleichgeblieben. Von Klee und Luzerne ist der erste Schnitt, besonders von ersterem, reichlich auSgefaQen und gut geborgen. Die anhaltende Trockenheit im Berichtsmonate habe aber den Nachwuchs beider Kulturen sehr geschädigt, am meisten Luzerne. Auch der erste Schnitt der Wiesen hat sowohl der Menge wie der Güte nach im allgemeinen reichlichen Ertrag gebracht und ist zum größten Teile zur Zeit der Berichtsabgabe gut geborgen gewesen. Wie beim Klee und der Luzerne wird auch hier die Aussicht auf den zweiten Schnitt für wenig günstig gehalten. Die Sommer- früchte hätten viel unter Trockenheit und Schädlingen zu leiden gehabt. Ihr Stand werde, wenn auch um etwas geringer als im Vormonate, doch als nicht ungünstig beurteilt, nur in einigen Landesteilen sinke die Note unter Mtttel. Bei den Kartoffeln sind auch im Berichtsmonate die Lücken noch nicht zugewachsen, denn einesteils habe infolge der großen Nässe die bei den Pflanzen verursachte Fäulnis noch zugenommen, andernfalls seien die Stauden da, wo Trockenheit herrschte, stellenweise welk geworden. Den Zahlen und Bemerkungen seien die dis zum 16. Juli eingegangenen 4758 Berichte zugrunde gelegt.
Gerichtssaal.
— Eine unmenschliche Mutter stand in der Person der Arbeiterehefrau Friederike Zeller vor der zehnten Strafkammer des Landgerichts I, Berlin. Die Angeklagte war beschuldigt, ihren 10 jährigen Sohn fortgesetzt in barbarischer Weise mißhandelt au haben. Als die Polizei auf Veranlassung der Hausnachbarn der Angeklagten einschritt, hatte der Knabe eine klaffende Kopfwunde. Er gab an, daß er aus Furcht vor Prügel unter das Bett gekrochen sei. Da habe feine Mutter das Bell geholt und damit blindlings verschiedene Schläge unter das Bett geführt, von denen einer seinen Kopf getroffen habe. Eine der Zeuginnen bekundete, daß sie eines Tages bet der Angeklagten in der Küche gestanden habe, als der Knabe vom Einholen zurückgekommen sei. Der Angeklagten habe es geschienen, als fei der Knabe zu lange wegge- blieben; voller Wut habe sie ein Stück Holz vom Herd genommen und damit wuchtige Schläge gegen den unbedeckten Kopf des Knaben geführt. Der Geschlagene habe bereits angefangen zu taumeln, da habe die Zeugin die Angeklagte am Arm gepackt mit den Worten: „Aber Frau, Sie können den Jungen ja totschlagen!" „Ach was, er müßte noch viel mehr haben" sei ihr zur Antwort geworden. Es kamen noch mehrere derartige Fälle zur Sprache. Verschiedene Zeugen bekundeten, daß die Angeklagte dem Schnaps- genuß ergeben sei und die Mißhandlungen wohl im angetrunkenen Zustande begangen habe. Der bedauernswerte Knabe ist seiner ÜJlutter genommen und in Bernau untergebracht worden. Sein Pflegevater beftritt, daß dem Knaben eine einzige der schlechten Eigenschaften anhafte, die seine Mutter ihm zuschrieb. Der Staatsanwalt beantragte gegen die Angeklagte eine Gefängnisstrafe von neun Monaten, der Gerichtshof ging aber noch über den Antrag hinaus und erkannte auf ein Jahr Gefängnis bei sofortiger Verhaftung. ,
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Die meisten Nachahmungen von Dr. Hommels Haematogen werden, um das D. K. P. No. 81,391 zu umgehen, mit Zuhilfenahme von Aether bereitet, ein Zusatz, der insbesondere für Kinder und Nervöse direkt schädlich ist. Um sicher zu sein, das aetherfreie Original-Präparat zu erhalten, verlange man stets ausdrücklich Dr. HommeUs Haematogen und achte auf die Schutzmarke „Säu-
Salzburg.
(Nachdruck verboten.)
Eine Autorität ersten Ranges ist es, auf die sich der AuSspruch stützt, daß Salzburg die schönste Stadt Europas sei. Alexander von Humboldt hat es gesagt. Demonstrativ schaut uns ein Erzbil'd des eisernen deutschen Kanzlers aus dunklem Laub grün entgegen zum Zeichen, daß germanischer Pulsschlag an den rauschenden Wassern der österreichischen Salzach lebendig bleibt, wie auch die Zeiten sich ändern. Fürwahr, eine entzückende Stadt, die sich in der grünen Talebene ausbreitet von nahen Hügeln und fernen Bergen umkränzt, ein Kleinod wie Heidelberg am Neckar, nur mit gewaltigen Horizontlinien, dre vom schneeglänzenden hohen Göll, dem Steinernen Meer, dem Großglockner und anderen Wpenriesen gebildet werden.
Ein Blick von der Feste H oh ensalLb urg, dem Trutznest der alten Fürstbischöfe, zeigt uns den ganzen Zauber dieses köstlichen Erdenwinkels, die auftagenden Türme der 26 Kirchen, die dichtbelaubten Hügel mit Klöstern und Villen, Jagdhäusern und Fürstenschlössern, den nahen Gars- bera, zu dem eine Zahnradbahn emporklimmt, \me zur FeE auch, die schimmernden Schneefelder der nördlichen Alpenkette und das silberflimmernde Band der eckiger Salzach, die durch die Stadt fließt und fünfmal überbrückt ist. Ein buntes Leben wogt über die Hauptbrucke: Touristen mit Kniehosen und Rucksäcken, Landvolk in bunten ^rächten, elegante Landauer und plumpes Bauernsuhrwerk. Erne Schar Kapuziner taucht auf in braunen Mtten; einer tragt schleppend das Kruzisix voran. Welche reicheGallerte von Charakterköpfen bekomme ich zu studieren, wre ich dav Fernglas auf sie richte! Asketen und Epikuräer, geistlose Phlegmatiker und daneben Gesichter, in die langes, fruchtloses Nachdenken seine bitteren Linien gegraben; lichte Kinderaugen mit mildem Friedensblick und dämonisches Feuer aus düsteren Ze loten au gen. .
Da schallt von der anderen Seite lustiges Hornge-
fchmetter auf und zieht die Blicke hinüber. Ein Bataillon Kaiserjäger, von Innsbruck kommend, hält seinen Einzug, erschöpft vom Marsch, aber fröhlichen Mutes. In der Mitte treffen sie sich. Die Musik verstummt. Der Krieg grüßt den Frieden mit allen Zeichen der Demut. Wenigstens sieht etz so aus. Wer kann wissen, was unter den Kapuzen brütet? Vielleicht sind die Tyroler Kaiserjäger friedlicher als die braunen Gesellen.
Aber schon grüßen andere Klänge das Ohr und weisen allen ironischen Gedanken die Wege. Das Salzburger Glockenspiel vom Domturme setzt ein, zunächst mit einem Choral, um dann „Hoch vom Dachstein an, wo der Aar noch haust" folgen zu lassen. Wie sie lauschen, die andächtigen Herrschaften, die da in der Welt herumreisen, um daheim nachher tüchtig erzählen zu können! Drei-, viermal wiederholt das alte Werk mit seinen teilweise recht verstimmten Glocken die schlichte Melodie. Der Genuß wird wirklich mehr als problematisch, aber kein Laut wird hörbar, kein Räuspern und kein Stiefelknarren, um die Weihe des Augenblicks nicht zu stören; in meiner Seele aber steigt die Erwägung empor, warum dieser schöne sommerliche Respekt vor den verstimmten Salzburger Glocken sich nicht auch im Winter zeigen könne, im Theater oder Konzertsaal, wo in die zartesten Akkorde hinein — und wenn sie noch so himmlisch rein sind — derselbe sommerliche Glocken- Enthusiast schnaubt und hustet wie eine katarrhalische Eilzug-Lokomotive. , _ _ ,
Aber still, das Glockenspiel verstummt und der Salzburger „Stier" hat das Wort. Denn Salzburg ist eine musikalische Stadt auch ohne Mozart. Der „Stier" ist eine Riesendrehorgel ber Feste, primitiv, aber schön saut. Da muß man nicht minder andächtig zuhören! Ich freilich habe keine Zeit mehr; ich steige ab, um den Wein im Peterskellerzu probieren, der besser ist als diese Gratis- musik. Leider vergesse ich dabei, mir einen Rostbraten zu bestellen, die piöee de resistance, das Höchste, was Salz bürg hat, wie mir ein Münchener „voll Büldung" versicherte. Und jo lebe ich denii mit dieser bedauerlichen LKche in.
meiner Mldung weiter, bis ich — wer weiß wann? — wieder einmal in den Salzburger Peterskeller gerate, der neben dem von steilen Felsen begrenzten Petersfried- h o f mit seinen malerischen Kreuzen und Steinen ein eindringliches: „Brüder laßt uns ftöhlich sein, weil der Frühling währet!" predigt.
Ein wenig enttäuscht hat mich in Salzburg das „Mo-* zart Haus". Die Weihe des kleineren Beelhovenhauses in Bonn am Rhein schwebt nicht in diesen Räumen. Unten ein reger Krämerbetrieb; oben im dritten Stock eine Tür mit der Aufschrift, die Klingel zu ziehen. Mißtönig schrill schallt die Glocke, die .Tür geht auf und man steht im Geburtszimmer des sonnigsten aller Tonmeister. Gin etwas greller Uebergang, der nicht gemildert wird dadurch, daß links am Eingang gleich der Billet- und Postkarten-Handel beginnt! Man scheint in Salzburg kein Gefühl für Stimmung zu haben. '„Bitte, bei Nr. 1 geht's an! Drüben an der anderen Wand!" sagt die Beschließerin, als ich mir ein Bild Mozarts, von seinem Schwager gemalt, außer der Reihe betrachte. Das öffnet wenigstens dem Humor die Pforte. Und nun grüße ich weh lächelnd das Spinett Wolfgang Amadeus' und den ach so bescheidenen Konzertflügel! Ich sehe seine Kinderhandschriften, die schon die gleichen Züge amfweisen wie die Don Juan-Partitur^ ich sehe die Bllder, wie er als Wunderkind mit seiner Schwester vor Maria Theresia und dann in Paris konzertiert; die goldene Uhr blinkt mich an, die ihm seine Kaiserin geschenkt, und dann fällt mein Blick auf seinen Schädel, den ein seltsamer Zufall aus dem Grabe gerettet, in das die dankbare Mitwelt den großen Verschwender seiner sonnigen Kunst gebettet. Es ist ein Ar men grab gewesen! . . . Aber ist es nicht gleich, wo die irdischen Reste eines Unsterblichen vermodern? Dafür ruht Konstanze Nissen, die einstmals seine Witwe gewesen, unter einem um so schöneren Denkstein aus dem Salzburger Friedhof, wie's ihr als nachmaliger Staats ratsgattin auch gebührt. A R.


