Ausgabe 
25.3.1903 Erstes Blatt
 
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Liga geschaffenen privaten Ehrerrrate sich nicht unterordnen dürfen. Die Erklärung weist die Unstichhaltigkett der er­wähnten Begründung nach mit dem Hinweis auf die be­stehenden Ehrenräte bei Aerzte- und Adookatenlammern, deren Mitglieder zum Teil auch aktive Offiziere seien. Schließlich wird das Bedauern darüber ausgesprochen, daß der Verein von dem Kriegs Ministerium nicht nur nicht ge­fördert, sondern sogar seiner Militärmitglieder beraubt werde. Der Verein werde aber trotzdem auch ferner seinen großen Zielen nachstreben.

Budapest, 24. März. Tie ungarische sozialdemokrat. Partei ließ als Antwort auf die beute im Abgeordneten­hause von den Klerikalen erhobene Beschuldigung, daß die Sozialistenführer im Solde der Polizei stehen, Plakate anschlagen, worin gesagt wird, daß die kleri­kalen Behauptungen Verleumdungen und to tal er­logen seien.

Manila, 23. März. Gestern überfielen Räuber die Stadt Turigao aus Mindanao und machten den Polizei- Inspektor und eine Anzahl Mannschaften nieder. Das Schicksal der weißen Beamten und der übrigen Fremden ist unbekannt. Verstärkungen sind eiligst abgegangen, um die Stadt wieder zu entsetzen. Auch tu Foto jino Unruhen ausgebrochen. Seit Samstag, an welchem Tage die Mords mit bewaffnetem Widerstande gegen die amerikanische Polizei drohten, trafen von dort keinerlei Nachrichten ein.

Aus Hlaöl und £miö.

Gießen, am 24. März 1903.

* * Ernannt wurde am 20. März der evangelische Pfarrer Georg Groth zu Wingershausen zürn Pfarrer der evangelischen PsarrsteUe zu Romrod, Dekanat Alsfeld.

Der Jahresbericht der Höheren und Er­weiterten Mädchenschule zu Gießen ist heute zur Ausgabe gelangt.

Ausdem Militär-Wochenblatt: Die Leutnants der Res.: Neuschäfer des 1. Großh. Hess. Ins.- (fieib- garde-)Regts. Nr. 115 (Lauban), Frhr. v. Nordeck zur Rabenau des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hesi.) Nr. 116 (l Darmstadt), Buxma nn (Rietz) und Stammler (Hermann) (1 Darmstadt) des Jnf.-Lcib-RegtS. Großherzogin (3. Großh. Hesi.) Nr. 117, Klemm (Heidelberg) des 1. Großh. Hess. Feldart.-RegtS. Nr. 25, die Leutnants der Landw. Inf. 1. Aufgebots Größer (Mainz), Brüel (I Darmstadt), Klingelhösfer (11 Darmstadt), dec fit. der fiandw. Feldart. 1. Aufgebots fiauteschläger (1 Darm- stadt), zu Oberleutnants, Schläger (1 Darmstadt), Oberlt. d. fiandw. Inf. 1. Aufgebots, zu>n Hauptmann befördert. Die Vizefeldwcbel Rauschenberger (Lennep) des Jnf.- Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hesi.) Nr. 116, und Best (11 Darmstadt) des 5. Großh. Hess. Jnf.-Regts. dir. 166 zu Leutnants der Reserve befördert. Der Abschied be­willigt: Goldmann, Majorz. D., Kommandeur des Land- wehrbezirkS 11 Trier, unter Verleihung des Charakters als Oberstlt. und mit der Erlaubnis zum Tragen der Uniform deS Jnf.-RegtS. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hesi.) 9k. 116, BuS, Oberlt. der Landw. Inf. 2. Aufgebots (Gießen), Met 16, fit. der fiandw. Inf. 2. Aufgebots (11 Darmstadt), v. Dewitz, Kgl. Preuß. Gen.-Major, bisher Oberst, beauf­tragt nut der Führung der 52. Jnf.-Brig. (2. K. W.), zum Kommandeur dieser Brig. ernannt.

Im botanischen Garten der LandeS-Uni- ^ersität wird im Frühjahr mit der Erbauung eines Ueber- winterungshauscs begonnen. Die Arbeiten und Lieferungen sind gegenwärtig ausgeschrieben und gelangen in Kürze zur Vergebung. 9)lit der Errichtung dieses Neubaues, der bis kommenden Herbst bestimmt fertiggestcllt werden soll, wird einem jahrelang gefühlten dringenden Bedürfnis Rechnung getragen.

Kaufmännischer Verein. Der auf heute Mittwoch abend angcsetzte Vortrag des Herrn Otto Beck- Köln fällt auS, da Herr Beck erkrankt ist.

Evangelischer Bund. Nächsten Sonntag, den 29. März findet die für dieses Winterhalbjahr letzte Abcnd- versammlung deS hiesigen ZiveigvcremS des Evang. Bundes in Steins Garten statt. Wie roir bereits vor einiger Zeil mittcillen, wird Professor Sell von Bonn über ,DaS deutsche Volk und das Evangelium* einen Vortrag halten. Die Per­sönlichkeit des bedeutenden Redners wird nicht verfehlen, zum zahlreichen Besuche anzurcgen. Für den unterhaltenden Teil desselben haben verschiedene sangliche Kräfte ihre Mitwirkung zugcsagt. Der Besuch der Abendocrsammlung steht allen Evangelischen frei.

Ucbcr Wohnungsfrage und Erbbaurecht sprach gestern im Safe Ebel der erste Vorsitzende des Bundes deutscher Bodenreformer Adolf Damaschke-Berlin. Vor ungefähr einem Jahre schon hat Herr Damaschke hier über dasselbe Thema gesprochen; der gestrige Vortrag war nur eine Wiederholung deS vorjährigen, über den wir s. Zt. aus­führlich berichteten. Ter Saal war gestern von Hörern über­füllt; das beste Zeichen für daS große Interesse, das den Bestrebungen deS BnndeS auch hier entgegengebracht wird.

-Aus dem Theatcrbureau. Tie so lange an­gekündigte Novität »Die Gerechtigkeit*, Komödie in 4 Akten von Otto Ernst, wird nunmehr bestimmt am Freitag, den 27. März zur Aufführung gelangen. Der bedeutenden Honorarkosten wegen müssen öie Preise erhöht werden. AbonncmcntSbillctS haben nut Zuschlag Giltigkeit.

"Ein mysteriöser Fall wurde schon in der ver­gangenen Woche vielfach in der Stadt besprochen. ES soll in der Nacht vom Freitag auf SamStag auf den Posten im Hofe deS Prooinzial-ArresthauseS geschossen worden sein und zwar will der Postet) beobachtet haben, daß Jemand außerhalb der UmfasiungSmauer deS GefängmsieS, mutmaßlich auf einem Baume sitzend, auf ihn zwei Schüsse abgegeben hat. Er will sogar die vorbeifliegenden Schrot­körner gehört oder gespürt haben. Die Untersuchung Hal er­geben, daß zweifellos zwei Schüsse in jener Nacht in der Nähe des ArresthaufeL gefallen sind, daß der Posten in seiner Wahrnehmung sich aber geirrt haben mag, da man weder Schrotkörner gefunden, noch bisher hat feslstellen können, daß Jemand auf dem betreffenden Baum gewesen fein kann.

* * Gießener Pferdemarkt. Der Auftrieb vollzog sich von 7 Uhr an ordnungsmäßig. ES sind ea. 300 Stück Pferde, meistens Arbeitüschlag. Der Handel ist richt befne- digend. Die Verlosungskommisiion kaufte eine Anzahl von

Pferden an. Vor dem Marktplatz ist eine Ausstellung von Sattlerarbeiten vorhanden; es haben ausgestellt: Spieß, Groß und Ailbinger, Letzterer hat einen vollständigen Wagenpark in eigenem Zelt ausgestellt.

In der gestrigen Generalversammlung des Geflügelzucht-Vereins Gießen und Umgegend wurden die Statuten genehmigt. Zum Vorstand wurden provisorisch gewählt: 1. Johannes Hecker als 1. Vorsitzender, 2. 9lbam Döring als 2. Vorsitzender, 3. LomS Adam als Schriftführer, 4. Fritz Teigler als Rechner, 5. Karl Luh-Lcih- geftern als Beisitzer, 6. Karl Klingelhöfer-Gießen als Beisitzer. Zuchtstationen wurden eingerichtet: 1. für dunkel Brahama Fritz Teigler, Bahnhöfe 20, 2. für schwarze Langshahn Karl Klingelhöfer, Bahnhöfe 30, 3. für schwarze Langshahn LomS Adam-Gießen, Sonnenstraße, 4. für Mmorka Karl fiuh in Leihgestern, 5. für Mmorka Wilhelm Decherl-Gießen, Nord- anlage, 6. für rebhuhnfarbige Italiener fioms Adam-Gießen, 7. für rebhuhnfarbige Italiener Adam Döring-Gießen, Wieseckerweg, 8. für rebhuhnfarbige Italiener Hermann- Kleinlinden, 9. für schwarze Italiener Wilhelm Dechert- Gießen, Nordanlage, 10. für silberhalsige Italiener LouiS Adam-Gießen, Sonnenstraße. Sämtliche Zuchtstationen sind mit prämiierten Tieren besetzt.

* Besltzwechsel. Die Wilhelm Weidtmann- sche Besitzung Frankfurterstraße Nr. bl und 83, wurde an die Joh. Georg Krasft'schen Eheleute in Weilburg für 56 000 Mark verkauft. Die Käufer werden die in der Besitzung betriebene Wirtschaft weiterführen.

- In Arbeiter kreisen herrschte in der letzten Zeit über das Gerücht Aufregung, die Eisenbahndirektion beabsich­tige, die Arbeiterrückfahrkarten über 50 Kilometer aufzuheben. Der Abg. Häusel hat bereits im Landtage eine dahingehende Frage an die Regierung gerichtet. Der Katho­lische Arbeiterverein in Frankfurt nahm ferner in einer stark besuchten Versammlung gegen die geplanten Maßnahmen der Eisenbahnverwaltung Stellung und richtete eine Eingabe an das preußische Ministerium um Beibehaltung der Arbeiter­rückfahrkarten. Dieser Petition schlossen sich die Arbeiter aus den Kreisen Fulda, Schlüchtern, HerSfeld, Gelnhausen und Hanau an. Vom Abg. Müller (Fulda) wurde die Petition überreicht und befürwortet. Nunmehr ist demselben durch den Minister Budde mitgeteilt worden, daß nicht beabsichtigt sei, die Arbeiterrückfahrkarten über 50 Kilometer aufzuheben. Die Eisenbahdirektion Frankfurt habe lediglich die Aushebung von wenigen Arbeiterrückfahrkarten über 90 Kilometer in Aus­sicht genommen. Er (der Minister) habe jedoch der Eisen- bahndlrektion Frankfurt aufgegeben, auch von der Aiifhebung dieser Fahrkarten einstweilen abzusehen und zu berichten, ob ein Bedürfnis zu ihrer Beibehaltung anerkannt werden könne.

Warnung vor einer Schwindelgesellschaft. Vor einigen Wochen stand in einer oielgelesenen Berliner Zeitung eine Annonce folgenden Inhalts: ,Sine amerikanische Familie wünscht ihre beiden Kinder, einen Knaben und em Mädchen, in einer feinen, gebildeten Familie einer deutschen Stadt in Pension zu geben; der Preis spielt keine Rolle.* Hierauf meldeten sich verschiedene Pensionsinhaber. Dem ,Berl. Tgbl.* wird nun von einem Leser über die Korrespondenz folgendes geschrieben: »Auf diese Annonce nieldcte sich eine mir nahestehende Familie uno erhielt nach einiger Zeit einen Brief folgenden Inhalts:

Werte Madame! Die Annoncenagentur aus London hat unS Ihren werten Brief am 10. Februar gütigst zu- gesandt und hat uns dessen Inhalt sehr gut gefallen. Wir sind gestern in Havre angekommen, begeben uns in zwei bis drei Wochen nach Südfrankreich, wohin Sie uns ge­fälligst postlagernd Cannes schreiben wollen, und von wo mir uns über verschiedene Punkte verständigen werden. Was unsere Tochter anbelangt, so haben roir eine sehr gute Offerte in Ihrer Stadt; auf diese W-nse werden sich die Kinder öfter sehen können. In Erwartung Ihrer werten Nachricht verbleibe ich

Hochachtungsvoll

Dr. Otto Vogel.

NR. Die Koffer der Kinder sind direkt von Newyork aus an Ihre werte Adresse zugesandt worden, und bitten roir Sie, uns deren Empfang anmelden zu wollen.*

Dem Briefe war noch eine Visitenkarte mit genauer Adresse beS amerikanischen Absenders beigelegt. Auf diesen Brief lief am nächsten Tage ein zweites Schreiben einer eng- lischen Expeditionsfirma Thos Cowgill u. Sons ein:

»Wir beehren uns, Ihnen mitzuteilen, daß roir gestern nebengenannt Güter nach Antwerpen verschifft haben. Die angegebenen Spesen (Schiffsfracht und Waren-Assekuranz) lassen wir durch unseren Agenten in 9lntrocrpen per Sicht­wechsel auf Sie entnehmen, da roir dieselben auf dem Kontinent nicht per Nachnahme folgen lassen können. Nach Eingang dieser Summe werden die Güter sofort an Sie weiterbefördert werden. Ergebenst

ThoS Cowgill u. Sons in Harwich.*

Diesem Briefe lag noch em Gepäckausfertigungsschein bei, durch den man nach Zahlung einer Summe von etwa 80.60 Mk. das betreffende Gepäck erhalten würde. Am dritten Tage endlich kam ein Sichtwechsel von einer Berliner Bankfirma über genannte Summe, die innerhalb 24 Stunden beglichen werden sollte. Als bei der Bank Erkundigungen eingezogen wurden, ergab sich, daß bereits eine ganze Reihe Perioncn mit Wechseln in ungefähr derselben Höhe bedacht worden war. Es waren alles Leute, die sich auf das Jn- crat gemeldet hatten. Dieser Fall steht nicht vereinzelt da. Seit einigen Tagen gehen mehrfach über diesen Schwindler, der sich bald Dr. O. Vogel, bald Arthur Maurin aus »AnverS* nennt, Berichte ein, daß er diese betrügerischen Mani- pulationen in ähnlicher Weise systematisch betreibt. Es sei deshalb vor diesen Schwindlern, die auch in Hessen bereits ihren Trick versucht haben, gewarnt.

~ t Bad-Nauheim. 24. März. Die Agitation für die Stadtverordnetenwahlen ist außerordentlich rege. Ta? hiesige Lokalblatt enthält in seiner letzten Nummer nicht weniger wie 15 Kandidatenlisten.

Mainz, 24. Märr. Vor einigen NLonaten wurde über >aS Vermögen der Inhaberin der Manufaktur- und Mode­warenhandlung F. W. Ihrig W w e. das Konkursverfahren eingdeil t, aber gleichzeitig zog es Frau Ihrig vor. aus Mainz zu verschwinden, darauf erfolgten gegen dieselbe, die sich seither den Anstrich einer sehr ehrenwerten Person

gegeben hatte, eine ganze Reihe von Veschuidtgnngen und Anklagen, sodaß die Staatsanwaltschaft sich veranlaßt sah, wegen betrügerischen Bankerotts gegen die Ihrig vor­zugehen. Es verbreitete sich das Gerücht, daß die Jhri^ in Begleitung eines jungen Mannes war. der schon in Mainz ihr Berater gewesen sei. Am Samstag traf die Flüchtige in mittellosem Zustande hierein und (teilte sich der Staatsanwaltschaft. Sie hatte sich s. Zt. nach Belgien begeben, woselbst sie später von Verwandten unterstützt wurde; diese zogen aber vor kurzem ihre Hand von ihr ab, bis die Ihrig es vorzoa, sich in Mainz der Staatsanwaltschaft zu stellen. Die Beschuldigte wurde in Untersuchungshaft genommen. Tie Untersuchung wird fest­stellen, in welcher Weise die Ihrig eine Anzahl von unbe­mittelten Leuten um ihre er,parcen Gelder gebracht hat und wohin das viele Gelu gjomnun ift, Nu fie ovn oenxeuien unter den verschiedensten Vorspiegelungen erschwindelte und eine zeitlang selbst verrinste. 2ufe Sxtrügeicicn ha.ten ihr im Volksmunde den NamenMainz.r Spitzeüer" ein­getragen. Ter Zusanii.^ilo^uch der Jhr.g'schen Firma kam überraschend, da man das Geschäft allgemein füi ein gutes hielt, besonders da es eine große Laue kundschaft besag.

Kleine '.Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Der Turnverein Kirchhain beabsich­tigt, im 2)lai einen Turngang über Gießen Münzen- berg Butzbach zu unternehmen, welcher zahlreiche Be­teiligung finden wird.

(ßrridjtehuil.

ef. Gießen, 21. Marz. Gewerbegericht. Den Vorsitz führt CbeibürgermciHer Mecum. Als Beisitzer sind tätig Spengler- meisler C. A. Zaber von hier und Lackierer I. Scha'cr von Stein­berg. In der SUagjadje des Hausdieners Ludwig G. hier gegen den Ganhoibesitzer Heinrich Al. hier wegen Entschädigung hat der Beklagte rechtzeitig gegen das ergangene Versäumnisurteil (rmlprud) eingelegt. Ter Beklagte zahlt dem Kläger auf die emgeflagte Summe von 30 Alk. im Ganzen 6 Alk.

W. Gießen, 24. März Schöffengericht. Tret junge Kaufleute im Alter von 1920 Jahren gestanden gestern vor dem Schöffengericht reuig ein, im Januar spät nachts, rote sie bebauv- icn in angetrunkenem Zustande, dem Jithaber der Firma I. Schmücker !)lad)iolger in der Markistraße die vor dem Laden hängende Glühlampe mit dem Stock zerschlagen zu haben; weiter sind ^ie geständig, von der Bachgasse aus nach den hinieren Fennern des Schmücker'schen Geschäftshauses mit Steinen em förmliches Bombardement eröffnet zu haben, wobei 5 Scheiben zertrümmert wurden. Nachdem es dein Kruninalschuyuiann Pfeffer gelungen war, die Täter zu ermitteln, (am der Anführer des Kleeblattes »um Inhaber der Firma, ersetzte den Schaden und bat vergeblich um gut Wetter. Tie drei Angeklagten ivurden ohne Erfolg vom Vorsitzenden aufgeiorbert, doch anzugeben, warum sie die eaebbe- schädigung vorgenommen, sie gaben aber darüber keine Auskunft. Ter Inhaber der Firnta Schmücker erklärte, daß ihm bereits drei Mal tu Intervallen von je drei Wochen und zwar stets m der Samstag Stacht, Scheiben zertrümmert worden feien. ES hätten am 'JJlorgcu nach der unter Anklage stehenden Tat mehr wie öO Steine auf feinem Hofe gelegen, Die alle nach den Fenstern ge­worfen sein müssen. Er fonne nicht annehmen, daß em Trunkener nach Lage der Oertlichkett die Fenster feines Hinterhauses treffen könne. Ter Amtsanwalt beantragte, den Rädels,uhrer zn 50 -DIL, die beiden anderen Angeklagten zu je 30 Alk. Geldittafe zu verur­teilen. Das Schöffengericht erkannte jedoch auf 10 0 Al k. und je 3 0 Al k. Geldstrafe.

W. Gießen, 25. März. Strafkammer. Gestern vei> handelte die Strafkammer unter Ausschluß der Öffentlichkeit den ganzen Vormittag über gegen den Wirt W. und öejicn Ehefrau vom Neuen Schützenhof in Gießen wegen iUippeleu Eine damit verbundene weitere Anklage wegen Kuppelet gegen den Win F. aus Gießen wurde von der Verhandlung ausgesetzt, weil wichtige Zeugen am Erscheinen verhindert waren. Tas Urteil gegen W. lautete auf 4 Monate Gefängnis, gegen behen Eheirau auf 8 Monate Gefängnis. Beide Angeklagte wurden außerdem in eine Geldstrafe von je 150 Alk. verurteilt Aus den öffentlich verkündeten Gründen des Urteils ging hervor, daß die Angeklagten das Gewerbe des Kuppelns in der schamlosesten Weise betrieben haben und damit in der gröbsten Art der Unzucht Vorschub ge­leistet haben. Tte Angeklagten unteiljielien eine Antmierkneipe, in welcher die Gäste m schlimmster Art mitgenommen ivurden. Tas Urteil gegen die EheKau W. fiel darum harter auS, weil sie es weit ärger getrieben hatte, als der Ehemann. Ter Staatsanwall hatte übrigens 1 Jahr und 3 Monate gegen jeden der Angeklagten beantragt.

r. Marburg, 24. März. Ein großer Wertpapieren, diebstaht wurde heute unter großem Andrange des Publikum- vor der Ltrafkammer verhandelt. Tie in ihren Einzelheiten im hohen Grade intcrcfjante Angelegenheit spielt schon zivei Jahre, da die Angeklagte, eine in den 40 er fahren stehende unverheiratete Lberforstersiochter namens toonnerinann aus Alle>idor> iWerra) auf ihren Geisteszustand unterlucht werden mußte. Tie Tame be­suchte in den 60 er Jahren die Privatfchule in ihrer Heimat. Tie Lehrerin, Frl. Creutzer, eine alte Tame, wohnt jcijt in Marburg und diese empfing Ende Januar 1901 unerhogt den Besuch ihrer nun allein stehenden ehemaligen Schülerin, die angeblich von 91 anheim kam, um dort eine Penfwu zu gründen. Am 31. Januar reifte der Besuch wieder ab und wenige Tage später merkte Frl. Creutzer, daß ihr für 10 000 Alk. Obligationen fehlten. Nachforschungen ergaben, daß bereits am 1. Februar beim Bankier Wobei eine Tame, die mit dem Namen Creutzer quittiert hatte, eine Obligation verkaufte. Später wurden die übrigen Papiere anonym dem Gericht in Marburg zugestellt. Wie sich spater heraus- stellte, hatte ein kleiner Junge aus einem Torfe bei AUendori den Brief nn Auftrage der Gonnermann geschrieben. Tie Angeklagte leugnet heute hartnäckig und stellt sich, als wenn sie an Berfolg- ungsivahn leide. Ter Fuldaer Bankier erkannte sie ivieder. Von den Aerzten mürbe sie als hysterische Pefion geichilden. Ta- Abends um 9 Uhr verkündete Urteil lautete auf 2 Jahre Ge­fängnis unter Anrechnung von 1 Jahr Untersuchungshaft.

Berlin, 23. März Wie es einem Provinzialen in einem Berliner Frifeurgeschäft erging, zeigte eine Verhandlung, welche v/r der 129. Abteilung des Schöffengerichts ftatnanb. Ter gnfeur Theodor Becker, dessen Ehefrau Franziska Becker und der Friseurgehilfe Kaweck, hatten sich wegen Betniges zu verannvorteu. Ter Kaufmann Krause and Stettin besuchte eines Tages das lüe- schäft des Angeklagten Becker, um sich die Haare schneiden zu taffen. Er wurde von dem Gehilien Kawecki bedient. Dieser machte den Kunden darauf auimediam, daß er etwa- mit Schnuren behaftet fei, und fragte ihn, ob er ihm den Kopf mit einem vorzüglichen Haarspiritus waschen dürfe. ,6>croiBe, erwiderte der Gewagte. Sein Haupt wurde nun nach allen Regeln der Kunst bearbeitet, es wurden die gefchmttenen Haare gewaschen, mit einem reinen Tuch trocken gerieben und pomabiüert. Ter Kunde erhob sich und begab sich zur Kaffe, hinter der Frau Becker faß.Wie viel bin ich schuldig?"Fünfzig Al a r k." Herr Krause glaubte, einen Cbrcn nicht zu trauen.Fünfzig 'JJlarf ?"Ja, gewiß", erwiderte Frau Becker,ich werde es Ihnen em hischcn aufschrei­ben." Und sie nahm ein iRechnungsformular und schrieb: paar- chneiden, Kopfwäschen und Vornadisieren, cm flamm und eine Bürste, eine Flasche französischen Haarspiritus, eine Büchse feinster Pomade und cm Trockentuch, mach, alles zusammen 50 Mack, öerr Krause wollte sich daraus nicht eimaffen und meinte, daß die aebrauchten Sachen ja wieder benutz: werden könnten. Ter We- hilc belehrte ihn, das die- nicht angängig sei, sie würden mit der Staatsanwaltschaft zu tun bekommen, wenn sie sich darauf em- ueßen. Es stehe dem Kunden ja frei, sämtliche gebrauchten Sachen mit nach Hause zu nehmen, perr Krause crwidertc, daß er für dieselben keine Verwendung habe. Tas Ende der Auscinander- cynng bestand darin, daß Frau Becker erklärte, mit 10 Mark zu- rteben fein zu ,vollen. Herr Krause legte em 3roaiummnrfftud