Nr. 302 Viertes Matt.
153. Jahrgang
Donnerstag 24. Dezember 1903
Erschein tägllü mtJ Ausnahme des Sonntags.
Di. „Gießens. Zamilienblätter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
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Rotationsdruck und Verlag der Brü h l'schen Unwersitätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen.
Eeneral-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Liebe lindert Leiden,'
der
würdiger als die, an i richtete. Je schlechter, je abstoß mehr bedarf er der Liebe. Liebe bessert, Liebe erhebt.
die Christus seine Aufforderung! durchleuchtet. Herr Adalbert hatte die Tragik dieser je abstoßender der Mensch, desto, zerschellten Existenz von der richtigen Seite, von der an-
— Die Sebalds. Roman aus der Gegenwart voy Wilhelm Jordan. Zwei Bände. Preis'eleg. geh. 5 L^t. 3. Ausl. 1R-4. — Äiit ^emr su,arfen Pj^^owgie seiner Lustspiele, welche die verbvrgcn,ien Heizens, alten hell ouru.)leucyter, porträtiert der beruhnlte Dichter der „Nibe- lunge" in dic,em seinem, joebcu in neuer Auslage erschienenen er,ren Roman eine figurenreiche truppe von Zeitgenossen nach lebendigen Orignralen. _ ^i: mit epischer juini|i ausg.baute Erzüi-lung ihrer E.ttbiiisje ch^t die ruh.g behagliche Stimmung oes Lesers uno jem vergnügen an der vollen Anschaulichkeit ganz allmä.ig übergehen m eine
Eine Welt am Daseinsende, unsauber, unflätig, un- deimlich Man lügt, betrügt, man stiehlt, prügelt und mordet. Niemand will, kann arbeiten. Fehlt die Sonne am Himmel, so fehlt die Sonne im Herzen, dre Warme. Tie Branntwein flasche schafft Ersatz. Es sind leine Aus- erlvähiten, nicht einmal Berufene. NM einmal gekämpft babeu sie um sich und ihre Art, um die Durchsetzung ihres Wesens. Belastete Menschen, gebrochene Seelen. Wie kam das alles? W-eAyalb wurden sie so? Steine Ahnung, sagt der Bavon in seiner trostlosen Verblödetheit.
Mit die,em Satze einer Nebeniigur berührt der Dichter inmitten seiner aus die Bühne übertragenen Kultur bilder- solae den dramatischen Nerv. Bon diesem Puntte aus muß eine Erklärung für das Ganze gegeben werden, oder diese Erklärung bleibt ganz aus.
Und richtig. Satin, der ehemalige Sträfling, Totschläger und Falschspieler, dem, wenn er angeheitert ist, alles gefällt, erhebt sich hinter seinem Glase Bier und wiederholt das Wort Luka's, des Pilgers.
„D e r At e n s ch wird um des u ch ti g st e n willen aeboren!" _ £
Und Satin, der Säufer, HW herrlichere Reden über den „Sinn des Lebens", ais es sein großer Lttnds- mann, Graf Tolstoi, tat. „Alle, die Schwjser und die Schuhmacher und alle übrigen Aroertsieute, auch die Bauern, und sogar die Herren, leben nur um des Tury- tiasten willen. Jeder denit, er sei für sich Mst aus der Welt, und nun stellt sich's heraus, daß er sur jenen da isc für den Tüchtigsten. Hundert sichre, und welleicht noch länger, leben wir so, für den SuaMgsten. ^arum wollen wir auchjedenMenscyenrespektreren. Wissen wir doch nicht, wer erlist, wozu geboren wurde, uird was er vollbringen rann Vretteib-r wurde er uns zum Gluck geboren, zu großem Nutzen . • .. — beionbetä aber müssen wir dre Krndercyen ^re,pektleren, die kleinen Kinderchen! Die Kinderchen müssen FrerlM Lben Laßt die Kinder sich «msleben, respektrert dre
— Eine bemerkenswerte Kritik über Gorkijs „9t achtasy l" erzählt Besobrasoff. Er berichtet, daß er zerlumpte Menschen kenne, die seit Jahren in Moskau wohnen im richtigen Vagabundenviertel. Und unier diesen „gewesenen Menschen" befinden sich zwei, die ausnahmsweise gern Bücher lesen, ja, die sogar Gedichte schreiben. Sie baten chn, ihnen Gorkijs „dlachtasyl" zum Lezen zu geben, und übten dann gemeinsam mit ihren Genossen ziemlich strenge Kritik daran. Vieles in dem Stück gefällt diesen „gewesenen" Menschen, aber in zwei Beziehungen finden sie die Personen sich nicht ähnlich. „Erstens", meinen sie, „führen bei Gorki die Personen fortwährend philosophische Gespräche und reden viel über den Sinn des Lebens. Bei uns werden solche Betrachtungen nicht angestellt, und die meisten Vagabunden wären dazu garnichr im stände. Wenn wir zusammen- sitzen, sprechen wir von unseren nüchstliegenoen Bedürf- nissen, zum Beispiel, wie man zu einer Ilasche Schnaps toumit, wenn man kein Geld hat, oder zu einem Stück Wurst. Wir sprechen auch davon, daß es nach Regen aus sieht, was in unserer Sprache bedeutet, daß eine Polizistenpatrouilie erwartet wüd. W.r erzäh.en uns, wie und wo wir gestern getrunken haben, wie totr jemand Geld ab genommen und wen wir von seinen Stieseln befreit haben. Zweitens schildert Gorkij diese Menschen viel bester, als sie in Wirklichkeit sind." „Jedes Gespräch ist so, als wären die Per.onen rtttr dem Leben der Spelunken und ihren Gesetzen garnicht bekannt. Nach mir selbst und meinen wameraden zu urteilen, muß ich sagen, daß dies Volk weder so anständig lebt noch spricht." Als Beispiel unmöglichen Phiwjvpyierens führten sie eine Stelle an, die mir bis dahin noch nicht ausgesalien war. „Sehen Sie den Tartaren", sagten sie zu mit. „Was ist er? Lumpen- sammler. Solche Leute gehen aus den Hosen mit Haken and Säcken umher und jneuen den o.rschwdcnen Keyricht zusammen. Tas sind ganz ungeöttdere Menschen; sie stehen noch tiefer als die Tartaren, die mit a.teu Kleidern handeln. Und nun hören Sie, wie der Tartar bei Gorkij redet! Ec sagt: „Der Alle war gut — ec trug oas G.setz im Herzen. Wer das Gesetz im Sterzen trägt, der ist gut. Wer's Gesetz nicht in sich trägt, der ist verwren!" Baron: „Was für ein Gesetz, Fürst?" — Tartar: „Na eben — das Gc.etz — je nachdem. . . Tritt keinem Menschen zu nahe, — da hast du schon das Gesetz! Tut, was darin geschrieben steht !" •— Kann ein Lumpensammler so sprechen? — Die Beurteiler kommen zu dem Schluß, daß, wenn Gorkij das Leben in einem Nncchajyl wirklich in einem Stück richtig schildern nmroe, die zwci.e Vorstellung bereits ein leeres yaus zeigen würde.
Ter Einzelne ist bedeutungslos, aber diese bedeutungslose Menge zieht doch manchen Tüchtigen, Nützlichen, manchen Glückbringer heran.
Es steckt etwas von der gesunden optimistischen Lebensbejahung, von der Idee des Heranzüchtens deä körperlich und geistig Besten des alten urdeutschen Neuen Will). Jordan, die Nietzsche in ein seltsam verneinendes Jndividualtitäts-Evangelium umgetehrt Hal, in der Seele dieses slavischen Aüoralagitators und Poeten. Unter diesem sonnigen Optimismus kriecht aber am Boden seines Herzens glotzäugig das Ungetüm Pessimismus; urtter feiner yeißen, heiiigen, mit.eiosvott-en Vlenfa,enttebe lagern Bitterkeit und Groll nicht nur ob unserer sozialen Ordnung der Tinge, nein, ob der ganzen Weltordnung. Ein merkwürdiges Gemisch von Altruismus und Jndioi- dualismus, wunderliche Gegensätze in der äRbensbeiracht- ung, die sich abstoßen, und doch auch wieder miteinander vereinen: es gibt aus unserer Erde unendlich viel Uebles, aber noch so karge Sonnenblicke des Lebens, die verschwindend wenigen wal/rl-aft Tücksiigen unter der zahllosen Menge räumen die Frage aus dem Wege, wozu die Menschen allesamt leben, und — möge man a.lzeit daran sesthallen — wir finden, wenn wir suchen, staunend und gerurht in jedes Menschen Herzen, auch in dem des ver- tommensten und verworfensten, eine Blume duften, die der verständnisvollen Pflege der Edlen wert ist. Tenn wenn auch der Putz vergeht und der nackte Mensch blecht — sie alle waren einmal ehrbar — im „vvrvergangenen Frühling".
Die Litteraturmöpse meinten argwöhnisch grollend,
Gießener Stadtttzenler.
Nachtasyl.
Szenen aus der Tiefe in vier Akten von M axim Gor kij. (Buchverlag von Dr. I. Miarchlewski u. Eo. in München.)
Eine düstere, trübe Winterfrühe. Wer die schmutzigen und holperigen Straße passieren muß, tut es widerwcklig, denn er läust Gefahr sich zu besudeln. Toch da erscheint ein matter Meld streif Morgenröte, der das oein der Sonne kündet. Sie ist noch immer da; vielleicht durchbricht sie heute endlich das bange Wolkenmeer, das uns die Erde so lange schon verfinstert hält, und bestrahlt uns Alle mit ihrem milden wärmenden Glanze. Vielleicht vielleicht auch nicht — hoffen wir das Beste.
Auf den Bildern, die Gorkij, der „Bittere" (das bedeutet des Russen Pesch ko w angetiommener Schriftstellername) hier langsam und schwerfällig vor uns entrollt, lagert, wie auf den meisten seiner novellistischen Gemälde aus dem Reicbe der Vogelfreien und Galgenvögel*) Finsternis; trübe, fahle Nebel füllen den Raum aus; Nebel, die uns den Atem nehmen, die sich uns auf Brust und Herz legen. Und es ist, als ob bald ein muffiger, bald ein sengriger Geruch auf uns zudringt. Wir glauben auch einen ranzigen Geschmack zu spüren. Tas Gefühl des Abscheus, des Etels beginnt durch unsere Sinne zu toben und mit unserem Wlitleid zu kämpfen. Eine Angst befällt uns, die Angst vor dem Häßlichen und Bösen. W'^r wollen uns ablvenden — doch da verändert sich die Szene. Ein Sonnenstrahl füllt hinein, erst flüchtig, zaghaft huschend; dann aber andauernd, heller und größer — bis er den ganzen Raum erfüllt. Und alles wandelt sich dort oben und in uns. Die Nebel fliehen. Tie Konturen der eben noch lemurenhast uns cheinenden Wesen sangen jetzt an, Gestalt zu gewinnen, sich gegen die taumelt und gegen einander abzuheben, deutlicher und deutlicher. Ihre kargen, zusammenhanglos aneinander vorbeigehenden Worte werden zu Reden und Gegenreden, die machtlo,en, verloorren unheimlichen Gefühlsausbrüche zu klarsichtigen Taten, oder wenigstens zu Versuchen, etwas Rechtes zu tun. Das Hindämmern geht in ein Wollen über. Die wie in Kanalgräben zusammengepferchten elenden Massen werden zu Individualitäten — die Leute zu Menschen. Leidenschaften erwachen und fordern ihre furchtbaren Opfer. Schicksale enthüllen sich; das bischen Sonne, das jetzt begütigend und beglückend diese Tiefenmenscheu bescheint, bringt alles an den Tag. Tie Macht der Finsternis ist gebrochen. Hoffnungen steigen herauf. So etwas wie weihna^tlicher Friede senkt sich herab, dort oben mid in mA
Doch da weicht der Sonnerrblick wieder. Die Sonne wird siech am Jahresende. Kurze Zeit noch lagert es wie matter Tammer.chein über dem BUiume. Dann aber fällt das trübe Gewölk von neuem herab und erfüllt die ganze Szene. Es ist dunkel wie zuvor, dunkler trüber trostloser. Ist die Sonne nicht start genug? Sind die Menschen zu schrvach — zu schwach-, uni des Himmels Leuchlkrast zu enipfinden, auch durch die Nebel der von Heit zu Beit immer doch wiederkehrerrden Sonne hindurch?
wein---! Aber eines wissen wir: Tie Menschen
sind nicht so schlecht, wie sie selber denken unb glauben —
erwächst aus den Tiefen des Lebens nicht der Menichenhaß, sondern die Menschen- Llebe, ..aus der c~ieUJSip hpr bunwfen stumpfen Ahnungsto.igkeit das Tragödie de: Wt / Hgircde, von der Erhabenheit
trosire.che Hohel ed von der ^vu ^rn von
des Menich)-» heraus. s I Bedeutung
Seift alxf die Lehre des dreies 5vun|imeLity, / rechten Tröster der
Propheten au^-^arech^s d^ Gehechteten
inÄÜijS Tichtuns taufenbmai elender und erdnrmungs-
------ hntfirfne Ausaabe von Gorkijs Werken
geborenen Blödheit, vermischt mit einer famosen schäbig- aristokratischen Blasiertheit, angefaßt. ©eine große Szene, in der er fein L^bensleid berichtet, stottert er in trostlosester Monotonie herunter. Und doch war er siirz zuvor noch von außerordentlicher Erregtheit — ec läßt da leider den Uebergang vermissem Eine sehr schöne und ausgeglichene Leistung War die des Herrn Rippert als der Pilger Luka. Tiefer beschauliche Lebensphilosoph ist der Lichtbringer des Stückes, der sokratisch siagend die Menschen auf sich besinnen macht und sich müht, ihnen das Gleichgewicht zu ihrem Geschick bald innig tröstend, bald humorvoll schalkhaft zu geben. Es steckt etwas von dem Chor der Antike in ihm. Reise Weisyeitsknnst war, was Herr R. bot; die klugen und gütigen Reden klangen wie aus naivem Herzen heraus, und sonnige Milde ging von ihm aus, oder es spielte ein seelenvotles, verzechendes Lächeln um seine Lippen. Herr Stein ho ff stattete in einer an Maxim Eorkij selbst erinnernden Maske den jähzornigen Pepel in individueller Äluffafsung mit schöner, sturmisa>er Jugendkraft und mächtigem Schwünge aus. Warum der wegen Totschlags bestrafte Satin eine so unmögliche blonde Per- rtiefe erhalten hat, ist unerfindlich im übrigen sprach Herr Hiller diesen eklektischen lachenden Philosophen, dessen Reden im Schlußaki.e freilich arg zusammengestrichen waren, mit unangebrach.er scchcher Theatralik. Einen ungeückckchen Fanatiker der Arbeit stellte iperr Walther ohne besonderes Geschick, besser Herr Stickel den lauernden, schuftigen Herbergsvater dar, zu dem heiligen Liebesliede des alten Luka ließ Herr Toser die rechte Dissonanz satanischer Verneinung klingen, und den jangesireudigen Schusterjungen gab Herr M enzin g e r mit frischer Ausgelassenheit.
So tun denn die Darsteller, wenn auch fast jeder in seiner Art, zum größten Teile vollauf ihre Schuldigkeit. Von den Tarstellerinnen dagegen ist nur Frl. Kupfer zu nennen, die mit schöner ungekünstelter Wirkung und taktvoller Zurückhalttmg das dahinsterbende arme Schloss erwerb spielt. Tie anderen Damen machen nicht den leisesten Versuch, ihre Riollen zu beseelen, es gelingt ihnen aber, sie so abstoßend als möglich zu machen.
Tas in Anbetracht des unmittelbar bevorstehenden Festes ganz außerordentlich gut besetzte Haus zeigte sich vom ersten bis zum letzten Worte sehr empfänglich und dankbar. Selbst der Vorhang benahm sich ausnahmsweise würdig und gemessen, dem doch sonst fast immer etwas mehr Zurückhaltung zu empfehlen ist. Unsere kleine Bühne aber bewies wieder einmal, daß sie für solche Intimitäten weit geeigneter ist, als die eines großen Prunkgebäudes. Allerdings hätte der 3. Akt einen Szenenwechsel mit sich bringest sollen. P. W.
Maxim Gorkijs wahrheitsreiches „Siachtasyl" fei kein richtiges Drama, weil der Dichter seine eigenen Wege als Dramatiker geht, nur sein eigenes Gesetz, das von dec dramatischen Episode ohne straffe Exposition und ohne ein abschließendes Ende, anerkennt und alle graue Theorie vom Wesen und von der Form des Dramas kühn über den Haufen stößt, wie das vor ihm schon der Sozialagitator Hauptmann in seinen „Webern" getan hat. Nun aber haben diese Vollblutszenen des meisterhaft dialogisierten „Nachtasyls" fast schon seit Jahresfrist ihr Abendasyl auf den meisten Bühnen m der gesamten Kulturwelt gefunden und üben ihre gewaltige, erschütternde und hochdramatische Wirkung allenthalben aus, wo sie auch erscheinen, wie in Petersburg, wo sie im kaiserl. Hoftheater freilich verboten sind, jo in der russen- feindlichen Lllikadoresidenz Tokio, wie in den entlegensten Orten Slordamertkas so bei unS in Gießen. So dürste der Fehler denn doch nur in den steifen Ansichten der Literaturmöpse über das Wesen und die Form deß Dramas liegen, das sich eben, wie jede Kunst, von paragraphierenden Buchästheten nicht in Fesseln schlagen laßt.
Ein Niädchen aus der Fremde brachte in .unser Tal diese in echter Religiosität und Frömmigkeit aus der Tiefe sich emporrmgenden Erlöjungsrufe des russischen Dichters als schöne Christfestgabe, Frl. Melanie Dorny. Tie Dame, oder vielniehc ihr Hintermann, ein reicher Amerikaner, der das Aufführimgsrecht der Gorkijschen Dichtung für eine bestimmte Anzahl von Bühnen in Deutschland, Oesterreich, Italien, Schweiz, Skandinavien, Belgien und Rußland erworben hat, bringt nur das Slachkasyl zur Aufführung. Das Ensemble soll unter Leitung von Dr. Wladin Zickel, einem bekannten Berliner Theatermanne, drei Wochen lang seine ersten Proben abgelegt haben. Und man hat anzuerkennen, daß die Dichtung recht geschickt inszeniert ist. Die einzelnen Stimmungen sind gegeneinander wohl abgewogen und auch das Tempo ist fast stets das rechte. Rein szenisch genommen, haben die Bühnenbilder stets viel Leben uno Bewegung, da sieht man die Hand eines über die Massen herrschenden rührigen Regisseurs. Vielleicht aber stellt man sich bei der Lektüre die ganze Atmosphäre noch stickiger, troftloser vor. Anderseits spornen die fast durchweg so scharf umrifienen Figuren, wie sie Gorkij darstellt, an zu tüchtigen schauspielerischen Leistungen. Aber hier fehlt merkwürdigerweise die Stileinheit, die Ausgeglichenheit. Jeder spielt seme Rolle auf seine eigene Faust, nach eigener Auffassung; der eine i|t Naturalist, der andere Theatraliker von. der alten Schule. Nlanches ist außerordentlich auf den Effekt des Einzelnen berechnet, so z. B. erstarren im zweiten Akte die Kartenspieler zu absoluter Bewegungslosigkeit, um ja nicht die Aufmerksamkeit des Ziischauers abziilenken von der Virtuofen- leistung des Herrn W e i) e r als Mnne, dem die 9lachwelt wahrlich keine Kränze flicht. Die Gestaltung dieser Figur ist die lohnendste Aufgabe, die überhaupt Gorkij gegeben hat. Herr 91. faßt sie zwar weit weniger verkommen und bejammernswert auf, als man nach der Lektüre hatte erwarten dürfen. In seiner Art aber bot er eine vollendete Leistung, und er hatte die glücklichsten und bedeutendsten Wlvmente da, wo er von seinen ehemaligen Erfolgen redet und von seinem Gedächtnis im Stich gelassen wird, als er Proben seines Könnens geben will. Richt weit vorgeschrittener Wlarasmus, nicht das erschütternd tragische Schicksal eines Mannes, dessen Herz zerrissen ist, weil der Schnaps ihm sein Heiligstes, seine Kunst zerstörte, stellt er dar, sondern einen rechten Komödianten, einen veriommenen Bohemien, dem, obwohl ständig von uen Geistern des Branntweins bis zum Pathologischen bigeßen, die Pose zur Natur geworden ist und der doch mit
seiner ganzen warmen Innerlichkeit sich sehnt nach dec
„Aiistalt zur Heilung alkoholischer Organismeit ♦ • 'n11
mit der gleichen Schärfe tritt eine zweite vor, der Baron. Auch in dessen Seele laßt Dichter in einer Szene ein grelles Licht fallen, das bis in die verborgensten Falten jein psychisches ~eben


